Vom Verlust der Hoffnung
Twister (Bettina Winsemann) 14.09.2006
Der erste Kurzgeschichtenwettbewerb zum Thema Bürgerrechte hat
einmal mehr gezeigt: positive Stimmung findet sich wenig. Kein Wunder,
wenn man die fast täglich erscheinenden Nachrichten liest
Es war wenig Platz für Hoffnung in den mehr als 80 eingesandten
Geschichten und Essays, die zum Thema "Schreibrecht" eingesandt
wurden. Zwar gab es die Besinnung auf das Menschliche wie in der Geschichte
Das nichtzertifizierte Kind oder offen bleibende
Entscheidungen für oder gegen totale Überwachung in Deus ex
machina, doch in den eingesandten Texten fanden sich wenige Visionen
einer Welt, in der die allgegenwärtige Überwachung eben nicht
Wahrheit geworden war. Keine Abkehr zu mehr Bürgerrechten fand statt,
keine Besinnung auf Datensparsamkeit oder dem Verzicht auf die mögliche
Vernetzung vieler Daten. Die Menschen agieren in Welten, in denen sie
bereits zu Nummern wurden, in denen ihre Daten zusammengefasst, analysiert
und bewertet werden. Selbst das Verfassen von Texten oder auch das Gedächtnis selbst unterliegen Patenten
und Lizenzabkommen und werden somit kommerzialisiert und kontrolliert.
Persönlichkeit ist nur gegen Geld möglich.
Diese negative Stimmung ist verständlich, wenn man
die Nachrichten verfolgt. Kaum wird beispielsweise eine kritisierte Weitergabe
von Flugpassagierdaten durch den Europäischen Gerichtshof wegen einer
fehlenden Rechtsgrundlage als unzulässig erklärt, wird nicht etwa über
die Weitergabe an sich, sondern über die schnellstmögliche Schaffung dieser Rechtsgrundlage
nachgedacht und verhandelt. Einzelne Abgeordnete klammern sich hierbei
an den zerbrechlichen Strohhalm der Zweckbindung, welcher sich schon bei
der Kontenabfrage oder der LKW-Maut als trügerischer Retter
entpuppte. Insgesamt jedoch zeigt sich ein kaum stillbarer Datenhunger
seitens Regierungen und Konzernen, dem kaum Einholt geboten wird. Quantität
statt Qualität lautet die Devise beim Datensammeln und die Befürchtungen
der Bürgerrechtler werden weiterhin als paranoid angesehen, obgleich
sie oft genug mit genug Argumenten und Beispielen versehen werden um verständlich
zu sein. Auch bei den einzelnen Personen scheint ein Umdenken nur durch
einen schweren Schicksalsschlag, wenn überhaupt, möglich zu
sein. Wenig bis gar keine Ansätze fanden sich, die allgegenwärtige
Überwachung noch zu verhindern, die Kurzgeschichten setzten somit
lediglich fort, was die von der Vorjury weniger beachteten Essays konstatierten.
Die Stimmung scheint auch von Resignation und Depression gekennzeichnet
zu sein.
Die Gewinner des Wettberwerbs
Bei den Telepolis-Lesern stieß Das nichtzertifizierte Kind von Uwe Protsch
mit seiner Rückkehr zur Menschlichkeit auf Zuspruch und ließ
die anderen Geschichten in der Wählergunst weit abgeschlagen hinter
sich zurück. Die Geschichte um das Kind, welches wegen der Nichtzertifizierung
nicht in eine Schule wird gehen können und durch seine offene Art
den Protagonisten zu Tränen rührt, scheint einen Nerv getroffen
zu haben.
Vorige Tage hab
ich die Drei mal wieder besucht. Und wie ich so die kleine Katrin gesehen
hab, wie sie da so im Garten rumsprang, so, ja ich weiß auch nicht,
so mit sich im Reinen und noch gar nichts von der Welt und dem ganzen
Mist mitkriegen, da hätte ich echt fast geweint, ehrlich. Und auf
einmal steht das Kind direkt vor mir, es hat ja keinen Kommunikator, mit
dem es einen Kontaktwunsch abgeben könnte, und das ist man ja nicht
mehr gewohnt, dass man ohne vorherigen Kontaktwunsch angesprochen wird,
ich hab mich richtig ein bisschen erschreckt. Und dann guckt sie mich
so von schräg unten an, sagt zu mir "Du bist lieb" und
drückt mir einen Blumenstrauß aus richtigen Blumen in die Hand.
Ohne Vorankündigung, einfach so. Ja, und was soll ich sagen, da hab
ich wirklich geweint.
Bei der Prominentenjury dagegen fand die Geschichte über
die Zukunft des Geschichteschreibens den meisten Zuspruch. Copyright oder die Abenteuer des Thomas C. Hunter
von Silke Gustedt siegte hier und zeigte auf, was möglich ist, wenn
nicht nur Worte immer mehr patentiert werden.
Eine Nacherzählung
wahrer Begebenheiten wie die hier vorgelegte darf aus nicht mehr als 20.000
Zeichen bestehen. Ein nach (2*** -1) entstandener Text, der von einem
AAGM (Artist with Artificial Genetic Mutation) verfasst und länger
ist (Ausnahme: Gesetzestexte) gilt als erfunden oder ausgedacht, und unterliegt
der "Lex Genima" . Deshalb musste die Erzählung relativ
abrupt enden. Bei vergleichbaren Texten zweifelte die Genima Corporation
an, dass der Text tatsächlich eine wahre Begebenheit nacherzähle,
und behauptete, er enthalte eine versteckte Fiktion; der oder die AAGM
wolle nur das Urheberrecht umgehen.
Der Kurzgeschichtenwettbewerb zeigte, dass viele Menschen
ihre Sorgen bezüglich der zunehmenden Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten
in Worte kleiden möchten, weitere, ähnliche Wettbewerbe, die
auch Musik und Video miteinbeziehen, würden sicherlich zu einem stärkeren
Zuspruch führen. Gezeigt hat sich beim Wettbewerb aber auch, dass
das Interesse an Datenschutzveranstaltungen oder -wettbewerben (abgesehen
von den seit Jahren etablierten Big Brother Awards) bei den Medien gering
ist. Obgleich mit Nosliw und Kosho von den Söhnen Mannheims zwei
in Deutschland bekannte Musiker zur Jury gehörten, blieb der Wettbewerb
weitgehend lediglich durch die "üblichen verdächtigen Kanäle"
beworben. Sollten weitere Wettbewerbe ausgerichtet werden, wird die Öffentlichkeitsarbeit
noch ein sehr wichtiger Punkt sein, den es zu verbessern gilt. Alles in
allem jedoch können sich die Veranstalter zufrieden zeigen. "Schreibrecht"
hat nicht zuletzt auch gezeigt, dass "Nichts zu verbergen" ein
Mantra ist, das nicht mehr kritiklos geschluckt, sondern kritisch hinterfragt
wird und Anlass zur Sorge bietet. Doch Hoffnung, ein Konzept oder auch
nur eine die offenbar gleichgültige Mehrheit überzeugende Begründung,
um den aktuellen Trend zu mehr Überwachung, mehr Patentierung, zur
Monopolisierung der Information(sweitergabe) zu stoppen oder nur zu verlangsamen,
fehlen. Manch einer sieht in den neu gegründeten Piratenparteien
ein solches Konzept.
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Stop1984 und Telepolis bedanken sich bei
allen, die am Wettbewerb als Autor und in Form der Abstimmung teilgenommen
und damit auch demonstriert haben, dass sie sich Gedanken über
einen gefährlichen Trend machen, der nicht erst seit dem 11.9.,
aber zumindest seitdem wie ein Sog zu sein scheint und Sicherheit
über Freiheit und Schutz der Privatsphäre setzt. Sicherheitspolitiker
und –experten, die derzeit auch von den Terroristen erzeugten
Rückenwind haben, nutzen alles aus, was sich bietet, um neue
Maßnahmen durchzusetzen. Sie scheinen zu vergessen oder bewusst
außer Acht zu lassen, dass der Zustand eines demokratischen
Rechtsstaats keineswegs auf ewig gesichert ist. Gerade in Deutschland,
wo man nach dem Faschismus und nach der DDR weiß, dass Demokratien
schnell in Diktaturen münden und in Überwachungsstaaten
umkippen könnten, sollte größere Behutsamkeit vor
der Einführung von Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich
sein. Einmal vorhanden und eingerichtet würden sie heute, wenn
die gesetzlichen Beschränkungen weiter fallen, einen bislang
nur als Science Fiction Albtraum vorstellbaren Kontrollstaat ermöglichen.
Einen solchen zu verhindern oder zumindest
vor ihm nachdrücklich zu warnen, haben sich die Bürgerrechtsorganisationen
zur Aufgabe gemacht, die den Wettbewerb unterstützt haben:
Deutsche Vereinigung für Datenschutz
e.V. (DVD)
Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung
(FIfF)
Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten
Datenverkehrs e.V. (FoeBud)
Der Große Bruder
Humanistische Union
Chaos Computer Club
Ihnen möchten wir ebenso danken wie
Dr. Thilo Weichert, der Datenschutzbeauftrager von Schleswig-Holsein,
der sich als Schirmherr des Wettbewerbs zur Verfügung gestellt
hat. Preise in Wettbewerben gewinnen ihre Bedeutung nicht nur durch
Veranstalter und Träger, sondern vor allem durch die Juroren.
Wir haben uns sehr gefreut, mit Dr. Burkhard Hirsch, Dr. Rolf Gössner,
Christiane Schulzki-Haddouti, Michael Kosho, Nosliw und Götz
Wiedenroth eine in Sachen Datenschutz und Bürgerrechte prominente
und "lautstarke" Jury gefunden zu haben und möchten
uns nachdrücklich für das Mitwirken bedanken. Und Dank
gilt seitens Telepolis auch für Twister aka Bettina Winsemann,
die mit der Idee an Telepolis herangetreten ist, sich von manchen
Zähigkeiten bei der Umsetzung nicht hat abschrecken lassen
und den Großteil der Arbeit geleistet hat.
Bedanken möchten wir uns auch bei den
Veranstaltern von Wizards-of-OS, besonders bei Volker Grassmuck,
um dort am Samstag, den 16. September, um 20 Uhr in der Columbia Halle
vor der Abendveranstaltung "Brazil, the Free Culture Nation"
die Preisverleihung vornehmen zu dürfen. Eine freie Gesellschaft
braucht freie Programme und eine freie Kultur, wozu bei aller Offenheit
und Transparenz auch die Stärkung der Bürgerrechte und
des Datenschutzes gehören.
Florian Rötzer
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