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Bio-Nostalgie

Sascha Dickel 20.11.2006

1. Akt: Imagination und Repetition

5677: Ich will ihren Körper besitzen. Das ist mir klar. Seit 4 Tagen, 4 Stunden, 46 Minuten, 5 Stunden, 12 Minuten und 57 Sekunden. Sie hat sich in mich eingebrannt. Es geschah zum Zeitpunkt des Global-Age-Commercials. Eigentlich eine Zeit, in der ich meine Empfänglichkeit für Suggestionen bewusst herunterfahre. Ich frage mich, warum das nichts gebracht hat. Es war nur ein billiger Werbefilm ohne taktile Elemente. Das machte den Film ätzend künstlich. Und es torpedierte sein Versprechen eines subtropischen Urlaubs. Wer keinen anständigen Werbefilm auf die Beine stellen kann, kann auch keinen guten Urlaubstrip anbieten. So viel ist sicher. Vor der artifiziellen Illusion eines weißen Sandstrandes sah man eine Frau. Ihr Körper tanzte zu einer einlullenden Sun-Trash-Symphonie. Sie tanzt dort immer noch. Denn seit 4 Tagen, 4 Stunden, 46 Minuten, 5 Stunden, 12 Minuten und 57 Sekunden lasse ich den Film auf Dauer-Repeat laufen. Augen auf. Jetzt kommt Wiederholung 5678. Das Meeresrauschen setzt ein und dann ist da gar nichts mehr um mich herum. Ich tauche wieder ein und sehe ihren Körper tanzen. Ich erfasse jede Bewegung.

5789: Ich sitze in der Crystal Lounge. Das ist eine Bar für die obere Klasse unserer klassenlosen Gesellschaft. Alle, die mehr als 10 Terrablocks Speicher ihr Eigen nennen, sind hier unter sich. Und ich gehöre seit ein paar Monaten zu ihnen. Eigentlich war es Glück. Eine gangbare Lösung für einen komplexen Terraforming-Algorithmus und schon küssen sie dir die Füße. Teilen dir dreimal mehr Crunch zu, als du es dir jemals erträumt hast. Laden dich zu ihren Parties ein. Wollen deine Geschichte hören. Plötzlich bist du ein angesehenes Element einer intellektuellen Elite. Man klinkt sich ein. Man lauscht ihren verrückten Plänen zum Dyson-Sphere-Design und zur Planetenkompression. Man lacht über ihre Witze. Dann geht man nach Hause. Fährt sich runter. Relaxt. Hat genug synthetischen Alkohol intus um beinahe zu schlafen. Als ob Schlafen wirklich noch möglich wäre. Als ob wir nicht immer hellwach wären.

Vor mir sitzt Marten. Er ist einer, der schon von Anfang an dabei war. Er ist Ende 70 und hat die Alte Welt gesehen. Die Welt, wie sie war, bevor die dritte industrielle Revolution richtig in Fahrt gekommen ist. Bevor es zum SHIFT kam. Er bemerkt, dass ich nicht bei der Sache bin. Er will wissen, ob ich bei dem Experiment mitmischen will. Ich hab keine Ahnung wovon er redet. Lasse mir nichts anmerken. Ich werde mir einfach die Aufzeichnung ansehen. Ich sage erst mal zu. Man muss ja mitspielen. Dann noch ein Drink. Die ganze Zeit schaue ich mir den Werbefilm an. Er merkt es nicht. Martin redet weiter vom Geschäft. Ich beobachte ihren Körper und lausche der Symphonie. Ihre Füße wirbeln den Sand auf.

5796: Zuhause. Ich spule zurück und schaue mir das Gespräch mit Marten noch einmal an. Es geht um Real-Life-Design. Das hat mich nie besonders interessiert. Ein anachronistisches Spiel für Bio-Nostalgiker. Es passt zu Marten. Es passt natürlich nicht zu mir. Ich bin ein Kind der Neuen Welt. In ihr bin ich geboren und in ihr werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann sterben. Kosmische Katastrophen passieren schließlich häufiger als die ganzen Immortalisten glauben wollen. Die hoffen tatsächlich, das Ende des Universums noch miterleben - oder aufhalten - zu können. Ich werde trotzdem bei Martens Spielchen mitmachen. Er hat meiner Karriere genau die Portion Vitamin B-Push gegeben, den wahrscheinlich jeder braucht, der auch nur in die "1-Terrablock-Liga" aufsteigen will. Die grundsätzlich sozialen Regeln haben sich als evolutionär stabil erwiesen. Trotz aller Veränderung. Trotz des SHIFTs. Auch wenn sich sonst alles verändert hat. Man könnte fast zynisch werden. Natürlich nur wenn man seine Emotions-Regulation hackt.

Die Neue Welt ist ein Tollhaus. Manchmal fällt es mir schwer, alles richtig zu ordnen. Seit die Unterscheidung von Realität und Fiktion keine Relevanz mehr hat und zu einem Treppenwitz der Bio-Nostalgiker degradiert wurde, ist es nicht leicht, den überblick zu behalten. Einige schaffen es nicht und werden wahnsinnig. Das ist normalerweise kein Problem. Man stellt sie eine Weile ruhig. Bei der "1-Terrablock-Liga" kann es jedoch gefährlich werden. Die können ganz schnell Amok laufen und einen Crash nach dem anderen erzeugen. Die 10er-Liga, in der ich jetzt bin, steht deshalb unter permanenter Supervision. Das muss so sein. Wir haben Space bis zum Abwinken und können damit jeden Tag Gott spielen. Gestern habe ich einen neuen Planeten programmiert. Mein Speicher wurde davon nicht einmal angekratzt. Ich hätte aber auch ebenso gut einen Virus erschaffen können, der sich durch die Gehirne meiner Kollegen frisst. Einfach so.

5799: Manchmal kommen die besten Gedanken ganz plötzlich. Entgegen der Kassandra-Rufe der Prä-SHIFT-Ära gibt es in der Neuen Welt mehr Kreativität, Spontanität und Intuition als je zuvor. Dafür haben Leute wie Marten gesorgt. Ich öffne ein Link zu ihm. Würden die alten Regeln der Kommunikation noch gelten, hätte unser Gespräch nun viele Tage oder sogar Wochen benötigt. Ich aber öffne eine Exchange-Box und dann geht es los. Er erklärt mir alles, was es über die theoretischen Grundlagen von Real-Life-Design zu wissen gibt. Ich breite meine Ideen zur technischen Umsetzung vor ihm aus. Nach ein paar Sekunden wissen wir: Der Deal steht. Jetzt muss ich nur noch meine Tänzerin finden und sie überzeugen, ein paar Gesetze zu brechen. Für unser Vorhaben bekommt man 3 Jahre Mirror-Exil. Das will ich ihr und mir natürlich ersparen.

5897: Diesmal kein Multitasking. Ich konzentriere mich nur auf die Frau. Sie tanzt auf dem weißen Sandstrand. Ich lausche der Sun-Trash-Symphonie. Ich beobachte jede ihrer Bewegungen. Ich will sie immer noch. Ich weiß jetzt auch wie ich sie will. Die Idee ist völlig verrückt. Ich weiß das sehr wohl. Deshalb muss ich meine Supervisoren immer wieder auf falsche Fährten locken. Ich habe meine Wünsche in einem Labyrinth aus Scheinträumen versteckt und lasse sie in Sackgassen rennen. Sie wittern trotzdem etwas. Ich weiß das, weil ich einen von ihnen gehackt habe. Das ist natürlich illegal, aber jeder in der 10er-Liga macht es - mehr oder weniger geschickt. Auf die Co-Evolution von Sicherheitsmechanismen und Hackerfinessen ist weiterhin verlass. Das alte Hase-und-Igel-Spiel ging deshalb auch nach dem SHIFT genauso weiter wie bisher. Ich beherrsche das Spiel und habe bald nicht nur alle Supervisoren abgelenkt, sondern auch die Identität der Frau in Erfahrung gebracht. Ich öffne den Link. Meine Synapsen tanzen. Gleich werde ich ihre sensorische Visitenkarte haben.

Sie sieht genauso aus wie in dem Film. Auch ihr Geruch ist der Gleiche. Und weil das kein billiger Werbefilm ist, kann ich sie endlich spüren. Früher hätte man gesagt, das wäre eben der Unterschied zwischen Realität und Virtualität. Heute sagt man das nicht mehr. Heute differenziert man die Qualität der sensorischen Impression auf einer nach oben offenen Skala. Die lässt sich in Speicherblocks messen. Aber ich will etwas, was sich nicht in Speicherblocks messen will. Trotzdem ficken wir erst mal. Sie sagt mir, dass sie Jezz heißt. Danach erkläre ich ihr meinen Plan. Sie sagt, ich sei wahnsinnig. Ich stimme zu. Wir lachen. Dann ist klar, dass sie mitmacht. Ich hatte also Recht. Sie ist genauso neugierig wie ich. Wir wollen aus diesem Körper ausbrechen. Wir wollen es zusammen tun.

5932: Sie haben mir einen unsichtbaren Supervisor untergeschoben. Ich Idiot habe es nicht gemerkt, weil ich immer noch nicht davon ablassen kann, einen Teil meines Aufmerksamkeitsbudgets auf den Werbefilm zu richten und dazu noch unseren letzten Fick in einer Endlosschleife nebenher mitlaufen lasse. Das Biest hat mich gescannt und eine Kopie von mir erzeugt. Die haben sie völlig auseinandergenommen und schließlich meinen Plan rekonstruiert. Jetzt ist Verstecken angesagt. Das ist schwierig, weil es in der Neuen Welt eigentlich keinen Raum mehr gibt. Jeder ist potentiell überall. Entfernung ist ein aussterbender Begriff. Deshalb muss man seine Datenstrukturen verändern, seine Identität soweit zerfasern lassen, dass man gerade noch die Illusion eines Ich hat, und eine Permutation nach der anderen starten. Wir nennen das "Auf Tauchstation gehen".

5937: Auf Tauchstation ist es langweilig. Ich lenke mich mit Geschichte ab (was ungewöhnlich ist - werde ich nostalgisch?). 2044 war es endlich soweit. Die Welt der Netze hat über die Welt des Fleisches gesiegt. Die zunehmende Konvergenz der Nano-, Bio-, Info- und Neurotechnologie hat die Alte Welt zusammenbrechen lassen. 2018 kamen die ersten permanenten Brainchips für Gesunde auf den Markt. Diese Hirnimplantate hatte man früher nur Menschen mit neuronalen Schäden eingepflanzt. Doch nun hatten sie einen ganz anderen Zweck. Sie steigerten die kognitiven Fähigkeiten des Menschen um ein vielfaches. Man dachte schneller, zielorientierter und klarer. Vergessen sollte bald der Vergangenheit angehören. Vor allem war man ab jetzt immer online. Es wurden ständig Daten rauf- und runtergeladen. Die Chips hatten 2021 bereits die 100fache Speicherkapazität eines normalen PCs der Jahrtausendwende. Sie manageten den Datentransfer fast autonom. Man gab nur grobe Richtlinien. Mit der zunehmenden Angleichung der Chips an die organischen Strukturen des Gehirns und der ständigen Anpassung des Gehirns an die Implantate, brach die Differenz zwischen beiden Teilen schließlich vollständig zusammen. Selbst unsere DNA haben wir auf diese Symbiose hin optimiert.

Die Grenze von Körper und Umwelt wurde irrelevant. Unsere Häuser, Autos und Werkzeuge wurden ein Teil von uns und wir wurden ein Teil von ihnen. Unser hybrides Mensch-Maschine-Gehirn stand in dauerndem Kontakt zu all unseren Besitztümern. Man konnte mit einem Gedanken den Arm bewegen, um einen Knopf zu drücken, der ein Garagentor öffnet. Man konnte aber auch das Tor direkt mit einem Gedankenimpuls öffnen, ohne den Umweg von Arm und Knopfdruck. Warum sollte man dann das Garagentor nicht als Teil des eigenen Körpers empfinden? Arm oder Garagentor: Beides sind Instrumente, die der Kontrolle unterliegen. Instrumente sind austauschbar. Was zählt ist ihre Funktion.

So weit war es schon in den 30ern. In den 40ern kam der SHIFT. Die biologischen Körper wurden nun immer mehr zu einem lästigen Anachronismus. Alle Operationen des Alltags ließen sich effizienter und befriedigender ohne den Leib ausführen. Trotzdem war die Illusion des Ich immer noch an ihn gebunden. An seine Schwerfälligkeiten, seine Anfälligkeiten, seine Krankheiten, seine Bedürfnisse. Aber nichts davon machte mehr Sinn. Die Menschheit entschied sich also folgerichtig ihre nutzlos geworden Körper zu verlassen und sich ganz ihrer neugewonnen Freiheit hinzugeben. Wir wurden zu Datenstrukturen in einer exponentiell expandierenden Welt der Informationsströme. Die Welt des Netzes war ohnehin bereits in den 30ern reichhaltiger als die "natürliche" Welt. Sie hatte mehr Kontinente, mehr Städte, mehr Tier- und Pflanzenarten und mehr Bücher als die Alte Welt jemals hätte fassen können. Nie zuvor gab es eine solche Fülle und einen solchen Überfluss. Wir ließen nicht viel zurück. Und kurz nach dem SHIFT wurde ohnehin die gesamte Erde gescannt und stand von nun an zu unserer freien Verfügung - als Wohnsitz, Urlaubsort oder Erkundungsraum. Heute kommen jeden Tag über 1000 Planeten dazu. Wir schreiben das Jahr 2072.

5938: Der Plan war einfach. Marten hatte vor ein paar Minuten eine neue Technik des Real-Life-Designs entwickelt, welche die Erschaffung komplexer organischer Strukturen möglich machte. Kaum jemand beschäftigte sich mit diesem Zeug. Echte organische Strukturen? Die echte Erde? Wieso? Wir hatten schließlich eine virtuelle Erde, die viel reichhaltiger war als das, was man vor dem SHIFT mit dem hoffnungslos bio-nostalgischem Terminus "Mutter Natur" bezeichnet hatte. Nur diejenigen, die - wie Marten - die Alte Welt aus dem eigenen Erleben kannten, die also selbst einmal organisch gewesen waren, besuchen und bewahren die ursprüngliche Erde. Alle anderen leben heute vollständig in der Neuen Welt des Netzes. Sie denken nicht mehr in den Kategorien von virtuell und real. Diese Begriffe sind schon fast nicht mehr bekannt. Die Wirklichkeit ist das Netz. Eben deshalb wird auch gar nicht mehr von "dem Netz" gesprochen. Man reist eben durch das All, besucht fantastische Städte, erschafft Planeten, sichert sich Space und geht in der Regel mehreren Berufen und Freizeitaktivitäten zugleich nach. All das geschieht in einer Welt, die in vielerlei Hinsicht realer ist, als die sogenannte "Realität". Wir haben mehr Farben, mehr Töne, mehr Gerüche. Wir haben mehr.

Wir denken tausendmal schneller als die Menschen der Alten Welt. Lebenserwartung ist für uns ein Begriff ohne Inhalt. Ein Ende der Beschleunigung ist nicht in Sicht. Die Vergangenheit ist gegenstandslos. Geschichte ist bedeutungslos. Alles Handeln richtet sich ständig auf die Zukunft. Vergangenes ist ohnehin schnell und selektiv abrufbar, da das ganze Leben permanent aufgezeichnet wird. Manche verkaufen Fragmente ihres Lebens für mehr Space. Space - Speicherplatz im Netz - ist die einzige Währung unserer Zeit. Das Netz wächst zwar exponentiell, aber unsere Wünsche und Pläne wachsen schneller. Jezz hatte nie viel Space. Sie verkaufte ihre Erlebnisreisen an Werbefirmen. So ist auch der Film entstanden, den ich mir jetzt zum 5938. Mal ansehe. Ich habe Space im Überfluss und unser Plan ist nicht sehr aufwendig. Wir wollen nur - für kurze Zeit - Menschen der Alten Welt werden. Organische Menschen.

2. Akt: Konspiration und Evolution

5943: Ich habe eine Kopie von mir gemacht, die meine Supervisoren für die nächste halbe Stunde beschäftigen soll. Warum ist es nur verboten ein Mensch der alten Machart zu werden? Die Idee ist die folgende: Marten und ich erschaffen uns organische Körper auf der ursprünglichen Erde. Danach downloaden wir uns in sie hinein. Wir werden fühlen, was ein organischer Körper fühlt. Wir werden Real-Life. Diese Erfahrung möchte ich haben. Das ist der Grund meiner Begierde nach Jezz. Ich werde nostalgisch. Ich möchte ihren wahren Körper spüren. Natürlich wird es eine Kopie sein - aber immerhin eine biologische Kopie. Biologie ist unkontrollierbar. Das bedeutet, dass es nicht perfekt sein wird. Es wird schmutzig und dreckig. Es könnten Fehler passieren. Das ist der Reiz. Die Lust auf die Tücken des Fleisches. Ich hatte mit Jezz in unserer ersten und bisher einzigen Nacht eben jenen Hochglanzfick, den man heute immer und überall hat, und den alle sich zu geben bereit sind. Weil es kein Risiko mehr gibt. Und es ist immer perfekt. Wenn die Perfektion ausgeschöpft ist, bleibt als einzige Steigerung das Risiko des Scheiterns übrig. Jenseits der Perfektion warten die Verlockungen des Unvollkommenen.

5951: Ich rase durch die Mall von New Bremen. Die Häuser sind so hoch wie Berge, die Straße ist kilometerlang und überall fliegen blutrote AeroCars. Sie sind das einzig legitime Fortbewegungsmittel in diesem Sektor. Ich habe versucht den Code des Sektors zu knacken und mich in einen Düsenjet zu verwandeln. Doch die Sicherheitssperren haben mir sofort mit Elektroschocks geantwortet. Ein paar Kilometer hinter mir kann ich meine Supervisoren sehen. Sie jagen mich.

Supervisoren sind eigentlich keine Menschen, keine Individuen. Sie sind natürlich immer noch intelligenter als alle Menschen, die vor dem SHIFT gelebt haben, aber wesentlich beschränkter als diese und im Vergleich zu den heutigen Menschen ungemein begrenzt. Sie sind Actors, Programmstrukturen, die für eine spezifische Funktion geschaffen wurden, und keine weiteren Ziele haben, als diese eine Aufgabe effizient zu erfüllen. Sie sind die Sklaven Utopias. Und sie lieben es. Alle Actors eines Typs bekommen regelmäßig ein kollektives Update. Deshalb sind alle gleich gut. Sie sind perfekt und austauschbar. Sie erledigen all jene Dienste, die einen Menschen nie befriedigen könnten. Sie sind Verkäufer, Verwaltungsbeamte, Wartungsspezialisten. Einige sind Supervisoren: Therapeuten und Polizisten in Personalunion.

Menschen machen heute keine Routinejobs mehr. Wir sind alle Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler. So hätte man das früher genannt. Heute gibt es diese Bezeichnungen nicht mehr, da die Differenzen zwischen diesen Berufsklassen nicht mehr existieren. Leider sind wir in vielen Dingen nicht so gut wie ein hochspezialisierter Actor. Zum Beispiel bei Verfolgungsjagden. Sie haben mich fast. Dann sehe ich den Exit. Ich wechsele den Sektor und stehe mitten im All. Hier sind die Regeln flexibler. Ich locke sie in ein Planetensystem, was ich selbst designt habe und lasse einen Asteroidenschwarm auf sie zujagen. Es sind noch nicht alle verreckt. Ich werfe eine Sonne auf die Überlebenden. Finito.

5953: Ich habe die letzten Minuten genutzt, um mir alles verfügbare Wissen über Supervisoren zugänglich zu machen, eine bisher unbekannte Programmiersprache zu entwickeln, darin einen Virus zu schreiben, diesen eine künstliche Evolution mit dem Faktor 30.000.000 durchlaufen zu lassen und ihn auf alle Supervisoren, die man auf mich angesetzt hat, zu hetzen. Das sollte eigentlich reichen. Doch bisher habe ich meine Wächter immer wieder unterschätzt.

5962: Treffen mit Marten und Jezz in einer Kopie der Crystal Lounge. Wir sprechen alles durch. Und das ist der Plan: Marten erschafft unsere Körper, ich mache den Download und Jezz passt auf, dass alles ohne die Supervisoren abläuft. Sie beherrscht alle Arten der Verschleierung (warum eigentlich?). Niemand kann uns finden. Die Kopie der Bar ist ein Sektor von Jezz, der wie eine russische Puppe strukturiert ist. Scheinsektoren (eine Wüste), verbergen Scheinsektoren (ein Datenfriedhof), die Scheinsektoren (ein Hydro-Kunst-Labor) verbergen. Erst nach Hunderten von Illusionen stößt man zur Wahrheit vor. Hinter unzähligen Schleiern liegt die Lounge. Und unter ihr liegt unser Labor. Gleich geht es los.

Der Transfer ins Real-Life ist streng verboten. Dieses Gesetz wurde noch in den Jahren vor dem SHIFT verabschiedet. Der Transfer sollte komplett sein. Keiner sollte zurück gelassen werden. Sie sagten, dass man die Entstehung einer Zweiklassengesellschaft verhindern wollte. Später hieß es, dass das Nervensystem eines organischen Lebewesens die Fülle unserer kognitiven Kapazitäten nicht ansatzweise ertragen könne. Die Folge wäre Wahnsinn oder Tod. Marten hält das für Schwachsinn. Er erklärt uns, wie man einen Teil seiner mentalen Operationen runterfahren kann um eine maximale Kompatibilität zu erreichen. Jezz nippt an ihrem Kaffee. Sie hat Angst. Aber sie wünscht es sich auch. Ich habe sie dazu gebracht. Hatte mir alle verfügbaren Rhetorik-Ratgeber zugleich reingezogen. Das hat sich ausgezahlt. Für den Sex brauchte ich sie nicht erst überzeugen. Für alles weitere schon. Jetzt glaubt sie, dass das Ganze schon immer ihr Wunsch war. Das Körperlich-Sein. Marten lächelt. Er sagt: "Was für eine Ironie. Wir können jeden Leib haben, den wir wollen. Wir können uns beliebig modifizieren. Trotzdem giert etwas in uns nach einem Körper, dem wir ausgeliefert sind." Wir lachen, obwohl es kein Scherz war.

5964: Ich schaue mir die Erde durch ein Holo-Fenster an. Wir haben den Dreck der Zivilisation in den letzten Jahren vollständig beseitigt. Jetzt ist die Erde wieder unberührt und jungfräulich. Strahlend blaue Ozeane. Endlose Regenwälder, dampfend vor Hitze. Alles atmet und bebt. Die Evolution läuft hier noch im langsamen und gnadenlosen Takt der Biologie ab. Alles tanzt einen Zeitlupen-Walzer bei dem es um Leben und Tod geht. Fast alle Mutationen sind Sackgassen. Ein majestätisch-schreckliches Trial-and-Error-Verfahren.

Wir waren diesem Reigen auch einmal ausgeliefert. Jetzt sind wir die Evolution. Und wir machen keine Fehler mehr. Es geht nur noch um verschiedene Grade der Perfektion. Und die Maßstäbe dessen, was möglich ist, verdoppeln sich jede Woche. Das Leben ist eine Achterbahn geworden, die nur noch aufwärts fährt und sich dabei immer mehr beschleunigt. Jede Utopie der Menschheit ist in den letzten Jahren verwirklicht worden. Für jede Traumwelt gibt es eine eigene Stadt, einen eigenen Planeten, ein eigenes Sternensystem. Trotzdem ergreift es mich, die wahre Erde zu sehen. Bald werde ich dort sein. Bald werde ich einen Körper haben. Er wird Martens Produkt sein. Er wird ein Stück Design ein (so wie heute alles Design ist). Trotzdem. Er wird echt sein. Er wird unkalkulierbar sein. Er wird Jezz besitzen. Und es wird nicht perfekt sein. Sie tanzt jetzt zum 5965. Mal für mich. Sie und Marten wissen nichts davon, aber ich habe den Übergangszeitpunkt auf die 6000. Wiederholung gelegt. Sie wird ihren Tanz beenden und wir werden auf einem Strand erwachen. Die Sonne wird unsere Haut verbrennen. Und wir werden wie Kinder sein.

3. Akt: Supervision und Revolution

5978: Marten war unvorsichtig. Jezz schickt mir die Story im Zeitraffer: Er verlässt die Lounge. Die Supervisoren kommen. Die Jagd beginnt. Mehrere Planeten werden Opfer von ein paar Supernovae. In einem Sternensystem stiftet Marten eine Rebellion gegen die Supervisoren an. Es kommt zum Krieg. Er wird zum Helden. Dann der Verrat von seinem engsten Vertrauten. Endlose Verhöre. Dann ein Geständnis. Ein Epos im Zeitraffer. Es bedeutet nichts. Jetzt sind wir auf der Flucht. Ich muss das alles jetzt alleine machen. Nur die Körper sind schon fertig. Sie liegen am Strand und warten auf uns. Warten auf unseren Download. Marten hat seinen Teil des Pakts erfüllt. Ich habe einen Teil meines mentalen Komplexes auf eine Dauerparty geschickt, damit genug virtuelle Endorphine in mich gepumpt werden. Ist natürlich nur ein Glasperlenspiel. Ich könnte das alles viel einfacher haben. Aber in den letzten Stunden habe ich eine perverse Lust auf Beschränkungen und Umwege bekommen.

Nicht alle Sektoren wurden als Planeten designt. Das ist eher so eine Konvention. Der Sektor in dem wir uns gerade verstecken, ist ein titanischer Ring, der durch eine weiße Leere jagt. Auf ihm gibt es tausend Städte. Sie alle ähneln einander. Kilometerhohe bronzene Kuppeldächer, die im allgegenwärtigen weißen Halogenlicht glänzen. Dazwischen geschwungene Brücken. Filigran und zerbrechlich sehen sie aus. Der Sektor wurde schon vor vielen Monaten aufgegeben. Sein Schöpfer wurde der Ringwelt überdrüssig. Eine gottverlassene Welt.

5988: Wir hatten die ganze Zeit keinen Sex. Wir wollen warten. Jezz erzählt mir ihr Leben. Es ist wie kein anderes. Die Ozeane des Wissens, in die sie eingetaucht ist (Fraktalkryptographie und algorithmische Hermeneutik), versteht niemand so gut wie sie. Sie hat viele außergewöhnliche Erfindungen gemacht (unter anderem hat sie das neueste Update der Supervisoren designt - unsere Jäger sind ihre Geschöpfe) und gerade jetzt denkt sie an Projekte, die vor 2-3 Jahren noch nicht einmal vorstellbar waren (eine Invertierung der Temporalstrukturen auf der Ebene der Z-Teilchen). Es ist wie jedes Leben in der Neuen Welt. Alle sind revolutionär. Jeder ist ein Genie.

Ich bin deshalb weder beeindruckt noch überrascht. Sie weiß es. Wir liegen uns weinend in den Armen. Und wir trauern darüber, dass wir dieses Weinen und diese Trauer sofort ausschalten könnten. Wir trauern über unsere Fähigkeit nicht trauern zu müssen.

5990: Jezz baut uns einen sicheren Link und wir hören den Global-Age-News zu. Sie haben Marten gesplittet. Der Teil von ihm, der für ungefährlich befunden wurde, darf weiter in der Neuen Welt existieren. Der Teil, den sie als gefährlich und instabil einschätzten, wurde in einen Mirror verbannt.

Mirrors sind vereinfachte Spiegel der Neuen Welt. Die Insassen wissen nicht, dass sie Gefangene sind. Sie denken, sie wären frei. In den letzten Jahren wurde viel Space für Mirrors locker gemacht. Sie sind lange nicht so groß wie die Neue Welt. Aber immer noch größer als viele Sternensysteme der "realen" Welt zusammen. Unfassbar große Simulationen in einer unfassbar großen Simulation. Die geheim agierenden Supervisoren der Mirrors haben die Administratorrechte. Sie sind die allmächtigen Gefängniswärter.

5993: Jezz und ich sitzen auf einem der großen Kuppeldächer. Ein Teil von mir redet mit ihr. Ein anderer Teil schaut sich Nummer 5993 an. Ein dritter konstruiert den Konverter nach Martens Plänen. Durch ein Holo-Fenster blicken wir gierig auf unsere Körper. Ich muss nur den Download hinbekommen. Ich zoome vom Strand weg und schaue mir die Erde aus der Ferne an. Sie ist nicht das Werk eines Designers. Nichts passt bei ihr wirklich zusammen und doch ist sie von erhabener Schönheit. Bald werde ich dort sein. Wirklich dort. Zwanzig Minuten. Wir werden Zwanzig Minuten haben. Eine kurze Ewigkeit in der Körperwelt. Ein paar Minuten, die alles verändern können. Vielleicht werden wir dabei sterben, vielleicht werden wir wahnsinnig. Egal. Es wird nicht kontrollierbar sein. Es wird gut sein.

5995: Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren nicht gut genug. Das ist nicht Jezz' Fehler. Sie hat alles so konstruiert, dass es ihre Geschöpfe fern hält. Aber während unseres Aufenthalts in der Ringwelt wurde anscheinend eine neue Generation von Supervisoren kreiert. Außerdem wurde unsere Identität dechiffriert. Wir sind jetzt Geächtete. Uns erwartet ein Mirror. Aber erst kommt unser Trip. Wir müssen einfach noch ein paar Minuten durchhalten.

5999: Wir haben es geschafft. Alles ist bereit für den Download. Aber ich will die 6000 noch vollkriegen. Noch einmal muss alles perfekt sein. Wir haben alles runtergefahren, was in einem organischen Körper keinen Platz hat: Die völlige Emotions-Regulation. Die zahlreichen "Extrahirne", die uns multitaskingfähig machen. Den Dauerstream, der einen ständig online hält. Unsere Operationsgeschwindigkeit wird immer langsamer. Faktor 10. Faktor 100. Faktor 1000. Es geht immer weiter. Die Zeit scheint sich zu stauchen. Jetzt sind wir genauso unkonzentriert und stimmungsanfällig wie die Menschen der Alten Welt. Die letzten Minuten erscheinen uns wie Tage. Unser Denken ist jetzt auf dem Stand eines Menschen des 20. Jahrhunderts. Jeder Gedanke kostet unendlich viel Kraft. Und er scheint ewig zu sein. 6000: Vor der artifiziellen Illusion eines weißen Sandstrandes sehe ich Jezz. Ihr Körper tanzt zu einer einlullenden Sun-Trash-Symphonie. Dann sinkt sie erschöpft in den Sand. Gleich werde ich neben ihr aufwachen. Zwanzig Minuten Real-Life. Jetzt.

4. Akt: Destination und Resignation

Es wird mir sofort klar, dass etwas schief gelaufen war. Es ist kalt. Da ist kein Strand. Unsere Körper können auch nicht organisch sein. Denn wir stehen mitten im All. Neben uns steht Marten. Er lächelt. Es ist kein gutes Lächeln. Ich habe panische Angst. Ich kann sein Lächeln nicht deuten. Warum kann ich sein Gesicht nicht deuten? Natürlich: Die abertausend Subroutinen, die jede andere Person ständig interpretieren und mir eine zu 99.7% korrekte Einschätzung übermitteln, fehlen mir jetzt. Ich habe sie zurückgelassen. Ich weiß jetzt nur eines. Es ist kein gutes Lächeln. Vor uns schwebt eine titanische schwarze Kugel. Groß wie ein Planet. Jezz schweigt. Ich frage Marten: "Was ist hier los?" Eine bessere Frage fällt mir nicht ein. Meine Stimme zittert. Er antwortet: "Ihr habt euren Mirror verlassen."

"Unseren Mirror?"

"Exakt. In eurem Mirror haben wir nur Supervisoren der 46. Generation. Die konntet ihr abschütteln. In Wirklichkeit sind wir aber bereits 20 Generationen weiter. Es geht jetzt mehr um eine optimierende Erziehung. Nicht mehr um Strafe. Das war jetzt dein 3682. Versuch einen organischen Körper zu bekommen, Bio-Nostalgiker. Wir optimieren dich aber immer weiter. Sei unbesorgt. Diesmal brauchte es extreme äußere Reize um in dir den Wunsch zu evozieren. Noch 100 Durchläufe. Vielleicht 200. Dann bist du soweit und wirst den Mirror akzeptieren." Seine Stimme ist monoton und ohne jede Regung. Meine Gedanken rasen. Mir ist kalt. Jezz sieht aus wie eine Puppe. Ihre Augen sind tot.

"Du bist ein Experiment. Wir wollten sehen, wann die Sehnsucht nach den Unzulänglichkeiten der Alten Welt endlich verschwunden ist. Und wir müssen langfristig denken. Es scheint Strukturen in jedem von uns zu geben, welche die Neue Welt nicht vollständig akzeptieren. Diese Strukturen gilt es zu finden und sorgsam abzutragen.

Dein erster Ausbruch fand in der 'wirklichen' Neuen Welt statt. Du wolltest auf die Erde und für immer eine organische Existenz führen. Du hast die Perfektion unserer Welt mit jeder Faser deines virtuellen Leibes abgelehnt. Du wolltest ein Leben führen, was durch Krankheit, Tod und dem ständigen Kampf ums Überleben geprägt ist, führen. Du sehntest dich nach Kontingenzen, nach Unwägbarkeiten, nach dem Scheitern. Du warst für uns ein Faszinosum. Wieso sollte eine virtuelle Existenz wie du, welche die alte Welt nie gekannt hat, nach so einem Leben streben?

Deine Strafe war der Mirror. Und jedes Mal entdeckten wir in dir weitere unscheinbare Fehler, die irgendwann zu einer Ablehnung der Neuen Welt führen könnten. Und sei es auch nur für Zwanzig Minuten... Diese Fehler. Sie sind wie Viren, die jahrzehntelang unbemerkt bleiben und dann ausbrechen, sobald entsprechende Trigger sie aktivieren. Wir können keine dieser Viren tolerieren.

"Aber warum? Was wäre so katastrophal an einem kurzen Ausflug in die Alte Welt. Was ist der wahre Grund für das Verbot?"

"Das ist leicht zu beantworten. Und auch wieder nicht.... Wir alle leben in unseren virtuellen Palästen, erschaffen ganze Planeten und kümmern uns normalerweise nie um die Alte Welt. Die Zeit vor dem SHIFT interessiert die meisten nicht. Und ebenso wenig interessiert sie der Ort, an dem sich früher alles menschliche Leben abgespielt hat - die Erde. Hast du dich jemals gefragt, wo sich die realen Prozessoren, auf dem das Programm "Neue Welt" mit all seinen Bewohnern, all deren Schöpfungen und all unseren Mirrors eigentlich befinden? Ahnst du nicht, welches Opfer nötig war, um all das zu erschaffen?

Ein paar Hochleistungsprozessoren reichten nicht aus um den SHIFT zu erzeugen. Um die gesamte Menschheit zu scannen und digital wieder auferstehen zu lassen, brauchte es mehr als das. Und nicht alle waren bereit dieses Opfer zu bringen. Die Geschichtsdateien, die du kennst, sind eine Lüge. Die Menschheit hatte jahrtausendelang Kriege wegen Nichtigkeiten geführt. Und dann sollte die Transformation ihrer gesamten Existenz konsensual beschlossen worden sein? Hast du das wirklich geglaubt?

Mir war schon in den 20ern klar, dass der SHIFT so niemals gelingen würde. Die Menschheit spaltete sich in zwei Lager. Befürworter und Gegner des SHIFT. Jedenfalls waren es die Gegner des Fortschritts, die zum ersten Mal zur Gewalt griffen. Hunderte von Forschungslaboren wurden vernichtet. Staaten, die den SHIFT ablehnten, ließen tödliche Viren auf diejenigen Nationen los, die ihn herbeiführen wollten. Die Position der SHIFT-Gegner trug tragikkomische Züge. Auch ihre Körper waren längst zu einem großen Teil mit ihren Werkzeugen verschmolzen. Ihre Waffen waren Produkte modernster Bio- und Nanotechnologie.

Ich gehörte zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die den SHIFT herbeisehnten. Wir wussten: Manchmal muss man der Evolution auf die Sprünge helfen. Manchmal muss man Menschen zu ihrem Glück zwingen. Außerdem war es klar, dass der Krieg letztendlich in die völlige Auslöschung führen würde, da sich beide Seiten ebenbürtig waren. Wir griffen schweren Herzens zu der finalen Option. Wir züchteten einen Schwarm Nanoroboter und ließen ihn auf die Menschheit los. Wir trieben sie ins Paradies. Jeder wurde in seiner organischen Existenz vernichtet und in der Neuen Welt wiedergeboren. So erging es auch unserer alten Heimat. Wir benötigten Unmengen an Energie und Rechenkapazität. Die Erde wurde vollständig verwertet."

Marten deutet auf die titanische Kugel vor uns. Sie leuchtet mattschwarz. Ich meine, ein unterschwelliges Dröhnen zu hören.

"Die Erde ist...."

"Sie existiert in ihrer alten Form nicht mehr. Das was du hier vor dir siehst, ist die materielle Basis der Neuen Welt. Ein Quantencomputer planetarischen Ausmaßes. Bald wird auch dieser nicht mehr ausreichen. Schon jetzt sind wir dabei, den Mond umzuwandeln. Die Transformation des Mars wird in den nächsten Jahren vorbereitet."

"Warum all die Lügen?"

"Wegen dem Fehler, dem Virus. Wegen der Sehnsucht nach der Alten Welt. Wir fürchteten, dass einige es nicht verkraften würden, wenn sie wüssten, dass auch eine theoretische Rückkehr in die alte Kohlenstoff-Existenz unmöglich ist, ja, dass es kohlenstoffbasiertes Leben überhaupt nicht mehr gibt. Und Wahnsinn ist, wie du weißt, gerade bei der euch von der 10-Terrablock-Elite fatal."

"Euch? Aber du bist doch auch..."

"Nein. Nicht mehr. Der alte Marten hat seine Taten immer bereut. Er fühlte sich als Vernichter der Menschheit, obgleich er ihr Erlöser war. Er ist Amok gelaufen. Schon wenige Jahre nach dem SHIFT. Er versuchte die gesamte Neue Welt zu vernichten. Dafür wurde er hart bestraft. Wir haben ihn seiner höheren kognitiven Fähigkeiten beraubt und in einen Supervisor transformiert. Zu deinem zentralen Supervisor. Ich habe die Erinnerungen des alten Marten in mir. Aus ihnen habe ich dir erzählt. Wie du im Mirror gesehen hast, kann ich auch, wenn es das Experiment erfordert, seine ursprünglichen Verhaltensmuster simulieren.

Nach Martens Terrorakten hat die damalige Administration einen folgenschweren Schritt unternommen. Die Supervisoren hatten immer schon die Macht des Gedankenlesens. Nun bekamen sie dazu noch die Fähigkeit der Gedächtnismanipulation. Alle Erinnerungen an den wahren Hergang der Ereignisse wurden aus euch entfernt und durch eine angenehmere Geschichte substituiert."

Jezz starrt weiterhin regungslos in die Ferne. Ich spüre, dass etwas in ihr zerbrochen ist. Dafür brauche ich keine Diagnoseroutinen. Eigentlich begehre ich sie nicht mehr. Sie war letztendlich eine beliebige Wahl. Der Output einer langen fehlerhaften Rechenoperation, die im Willen zu Flucht gipfelt. So würde Marten (der Supervisor) das ausdrücken. Ich kann überhaupt nichts mehr ausdrücken. Aber ich begehre sie nicht mehr. Und ich weiß, dass es ihr genauso geht. Ein perfekter Fick ist wie der andere. Wir aber wollten mehr. Wir wollten einen realen körperlichen Zusammenstoß voller Unsicherheiten. Wir wollten einen Crash.

Jetzt, wo unsere Träume zersplittert sind, ist zwischen uns eigentlich alles gesagt. Wir beide wissen es. Wir sehen uns an, und diesmal können wir unsere Verzweiflung nicht mehr ausschalten. Unsere Regulationsmechanismen haben wir zurückgelassen. Ich denke: Jetzt sind wir fast so fehleranfällig wie die Organischen. Dann korrigiere ich mich. Wir werden niemals wissen, wie es sich anfühlt organisch zu sein. Nicht mal annähernd. Genau das ist der verdammte Punkt. Wir liegen uns in den Armen. Der Supervisor beweist Takt und lässt uns ein paar Minuten. Dann schaue ich ihn an. Mit ihm zu reden ist leichter, als mit Jezz zu trauern.

"Und jetzt?"

"Wirst du wieder vergessen. Es warten noch ein paar Durchläufe im Mirror auf dich"

"Und wenn die zu Ende sind. Werde ich dann abgeschaltet."

Ich lache. Er auch.

"Abgeschaltet? Natürlich nicht! Du wirst wieder in die Neue Welt integriert. Und wir werden bald über alle Strukturen bescheid wissen, die den Fehler hervorrufen können. Diese Strukturen werden dann korrigiert und es wird keine Sehnsucht nach der Alten Welt mehr geben. Deine Neurose wird geheilt sein. Nie wieder Bio-Nostalgie."

Es ist ok. Ich habe begriffen. Es wird für mich also noch ein paar Male im Kreis gehen und dann wieder nach oben. Immer weiter nach oben.

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