Sex, Logik und VernunftIno Link 25.08.2006 Déscartes ist schuldUser tracking und totale Überwachung werden in der öffentlichen Diskussion oft mit Vorurteilen bedacht. Dabei wird meist außer Acht gelassen, dass nicht Menschen als konkrete Individuen die Objekte der Datenerfassung sind, sondern ihre Repräsentationen auf den Märkten bzw. in den virtuellen Aktenschränken der Verwaltungsbehörde. Hier gilt es eine strenge Unterscheidungslinie zu ziehen. Der Mensch darf nicht als integrativer Bestandteil des globalen Informationssystems gedacht werden. Der konkrete Mensch ist eine obgleich betriebsnotwendige, in letzter Konsequenz dennoch bedeutungslose Umweltbedingung. Der einzelne Mensch ist eine Nebensächlichkeit.Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass die Erfassung der computergestützten Transaktionen, das Erstellen von Verhaltensprofilen, die Entwicklung von Vorhersagemodellen für zukünftige Aktionen etwas anderes denn ein Riesenschritt vorwärts in der Kulturgeschichte der Menschheit wäre. Die Bedenken gegenüber den sich eröffnenden Möglichkeiten des Social engineering stammen aus der Ära vor dem Internet und sind den überkommenen bürgerlichen Idealen von Privatheit und Individualität verhaftet. Sie stammen aus einer Zeit vor der elektronischen Revolution, deren gesamtes Entwicklungspotential sich jetzt erst langsam abzuzeichnen beginnt. Es ist das oberste Gebot der Stunde, diese Sphäre des kollektiven "proximal development" in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Dazu bedürfen wir einer neuen Kultur der vorurteilslosen Betrachtung, einer innovativen Praxis der Einklammerung aller immer schon mitgedachten Unterstellungen und Vorannahmen, um den Blick zu klären für die Beschauung des Wesentlichen. 1.0 Das digitale Selbst Man kann nur beurteilen, was man aus der eigenen Anschauung her kennt. Eine jede Reflexion, die nicht zum Worthülsenverschiebebahnhof verkommen will, muss bei der eigenen Anschauung ihren Ausgangspunkt nehmen. Eine jede rationale Erkundung bedarf eines ihr vorgelagerten Ankerpunkts, um sich nicht in selbstdiffärenzieller Nabelschau zu verlieren. Die Alternative dazu ist ein rhetorisches Soufflé, das nichts anderes kennt als sich selbst und lauwarme Zitate. 1.1. Ich und der Computer Zu meinem zwölften Geburtstag bekam ich meinen ersten Computer. Mehr als zwei Drittel meines Lebens verbrachte ich vor, mit oder neben einem Computer. In dieser Zeit produzierte ich Unmengen von Datenmaterial, die in unregelmäßigen Abständen aus den Tiefen der Speichermedien auftauchend in mein Wahrnehmungsfeld eintreten. Selten erkenne ich mich in diesen selbst produzierten Artefakten wieder. Oft kann ich die Urheberschaft nur aufgrund der Tatsache rekonstruieren, dass sich die Datei auf diesem einen Datenträger befindet, den nur ich habe beschreiben können. Ich schrieb zuvor: "Man kann nur beurteilen, was man aus eigener Anschauung her kennt." In einer Datei mit Erstellungsdatum 14. Mai 1992 äußere ich mich abfällig über den "Mystizismus einer auf die Unmittelbarkeit der Erfahrung verweisenden Philosophie". Nur weil ich weiß, dass ich den Satz 1992 geschrieben haben muss, suche ich in meinen Erinnerungen nach Gedächtnisspuren, die erklären könnten, wie ich damals auf diesen gedanklichen Irrweg gelangt war. Die Buchstaben dort auf dem Bildschirm verfügen über keine persönliche Note, die es mir erlauben, allein anhand ihrer Form die eigene Urheberschaft zu erkennen. Wenn einen der verschriftlichte Gedanke noch immer begleitet, so scheint dieser Schluss nahe liegend. Wenn man sich an den Augenblick erinnern kann, als man die Tasten niederdrückte und den Text Buchstabe für Buchstabe in den Computer tippte, hat man noch einmal Glück gehabt. Für alle anderen Sätze gilt: ich vermute, dass ich sie geschrieben habe, weil ich nicht weiß, wie sie sonst in mein Datenarchiv gekommen sein könnten; ich bin mir aber nicht sicher, so wie ich es bei handschriftlichen Aufzeichnungen sein kann, die ich auf den ersten Blick als die meine wiedererkenne. Aber wo Schatten, dort ist auch Licht. Ein vor Jahren verfasster Text, der mir heute peinlich ist, kann leichter zur Seite geschoben werden als eine Handschrift. Man kann verleugnen, woran man sich nicht erinnern will. Man darf auf ein Ende aller Peinlichkeiten hoffen. Der Text ist mit zwei Mausklicks mit Times 10 Punkt formatiert, was ganz und gar nicht mein Stil ist. Nein, ich kenne diesen Text nicht, ich habe ihn noch nie gesehen. 1.2. Ich und das Internet Das Internet ist toll - ich weiß. Eine E-Mail ist in Sekundenschnelle verschickt. Per Videochat kann man sich in Echtzeit mit Menschen auf allen fünf Kontinenten gleichzeitig unterhalten. Ist man unausgeschlafen oder schlecht gelaunt, ersetzt man das eigene Bild mit einem Avatar. Bei Heiserkeit kann man sich auf reinen Textchat verlegen - das Gegenüber kann sich den Text bei Bedarf vom Computer vorlesen lassen. Trotz Schrift, Avatar, synthetischer Stimme weiß ich, mit wem ich spreche. Die Nutzerkennung wird oben links eingeblendet. Mit einem geklauten Kennwort lässt sich allerlei Unfug anstellen. Ich kann darauf vertrauen, dass mein Gegenüber dieses Risiko ernst nimmt. Ich muss darauf vertrauen, dass die Authentifierungsroutinen des Chatprogramms bzw. der E-Mailserver die Identität der anderen Person sicherstellen. Selbst bei Gesprächen mit Freunden muss ich darauf vertrauen. Die zeitliche und räumliche Entkoppelung der Sprechakte lässt die Frage der Identität - dass etwas trotz Intervention gleich sich selbst ist - zu einem Problem werden, welches nicht länger innerhalb der Systemgrenzen lösbar ist. Man ist auf Vermutungen angewiesen oder aber man muss aus dem System hinaustreten und eine Vor-Ort-Prüfung durchführen. Aber eine solche Prüfung ist selten praktikabel. Kommunikation, das heißt: nicht der Inhalt von Kommunikation, sondern der Akt selbst, wird zur Glaubensfrage. Ich glaube, mit X kommuniziert zu haben, weil ich seine Nutzerkennung sehe und mir seine Gesprächsfortführung sinnvoll erscheint. Es könnte auch ein Computerprogramm sein, dass mir zurückschreibt. Ich muss darauf vertrauen, dass die Technik heute noch nicht so weit ist, unbemerkt zu bleiben. Vielleicht ist es aber auch ganz ohne Bedeutung, wer oder was da am anderen Ende sitzt und mir in diesem virtuellen Pingpong antwortet, wenn es nur nicht meinen Redefluss stört und mich nicht an meiner Selbstproduktion hindert. Bei der Beschreibung von Internetkommunikation gesellen sich zu den großen Eckpfeilern Zeit- und Ortsunabhängigkeit die Begriffe Fake, Scam, Spoof und Identity Theft. Spielerische Täuschung gehört seit jeher zur menschlichen Kommunikation, Hochstapelei war dennoch eine Ausnahmeerscheinung. Im Internet ist sie systembedingt. 1.3. Ich und die Datenspeicherung
Meine erste Homepage stellte ich vor zehn Jahren ins Netz. Die Seite ist heute nicht mehr zu erreichen. Dank der 1996 tauschte ich die poppig rote Huntergrundfarbe gegen ein schlichtes Weiß. Ein halbes Jahr später ersetzte ich die Menüeinträge durch eingescannte Bilder meiner Handschrift. Das hat nicht lange gehalten. Seit 1998 verwende ich statt Frames generiertes HTML. 1999 führte ich die Kategorie "Menschen, die ich gerne zum Tee einladen würde, wenn sie nicht schon tot wären" ein. Die Liste sollte insofern definitiv sein, als die darin Verzeichneten nicht mehr enttäuschen konnten. Das Archiv verunmöglicht es, die alten, nunmehr ungewollten Geister per Tapetenwechsel auszutreiben. Eine jede geschmackliche Verwirrung bleibt für die Nachwelt erhalten. Einzig ein Atomkrieg oder globaler Elektronenblitz könnte Erleichterung verschaffen. Die Datenspeicher sind darauf ausgelegt, uns unerbittlich alte Fehler vorzuhalten und uns nicht vergessen zu lassen, woran wir uns lieber nicht erinnern würden, uns immer wieder aufs Neue mit unserer Vergangenheit zu konfrontieren, auch wenn wir diese dunkle Seite unserer Selbstdarstellung lange gelöscht glaubten. Zwei Strategien, damit umzugehen, sind möglich: Identitätsverschleierung und Selbstzensur. Man kann seine Identität verschleiern bzw. sich hinter einem Avatar verbergen. Sehr schnell bringt einen das an die Grenze zur Illegalität. Eine jede Homepage muss ein Impressum tragen - in Deutschland inklusive Adresse, Telefonnummer und allem, in Österreich genügt die Nennung der Stadt. Es gibt Ausnahmen für rein private Seiten, doch ist mir persönlich unklar, wie diese Bezeichnung auf für jedermann einsehbare Inhalte zutreffen könnte. Es steht einem zudem frei, alle möglichen bzw. denkbar zukünftigen Beurteilungen in seinem Handeln vorwegzunehmen, nichts Böses zu tun, nur Gutes zu verrichten, um nicht später als Übeltäter klassifiziert zu werden. Nicht schlecht reden, keine falschen Handlungen setzen, die man später - man denke nur an seine zukünftigen Freunde, Feinde und Arbeitgeber - bereuen könnte. Die Datenspeicher dienen in diesem Szenario der Perfektionierung des von Michel Foucault entworfenen Panoptikons, denn es gilt nicht nur vor dem einen unsichtbaren Wächter zu bestehen, sondern vor allen Wächtern, die jemals sein könnten. 1.4. Ich und die Profilerstellung Natürlich bin ich ein begeisterter Internetnutzer. Ich zähle mich zudem zu den informierten bzw. aufgeklärten Internetnutzern, denn ich weiß, dass Google das Potential zum Bösesein hat, dass man seine Kreditkartennummer nicht per E-Mail verschicken sollte und dass man nicht jedes E-Mailattachment öffnen darf. Meine Informiertheit hat verblüffend wenig Auswirkung auf meine Handlungsweisen. Bücher kaufe ich ausschließlich bei Internetanbietern, und zwar beim billigsten. Das ruiniert den Markt und es bevorzugt die großen Bestseller gegenüber Büchern mit kleinen Auflagen. Die großen Internetanbieter können im Lauf der Zeit üppig bestückte Kundenprofile erstellen, denn auch wenn ich das Buch X schlussendlich nicht bei Anbieter A, sondern bei B kaufe, weil dieser um einen Euro billiger ist, benutze ich doch auch die Suchmaschine von A, um dessen Bestpreis herauszufinden. Ich, der ich mich kenne, könnte anhand meiner Suchabfragen sehr genau ausführen, wie sich meine Interessen im Lauf der Zeit veränderten und ich zu dem wurde, der ich heute bin. Mir persönlich erscheint meine Entwicklung plausibel und nachvollziehbar. Anders stellt sich die Situation für jene dar, die allein auf Grundlage dieser Datenspuren auf meine konkrete Person rückschließen müssen. Die gespeicherten Transaktionen sind nur als isolierte, aus dem Handlungskontext herausgelöste Akte vorhanden. War dieses oder jenes Buch ein Geschenk oder hatte ich es für mich selbst gekauft? Ich selbst lese keine Bücher mehr, sondern verschenke sie nur noch - der alten Zeiten wegen. Der Akteur dieser Transaktionen ist nicht ein einzelnes konkretes Individuum, sondern der Kreditkarteninhaber bzw. -inhaberin. Kreditkarten können von mehreren konkreten Personen geteilt werden. Man kann Freunden und Verwandten einen Gefallen tun. Großmutter besitzt keine eigene Kreditkarte, möchte aber genau dieses eine Buch hier haben. Internetanbieter A legt mir deshalb heute noch Bücher zur Gartengestaltung nahe. Ich wohne in einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern. Ich wohne in dicht verbautem Gebiet in einer fünfzig Quadratmeter großen Wohnung ohne Balkon, in der es, Schimmelpilze ausgenommen, nicht eine Pflanze gibt. Was soll ich mit einem Buch über Gartengestaltung? Jede Transaktion steht für sich, ist immer nur Essenz. Mögliche Anschlusstransaktionen werden mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus der Menge der bisher getätigten Transaktionen aller bisherigen Kunden ermittelt. Das Objekt der ursprünglichen Transaktion beginnt erst im transzendentalen Licht aller möglichen bzw. aller wahrscheinlichen Anschlusstransaktionen zu leuchten. Wie fragil die Interpretation dieser Datenspuren ist, wird spätestens dann sichtbar, wenn man in seinem elektronischen Briefkästchen persönlich verfasste Anfragen und Jobangebote findet, die sich nur leider an begabte Namensvettern richten. Nein, ich bin nicht der Bildhauer gleichen Namens. Ich bin auch nicht jener Systemadministrator. Nein, ich kann nicht Klavier spielen. Sie irren sich, ich besitze keinen Reitstall. Dass Sie sich für meine Fotografien interessieren, ehrt Sie, ich persönlich kann aber beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum Sie Bilder von der Geburtstagsfeier meiner Nichte in Ihrer Zeitschrift veröffentlichen möchten. 2. Retrokitsch Meine Spuren im Internet: das bin nicht ich. Sie verweisen auf strukturell an die Person I. Link gekoppelte Transaktionen. Dieses virtuelle Abbild hat aber nur indirekt mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen und Intentionen zu tun. Man könnte die Datenspuren im Internet als vierte oder fünfte Ohrfeige für die Menschheit verstehen. Die Erde ist nicht das Zentrum des Universums. Der Mensch ist ein überzüchteter Affe. Das Bewusstsein hat kaum Kontrolle über das eigene Denken. Jetzt auch noch das: das eigene Abbild ist uns fremd und unzugänglich. Ich erkenne mich nicht wieder. Ich werde für einen anderen gehalten. Das Bild von mir, das meine Datenspuren von mir zeichnen, das bin nicht ich. Ceci n'est pas moi. Diese Selbstentfremdung kränkt unseren Narzissmus und stellt unsere Selbstgewissheit in Frage. Nichtsdestotrotz erliegen Funktionsträger dieser voreiligen Gleichsetzung von Subjekt und Datenspur. Entscheidungen werden darauf gegründet. Um das Potential dieser Technik angemessen beurteilen zu können, heißt es den humanistischen Retrokitsch beiseite zu schieben. Man muss aufhören mit diesem geistlosen Gequassel von Individualität und Freiheit. Man muss sich verabschieden von der Trennung öffentlich versus privat. Das sind heute bedeutungslose Kategorien, die uns nirgendwo hinführen, die keinerlei Erklärungswert besitzen und das Verständnis für die Besonderheiten der heutigen Zeit eher behindern denn fördern. 3. Manischer Futurismus Die meisten Analysen der Entwicklungspotentiale gegenwärtiger Technologien bleiben der Idee vom Menschen als handlungstragender Instanz verbunden. Maschinen werden als prothetische Erweiterungen des gebrechlichen Menschenkörpers gehandelt. Ich denke, also bin ich. Ich, der Mensch, denke die Maschine. Ich handle, wobei ich mich der Maschinen bediene, um das von mir formulierte Ziel zu erreichen, eine von mir formulierte Vorstellung in die Tat umzusetzen. Die Maschine bleibt in dieser Denkweise Mittel zum Zweck. Diese Ideologie der menschlichen Willensfreiheit wurde in den vergangenen Jahren durch die Omnipräsenz der Computer stetig ausgehöhlt. Intelligente, d.h. nicht-triviale, nicht bloß einfache Input-Output-Relationen abbildende Computerprogramme mit historischem Bewusstsein verleihen den Maschinen ein Eigenleben, das sie zu Mitspielern werden lassen. Ihre Handlungen folgen der in ihrem quasi-genetischen Code festgeschriebenen Maschinenlogik. Mit der Reproduktion haben sie noch Probleme, doch gibt es auch andere Lebensformen, die dazu auf Wirtstiere angewiesen sind. Mensch, Maschine, Gesellschaft: Die Entwicklung der Computertechnik sowie ihrer Vernetzung verändert das Verhältnis vom Individuum zum Kollektiv, vom Einzelnen zur Gesellschaft. Die Bedenken gegenüber der Datenerfassung, das Zurückscheuen vor dem Auflösen des bürgerlichen Subjekts in den global vernetzten Datenspeichern spiegeln die aus einer für das bourgoise Milieu typischen Analfixierung erwachsenden Angst vor Kontrollverlust wider - die Unfähigkeit, festlegen zu können, was ich bin, was meine Vorlieben sind, was ich getan habe, welches meine wahrscheinlichsten Anschlusstransaktionen sein werden. Letztlich spricht hier nichts als die Angst, das Bett vollzuscheißen - mitten in der Nacht, während die anderen noch schlafen, wenn einem nichts anderes zu tun übrig bleibt, als bewegungslos in der eigenen Kacke liegen zu bleiben, um die anderen, die Mutter, den Vater, den großen Bruder, nicht voreilig auf sein Missgeschick aufmerksam zu machen. Der Morgen graut, dann ist nichts mehr zu retten. Bis dahin bewahrt man sich sein Würde. 4. Schluss mit lustig - oder: die Entäußerung des Menschen Der zeitgenössische Mensch muss lernen, los zu lassen, die Schleusen des Anus zu öffnen, ES fließen zu lassen. Fäkalien im Fraktal. Das Joch der binären Logik. Das duale Denken durch einen dritten, vierten und fünften Kot (sic!) erweitern. C'est la faute de Déscartes. Wir müssen aufhören, die Zukunft als ein Bisschen-Mehr-Vom-Heute zu denken, von der heutigen Situation ausgehend das zukünftige Sein zu extrapolieren. Das hieße, die Radikalität der vorhandenen Technologien zu verkennen - Technologien, die jetzt erst dazu ansetzen, aus den Falten der Eventualität hervorzukriechen und ihre Glieder gen Himmel zu strecken. Hier und jetzt stehen nicht weniger als über Jahrtausende hinweg tradierte Kulturtechniken auf dem Spiel. Hier und jetzt wird nichts Geringeres als die Grundpfeiler der Logik selbst in Frage gestellt. Wenn A wahr, dann nicht falsch. Wenn B falsch, dann nicht wahr. C ist disjunkt von D, D ist nicht ident mit C. Alle E sind F; G ist ein E; es folgt, G ist ein F. Schluss damit! Aus! Dieser Gedankenschrott interessiert nicht mehr. Es geht um die Zukunft, um die Enthemmung des ICH. Der Verlust des SELBST in den verteilten Datenspeichern ist eine unumgängliche Begleiterscheinung. Man muss den Menschen in diesen größeren Dimensionen neu finden oder auch erfinden. Wir arbeiten alle an ein und demselben Algorithmus, ziehen alle an einem großen DNA-Strang. Ein jeder Algorithmus ist sich selbst am nächsten, ein Algorithmus kennt nur sich selbst. Die klassische Zweiteilung in res cogita und res extensa ist passé. Für immer!
Die zweiwertige Logik ist des Mistkübels. Im virtuellen Raum denkt die Materie, der Stoff aus dem die Welt ist, und das menschliche Bewusstsein ist ihr Spielball. Wir sind Aufmerksamkeit selektierende Neuronen im blitzlichtgewitternden Äther. C'est la faute de Déscartes. Was Heerscharren von un-, unter- und überbezahlten Philosophen seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts fordern, die Auf- oder Ablösung der Dichotomie von an-sich und für-sich: nun verfügen wir endlich über die technischen Mittel, genau das Realität werden zu lassen. Das Ende der Evolution <INDEXTERM><PRIMARY> Evolution </PRIMARY> <SEEALSO>
|
|||||