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Der Große Bruder und die Matrix

Odin Kröger 20.08.2006

Zur Ausdehnung der Kontrolle nach Innen

"1984", Orwells Anti-Utopie eines totalitären Staats, in dem alle durch den "Großen Bruder" und die Gedankenpolizei überwacht werden, ist auch heute noch verstörend, aber anders als Orwell es wohl intendiert haben dürfte. Es ist nicht mehr der Inhalt der verstört, sondern vielmehr die Form, in der er dargestellt wird: als Zukunftsvision. Das, was Orwell fürchtet, ist längst real. Weniger die Vorstellung der totalen Überwachung ist befremdlich, als vielmehr die immer wiederkehrende Anrufung eines Horrors, an den sich die Überwachten längst gewöhnt haben. Wie oft wurde vor "1984" gewarnt um gegen Verschärfungen der Überwachung zu protestieren? Zu oft, denn keine der Verschärfungen der letzten Jahre konnte verhindert werden. Wer diese Warnung daher heute wiederholt, erhält nicht selten die Antwort: "Wir haben doch schon längst ‚1984'." Die Videoüberwachung öffentlicher Plätze, biometrische Ausweise, zentral gespeicherte Krankengeschichten, Nachrichtendienste, die unbemerkt E-Mails lesen können und kritische Stimmen überwachen, all das ist heute Alltag. Ohne Aufschrei, ohne nennenswerte Gegenwehr. Wie konnte es soweit kommen, dass eine der prominentesten Horrorvisionen Gewohnheit werden konnte?

Die Spannung zwischen der totalen Kontrolle und der Anteillosigkeit an ihr ist Gegenstand einer anderen düsteren Zukunftsvision: der "Matrix". Sie kontrolliert nicht nur, sondern erschafft eine ganze Welt. Sie ist das Gegenteil des Großen Bruders. Er ist fiktives Symbol, das eine reale Welt durch seine Allgegenwart beherrscht. Sie hingegen ist real und beherrscht völlig unsichtbar eine fiktive Welt. In ihrer Welt ist die Matrix allmächtig und notwendig auch allwissend. Da sie alles in ihrer Scheinwelt geschaffen hat, kann es nichts in ihr geben, das sie nicht weiß; in ihrer Totalität liegt auch die totale Überwachung.

Da sie unsichtbar ist, können jene, die in ihr leben, ihr Überwachtsein gar nicht wahrnehmen. Die anderen jedoch, die aus der Matrix ausgebrochen sind, bereiten ihr Probleme: Sie sind außerhalb der Sphäre ihrer Allmacht und können nicht ständig überwacht, geschweige denn kontrolliert werden. Schon allein dadurch sind sie eine Bedrohung. Aber obwohl sie die Matrix bedrohen, stehen sie ihr hilflos gegenüber, denn sie können die Gefangenen der Matrix nicht aus ihr befreien, weil sie ihnen nicht glauben. Die Matrix ist die moderne Vorstellung der totalen Kontrolle.

Science-Fiction ist immer die Projektion der radikalisierten Gegenwart in die Zukunft, so auch die Matrix. Sie symbolisiert die moderne Gesellschaft, die jene beherrscht, von denen sie erschaffen wurde. Diese Gesellschaft stellt sich als völlig entmenschlicht dar. Sie ist eine Maschine, die von Menschen am Leben erhalten wird - diese sind ihre Batterien, Teile der großen Maschine. Wozu oder wem diese Maschine dient, weiß niemand mehr. Die Menschen haben sich von der Gesellschaft, die sie geschaffen haben, entfremdet. Da sie keinen Sinn mehr in der Maschine sehen, sind auch sie selbst als Teile dieser sinnlos geworden. Nicht die Maschine gehorcht dem Willen der Menschen, sondern diese dem der Maschine.

Ohne ihren Willen werden sie zum Instrument der Maschine, sie entfremden sich vom Menschsein selbst und damit auch voneinander. Sie treten sich selbst nur noch als Instrumente gegenüber, denn weil alle sich als Instrument, als bloßes Mittel zu einem unbekannten, außer ihnen liegendem Zweck, wissen, sind auch ihre Nächsten für sie nicht mehr als ein Werkzeug. Um diesen Zustand überhaupt zu ertragen, entsteht die Matrix. Ihre Traumwelt muss den Sinn stiften, den die Maschine nicht bieten kann. Weil die Menschen sich aber gegenseitig nicht mehr als autonome freie Willen, sondern nur noch als Mittel füreinander betrachten, herrscht unter ihnen Angst und Misstrauen; daher muss die Matrix sie alle überwachen. Am meisten Angst haben sie aber vor jenen, die aus dem Traum erwacht sind, vor denen, die nicht mehr funktionieren, weil sie die Realität nicht ertragen. Diese drohen auch alle anderen aus den Träumen zu reißen, sie werden von der Matrix als ihre Erzfeinde bekämpft.

Die Matrix ist die Synthese von Kontrolle und Betäubung. Damit alle Menschen einander Werkzeuge bleiben können, muss die Gesellschaft zu einer großen Maschine werden.

Die Matrix und die Verschwörungstheorie

Die Metapher der Matrix bietet zwar eine Erzählung, aber keine Erklärung der Entfremdung. Was sie bietet, ist eine Verschwörungstheorie: Eine Gruppe "Auserwählter" allein kennt die Wahrheit, alle anderen werden von der Matrix getäuscht und können ihre Machenschaften eben deswegen nicht durchschauen. Alles was der Verschwörungstheorie widerspricht, ist Teil der Verschwörung und soll diese nur tarnen. (Die klassische Verschwörungstheorie ist die der "jüdischen Weltverschwörung", so weisen auch alle Verschwörungstheorien strukturelle Ähnlichkeiten zu antisemitischen Welterklärungen auf.)

Verschwörungstheorien deuten Entfremdung aber nicht nur, sie haben in ihr auch ihre Ursache. Denn sie geben dem Sinnlosen Sinn und ermöglichen es, sich zumindest einzubilden, nicht mehr nur Teil der Maschine zu sein, sondern sie verstanden und dadurch die Kontrolle zurückerhalten zu haben.

Üblicherweise fehlt Verschwörungstheorien eine fundierte Gesellschaftstheorie. Ohne eine solche beschreiben sie die Welt durch zwei Unterscheidungen: gut und böse, wissend und unwissend. Die Wissenden sind jene, die sich für eine Seite entscheiden müssen, während die Unwissenden gar keinen Begriff von Gut und Böse haben können. Beides liegt nahe, es sind die einfachsten "Erklärungen" für das Motiv der Verschwörung und die Blindheit der "Masse". Noch einfacher geht es nicht: Ohne Gut und Böse kein Motiv und ohne Verschwörung keine Unwissenden und auch keine "Auserwählten".

Um meine Analyse von derlei Schwachsinn abzugrenzen, muss sie die Fragen nach den Motiven der Matrix und der Auswahl der "Auserwählten" anders beantworten, also die Metapher "Matrix" auf ihre Wirklichkeit zurückführen und dort mit einer Theorie dieser Wirklichkeit konfrontieren. Die durch die Matrix symbolisierte Zentralmacht ist der Staat, die durch die Matrix symbolisierte Ordnung die Gesellschaft.

Der Staat ist die Matrix

Die Aufgabe jedes Staates ist es die herrschende Ordnung zu garantieren und zu verwalten. Er ist somit zwar eine Zentralmacht, bleibt aber trotzdem immer der spezifische Staat einer spezifischen Gesellschaft, beide bestimmen einander. Wenn der Staat die Gesellschaft überwacht, so tut er das um jene Ordnung aufrecht zu erhalten, die diese Gesellschaft auszeichnet. Es wäre also ebenso naiv zu glauben, die staatlichen Überwachungsmaßnahmen erfolgten gegen die Gesellschaft, wie es naiv wäre zu glauben, die Gesellschaft könnte den Staat kontrollieren. Die Überwachung ist vielmehr Ausdruck einer durch Entfremdung bestimmten Gesellschaft, deren Angehörige sich voreinander fürchten und sich deswegen einen Großen Bruder wünschen, der sie ständig begleitet und beschützt.

Die ständige Beobachtung durch den Großen Bruder schafft nicht nur Kontrolle, sondern auch ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Ob sie Kontrolle oder Sicherheit vermittelt, hängt von der eigenen Beziehung zu diesem ab. Jene, die ihn herbeirufen, haben entweder seine Normen verinnerlicht oder ihre eigenen Normen in ihn veräußerlicht, sie werden beschützt. Wer diese Normen aber nicht akzeptiert, der oder dem tritt der Große Bruder nicht als Beschützer, sondern als Aufseher gegenüber.

Der Staat ist also der Knecht der einen und der Herr der anderen, wobei er ein- und derselben Person durchaus einmal Herr und einmal Knecht ist. Er exekutiert den Willen der abstrakten Mehrheit, aber niemand gehört in allen Dingen der Mehrheit an. So bleibt das Verhältnis zum Staat immer ambivalent, je nachdem in welcher Sache und in wessen Auftrag er handelt. Er gleicht dabei den Geistern in Goethes "Zauberlehrling": Einmal gerufen folgt er seinen eigenen Gesetzen und formt, indem er versucht, die herrschende Ordnung zu sichern, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen. Er heißt nicht umsonst "Vater" Staat, denn er handelt zum Wohle der Gesellschaft, notfalls auch gegen ihren Willen, denn er weiß am besten, was gut für sie ist. (Dieses Väterliche mag auch der Grund sein, warum nur Männer "Agenten" der Matrix sind; auch als sie Morpheus, den Anführer des Widerstands, gefangen nehmen, versuchen sie ihn von der Matrix als bester aller möglichen Welten zu überzeugen). Die Autorität dieses gütigen Vaters darf nicht in Frage gestellt werden. Deshalb galt seine Sorge um die Sicherheit der Fußballweltmeisterschaft auch Terroranschlägen und nicht baufälligen Stadien. Denn auch wenn letztere vermutlich mehr Menschen gefährdeten, richten sie sich anders als die ersten nicht gegen die herrschende Ordnung; sie stellen die Macht des Staats nicht in Frage.

Die Symbiose aus Staat und Gesellschaft führt vom Großen Bruder in die Matrix, sie ist die Einheit aus Staat und Gesellschaft, sie ist die totale Ordnung. Um die bestehende Ordnung auf ewig zu garantieren muss der Staat mit ihr verschmelzen; er muss alle Widersprüche und Abweichungen aufheben und zur Matrix werden wollen.

Vom Großen Bruder zum Panoptikum

Um das zu erreichen bedient sich der Große Bruder des "Neusprech", einer Sprache, die Grauenvolles banal und Wahres als Falsches erscheinen lässt, und der "Gedankenpolizei", eines mächtigen Geheimdienstes. Durch die Beschreibung der Welt in Neusprech wird eine schöne Scheinwelt erschaffen, die keinen Anlass mehr zur Unzufriedenheit bietet. Die Gedankenpolizei kümmert sich um jene, die hinter die Scheinwelt blicken.

Ist die permanente Überwachung erst zur Selbstverständlichkeit geworden, geht ihre Macht von der Sichtbarkeit zur Unsichtbarkeit über. Der Große Bruder stirbt und wird vom Panoptikum abgelöst. Weil Überwachung selbstverständlich und unsichtbar ist, kann sie überall sein. War es noch möglich, sich der Abwesenheit des Großen Bruders zu vergewissern, so ist das Panoptikum deswegen allgegenwärtig, weil es immer da sein könnte. So entsteht, unabhängig von tatsächlicher Überwachung, ein permanentes Gefühl des Überwachtseins und führt zur Selbstdisziplinierung der vermeintlich Überwachten. So ist das Panoptikum allgegenwärtiger als es der Große Bruder je sein könnte. Es beseitigt Fehlfunktionen in der Maschine, die Zahnräder beginnen sich schneller zu drehen. Durch den ständig steigenden ökonomischen Druck wächst die Bereitschaft sich anzupassen und andere für sich zu opfern, sie zu denunzieren. Die Werkzeuge sollen keine Gelegenheit mehr haben, zu sich zu kommen.

Sobald das Panoptikum die Kritik an der Scheinwelt ausreichend zurückgedrängt hat, wird die Scheinwelt zur neuen Realität. Scheinwelt und Panoptikum werden eins mit der Maschine, sie verschmelzen zur Matrix.

Die Matrix ist eine diffuse Macht. Sie hat zwar ein Zentrum, aber ihre Macht geht nicht nur von diesem aus, sondern auch von ihren "Agenten". Also jenen, die ihre Normen verinnerlicht haben, die sich jenseits der Ambivalenz mit ihr identifizieren und sie verteidigen. Sie wollen die Matrix, weil sie ihnen dient, und sie dienen der Matrix, weil sie sie wollen. Eine besondere Rolle spielt hier der Mittelstand. Er glaubt einerseits, von der herrschenden Ordnung zu profitieren, fühlt sich aber andererseits ständig vom sozialen Abstieg bedroht. Um diesen zu verhindern, ist er gewillt, die Matrix zu verteidigen, sei es in der Grazer "Bürgerwehr", die ihre Hauptaufgabe in der Verteidigung des Stadtparks gegen ihnen unangenehme Personen sieht noder als "Minutemen", die den US-Behörden helfen wollen, die Grenze in Arizona zu bewachen, um Einwanderer abzuwehren. Sicherlich profitieren auch die Mächtigeren von der Matrix, aber sie halten sich nicht aus Angst an sie, sondern weil sie ihre Interessen vertritt. Die Matrix steht für die herrschende Ordnung und damit auch für die herrschende Machtverteilung.

Die Matrix will mehr als der Große Bruder. Beide symbolisieren allgegenwärtige Überwachung, aber der Große Bruder bezieht seine Macht aus der Sichtbarkeit, seine Überwachung ist stets spürbar, niemand darf sie jemals vergessen. Die Überwachten folgen, weil sie wissen: Der Große Bruder beobachtet sie. Die Matrix hingegen bezieht ihre Macht aus ihrer Unsichtbarkeit, sie schafft eine Scheinwelt, in der die Menschen sich selbst kontrollieren, sie ist der verinnerlichte Große Bruder. Sie ist dort, wo der Große Bruder zwar hin will, aber nicht hin kann: In den Köpfen der Menschen. Jene, die sie vollständig verinnerlicht haben, werden zu ihren "Agenten" und kümmern sich um jene, die abweichen.

Um gegen die Matrix eine Chance zu haben, muss die Kritik am Überwachungsstaat um eine Kritik an der Überwachungsgesellschaft ergänzt werden. Der Staat als Zentralmacht reicht nicht bis zu seiner Peripherie, erst die Gesellschaft und ihre Selbstüberwachung führen zur totalen Kontrolle. Um dieser Herausforderung zu begegnen, muss die Überwachungskritik in eine Theorie der Gesellschaft eingebettet werden. Diese Aufgabe ist schwer und konfliktträchtig. Aber dies ist das Wesen des Kampfs gegen die Matrix: Sich den Herausforderungen der wahren Welt zu stellen, ist nicht einfach.

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