Copyright oder die Abenteuer des Hunters Thomas C.
Silke Gustedt 28.07.2006
Eine Erzählung
Bei dieser Erzählung handelt es sich
um eine Nacherzählung wahrer Begebenheiten; sie enthält gemäß
§ 612 Absatz 3 des internationalen Urheber- und Patentrechtsgesetzes
aus dem Jahr 2*** keine Fiktion und unterliegt deshalb nicht § 611
Absatz 3 des besagten Gesetzes. Die Personen sind nicht frei erfunden
und die Namen wurden nicht geändert. Als Beweis liegen, wie es das
Gesetz gemäß § 613 Absatz 1 erfordert, die eidesstattlichen
Erklärungen dreier im Text erwähnter Personen dem internationalen
Urheberrechts- und Patentamt vor (Aktenzeichen HaGr/2XXX/23/EU/GC). Die
Rechte und die Verantwortung für diesen Text liegen deshalb gemäß
§ 613 Absatz 2 allein bei dem AAGM.
Give Away
Er genoss es, die ganze Parkbank einnehmen zu können, streckte den linken Arm auf der Lehne aus, den rechten hielt er am Körper gewinkelt, den Minihero fest mit der Faust umschlossen. Wenige Meter vor ihm fütterte eine gebeugte alte Frau die Teichenten, die zutraulich schnatternd ans Ufer watschelten. Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Die milde Frühlingsluft wärmte sein Gesicht.
Es war die Stille, die ihn
hochschrecken ließ; der Teich lag spiegelglatt vor ihm. Die Enten
waren verschwunden und mit ihnen die alte Frau. Er musste eingeschlafen
sein. Sie kamen von hinten. Er hatte noch rechtzeitig seine Muskeln spannen
können und schnellte nun hoch. Ohne sich umzusehen rannte er los,
rannte über die Brücke. Er wusste, sie würden nur einen
kurzen Moment überrascht sein. Ehe er die Joggingbahn erreicht hatte,
umstellten sie ihn und warfen ihn auf den Boden. Er umklammerte mit beiden
Händen den Minicomputer und rief lautlos "Give away, give away..."
Dann verlor er das Bewusstsein.
Das erste, was er wahrnahm war der Sand, der aus seiner sich öffnenden Faust rieselte. Den Bruchteil einer Sekunde später bemerkte er, dass jemand versuchte ihn wachzurütteln. Es war Brad. "Haben dich die NPs erwischt?" " Sieht so aus" antwortete Tom. Er klopfte den Sand ab, während er sich langsam erhob. Sein linker Arm schmerzte etwas. An seinen Kopf wagte er nicht zu denken. "Sie haben ihn", sagte er resigniert. "Konntest du die Give-Away-Taste drücken?" "Bin mir nicht ganz sicher."
"Das können wir überprüfen", sagte Brad aufmunternd, klappte seinen MH auf, gab das Passwort ein, und überreichte ihn Tom. "search thomas c. password xxxxxenter thomas c ok received give away ok."
"Wenigstens etwas", murmelte Tom. "Sie gewähren dir einen Kredit."
"Ich werde ihn nicht zurückzahlen können."
"Unter bestimmten Voraussetzungen erlassen sie ihn dir."
CX21
Es war sein freier Entschluss gewesen, sich zum Media-Hunter ausbilden zu lassen. Man hatte zwar eine harte Zeit vor sich, bekam aber sogar mehr Geld als ein Banker, ganz zu schweigen von den Prämien, die im Erfolgsfall winkten. Die technische Ausstattung bekam man kostenlos zur Verfügung gestellt. Wer konnte ahnen, dass er schon so schnell scheitern würde? Immerhin würde er die Ausbildung fortsetzen, denn es war ihm gelungen, die Give-Away-Taste zu aktivieren. Andernfalls hätte er nicht nur den MH zurückzahlen müssen, sondern auch das empfangene Gehalt und die Kosten für das Studium. Wie aber hatte es geschehen können, dass sie ihn überwältigten? Die Anarchos mussten ihn schon länger beobachtet haben. Er war auf einen kleinen Ring von Raubkopisten gestoßen, die sich "Non-Profits" nannten. Zufällig hatte er eine Spur im Internet entdeckt und Kontakte in den entsprechenden Szene-Discos geknüpft. Er war bald auf die Leech-Parties eingeladen worden. Es war ihm gelungen, Material zu sammeln, ohne als Hunter entdeckt zu werden, so glaubte er wenigstens bis vor wenigen Augenblicken.
Das erste Fach, das sie
an diesem Tag hatten, nannte sich "Rechtsauslegung". Seine Mitstudenten
widmeten sich der Unterrichtseinheit mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit.
Die einen nahmen die Stunde mit ihrem MH auf und werteten gleichzeitig
ihre Hunting-Daten aus, die anderen vor allem Frauen, schrieben eifrig
mit. Das Fach war harmlos; man musste zwar gegen Ende des Semesters beweisen,
dass man den Stoff beherrschte, das wichtigste aber war, dass man zu dem
Ergebnis kam, dass " jedes Datenschutz- oder sonstiges Rechtsproblem
bei der Verfolgung von Copyrightverletzungen lösbar ist. Wir wenden
uns vertrauensvoll an die Rechtsabteilungen der Konzerne."
Noch unwichtiger war die nun folgende Unterrichtsstunde. Sie nannte sich "Ethics" und war auf Betreiben des "Culture Clubs" eingerichtet worden. Der war damals auf weniger Widerstand gestoßen als befürchtet, denn die Medias wussten nur zu gut, dass das Prestige der Hunter durch dieses Fach aufgebessert werden würde; auch die Vertreter der großen Religionen konnten zufrieden gestellt werden. Es hatte leichtes Gerangel um die Vergabe der Dozentur gegeben, doch man hatte sich verhältnismäßig schnell auf eine gemäßigte Kandidatin geeinigt, die in der Lage zu sein schien, die Interessen aller zu vertreten. Ihre Aufgabe seitens der Media war es vor allem, die Argumentation der Hunter zu schulen. Zwar waren die Zweifler bei der Aufnahmeprüfung für die "International School of Media and Art Copyright Hunting" bereits aussortiert worden, dennoch konnte es passieren, dass jemand nur 90% von der Sache überzeugt war. Die Medias waren daran interessiert, dass diese 10% Zweifel sich nicht vermehrten. Meistens hatte Verena Dankert, die Ethics-Dozentin ein leichtes Spiel. Selten wurden kritische Fragen gestellt. In der Regel war sie es, die mit Fragen zu provozieren suchte. Die Antworten verrieten, welchen Typ Hunter sie vor sich hatte. Die einen, die Reality-Hunter verwendeten wenig Energie auf Argumentation. Sie waren besessen von einem Jagdinstinkt, der keinerlei Raum für irgendwelche Zweifel ließ. Sie würden später eher auf der Straße agieren. Die anderen, intellektuelleren mussten sich gelegentlich selbst überzeugen und das Bewusstsein für die gute Sache wiederherstellen, das sie später für ihre Jagd vom Schreibtisch aus brauchen würden. Doch die Jagd vom Schreibtisch aus konnte 10 % Zweifel verkraften. Die ließen sich dort besser überwinden als beim Reality-Hunting.
Es schien eine Stunde wie
jede andere, bis Jana diese Frage stellte: "Können Künstler
heute arbeiten, ohne von einem Konzern abhängig zu sein, der die
Rechte für die verwendeten Sprach-, Bild- und/oder Musikmodule an
der Börse ersteigert?" Die Dozentin hob fast unmerklich die
linke Augenbraue . Einige tauschten Blicke aus. "Was ist ein Modul?"
flüsterte Tom Brad zu. "Zum Beispiel ein Copyright geschützter
Riff", flüsterte der zurück.
Wieso antwortete sie nicht? Das Gemurmel im Raum wurde lauter. Alle wunderten sich, dass die sonst so wortgewandte Dozentin einfach schwieg. Erst nach einigen Minuten bat sie um Ruhe und wandte sich an Jana: "Kann ich Sie nach dem Unterricht sprechen?" Der Rest der Stunde verging viel zu schnell, jedenfalls für Tom, denn die nächste UE verhieß nichts Gutes. Unbemerkt von Tom, der sich schon mit Brad und den anderen in den nächsten Raum begab, ging Jana zur Dozentin, um mit ihr zu reden...
Das nächste Fach nannte sich schlicht "Hunting". Man musste dort nicht nur seine Adventures erläutern, sondern auch die Ergebnisse des praktischen Teils, der "Huntings" abliefern. Bis heute hatte es noch keinen "erwischt". Das lag wohl daran, dass die bisherigen Aufgaben harmloser gewesen waren. Bisher hatten alle die gleichen Fälle erhalten. Dieses Mal jedoch mussten sie völlig selbständig arbeiten und jeder war wohl mit einem anderen Fall betraut. Es war soweit. Der Dozent schloss die Tür hinter sich. Mit breitem Grinsen rieb er sich die Hände. Toms vage Hoffnung schmolz dahin. Natürlich hatte Professor Falcon schon alle Informationen aus den Heros gezogen. Er wusste Bescheid. Ohne Zweifel. Er würde erst die belangloseren Fälle abfragen. Die Stunde würde auf einen Höhepunkt zusteuern und trauriger Höhepunkt würde Toms Misserfolg sein. Mit süffisanter Miene würde Professor Falcon ihn aufrufen und vor allen bloßstellen.
Anton, ein Naturbursche
aus dem alemannisch alpinen Europa, begann. Er hatte illegale Kopien und
Verfremdungen von Fotos eines in Fachkreisen bekannten Tierfotografen
entdeckt. Geschätzter wirtschaftlicher Schaden: 34.000 Euro. Tina
war einer interessanten Sache auf die Spur gekommen. Selbst Geigerin,
hatte sie illegale Samples des Sounds der von Cartago Briccialdo gespielten
Stradivari entdeckt. Mittels einer Mikrofrequenz-Analyse hatte sie einwandfrei
nachweisen können, dass der Sound der Aufnahme von Vivaldis "Vier
Jahreszeiten" gesampelt worden war. Der Fund war umso bemerkenswerter,
da das Urheberrecht erst vor kurzem in diese Richtung erweitert worden
war. So lagen die Rechte für die Samples beim Geiger und beim Restaurator
der Stradivari. Großes Lob von Prof. Falcon. Der pekuniäre
Schaden hielt sich allerdings in Grenzen und überschritt nicht die
10.000 Euro-Marke. Deshalb leichter Tadel von Prof. Falcon.
Es folgten mehrere langweilige Huntingberichte, die zwar einen höheren Wirtschaftsschaden nachweisen konnten, sonst aber nichts Spektakuläres zu bieten hatten. "Und nun, Thomas, sind Sie dran!" forderte Falcon ihn auf. Tom fing an zu erzählen, wie er die Non-Profits aufgespürt hatte und sich in die Leechparties einführen konnte...
"Beweise?!", verlangte Falcon unerbittlich. "So, Sie mussten also die Give-Away-Taste drücken! Nun, keiner außer mir ist autorisiert, sich in den CX21 einzuloggen. Ich werde jetzt den Give-Away-Speicher von Thomas abfragen und schauen ob seine Operation gelungen ist."
Und schon konnten es alle
lesen, da stand es übergroß an der Wand: "give away ok
get files no files saved." Tom sackte zusammen. Dass Brad, der am
gleichen Thema gearbeitet hatte, nun das Ergebnis präsentieren konnte,
gab ihm noch einen weiteren Stich. Falcon triumphierte und hielt einen
langen Vortrag darüber, dass man es sich nicht leisten könne,
auf einer Parkbank einzuschlafen (Woher wusste er das?), dass es nötig
sei, neben dem täglichen Joggen das Selbstverteidigungstraining nicht
zu vernachlässigen, dass man, um die Daten zu speichern, immer den
CX21S-Modus aktiviert haben sollte. Nicht alle schienen schadenfroh. Manche
klopften ihm auf die Schulter. Sogar Brad lächelte verlegen. Doch
keiner hatte ein paar aufmunternde Worte für ihn parat. Außer
Jana. "Ich kann dir helfen, komm morgen früh ins Café
Libre".
Get It Back 1
Als er den Konferenzraum von Direktor All-In-View betrat, saß die Kommission schon vollständig hinter dem langen Tisch. An der Wand hing das Gemälde eines freundlich lächelnden Indianers. Die Sonne, die durch das seitliche Fenster schien, beleuchtete mild die Gesichter seiner Inquisitoren. Zu Toms Überraschung befand sich Falcon nicht unter ihnen. Dafür saßen dort in Eintracht, wie es schien, drei hochrangige Mediavertreter und, wie es eine freiwillige Vereinbarung mit dem Culture-Club erforderte, Verena Dankert, die Ethics-Dozentin. All-In-View richtete väterlich freundschaftlich das Wort an ihn. "Nun junger Mann, da haben Sie wirklich Pech gehabt. Wie ist das denn passiert?" Tom erzählte den Hergang und antwortete brav auf die Fragen. Ob er wisse, wie viel ein Miniheld wert sei. Ob er wisse, dass das Problem nicht der Anschaffungspreis sei, sondern dass das Gerät noch nicht auf dem Markt und er unter Umständen einer Industriespionage auf den Leim gegangen sei?
Dieser Gedanke war ihm in
der Tat noch nicht gekommen. Er fühlte sich matt. Er musste also
nicht nur den Anschaffungspreis zurückzahlen, sondern schuldete ihnen
Milliardenausfälle, weil das Produkt nicht konkurrenzlos vermarktet
werden konnte? Das war's dann wohl. Wahrscheinlich steckten sie ihn in
den Knast. Sein Leben war gelaufen. "Das war's also?!", fragte
Tom, eigentlich war es mehr eine Feststellung.
"Sachte, sachte", begann All-In-View. "Ihre sonstigen Leistungen sind wirklich überzeugend. Sie haben großes Gespür und Talent. Für die Anschaffung eines neuen MH – und hier befinde ich mich im vollen Einvernehmen mit meinen Kollegen" – er blickte in die Runde und erhielt nickende Zustimmung, "für die Anschaffung gewähren wir Ihnen einen Kredit, zinslos, rückzahlbar innerhalb von 20 Jahren."
Tom wagte wieder zu atmen. "Was die drohende Industriespionage anbelangt", begann einer der Mediamanager, "so schlage ich vor, dass wir Tom eine Frist von 48 Stunden geben, um das Gerät wieder aufzutreiben. Es wird dann allerdings nicht mehr verwendbar sein, weil die Give-Away-Taste es außer Funktion gesetzt hat. Ihre Ausbildung dürfen Sie unter der Bedingung fortsetzen, dass etwas Vergleichbares nicht mehr vorkommt."
Kaum erleichtert verließ Tom den Raum und begann fieberhaft nachzudenken, was er nun als nächstes tun sollte. Wie konnte er den MH zurück erlangen? Und war er überhaupt in der Lage, es alleine zu schaffen? Er dachte an die Verabredung mit Jana. Er fuhr mit dem Fahrstuhl ins Untergeschoss und ließ sich am Ausgabedesk den neuen MH geben.
Get it Back 2
Auf der Straße begegnete er Cynthia. Sie hatte mit ihm die Ausbildung angefangen, war aber seit einigen Monaten krank, wie es hieß. Ihr Spezialgebiet war Literaturhunting. Sie war sehr belesen, hatte ein phänomenales Gedächtnis und kannte viele Werke der Weltliteratur in fünf Sprachen auswendig. Sie sei gerade aus der Psychiatrie entlassen worden, erzählte sie. Eines Tages, so vertraute sie ihm an, habe sie angefangen darüber nachzudenken, ob der Satz den sie gerade dachte, dem Copyright unterliege. Ab da sei sie ständig damit beschäftigt gewesen, ihre eigenen Gedanken umzuformulieren, nachzuprüfen, ob diese oder jene Wendung, die sie gerade innerlich formuliert hatte, aus diesem oder jenem Roman oder Essay stamme. Verzweifelt versuchte sie sich selber das Denken zu verbieten, was natürlich nicht klappte. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und nahm eine Überdosis Schlaftabletten. Jana habe sie damals gefunden, gerade noch rechtzeitig. Jetzt ginge es ihr wieder gut, sie habe allerdings die Ausbildung abbrechen müssen und wisse nicht, was sie jetzt machen werde.
Tom, der sich durch ihre
Offenheit leicht überfordert fühlte, überlegte, dass er
ihr auf ein "Und wie geht's dir?" nur vage "Danke, ganz
ok" antworten würde. Doch sie fragte nicht. Stattdessen drückte
sie ihm einen Zettel mit einer Adresse in die Hand. "Für alle
Fälle; Jana hat mir alles erzählt". Und dann verschwand
sie.
Tom schaute auf die Uhr. Jana war schon mehr als 30 Minuten überfällig, er steckte seine Chipkarte in den Tischrand, um zu zahlen und begab sich Richtung Ausgang. Da kam sie.
"Tut mir leid, ich wurde aufgehalten. Lass uns in den Park gehen. Wie ist es dir ergangen?
Tom berichtete knapp, er fühlte sich immer noch als Versager.
"Industriespionage?", wiederholte Jana empört, "das ist doch Risiko des Konzerns, wenn sie uns diese Geräte anvertrauen."
"Wie auch immer, auf jeden Fall habe ich nur eine Frist von 48 Stunden, um meine Zukunft lebenswert zu machen."
"Was willst du jetzt tun?"
"Weiß nicht, die Anarchos suchen, denke ich. Die Anarchos, die wohl keine Anarchos sind. Das Merkwürdige ist, ich meine mich dran zu erinnern, den CX21S-Modus aktiviert zu haben."
"Bist du sicher?"
"Ziemlich."
Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass er Jana vertrauen konnte. Sie bekräftigte noch einmal, dass sie ihm helfen wolle; sie musste aber wieder los und drückte ihm eine Adresse in die Hand. "Falls du Hilfe brauchst...", sagte sie. Sie verabredeten sich für in fünf Stunden.
Run Away!
Tom lief planlos durch die Straßen, bis er glaubte einen der Leecher zu erkennen. Es musste einer sein, denn er fing plötzlich an zu rennen; Tom jagte ihm hinterher. Der Leecher raste auf eine Mauer zu, an deren Fuß eine Gestalt lag, vielleicht ein Penner. Es gelang ihm, über die Mauer zu klettern, bevor Tom in erwischte. Tom näherte sich der liegenden Gestalt, nur zögernd ging er auf sie zu, denn er ahnte Schreckliches. Ein Mensch lag vor ihm, auf dem Bauch in einer Blutlache, mit dem Gesicht zur Erde, es war eine Frau. Er drehte sie auf den Rücken, sie war tot. Er glaubte nicht, was er sah...
Tom stand einen Moment wie angewurzelt da , dann sprintete er los, schnappte sich ein unabgeschlossenes Fahrrad, das an einem Baum lehnte und war schon um die nächste Ecke verschwunden, bevor Polizei und Krankenwagen Janas Leiche erreichten.
What's Up?
Er radelte ziellos, fast bis zur Erschöpfung, bis er über eine Reißzwecke fuhr und der platter werdende Hinterreifen ihn zwang, abzusteigen. Er suchte in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch, um sich den Schweiß von der Stirn abzuwischen. Dabei fielen zwei leicht zerknitterte Zettel zu Boden. Er hob sie auf, verglich sie und ging zur nächsten S-Bahn-Station.
Auf beiden Zetteln hatte
die gleiche Adresse gestanden. Familie Maurer wohnte im 4. Stock. Als
er oben ankam, stand Cynthia im Türrahmen. "Wohnst du hier?",
fragte er sie.
" Nein, setzt dich ins Besprechungszimmer. Sie kommt gleich. Aber wir haben nur wenig Zeit. Ich soll dir das hier zum Lesen geben."
"Was ist das?"
"Ein Gesetzesentwurf, die so genannte "Lex Genima."
Tom, der nicht gerade erpicht darauf war, sich mit juristischer Fachliteratur zu beschäftigen, bat Cynthia, ihm den Entwurf zu erklären.
"Die Genima Corporation finanziert einen großen Teil der Huntingausbildung und hat in der Mediaindustrie bereits durch Übernahme anderer Mediakonzerne einen Marktanteil von 34 %."
"Ich dachte, die beschäftigen sich eher mit dem Klonen und sonstiger genetischer Forschung..."
"Dazu muss man was über die Geschichte des Konzerns wissen. Angefangen haben sie vor ** Jahren mit der Entschlüsselung der menschlichen DNA, die sie dann als Patent angemeldet haben. Durch Forschungen bewirkten sie Genveränderungen, die sie sich ebenfalls patentieren ließen. Das Klonen von Menschen wurde zwar weltweit verboten, weil es nicht den entsprechenden Nutzen erbracht hatte, nicht verboten wurde jedoch die Veränderung genetischen Materials der befruchteten Eizelle."
"Was hat das nun mit den Medias zu tun?"
"Moment, ich muss noch weiter ausholen. Jedes in vitro befruchtete Ei wird einer Genanalyse unterzogen und die Daten werden in einer riesigen Datenbank gespeichert. Bisher ist die Gesetzeslage bereits so, dass für jedes befruchtete Ei, das aus patentiertem veränderten Genmaterial besteht, eine Gebühr an die Genima Corporation anfällt. Nun erhebt die Genima Anspruch auf die Rechte an allen künstlerischen und patentgeschützten Produktionen, die von Menschen stammen, die im Reagenzglas gezeugt wurden und anhand von deren Gendaten die patentierte Veränderung nachweisbar ist."
"Aber so ein Gesetz wird doch niemals durchkommen?"
"Das ist die Frage. Die Genima Corporation klagt vor dem Internationalen Gerichtshof, um die Rechtslage klären zu lassen und mit einem Urteil ein neues Gesetz zu erzwingen. Sie ist durch sehr gute Anwälte vertreten."
"Genießt die Genima Corporation nicht in der Öffentlichkeit einen sehr guten Ruf? Sie sponsern jede Menge Kinderhilfswerke und sportliche Aktivitäten für Kinder und Jugendliche..."
"Damit lenken sie von ihren anderen, weniger populären Vorhaben ab. Wir wissen zum Beispiel von einer Person (aus Datenschutzgründen verraten wir nicht das Geschlecht), die dieses veränderte Gen in sich trägt. Diese Person hat ein sehr wirksames Medikament erfunden, das den Krebs praktisch auslöscht und verhindert, dass jemand ein weiteres Mal davon befallen wird. Sie arbeitet für ein kleines Unternehmen, das das Medikament zu einem fairen Preis auf den Markt bringen will. Kommt das Gesetz durch, so wird die Genima Corporation die Rechte beanspruchen und das Medikament um ein Vielfaches verteuern, um hohe Gewinne zu erzielen."
"Was hat das nun alles mit mir zu tun?"
"Wir wissen, dass sie dich auf uns ansetzen wollen, weil es uns gelungen ist, die Datenbank mit den genetischen Informationen lahmzulegen."
"Wir haben außerdem nachgewiesen, dass diese Daten leicht manipulierbar sind und allein deshalb nicht als Grundlage dienen können." Es war Brad, der dies sagte und sich nun zu ihnen setzte. "Anscheinend haben wir ins Schwarze getroffen; vermutlich sind schon etliche Daten manipuliert. Jana war ganz dicht dran..."
Cynthia konnte nicht weiter sprechen, sie holte eine Tablette aus ihrer Tasche und zerkaute sie.
"Woher wisst ihr, dass ich auf Euch angesetzt werden sollte?"
"Von mir!" Verena Dankert betrat den Raum. "Sie haben dich in eine Falle gelockt, um dich von ihnen abhängig zu machen ...Ich habe zufällig ein Gespräch zwischen All-In-View und einem Manager der Genima Corporation mitangehört, in dem Entsprechendes angedeutet wurde. Ich wusste, dass sie etwas mit dir vorhatten, wusste aber nicht genau was. Nun ist es mir klar: Janas Tod, den zweifellos die Corporation zu verantworten hat, sollte dich auf unsere Spur bringen..."
"Und wieso soll ich euch glauben? Woher weiß ich, dass nicht ihr es wart, die Jana ermordet haben?"
Es dauerte eine Weile, bis sie Tom überzeugt hatten. In den TV-Nachrichtenwurde über Janas Tod berichtet. Tom galt als mutmaßlicher Mörder. All-In-View, der angekündigt wurde als Direktor des Instituts und Mitglied des Aufsichtsrates der Genima Corporation, gab ein Interview. Darin beteuerte er, er glaube an Toms Unschuld, bot ihm über das Fernsehen Rechtsbeistand an und bezichtigte die HaGR (Humans against Genima Rights) militanten Vorgehens. Wem sollte Tom nun Glauben schenken? War Jana wirklich diese über jeden Zweifel erhabene Hunterin, die kurz davor war, die angeblichen "Machenschaften" der HaGR aufzudecken, wie All-In-View es über den Äther verbreitete? Oder war sie diejenige, die einer unglaublichen Datenmanipulation auf der Spur war? Letztlich überzeugte ihn die Tatsache, dass Jana ihm die gleiche Adresse gegeben hatte wie Cynthia...
Nachwort
Die Autorin weist darauf
hin, dass das unabhängige Schreiben von Erzählungen oder theoretischen
Abhandlungen nicht nur heute, sondern bereits vor 2*** nahezu unmöglich
war, da ein Text, will er verständlich sein, nicht ohne Schreibmodule
auskommt, deren Copyright aber die großen Media-Konzerne besitzen,
die sich gegenseitig überbieten, um die entsprechenden Rechte einander
abzukaufen. Anfangs führte das Copyright zu einer Fülle fantasiereicher
Texte, da die geschützten Schreibmodule ohnehin nur aus trivialen
Redewendungen wie z. B. "Ich liebe dich" bestanden, die nun
vermieden werden mussten. Immer häufiger jedoch werden einzelne Wörter,
vielmehr ihre Verwendung urheberrechtlich geschützt, und ihre Rechte
werden an der Börse gehandelt. Bis heute sind es bereits 40.000 Wörter
in 13 verschiedenen Sprachen. Die Autorin gesteht, dass sie Trägerin
des im Text erwähnten veränderten Gens ist und all ihre veröffentlichten
Produktionen unter das Genima-Urheberrecht fallen, das seit 2*** in Kraft
ist. Das einzige, was sie schreiben darf, ohne dass die Genima Corporation
die Rechte beanspruchen kann, ist eine Nacherzählung wahrer Begebenheiten
(siehe Vorwort). Diesen kläglichen Kompromiss hatten die HaGR und
andere Bürgerrechtsorganisationen dem Gesetzgeber abringen können.
Eine Nacherzählung wahrer Begebenheiten wie die hier vorgelegte darf aus nicht mehr als 20.000 Zeichen bestehen. Ein nach (2*** -1) entstandener Text, der von einem AAGM (Artist with Artificial Genetic Mutation) verfasst und länger ist (Ausnahme: Gesetzestexte) gilt als erfunden oder ausgedacht, und unterliegt der "Lex Genima" . Deshalb musste die Erzählung relativ abrupt enden.
Bei vergleichbaren Texten zweifelte die Genima Corporation an, dass der Text tatsächlich eine wahre Begebenheit nacherzähle und behauptete, er enthalte eine versteckte Fiktion; der oder die AAGM wolle nur das Urheberrecht umgehen.
Mag auch nicht jedes Detail
sich so zugetragen haben wie beschrieben, so werden die informierten Leser
und Leserinnen sich erinnern, dass sich Thomas C. heute einige Jahre nach
Janas Tod immer noch in U-Haft befindet, Amnesty International ihn als
politischen Gefangenen einstuft, weil er sich der HAGr zugewandt hat und
von politischer Seite als "Terrorist" bezeichnet wurde, ohne
dass ihm der Mord nachgewiesen werden konnte.
Am Tag des Inkrafttretens der "Lex Genima" beanspruchte die Genima Corporation die Rechte für die Herstellung und Vermarktung von 37 patentierten Erfindungen, darunter das MAC (Medicine Against Cancer), jenes wirksame Medikament gegen Krebs, das von einem IAGM (Inventor with Artificial Genetic Mutation) entwickelt wurde. Diese Rechte hat Genima inzwischen erfolgreich gerichtlich erstritten. Der Preis für das MAC wurde um das Sechsfache erhöht.
Europa, den 15.Juli (2*** +1)
Cynthia Miller