Todesursache I.O.
Veit Bronnenmeyer 20.11.2006
"Sein Gehirn ist abgestürzt", sagte Doktor Mann.
"Was soll das heißen?", fragte Generalkommissar
Tobak.
"Der Gehirnscann zeigt alle Symptome des IFS", Mann deutete
auf ein Wirrwarr von Kurven auf dem großen Wandbildschirm, während
der Scanarm ein weiteres Mal die Leiche von oben nach unten abtastete.
Tobak wusste, dass in früheren Zeiten die Sezierräume der Rechtsmedizin
immer hell gewesen waren, meistens weiß gefliest oder mit Edelstahl
ausgekleidet.
Das waren aber noch Zeiten,
in denen man Tote wie Jagdbeute aufbrach und ausnahm. Heute waren sie
dunkel. Die hochkonzentrierten Lichtimpulse der Sensoren durften nicht
abgelenkt werden. Wenn Proben aus den Körpern gebraucht wurden, wurden
sie endoskopisch entnommen. Tobak war nicht mehr ganz auf dem neuesten
Stand, da er seit zwanzig Jahren an keiner Ermittlung mehr aktiv beteiligt
war. Als Polizeichef von Nuuk hatte er üblicherweise andere Dinge
zu tun, v.a. seit die Stadt nur 10 Jahre nach Gründung der Hemisphärenallianz
im Jahr 2045 zum Sitz der Hemisphärenregierung geworden war.
Grönland war damals nur noch zur Hälfte mit
Eis bedeckt und in den küstennahen südlichen Gebieten bildeten
sich Landschaften, die alten schwarz-weiß Bildern von England oder
Irland glichen.
Grönland war seitdem
noch grüner geworden, es herrschte mittlerweile ein gemäßigtes
Klima, in dem sich ein durchschnittlicher Sommer noch gut ertragen ließ.
In den alten Zentren New York und Brüssel kam das Leben im Sommerhalbjahr
dagegen fast zum Erliegen.
Daher hätte sich Tobak ganz sicher nicht mit einem
normalen Todesfall beschäftigt, wenn diese Leiche nicht bis vor kurzem
noch der transnationale Informationssenator gewesen wäre. "Nerven
Sie mich nicht mit ihrem medizinischen Codes", knurrte Tobak, "ich habe
weder jemals etwas von IFS gehört, noch davon, dass ein Gehirn abstürzen
kann."
"IFS steht für Information Fatigue Syndrom, Sir",
tönte Inspector Enoks Stimme. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe war sie
zwei Meter weiter fast unsichtbar, "es ist so etwas wie ein Überdosierung
an Informationen, kann zu Paranoia oder Depressionen führen, je nachdem."
"Sehr gut", Mann schien hocherfreut, "und jetzt stelle
ich eine neue Hypothese auf, nämlich, dass dieselbe Ursache zum Tode
führen kann. Ich habe dieses Phänomen Information Overload genannt.
Eine internationale Publikation darüber habe ich schon vorbereitet.
Warum soll ein menschliches Gehirn nicht abstürzen können, wie
ein Computer?". Mann lehnte sich an die Wand und grinste selbstzufrieden.
"Hören Sie", seufzte Tobak, "ich habe jede Viertelstunde
erst den Sicherheitssenator und dann den Justizsenator an meinem Hemi-Com",
er tippte sich an sein rechtes Ohr, "soll ich denen erzählen, dass
ihr Kollege an dem Schwachsinn, den er täglich produziert krepiert
ist?"
"Es geht hier nicht um eine qualitatives Problem", Mann
grinste immer noch, "das Problem ist die Datenmenge. Seit kurzer Zeit
können wir die von IFS betroffenen Regionen des Gehirns in unseren
Scans sichtbar machen. Sehen Sie hier", er wandte sich einem anderen Wandschirm
zu, "das ist ein Gehirnscan des stärksten bekannten IFS-Falls unserer
Hemisphäre. Üblicherweise trifft es ja besonders Menschen aus
den unteren Milieus, die viel Unterschichtenmedien konsumieren. Hier war
es aber ein 30jähriger Webline-Broker. Diese mittelblauen Bereiche
in der Großhirnrinde, sollten eigentlich weiß sein", Manns
Zeigefinger hinterließ einen deutlich sichtbaren Abdruck auf dem
Plasmaschirm. "Und nun sehen sie sich das Bild von Senator Nab an... man
könnte die Farbe womöglich noch als Mitternachtsblau bezeichnen,
aber ich halte sie für schwarz, hier sind ganze Gehirnareale tot,
die wir zum Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen benötigen.
Dieser Ausfall war wohl so schwerwiegend, dass er den Rest des Organs
in Mitleidenschaft zog. Eine andere Erklärung für diesen Fall
gibt es nicht!"
"Kein Herzinfarkt?", Tobak war noch immer misstrauisch.
"Sie amüsieren mich, Herr Generalkommissar", Mann
lachte dämlich, "den letzten letalen Herzinfarkt hatten wir in unserer
Hemisphäre 2022, ha ha!"
Tobaks Pranken wollten Mann
an die Gurgel, er hielt sie verkrampft in den Jackentaschen. "Schlaganfall?"
"2038 der letzte bekannte Fall. Ein 98jähriger ohne Cephal-Sensor."
"Krebs... nein, lassen Sie's", Tobak winkte ab, als Manns
Mundwinkel sich wieder freudig zuckend in Richtung Ohren bewegten.
"Sir, wenn ich eine Anmerkung machen dürfte", Enok
trat aus ihrer dunklen Ecke hervor.
"Ja?"
"Die entscheidende Frage ist doch, ob Senator Nab eines
natürlichen Todes gestorben ist. In diesem Fall wären wir hier
eigentlich überflüssig."
"Natürlich", beschied Tobak knapp, "da wären
wir schon nach drauf gekommen, nicht wahr Doktor?"
"Aber stante pede, Herr Kommissar", Mann ging wieder
zum Scan-Tisch und baute sich hinter dem Haupt des Senators auf, "hierzu
kann ich Ihnen aber leider keine definitiven Angaben machen. Wir wissen,
dass er salopp ausgedrückt - an einer zu hohen Datendosis gestorben
ist. Ob er die sich selbst verabreicht hat oder jemand anders, kann ich
nur vermuten."
"Dann vermuten Sie doch bitte mal", Enok war von links
an den Tisch herangetreten und überragte Mann fast um einen Kopf.
"Nun ja, nach allem, was ich vom Alltag eines Regierungsmitgliedes weiß,
haben die zwar viel mit immer neuen Informationen zu tun, aber kriegen
doch alles gefiltert und aufbereitet von ihren Assistenten, Mitarbeitern,
Beratern und was da noch so alles einen Senator umkreist ..."
"Die kriegen keine Papiere mit mehr als zwei Seiten",
nickte Tobak, "die dicken Akten müssen schon die anderen wälzen."
"Denke ich auch", sagte Mann, "In früheren Zeiten
ließen die Mächtigen sich Essen vorkosten, heute sind es Informationen.
Also würde ich sagen, dass die Überdosis entweder von extern
auf ihn eingewirkt hat, oder er hat sich ihr selbst freiwillig ausgesetzt."
"Mord oder Selbstmord", übersetzte Enok.
Tobak und Enok verließen
die Rechtsmedizin und gingen in Richtung Hafen. Es war dunkel. Zur Polarnacht
wurde es in Nuuk so gut wie gar nicht hell, was einen ungeübten Biorhythmus
ziemlich durcheinander bringen konnte. Schwach waren am Horizont die Umrisse
des Sermitsiaq zu erkennen, hinter dem alle paar Minuten Nordlichter aufleuchteten.
Enok fühlte sich unwohl. Ihr oberster Chef hatte sie mitten in der
Nacht das sagte jedenfalls die Uhr aus dem Bett holen lassen
und hierher bestellt. Warum er unter den 200 Kriminalinspektoren ausgerechnet
sie habe wollte, war ihr unbegreiflich. Sie hatte kaum etwas mit Tobak
zu tun gehabt, seit sie vor drei Jahren aus Montreal hierher versetzt
worden war. Außerdem war sie nicht profiliert, was Mordfälle
anging. Das war keiner, denn in Nuuk war die Polizei nicht in Dezernate
oder so was gegliedert. Diese Stadt war eine der am schnellsten wachsenden
Metropolen der Welt und die Anforderungen an die innere Sicherheit wechselten
schneller als die Machthaber in China.
In den ersten Jahren nachdem sie Hauptstadt wurde, war
v.a. Wirtschaftskriminalität angesagt. Grundstücks- und Immobilienspekulanten
wollten schnelles Geld machen.
Anlagebetrüger brachen
wie Plagen über Grönland herein. Später, nachdem sich immer
mehr Konzerne hier angesiedelt hatten, gab es viel Industriespionage und
erste terroristische Bedrohungen. Der erste Taschendieb wurde 2069 verhaftet.
Zur Zeit bewegten sich die Delikte deutlich in Richtung Drogenkriminalität,
Raub und Einbrüche. Mord stand nicht oft auf der Tagesordnung
noch nicht. Enok hatte hier erst an einem Mordfall mitgearbeitet, ein
Bauarbeiter war an der Hochbahnbaustelle am östlichen Stadtrand trotz
Kraftfeldschutz von einem 40 Meter hohen Pylonen gestürzt. Später
stellte sich heraus, dass sich mehrere seiner Kollegen gegen ihn verschworen
hatten, weil er heimlich einer Gewerkschaft beigetreten war und die anderen
fürchteten, das falle auch auf sie zurück und sie würden
demnächst allesamt gekündigt.
Wie auch immer, es gab keine Spezialisten für Mordfälle
in Grönland und sie war bestimmt auch keine, warum also...
"Zufallsprinzip!", brummte Tobak.
"Sir?"
"Sie fragen sich seit zwei Stunden, warum ich ausgerechnet
Sie zu dieser Ermittlung hinzugezogen habe."
"Allerdings."
"Ich habe die Zentrale kontaktiert und einen Beamten
aus der oberen Hierarchie angefordert. Da war so ein Armleuchter dran,
der wissen wollte wen, also habe ich gesagt, er soll mir den Inspector
schicken, dessen Dienstnummer mit 35 endet."
"Eine ungewöhnliche Auswahl, Sir", Enok wusste nicht,
ob sie nun entsetzt oder amüsiert sein sollte.
"Hören Sie ... Elsa?", mit verkniffenen Augen fixierte
er ihr ID-Pad. "Ella."
"Hören Sie, Ella", Tobak blieb stehen und blickte
auf das dunkle Meer, "ich habe diese Gleichmacherei nicht erfunden, das
waren die Organisationsberater der Administration, aber sie hat in solchen
Situationen Vorteile. Es ist egal, ob ein bestimmter Mensch gerade da
ist oder im Urlaub, oder krank oder vom Dienst suspendiert wurde. Ich
greife einfach rein ins Regal und hole mir den nächstbesten... am
Ende bleibt's ja doch an mir hängen. Nehmen Sie's nicht persönlich."
"Tue ich nicht, Sir."
"Sie können Thor zu mir sagen."
Tobak war vor 60 Jahren in Grönland geboren worden.
Seine Mutter war Dänin, sein Vater halb Franko-Kanadier halb Inuit.
Er konnte sich noch gut an das Nuuk seiner Kindheit erinnern.
Es gab noch viele kleine
Holzhäuser, die im skandinavischen Stil rot, gelb oder blau gestrichen
waren mit weißen Fensterrahmen. Es gab nur einige Hotels, Kirchen,
Museen und eine Reihenhaussiedlung in Massivbauweise. Heute lag eine glitzernde
und blinkende Stadt zu seinen Füßen, deren Bürokomplexe
und Business-Tower demnächst die letzten kleinen Holhütten gefressen
haben würden. Er stand an der Fensterfront von Senator Nabs Appartement
im dreißigsten Stock eines erst kürzlich errichteten Luxus-Wolkenkratzers.
Womöglich lag es an den tiefer hängenden Wolken, dass die grönländische
Regionalregierung beschlossen hatte keine Hochhäuser mit mehr als
40 Stockwerken zu genehmigen. Es könnte aber auch die Angst vor terroristischen
Angriffen oder Erdbeben sein Tobak wusste es nicht. Er wandte sich
wieder Enok zu, die mit einem Daten-Retriever die verschiedenen Schnittstellen
von Nabs Entertainment-Wall scannte. Tobak ließ sich in die weiche,
mit Elchleder bezogene Couchscape des Senators sinken und spürte,
wie sich seine Rückenmuskulatur entspannte. Das musste so ein Möbel
mit Ultraschall-Massagefunktion sein, nicht unpraktisch. Kurz darauf meldete
sich Eriksson auf seinem Hemi-Com.
"Ich habe jetzt die Abläufe der letzten drei Tage
von Senator Nab zusammen, Sir."
"Na, endlich ...ooh", Tobak spürte jetzt auch die
Wirkung des Ultraschalls im Nacken, "schicken Sie's aufs Fileboard von
Inspector Enok."
"Inspektor Enok, Sir?"
"Ja, sie assistiert mir hier bei den Ermittlungen!"
"Sehr wohl, Sir!"
Tobak griff sich Enoks Fileboard, das am Couchtisch lag
und begann, die letzten drei Tage des Senators zu studieren, während
Enok das Appartement nach weiteren Datenquellen absuchte. "Ich müsste
jetzt den Retriever auslesen, Sir... Thor", sagte Enok, als sie wieder
in die Lounge zurückkam.
"Was?", Tobak blickte verwirrt um sich, "das... ja, ich
lade die Daten hier auf Nabs Wall."
"Danke."
Als eine Computerstimme abermals
einen Anruf des Innensenators ankündigte, nahm Tobak sein Hemi-Com
aus dem Ohr und schaltete es aus. Er stand auf und ging in die Küche,
während Enoks Finger in unglaublichem Tempo über die Tasten
huschten.
"Haben Sie hier vielleicht irgendwo was Trinkbares gesehen,
Ella?"
"Da steht überall Wasser und Spice-Ale", antwortete
sie, ohne aufzublicken.
"Ich meinte was zu TRINKEN, Ella!"
"Alkohol? Thor, Sie machen mir Spaß, als nächstes
wollen Sie womöglich einen Aschenbecher", sie lachte kurz, was ihr
ausnehmend gut stand.
Tobak brauchte nicht lange.
Er öffnete den Schrank unter der Spüle, die überflüssigerweise
noch immer in Küchen vorhanden war und prüfte mit geübtem
Blick die darin befindlichen Utensilien. Schließlich kehrte er mit
einem Fensterreiniger und zwei Gläsern zu Enok zurück, die gerade
die Arbeit am ihrem Fileboard abschloss.
"Das kann nicht Ihr Ernst sein, Thor", bemerkte Sie kopfschüttelnd.
"Wofür braucht man im Zeitalter der Lotus-Beschichtung
noch Fensterreiniger?", fragte Tobak, "und goss die Gläser halbvoll,
"wusste ich es doch, das ist Wodka. Schwarzware aus Polen oder Russland",
er roch und nippte an seinem Glas, "ganz hervorragende Schwarzware, an
so was kommen nur richtig hohe Tiere heran. Trinken Sie Ella!"
"Lieber nicht, Thor."
"Wieso, ist das etwa verboten?"
"Nun ja, noch nicht ganz", sie nahm ihr Glas, und verzog
das Gesicht, als ihr der Alkohol in die Nase stieg, "aber ich habe seit
meinem Uni-Abschluß nicht mehr... außerdem ist das Schmuggelware.
Sie haben es ja selbst gesagt."
"Sie glauben gar nicht, wie ich mich auf den Ruhestand
freue, das ist nicht mehr meine Welt, die ich hier gegen das Verbrechen
verteidigen soll...", Tobak nahm einen kräftigen Schluck und seufzte,
"in Ordnung, legen wir los. Was sagt der Daten-Retriever?"
"In den letzten 24 Stunden war niemand außer dem
Senator in diesen Räumen", Enok tippte flink auf ihrem Fileboard
herum, "die Eingangstür wurde nur zweimal passiert, die Fenster nicht
geöffnet."
"Gut. Was war in den letzten 72 Stunden?", Tobak hatte
sein Glas geleert und lehnte sich wieder auf dem Sofa zurück. "Vorgestern
war noch eine zweite Person für zwei Stunden hier, das war aber nur
die Putzfrau."
"Woher wissen wir das?"
"Es war ihr Zugangschip und dann hätten wir noch
die Kamerabilder aus dem Eingangsbereich."
"Haben sie die mit dem amtlichen Gesichtsscan verglichen?"
"Natürlich", Enok tippte ein paar Mal auf das Board
und nahm dann die Fernbedienung der Entertainment-Wall. Es erschienen
zwei Bilder der gleichen dunkelhäutigen Frau mittleren Alters.
"Susann Dapaah", erklärte Enok, "hält sich
seit zehn Jahren legal in Nuuk auf. Arbeitserlaubnis o.k., kam aus Nigeria
über Großbritannien her. Sie hat vorgestern um 10 Uhr 30 das
Appartement betreten und um 12 Uhr 42 wieder verlassen."
"Hat sich in dieser Zeit jemand an einem Daten-Terminal
oder sonstigen Gerät zu schaffen gemacht?", Tobak nahm die Fernbedienung
und suchte das Untermenü für die Massagefunktion der Couch-Scape.
"Wo kann man das denn ausschalten? Ich kann mich nicht gleichzeitig entspannen
und einen Mordfall lösen!"
"Negativ", beschied Enok, während sie die Fernbedienung
an sich nahm und die Massagefunktion ausschaltete, "es war nur dann Traffic
auf verschiedenen Datenempfängern und sendern, während
der Senator selbst hier war."
"Gut, dann hat Mrs. Dapaah Nab's Gehirn offenbar nicht
zum Abstürzen gebracht", sagte Tobak.
"Das sehe ich auch so", lächelte Enok, "allerdings
war der Datenverkehr in den letzten zwei Tagen während der Anwesenheit
des Senators, ganz schön... lebhaft."
"Hat er so viele Tele-Konferenzen abgehalten?" "Nein.
Er hat offenbar sehr viel TV- und Audiomedien konsumiert..."
"Er hat ferngesehen und Radio gehört?"
"So könnte man sagen, Thor. Gleichzeitig hat er auch
im Hemi-Web gesurft."
"Ja, wie? Alles gleichzeitig?"
"So sieht es aus", Enok zeigte Tobak das Display ihres
Fileboards, "was aber noch bemerkenswerter ist, es war Free-TV, Free-Radio
und Free-Web!"
Die Medienwelt hatte sich
auf der nördlichen Hemisphäre in den letzten 30 Jahren zweigeteilt.
Es gab 120 Fernsehkanäle, On-Demand-TV und Radio, das einem zu jeder
gewünschten Zeit jeden gewünschten Beitrag präsentierte
und ein hocheffektives, schnelles und störungsfreies Hemi-Web. Das
alles kostete Geld und keiner, der auch nur ein minimales Einkommen hatte,
verzichtete auf diese Angebote. Auf der anderen Seite hatten sich die
Free-Provider entwickelt. Sie stellten den ärmeren und unteren Bevölkerungsschichten
der Hemisphäre kostenlosen Zugang zu allen Medien zur Verfügung.
Dafür waren 75% der Sendeplätze mit Werbung und Trailern belegt,
Informationen wurden nicht individuell aufbereitet und es mussten oft
mehrere Fenster gleichzeitig auf den Bildschirmen betrachtet werden. Viele
Audio- und Videosendungen bestanden aus reißerisch aufgemachten
Skandal-Meldungen, aufgebauschten Belanglosigkeiten und hysterischen Talk-
und Konflikt-Shows.
Bis 2045 hatte es noch heftige Diskussionen gegeben,
ob diese Entwicklung nicht ganze Milieus verdummen würde. Letztendlich
hatten sich aber die marktliberalen Kräfte im Hemisphärenrat
durchgesetzt, die argumentierten, dass ja niemand gezwungen würde,
diese minderwertigen Medien zu konsumieren und schließlich hätte
auch ein Stück Dreck das Recht, zu sein, was es ist. Die große
Verdummung war dann tatsächlich nicht eingetreten.
Es gab große PR-Kampagnen
in den Sub-Milieus, dass die Kinder weniger digitale Medien konsumieren
sollten und dafür wieder mehr Bücher lesen. Die tägliche
Schulzeit wurde verlängert. Die meisten Schüler kamen erst abends
nach Hause und mussten dann noch Home-Projekten nachgehen. Der vorletzte
Bildungssenator hatte Medienkunde als verpflichtendes Schulfach eingeführt.
Die verlängerten Arbeitszeiten
in nahezu allen Jobs führten auch zu einem Rückgang des Medienkonsums
in den Sub-Milieus. Tatsächlich war es das Minus-Milieu, die Arbeitslosen,
welche sich stundenlang mit Free-TV und anderem Schrott zudröhnten.
"Sie meinen also, Senator Nab hat hier drei Tage lang einen Minus gespielt
und sich stundenlang diesen Scheiß reingezogen?", Tobak beugte sich
nach vorne und legte die Stirn in tiefe Falten.
"Es sieht so aus, Thor", Enok tippte auf ihr Fileboard,
"vor drei Tagen kam er im 17 Uhr nach Hause. Dann ist durchgängig
bis früh um sieben die Wall gelaufen..."
"Wahrscheinlich ist er davor eingeschlafen."
"Möglich. Aber Vorgestern und Gestern war es genauso.
Einmal kam er schon um 16 Uhr, einmal um 17 Uhr 15 und jedes Mal gab es
Datenverkehr auf der Entertainment-Wall bis zum nächsten Morgen."
"Und heute morgen schleppt er sich bis auf den Korridor
und bricht tot zusammen", Tobak schenkte sich noch einen Wodka ein. "Aber
man stirbt doch nicht, weil man zuviel fernsieht", beharrte er.
"Sein Gehirn wurde stark beschädigt und zwar nicht
von außen", grübelte Enok, "es gibt noch keinen Weg, in das
Gehirn eines Menschen einzudringen. Gift ins Blut spritzen ja, aber Daten
oder sonst was in ein fremdes Gehirn kriegen... ich wüsste nicht,
wie das funktionieren soll."
"Hypnose?", fragte Tobak skeptisch.
"Da müsste aber jemand bei ihm gewesen sein", Enok
schüttelte nachdenklich den Kopf, "wir haben die Kamerabilder aus
der Lobby, vom Korridor und von Eingangsbereich dieser Wohnung. Dann wären
da noch die Sensoren der Info-Wall. Der Senator war definitiv alleine
hier, oder es war ein Geist."
"Es sei denn", Tobak lehnte sich zurück und rieb
sich das stoppelige Kinn, "ein Hypnotiseur ist per TV-Bild hier rein gekommen."
"So á la: Nab, dein Gehirn gibt jetzt den Geist
auf und du stirbst", Enok deutete ein schwingendes Pendel vor ihren Augen
an.
"Wer weiß?", seufzte Tobak, "absurder als die Erklärung
mit dem Gehirnabsturz ist es auch nicht, oder?"
"Auch wieder war. Aber wenn Sie Recht haben, Thor, dann
haben wir unseren Täter hier", sie klopfte auf ihr Fileboard, "ich
habe alles, was in den letzten drei Tagen über diese Wall gegangen
ist ausgelesen."
"Könnte jemand so dumm sein?"
"Sehen wir nach."
Vier Stunden später wankte Tobak auf die Toilette
und übergab sich. Enok schaltete die Wall aus und suchte ein Fenster,
das sich öffnen ließ. Schließlich fand sie eines im Schlafzimmer,
sie klappte den kleinen beweglichen Flügel auf, lehnte sich hinaus
und atmete einige Minuten lang tief durch. Allmählich ließ
das Schwindelgefühl nach. Schließlich ging sie in die Küche
und goss ich ein großes Glas Wasser ein. Als Tobak wieder zu ihr
stieß, stellte sie ihm unaufgefordert ein zweites Glas Wasser hin.
Er ließ sich auf einem Barhocker nieder und blickte mit stierem
Blick auf seine zitternden Hände.
"Sehen Sie sich das an, Ella", sagte er.
"Legen Sie Ihre Hände doch einfach auf die Barfläche,
Thor. Mir ist auch ganz schön flau!"
"Am besten wir rufen sofort Dr. Mann. Er soll unsere
Gehirne untersuchen, womöglich tragen wir mittlerweile die Lösung
des Falles in uns", Tobak konnte nur noch flüstern.
"Bleiben Sie sitzen", befahl Enok, "ich hole mein Hemi-Com."
Die letzten Stunden hatten sie den Medienkonsum des Senators
nachvollzogen. Er hatte gleichzeitig die Programme von drei Free-TV Sendern
gesehen. Es gab eine Prügel-Show mit Transvestiten, die auf Zeugen
Jehovas losgingen, eine Real-Live Reportage über die Arbeit in der
größten Kläranlage der Welt in Bombay und einen Pornokanal.
Auf letzterem waren nur 15 Minuten Film und der Rest Schmuddel-Werbung
gewesen. Die Werbeanteile der andern Kanäle lagen dagegen nur bei
60-70%. Im unteren Bereich der Wall liefen permanent zwei Textbänder
mit den sekundenaktuellen Kursen der nördlichen und südlichen
Weltbörse.
Oben kündete ein weiteres
von Angriffen chinesischer Terroristen, Naturkatastrophen, Klatsch um
Stars und Sternchen oder reißerische Meldungen aus den verschiedenen
Regionalparlamenten. Ein vertikales Band links bot alle fünf Minuten
neue Gewinnspiele an. Enok hatte am Anfang noch mitgezählt, bei der
zwölften Lotterie, der 23sten Sportwette und etwa 50 hirnrissigen
Quizfragen á la "Welche Farbe hat der Himmel bei schönem Wetter?
Blau oder grün?" hatte sie aufgehört.
Nab hatte aber an einigen der Quizfragen teilgenommen
und sofort individuelle zugeschnittene neue Spots auf die Wall bekommen.
Die interaktive Verbindung von TV-Kanälen mit dem Hemi-Web machte
das möglich. Ebenso wurde man sofort kontaktiert, wenn man einen
Kanal wechselte. Über die Beantwortung von Fragen zum Medienverhalten
konnte man etliche Minuten Pay-TV umsonst bekommen.
Nach der Prügel-Show
hatte Nab sich in diesem Fenster eine Tele-Saga angesehen, deren Hauptfigur
in vier Stunden vergewaltigt wurde, abtrieb, noch einmal gewollt schwanger,
sodann aber von Rivalen ihres neuen Geliebten entführt wurde, der
gleichzeitig bei einem Zugunglück schwer verletzt wurde und im Koma
lag. Im Krankenhaus versuchte die Stiefschwester der Hauptfigur, den Mann
unterbewusst zu beeinflussen, damit er ihre Schwester vergaß und
beim Aufwachen glauben würde, er wäre seit drei Jahren mit ihr
verheiratet. Währenddessen hatte Enok den pausenlos werbenden Porno-Kanal
weitgehend ignorieren können, nicht aber die Personal-Ads, die in
immer kürzeren Zeitabständen auf der Wall aufploppten.
Viele freundliche Menschen, teilweise animiert, teilweise
real, boten dem Senator Selbstverteidigungs- und Rhetorikkurse an, Pauschalreisen
nach Alaska oder an die russische Ostseeküste. Auch Glide-Cars mit
obskuren Finanzierungsmodellen wurden dem Senator offeriert. In der letzten
Stunden hatten sich auch gewerbliche Job-Agents gemeldet und angeboten,
dem "Hoch verehrten Free-Media-Consumer" bei der Suche nach einem Arbeitsplatz
behilflich zu sein, er müsse nur noch einige Fragebögen bearbeiten,
am besten gleich online.
Um halb fünf Uhr früh
ploppte das erste "Yellow-E" auf der Wall auf. Als Papierausgabe gab es
nur noch wenige, teuere Zeitungen, wie die VOICE OF THE NORTH oder die
EUROPEAN DAILY. Alle anderen kamen als E-Paper über das Hemi-Web.
Gratis gab es aber nur die "Yellows", welche immer weniger Text, dafür
umso mehr Bilder und v.a. Werbung enthielten. Die Ausgabe, welche Enok
auf Nabs Wall gesehen hatte meldete auf der Titelseite, dass die Bürgermeisterin
von London bei ihrer Wahl falsche Angaben gemacht hätte, sie wäre
nämlich noch gar nicht 50 sondern erst 45 und ihr Haar wäre
auch nicht naturblond...
Kurz darauf war Dr. Mann vor Ort. Trotz der unmöglichen
Tageszeit war er guter Dinge und trieb seinen Assistenten an, der die
nötigen Gerätschaften in Nabs Lounge installierte. Sie hatten
einige medizinische Computer und Geräte dabei, die an die Info-Wall
angeschlossen wurden. Der Assistent breitete eine Art fluoreszierende
Decke auf dem Couchtisch aus und stellte eine Kabelverbindung zum Hauptrechner
her.
"So, dann fangen wir mal mit Ihnen an", Mann winkte Enok
zu sich und deutete mit einer einladenden Geste auf den Couchtisch.
"Ich glaube, der General-Kommissar hat es nötiger",
erwiderte Enok.
"Nun, akute Lebensgefahr scheint mir nicht zu bestehen",
Mann musterte Tobak, der mit bleichem Gesicht in einem Sessel saß
und abwinkte.
"Na, also. Ich würde Sie gerne aufsteigend nach
der Symptomintensität untersuchen, das erleichtert unserem Rechner
hier die Analyse", er tätschelte den Computer und deutete nochmals
auf den Couchtisch.
Enok legte sich hin, Mann fuhr mit einem Scanner von
den Füßen bis zum Hals über ihren Körper und hielt
das Gerät dann mehrere Minuten über ihren Kopf.
"Sie könnten jetzt einen leichten Druck spüren",
erklärte er, "das gibt sich nach der Untersuchung wieder, ist nur
eine leichte Reizung der Synapsen. Die kleinen Biester lassen sich nicht
so gerne in die Karten schauen, haha."
"Können Sie mir nicht etwas gegen die Kopfschmerzen
und die Übelkeit geben?", fragte Enok missmutig.
"Sofort, nach Abschluß des Scans", Mann machte
nun ein scheinbar mitfühlendes Gesicht und schnippte mit den Fingern
seinem Assistenten zu, der sogleich zwei Hypo-Injektionen vorbereitete.
"Das wird sich schnell wieder geben, bei Ihnen", versicherte
Mann, "Sie sind jung und gesund, Sie verkraften das.". Er wandte sich
der Wall zu, wo alle möglichen Diagramme und Scan-Bilder aufgetaucht
waren.
"Ja, was denn eigentlich", Enok wurde ungeduldig, "wir
haben doch nur ferngesehen!"
"Informationsermüdung", erklärte Dr. Mann,
"wie ich Ihnen schon gestern erklärt habe. Sehen Sie dieses Blau
in Ihrer Großhirnrinde?", er deutete mit einem Laserpointer in die
Mitte der Wall, während sein Mitarbeiter Enok die Injektionen verabreichte,
"Das ist ein IFS im Anfangsstadium."
"Ein IFS vom Fernsehen?", Enok spürte schon die
Wirkung der Injektion, die Schmerzen begannen, nachzulassen, "ich dachte,
das trifft nur Manager und Börsenmakler."
"Eben nicht", Mann winkte Tobak nun zu seiner improvisierten
Liege, "mit diesem Informationsmüll ist es, wie früher mit Infektionskrankheiten
oder Parasiten... bereiten sie für den Generalkommissar auch Injektionen
vor, Svenson."
"Ja, Chef!", sagte der Assistent, während Tobak
sich stöhnend auf dem Couchtisch niederließ.
"Diese Theorie ist zwar neu, aber sie ist gut", dozierte
Mann, Tobak scannend, "sie ist ja auch von mir. Wir werden hier gerade
Zeuge eines Durchbruchs in der neuro-medizinischen Forschung, womöglich
kündigt sich sogar eine neue Evolutionsstufe an."
"Hauen Sie nicht so aufs Blech", röchelte Tobak.
"Mit Nichten", Mann ließ sich seine sonnige Laune
inmitten der Polarnacht nicht verderben, "früher hat das Ganges-Wasser
Touristen in Indien krank gemacht, Diarrhoe, Hepatitis sogar Cholera konnten
sie kriegen. Die Einheimischen dagegen, haben jeden Tag das Wasser getrunken
und wurden nicht krank. Kinder die in den Slums aufwachsen, leiden später
kaum an Allergien, von den Midi-Milieus aufwärts haben 85% der Erwachsenen
Neurodermitis, Laktoseunverträglichkeit oder zumindest Heuschnupfen,
auch wenn es kein Gras in 100 Kilometern Entfernung gibt und nun stehen
wir vor der Frage... heiliger Hypokrates, das sieht aber gar nicht gut
aus!"
"Ella", Tobak hob die rechte Hand.
"Svenson, sofort Benzodiacipin, Normdosis", Mann schien
nervös zu werden.
"Ella", Tobak hatte Mühe, sich auf die Kollegin
zu konzentrieren.
"Thor, ich glaube, Sie müssen sich schonen", Enok
legte ihm die Hand auf den Arm.
"Vorgestern, die Senatsdebatte... der Gesetzentwurf der
Soziokraten... checken Sie das... ich glaube, ich weiß jetzt, was
Nab wollte...". Svenson verabreichte ihm eine Injektion in die Halsmuskulatur
und Tobak schlief auf der Stelle ein.
"Was machen Sie mit ihm?", rief Enok, während sie
sich ruckartig zu dem Mediziner umdrehte.
"Wir müssen ihn jetzt für einige Zeit ruhig
stellen", Mann hatte sich wieder gefasst, "sehen Sie sich diesen Scan
an, das ist schon fast so wie beim Senator!". Er deutete auf verschiedene
Bereiche von Tobaks Gehirn, die in einem kräftigen Mittelblau erschienen.
"Es ist besser, wenn sein Gehirn in den nächsten Stunden keine Informationen
verarbeiten muß. Svenson, geben Sie ihm noch einen REM-Blocker,
nicht dass er jetzt wild zu träumen anfängt, haha."
Enok griff zu ihrem Fileboard
und machte sich daran, Tobaks Worte zu prüfen. Er hatte die letzten
72 Stunden des Senators rekonstruiert, bevor sie sich dem Medien-Terror
ausgesetzt hatten und offenbar eine Verbindung zum Tod des Senators gefunden,
die ihm erst jetzt klar geworden war. Unterdessen nahm Mann seinen Vortrag
wieder auf:
"Wie ich vorhin verdeutlichen wollte, gab es in der Geschichte
bereits Beispiele, wo etwa unhygienische Lebensverhältnisse oder
minderwertige Ernährung bestimmten Bevölkerungsteilen gefährlich
wurden, anderen wiederum nicht, weil sie bzw. ihre Organismen seit Geburt
an den Dreck gewöhnt wurden. So ein Mensch hält einiges aus.
Haben Sie mal was vom Freezer-Skandal gehört, Inspector?"
"Wie?", Enok sah unkonzentriert von ihrem Fileboard auf.
"Der Freezer-Skandal vor 23 Jahren. Ein amerikanischer
Lebensmittelkonzern hatte jahrelang Schlachthofmüll zu Tiefkühlkost
verarbeitet, die er an Armenküchen lieferte. Wahrscheinlich sind
auch ein paar daran gestorben, ohne dass es jemanden auffiel, aber die
meisten der Konsumenten haben es vertragen. Erst als versehentlich etwas
von dem Müll in die Produktion von Boeuf Stroganov gelangte, das
an eine Nobel-Food-Kette geliefert wurde, kam die Sache ans Licht. Hunderte
von gut situierten Vorstadtbewohnern starben am dem Dreck, noch mal so
viele überlebten mit schweren Vergiftungssymptomen. Na ja, Sie sind
damals wahrscheinlich noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen,
Inspector."
"Ich habe vorhin schon verstanden, was Sie sagen wollen",
meldete sich Enok, "wissen Sie eigentlich, womit sich die Hemisphären-Regierung
gerade so beschäftigt?"
"Die Hemisphären-Regierung?", Mann legte die Stirn
in zweifelnde Falten, "ich weiß gerade mal, wie die Generalsekretärin
heißt. Senator Nab durfte ich ja nun dienstlich kennenlernen."
"Sehen Sie", Enok drehte ihr Fileboard in Manns Richtung,
"wenn wir uns mehr für die Regierung und ihre Politik interessieren
würden, hätten wir den Fall womöglich schneller gelöst..."
"Ich würde meinen Gedanken noch gerne zu Ende führen
Svenson, zeichnen Sie das doch bitte auf, ja?"
"Jedes Ihrer Worte, Chef", nickte Svenson zynisch.
"Gammelmedien. Das ist es", Mann hob den Zeigfinger und
schüttelte ihn dann in Richtung der Anzeigen auf Nabs Wall, "die
neue Gefahr für die zivilisierte Menschheit. Erst das Ganges-Wasser,
dann das Gammelfleisch und jetzt die Gammelmedien. Nab war ebenso wenig
an sie gewöhnt wie der General-Kommissar. Als die beiden geboren
wurden gab es noch öffentlich-rechtlichen Rundfunk, analoges Fernsehen,
Mobiltelefone... das muß man sich mal vorstellen! Die beiden haben
sicherlich nie einem Minus-Milieu angehört, sie haben die Entwicklung
der Medien dort nur am Rande mitbekommen, immer nur schön aufbereitetes
und ausgewähltes Pay-TV gesehen... Sonntag Nachmittag hat sich Nab
wahrscheinlich ein Beethoven-Konzert auf seinem Audio-Reciever bestellt
und Tobak ein Kriminalhörspiel das ist gut, haben Sie das Svenson?"
"Der Computer zeichnet ständig auf, Doctor."
"Hervorragend. Wahrscheinlich haben sie auch noch echte
Bücher gelesen und schön langsam die Seiten umgeblättert...
ja was haben wir denn da?". Er drückte ein paar Tasten auf seinem
Computer und wandte sich dann einem Diagramm auf der Info-Wall zu. "Sagen
Sie, Inspector, hat Tobak womöglich während dieser Medien-Orgie
auch noch Alkohol zu sich genommen?"
"Ja, er hat in der Küche Wodka gefunden", Enok blickte
fragend von ihrem Fileboard auf.
"Aha", triumphierte Mann, "daher die 1,2 Promille Alkoholgehalt
im Blut. Nicht wenig für heutige Verhältnisse. Er kann von Glück
sagen, dass er überlebt hat. Dem Senator hat das wohl den Rest gegeben."
"Sie meinen..."
"Alkohol verstärkt die Wirkung dieser Medien noch
mal, selbstverständlich. Er blockiert wichtige Botenstoffe im Gehirn,
die Leistung der Datenverarbeitung wird dadurch zusätzlich reduziert."
"Aber in den Minus-Milieus...", wandte Enok ein.
"Kommen die Leute entweder gar nicht mehr an Alkohol
heran, oder sie saufen ständig, womit wieder eine Habituation des
Organismus einsetzt. Der General-Kommissar hatte entweder Glück,
weil sie nur wenige Stunden diesen Informationschaos ausgesetzt waren
oder, ...ja, womöglich hat er noch ein eher rustikales Verhältnis
zum Alkohol, so dass er ihn weniger beeinträchtigte als den Senator.
Svenson, das müssen wir noch prüfen, wenn Tobak wieder aufwacht.
Wann ist noch mal dieser Neurologen-Kongress in Finnland?"
"Ende März, Chef."
"Da wird es ja dann schon wieder hell. Sehr schön."
"Gut", sagte Enok, "dann rufen wir jetzt eine Medi-Gleiter
und bringen Thor ins Krankenhaus. Der Fall ist gelöst."
"Was heißt hier gelöst, Sie wissen doch noch
gar nicht, warum sich der Senator diesen Gammel-Medien aussetzte."
"Oh doch, das weiß ich!"
Tobak hatte ein Einzelzimmer
im zwanzigsten Stock des Medi-Centers in Nuuk bekommen und erholte sich
relativ schnell. Als Enok ihn zwei Tage später besuchte, hatten die
Pfleger schon ziemlich Mühe, ihn im Bett zu halten. Er würde
noch bis zum Ende der Woche bleiben müssen und brauchte vor allem
Ruhe. Enok hatt ihm einen bescheidenen Strauß Blumen und ein altes
Buch mitgebracht, das sie in einem Antiquariatskeller gefunden hatte.
"Ist das ein Kriminalroman?", fragte Tobak gerührt.
"Klar", Enok zog sich einen Stuhl an das Bett, "uralt,
Erstausgabe 1998. Es spielt in Schottland und der Kommissar trinkt ziemlich
viel", sie lächelte süffisant.
"Scheint ein guter Cop zu sein", erwiderte Tobak, "jedenfalls
lag es nicht am Alkohol, dass ich - nun ja, dass es mich umgehauen hat."
"Nicht hauptsächlich", sagte Enok, "es ist wohl
wirklich so, dass die Qualität und die Quantität des Medienkonsums
sich schädlich auswirken können. Mann rechnet ernsthaft mit
einer Nominierung für den Nobelpreis."
"Dieser Kurpfuscher", knurrte Tobak, "aber was passiert
denn jetzt mit dem Steuerungsgesetz, das Nab unbedingt durch den Senat
bringen wollte? Sie lassen mich hier nämlich nicht mal Nachrichten
hören, aus Angst, dass mein Gehirn wieder aussetzt."
"Das Gesetzt liegt erst mal auf Eis und wird dann in
eine Vermittlungskommission überwiesen, sobald die wissenschaftlichen
Untersuchungen zu Nabs Tod abgeschlossen sind... Bücher dürfen
Sie aber schon lesen, oder?"
"Das ist erlaubt, es gibt nur keine mehr in diesem Laden",
Tobak griff zu einer Tasse auf seinem Nachttisch, "wah, und der Kaffee
ist natürlich koffeinfrei!"
"Sagen Sie bloß, Sie trinken noch echten Bohnenkaffe?"
"Sollten Sie auch mal probieren, schmeckt verdammt gut...
aber jetzt erzählen Sie mal, ob Sie mehr über dieses Gesetz
herausgebracht haben, als ich mir merken konnte. Ich habe nur noch eine
verschwommene Erinnerung an diesen Abend."
"Es war morgen, Thor", lächelte Enok, "das Steuerungsgesetz
wurde von den Soziokraten vor drei Jahren eingebracht und will Mindeststandards
für Audio-, Video- und Onlinemedien festlegen. Irgendwie sollte die
Werbezeit begrenzt werden und so etwas wie eine Bildungsverpflichtung
kommen. So wie ich das verstanden habe, hätte es dann keine reinen
Porno- oder Soap-Kanäle mehr gegeben. Jeder Anbieter hätte seriöse
Nachrichten und bestimmte Anteile mit Dokumentationen oder geschichtlichen
Reportagen bringen müssen."
"Träumen die?"
"Alles ist möglich, Thor. Die Argumentation, dass
die heutige Medienwelt schädlich ist, haben sie und der Senator jedenfalls
gestützt."
"War Nab nicht ein Liberaler?", überlegte Tobak,
"denen muss dieses Gesetz ja ziemlich gegen den Strich gegangen sein."
"Genau so war es", Enok hatte eine Vase am Waschbecken
gefunden und füllte sie mit Wasser, "aber die Soziokraten standen
kurz davor, auch die Orangenen auf ihre Seite zu ziehen. Damit hätten
sie eine Mehrheit gehabt. Nab hat in der letzten Debatte mit Rücktritt
gedroht, wenn der Senat dieses Gesetz beschließen sollte. Daraufhin
hat ihn der Primus der Sozikraten vorgeworfen, dass er doch überhaupt
keine Vorstellung davon hätte, wie es sei, mit diesem Medienchaos
tagtäglich leben zu müssen...".
Sie stellte die Vase auf
den Nachttisch und zog ihr Fileboard aus der Tasche. "Warten Sie, ich
habe mir das Protokoll der Sitzung kommen lassen."
Senator Nab: Muß
ich den geschätzten Kollegen Hork darauf aufmerksam machen, dass
niemand gezwungen wird, Free-Media anzusehen oder zu hören?
Hork: Es wurde auch niemand
gezwungen zu rauchen und trotzdem wurde es vor dreißig Jahren verboten.
Es geht darum, ganze Bevölkerungsteile vor dem schädlichen Einfluß
der Medienkonzerne zu schützen. Das wird ja immer schlimmer!
Senator Nab: Es gibt
aber immer noch eine Medienfreiheit in unserer Hemisphäre!
Hork: So kann nur jemand
reden, der sich vom wahren Ausmaß dieser Katastrophe kein eigenes
Bild gemacht hat. Oder wann haben Sie das letzt Mal Free-TV gesehen, Senator?
"Gute Arbeit, Ella", Tobak tätschelte ihre Hand,
"ist die Allianz-Anwaltschaft damit zufrieden?"
"Wir haben noch einige Zeugen gefunden, die sich erinnern
konnten, dass der Senator gewisse Andeutungen gemacht hätte. Er wollte
den Soziokraten beweisen, dass Free-Media niemanden schädigt."
"Was ihm grandios gelungen ist!"
"Nun ja, verdummt ist er ja nicht", Enok zuckte mit den
Schultern.
"Nein, nur gestorben", Tobak setzte sich auf, "ich sage
Ihnen Ella, das reicht mir jetzt wirklich. Ich werde meinen Dienst nicht
wieder aufnehmen!"
"Das ist doch nicht Ihr Ernst, Thor."
"Und wie. Ich hätte ohnehin nur noch ein halbes
Jahr gehabt. Das brauche ich nicht mehr. Wenn ich hier rauskomme, gehe
ich direkt in den Ruhestand."
"Können Sie das?", Enok schien gleichzeitig besorgt
und enttäuscht, "ich meine das verkraften viele Menschen auch nicht
so einfach. All die Zeit zu haben und keine Aufgabe mehr..."
"Rufen Sie mal eine Karte von der Baffin-Bay auf."
"Baffin-Bay?", Enok ließ Tobak mit in das Display
ihres Fileboards schauen.
"Weiter südlich", sagte Tobak, "und jetzt noch mal
vergrößern."
"Da sind ja nur kleine Schären", Enok zog die Augenbrauen
hoch.
"Und das da ist meine", sein Ton hatte etwas Triumphales.
"Sie haben sich eine Schäreninsel in der Baffin-Bay
gekauft?" "Exakt."
"Ruhestand auf einer einsamen Insel", murmelte Enok.
"Ja", seufzte Tobak, "ich werde mit Holz heizen, Fischen,
ein bisschen Gemüse anbauen, Bücher lesen..."
"Wie sieht's mit Fernsehen aus", fragte Enok listig,
"auf so einer Schäre kann es in der Polarnacht ziemlich öde
werden."
"Dafür werde ich Whisky brennen!"