In der Trockenzeit
Marcus Hammerschmitt25.12.2006
In Bayern und der Lüneburger Heide verdursteten Säuglinge und alte Menschen reihenweise.
Wegen der langen Dürre
hatte Mutter beschlossen, in Trockenschlaf zu fallen, und mir oblag es,
sie aufzubewahren. Zuerst wollte ich protestieren, aber dann siegte die
Vernunft. Ich war das älteste Kind, mein Schlafschrank war frei,
im Gegensatz zu dem meines Bruders, und es entsprach einfach den guten
Sitten. Bevor sie in den Kokon eingesponnen worden war, hatte es die übliche
Zeremonie gegeben. Verlegen waren wir im Wohnzimmer herumgestanden, die
Zehn-Gramm-Phiolen in der rechten, das Seidentuch in der linken Hand.
Da wir Familienmitglieder uns nichts zu sagen hatten, verstummten die
Gespräche recht schnell. Onkel Jakob war wieder einmal der einzige,
der sich die Laune nicht verderben ließ.
Sein rundes Gesicht strahlte, und ich hasste ihn dafür. Endlich stieg meine Mutter in die Spinnkammer, und der Arzt gab ihr die Spritze. Bevor die Wirkung einsetzte, drückte sie meine Hand. "Ich weiß, du sorgst für mich, Rolf." "Ja, Mutter", gab ich ihr zur Antwort. "Bis zur Regenzeit", sagte sie. Ihr wurde die Zunge schon schwer. "Bis zur Regenzeit", sagte ich, als ich den Deckel der Spinnkammer schloss. Das Geräusch, mit dem die Spinnkammer ihre Arbeit verrichtet, habe ich nie gemocht. Es erinnert mich zu sehr an die ersten Jahre meiner Kindheit, als es noch Spülmaschinen gegeben hatte.
Onkel Jakob schlug mir auf
die Schulter und verabschiedete sich. Die anderen begriffen das als Signal
und brachen ebenfalls auf. Noch bevor meine Mutter bis zum Hals eingesponnen
war, fand ich mich allein in meiner Wohnung. Abends kamen die Männer
von der Spezialfirma. Wir hoben meine Mutter aus der Spinnkammer und fixierten
sie im Schlafschrank, der von den Serviceleuten auf seine ordnungsgemäße
Funktion überprüft wurde. Ich bin nicht reich, und kann mir
nicht immer das neueste Modell leisten. Deswegen ist es umso wichtiger,
dass mit der Technik alles stimmt. Die beiden Männer bekamen von
mir ein Trinkgeld. Komisch, dachte ich gerade an diesem Abend, dass das
immer noch so heißt.
Die Entscheidung meiner Mutter war richtig gewesen, wie sich bald darauf herausstellte. Die Sonne hatte eine wilde Zeit, und in Bayern und der Lüneburger Heide verdursteten Säuglinge und alte Menschen reihenweise. Zuerst machte mir die Anwesenheit meiner Mutter in meinem Schlafschrank keine Probleme. Jeden Abend kontrollierte ich die Funktion des Schranks und sprach die üblichen Gebete. Der Kopf meiner Mutter war vorschriftsmäßig fixiert, die Kokon hing in seinen Bandagen. Alles normal. Allerdings beunruhigte mich, dass ihre Gesichtshaut immer grauer wurde. Ich rief bei der Servicefirma an, und man schickte einen Techniker vorbei, der sich meine Mutter und den Schrank noch einmal genau ansah.
Er konnte keine Probleme feststellen und sagte, dass er schon öfter Trockenschläfer mit einer sehr grauen oder blassen Haut gesehen habe, das sei kein Grund zur Beunruhigung. Ich vertraute ihm. Etwa um diese Zeit lernte ich Renate kennen. Als sie mich fragte, warum ich sie nie mit nach Hause nähme, rückte ich mit dem wahren Grund heraus: dass meine Mutter in meinem Schlafschrank hänge. "Du Kindskopf", sagte sie zu mir. "Das macht mir doch nichts aus." "Aber mir!", wollte ich entgegnen, und blieb dann still. Als wir dann bei mir waren, bat sie mich, meine Mutter sehen zu dürfen. Ich versorgte den Schrank wie jeden Abend, und Renate sah mir dabei zu. "Sieht nett aus, deine Mutter!", sagte sie, als ich die Schranktüren wieder geschlossen hatte.
In dieser Nacht lag ich
wach, und fragte mich, was sich alle fragen, die noch nie im Trockenschlaf
gewesen sind. Fühlt man was? Träumt man? Macht einem die Dunkelheit
nicht doch irgendwann zu schaffen? Das Licht im Schlafschrank leuchtet
ja nur auf, wenn die Türen geöffnet werden, und es erlischt
wieder, wenn man sie schließt. Wegen der Dunkelheit gehen manche
ja sogar dann nicht in den Schlafschrank, wenn es ihnen vom Ordnungsamt
befohlen wird. Das ist ihre Entscheidung, sie bekommen dann weniger Wasser
und müssen vielleicht verdursten. Renate merkte, dass ich nicht schlief.
Sie meinte es gut mit mir und wollte mich ablenken. "Komm schon",
sagte sie und drückte sich an mich. Ich ließ mich ablenken.
Die Polizei konnte keinen der Täter fassen, obwohl sie sich bemühte, da bin ich sicher. Es habe in der letzten Zeit eine ganze Menge Einbrüche in meinem Viertel gegeben, sagte man mir, da seien Profis am Werk, denen käme man nicht so leicht bei. Weil sie nichts Trinkbares gefunden hatten, waren die Einbrecher gegen meine Möbel handgreiflich geworden, und gegen die Sicherheits- und Kontrolleinrichtungen meines Schlafschranks. Meine Mutter war praktisch sofort gestorben. Ich konnte es nicht glauben, als sie vor mir lag. Sie sah gar nicht anders aus als vorher, aber auch unser Hausarzt Dr. Maurer konnte nur noch den Tod feststellen. Da begann ich mich damit abzufinden. Renate war die ganze Zeit dabei, während die Polizei meine Wohnung durchwühlte, die ganze Zeit. Ich war ihr so dankbar dafür. Am Abend, als alle gegangen waren, hatte ich Fieber, und Renate stellte mir ihre restliche Wasserration für diesen Tag zur Verfügung.
Weil es am Tag der Beerdigung meiner Mutter völlig unerwartet für fünf Minuten regnete, kam an ihrem Grab nicht wirklich Trauerstimmung auf. Selbst der neokatholische Geistliche, der doch die ganze Tragik der Todesumstände in seiner Predigt hatte unterbringen wollen, war viel zu gut gelaunt. Auch die Trauergäste waren nicht bei der Sache. Beim Leichenschmaus ging es hoch her, Wasser wurde in rauen Mengen getrunken, man konnte schon von Verschwendung sprechen. Mein jüngerer Bruder war wie berauscht. Renate ging dann recht früh, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich musste ja bleiben.
Eine Woche später erhielt ich die Vorladung zum Gericht. Es war ein Verfahren gegen mich eröffnet worden, weil ich angeblich meine Wohnung nicht gut genug gegen Einbruch gesichert hatte, und weil die Panzerung meines Schlafschranks nicht dem Stand der Technik entsprochen hatte. Renate machte sich große Sorgen, aber ich war der Überzeugung, dass es sich bei diesem Prozess eigentlich um ein Missverständnis, oder schlimmstenfalls um eine Alibiveranstaltung handelte, die vom Versagen der Polizei bei der Suche nach den Einbrechern ablenken sollte. "Umso schlimmer", sagte sie. "Sie wollen dich zum Sündenbock machen, merkst du das nicht?"
Sie saß dann als einzige Zuschauerin im Gerichtssaal, als ich wegen fahrlässiger Tötung meiner Mutter zu einem Jahr Trockenschlaf verurteilt wurde. Da keine Fluchtgefahr bestand, konnte ich den Gerichtssaal als freier Mann verlassen, auch wenn ich mich bis zum Antritt der Strafe jeden Tag auf meiner zuständigen Polizeiwache zu melden hatte.
"Ich lass das nicht zu", sagte Renate.
Wir versuchten dann rechtlich gegen meine Verurteilung vorzugehen. Der Anwalt sagte zu uns schon beim ersten Gespräch: "Ja, wenn Sie verheiratet wären, oder gar Kinder hätten, dann sähe die Sache ganz anders aus. Dann wären vielleicht anderhalb Tage Wasserentzug bei der Sache herausgekommen, aber nicht ein ganzes Jahr Trockenschlaf." Er riet uns strikt davon ab, schnell noch zu heiraten oder ein Kind zu zeugen: So was werde von den Gerichten schnell als Umgehungsstraftat gewertet, und könne damit enden, dass letztendlich beide Partner im Schlafschrank landeten. Als absehbar war, dass ich meiner Strafe nicht entgehen konnte, ließ ich mich von meiner angestammten Servicefirma beim Kauf eines neuen Schlafschranks beraten. Wenn ich wieder aufwache, werde ich bald eine neue Arbeit finden müssen, denn der neue Schrank hat sehr viel Geld gekostet.
Während ich hier am Schreibtisch sitze, kümmert sich Renate um die Gäste. Sie verteilt die 10-Gramm-Phiolen und die Seidentücher. Ich habe nie viel von diesen Ritualen gehalten, aber jetzt, wo ich selbst betroffen bin, rühren sie mich doch an. Die Phiolen werden ausgetrunken, um den Trockenschlaf zu verkürzen. Es ist, als würden Angehörige eines Wüstenvolks Wasser verschütten, um Regen zu erzwingen. Die Seidentücher versinnbildlichen die Seide, in die der Trockenschläfer eingesponnen wird. Die anwesenden Verwandten und Freunde tragen alle eines in der Hand, das soll heißen, dass sie alle mithelfen wollen, den Trockenschläfer wieder auszuwickeln, wenn er wieder aufwachen darf.
Glücklicherweise will sich Renate nicht von mir trennen, ganz im Gegenteil, sie zieht in der Zeit meiner Schlafhaft bei mir ein, überwacht meinen Schrank und regelt alles mit der Wohnung. Ich bin ihr so dankbar, ich kann es kaum sagen. Weil ich weiß, dass ein Jahr eine lange Zeit ist, habe ich sie aufgefordert, sich mit anderen Männern zu treffen. Wenn es gar nicht anders geht, habe ich gesagt, kann sie ihren Freund oder ihre Freunde auch in meine Wohnung mitbringen. Die Situation verlangt von uns beiden Opfer.
Jetzt muss ich aber Schluss machen. Im Wohnzimmer wird es lebhaft, anscheinend ist Onkel Jakob eingetroffen.