2036
Sascha Lobo01.04.2007
Wenn ich mir die Kinderbücher ansehe, mit denen ich groß
geworden bin und in denen Szenarien "So leben wir im Jahr 2000"
entworfen wurden, weiß ich: mit Zukunftsprognosen kann man sich
zum Idioten machen.
Zum Glück fällt das aber auch erst in der
Zukunft auf. Deshalb traue ich mich, an dieser Stelle, ein Szenario zu
entwerfen, wie Arbeit - und vor allem die Arbeit der digitalen Bohème
- im Jahr 2036 aussieht. Ich habe dieses Jahr ausgewählt, weil ich
neulich in einem Berliner Club angetrunken eine große, rote LED-Anzeige
sah, auf der diese Zahl stand. Das ist der eine Grund; der andere ist:
wenn ich schon die große Gefahr der Lächerlichkeit auf mich
nehme, dann möchte ich doch wenigstens noch die Genugtuung erfahren,
wenn das Szenario tatsächlich zutrifft. So klein die Chance auch
ist. Jedenfalls für 2036. Denn es könnte auch erst 2136 zutreffen;
meine Bedingung war, es so weit in die Zukunft zu verlegen, dass in einem
Arbeits- und Sozialszenario das Wort "Pendlerpauschale" nicht
mehr vorkommen muss.
Die alles erneuernde Erfindung,
die für die Technologie bis dahin kaum erahnbare Konsequenzen hatte,
war die Trigitalität. Während am Ende des 20. Jahrhunderts noch
alles digital war, elektronisch gesehen also nur Nullen und Einsen existierten,
wird das 21. Jahrhundert bestimmt durch das Trigitale. Man entdeckte eine
Art Transistor, der statt zweien drei Zustände kennt: Null (ungeladen),
Eins (geladen) und Nullkommafünf, also halb geladen. Dieser Zustand,
am Anfang noch als "ein bisschen schwanger" verspottet, kann
nur bei indiumbasierten Transistoren erreicht werden - Indium ist das
neue Silizium. Die Leistungs- und Vernetzungsfähigkeit von Computern
konnte dramatisch erhöht werden.
Die neue Trigitalität zog sich durch die Begriffe
des elektronischen Alltags, aus Byte wurde Tryte, es entstand eine neue
Datendimension. Trigitale Geräte entwickelten auch die langersehnte
"Künstliche Intelligenz", weil die halbe Ladung mit ihren
instabilen Momenten manchmal umspringt und so das Quentchen unberechenbaren
Zufalls in der assoziativen Vernetzung entsteht, das zur Intelligenz gehört.
Schnell jedoch wurde künstliche Intelligenz zu dem Schimpfwort, als
das es auch 2036 noch gilt, denn trigitale Maschinen erreichen maximal
eine unbeholfene Intelligenz, vergleichbar mit einem dressierten Schimpansen,
bei dem man sich trotz aller tagsüber gelösten Puzzles schon
freut, wenn er abends nicht in die Ecke uriniert.
Die oft befürchtete Herrschaft der Maschinen fiel
auch deshalb aus, weil mit der künstlichen Intelligenz eine gehörige
Portion Wankelmut und gesellschaftlicher Unsicherheit einherging. Kapitalintensive
Versuche mit intelligenten Kampfrobotern etwa wurden wieder eingestellt,
als man entdeckte, dass sie mit einigem guten Zureden und einem gelegentlichen
strengen Blick aufhörten, Rakten zu werfen.
Für den Arbeitsalltag
bedeutet die künstliche Intelligenz der Maschinen nicht mehr, als
dass der Computer 2036 - wie auch schon Anfang des Jahrtausends - das
zentrale Arbeits-, Unterhaltungs und Kommunikationsgerät ist und
zusätzlich einfache Aufgaben, etwa Übersetzungen, Bildbearbeitung
oder simple Gebrauchstexte selbsttätig erledigen kann. In der Regel
erfolgt nur noch Finetuning und Freigabe durch den Besitzer. Der Computer
ist zu einem Personal Life Manager geworden (PLM), der durch seine direkte
Ansteuerbarkeit und die simple Programmiermöglichkeit angenehm anarchisch
geblieben ist - er ist von niemandem abhängig als von seinem Benutzer.
Über die Form der PLM-Computer lässt sich 2036 wenig Verallgemeinerndes
sagen.
Nachdem reine Netzcomputer zwar technische Vorteile mit
sich brachten, aber von den Menschen vermutlich aus Furcht vor Kontrollverlust
nicht akzeptiert wurden, ist das Herzstück der meisten Geräte
der Nanochip, der ebenso draht- wie batterielos alle Ein- und Ausgabemedien
ansteuern kann und über theoretisch unbegrenzte Speicherkapazität
verfügt. Das dahinterstehende Verfahren hängt nicht nur mit
der trigitalen Datenspeicherung zusammen, sondern auch mit Fähigkeit
des Nanochips, Informationen in der Molekularstruktur der ihn umgebenden
Materie abzulegen und wieder aufzurufen, ohne dabei allzu substanzielle
Veränderungen hervorzurufen. Der Nanochip ist so klein, dass er nicht
allein, sondern ausschließlich in verschiedenen Träger-Gadgets
verkauft werden kann. Derzeit werden die Charts der Nanochip-Accessoires
von Schweißbändern, Ringen und Halsketten angeführt -
Fantasie ist auch 2036 noch nicht die hervorstechende Eigenschaft der
Massen geworden. Ihre Energie beziehen Nanochips aus der allgegenwärtigen
elektromagnetischen Strahlung, die von einigen speziellen Germaniumkristallen
in niedervoltaischen Strom verwandelt werden können; drahtlose Energieübertragung
ist 2036 Realität.
Die vordergründig unerstaunlichsten
Veränderungen haben die Aus- und Eingabemedien der PLM-Computer hinter
sich gebracht. Die tastaturlose Tastatur hat sich durchgesetzt, mit der
auf jede beliebige Fläche oder auch in die Luft (ist aber sehr anstrengend
auf die Dauer) getippt werden kann. Mit dem zugrunde liegenden Mechanismus,
der Nervenströme unter speziellen Bedingungen auszulesen vermag,
kann man auch eine Art telepathischer Eingabe realisieren, das Cerebral
Interface. Das erscheint vielen Menschen jedoch noch so unheimlich, dass
nicht die Gehirnströme, sondern eben nur die Ströme der Fingernerven
ausgelesen werden. Die Koordinaten des Fingers spielen dabei keine Rolle,
es reicht, einen Buchstaben zu meinen. Obwohl Spracherkennung hervorragend
funktioniert, hat sie sich ausserhalb körperbehinderter Kreise kaum
verbreiten können, denn die wirklich gesprochene Rede sieht auch
nach viel Übung transkribiert aus wie das hilflose, grammatisch verwirrte
Gestammel eines Betrunkenen.
Mit der Möglichkeit,
Kunststoffe preisgünstig elektromagnetisch zu behandeln, entwickelte
sich eine Vielzahl von Papier- und Folienbildschirmen, die 2036 als stufenlos
verstellbares Rollo dem Standard entsprechen. Wer es fortschrittsoptimistisch
mag und es sich leisten kann, lässt sich in die Augeninnenflüssigkeit
Kleinstpartikel aus photoinduktivem Kunststoff spritzen. Damit wird, durch
zum Leuchten angeregte Teilchen, direkt im Auge ein Bild erzeugt. Der
Clou für Nerds ist derzeit eine Mikrokamera in einem Fingernagel-Piercing,
mit der man mit den Händen sehen kann.
Die Anfangsschwierigkeiten, bei denen durch stärkere
Hitzeentwicklung das ein oder andere Auge von innen gekocht wurde, treten
nur noch selten auf. Bei radioaktiver Strahlung muss man mit einem In-Eye-Screen
aber nach wie vor aufpassen. Töne werden durch ein stark haftendes
Knöpfchen im Ohr übertragen, der wahlweise Schallwellen erzeugt
oder direkt elektrische Impulse an den Hörnerv überträgt.
Als ebenso angenehm wie bedrohlich - je nach Standpunkt - wird die Fähigkeit
empfunden, externe Schallquellen durch zeitversetzte Überlagerung
der Schallwellen komplett auszublenden, eine alte, aber inzwischen zur
Perfektion entwickelte Technik.
2036 gibt es das Internet nicht mehr oder vielmehr gibt
es den Namen Internet nicht mehr. Man nennt es N2, was auf den äußerst
albernen Namen "netnet" (net of nets) zurückgeht: In den
20er Jahren waren, nach langwierigen Verhandlungen zwischen Industrievertretern
und anderen Industrievertretern mit Regierungsauftrag, alle bestehenden
Netze zusammengelegt worden, unter anderem Internet, die Mobilfunknetze,
Kabelnetze, Radionetze, Satellitenortung, Energieübertragung. Es
werden einheitliche Standards und elektromagnetische Wellen in Frequenzen
verwendet, die nicht nur Anfang des Jahrtausends als kaum benutzbar galten,
sondern die trotz ihrer extremen Kurzwelligkeit (Zattahertz) überraschend
weit reichen, etwa bis zum Mond nämlich - ein bisher kaum zu erklärendes
Phänomen.
Das N2 (sprich: N-Square, oder deutsch: N-Two) ist ein
serverloses Netz, bei dem jeder User gleichzeitig Teilnehmer, Infrastruktur
und Vermittlung darstellt. Das heißt, man geht davon aus, dass es
serverlos ist, denn mit der Einführung der elektronischen Universalsprache
BornEo haben sich kaum zu überblickende Netzstrukturen ergeben, die
zwar hervorragend funktionieren. Aber weshalb das so ist und ob nicht
doch irgendwo selbstregenerierende Serverstrukturen erhalten geblieben
sind, können auch Experten nicht so recht sagen. BornEo besteht aus
einer Ansammlung basaler Codes, die durch die unfassbare Rechenkraft,
die mit der Trigitalität möglich wurde, in jeder beliebigen
Form verwendet werden können.
Man hat sich der Einfachheit halber mit BornEo trotzdem
auf eine bereits real vorhandene Sprache als universelle Programmiersprache
geeinigt. Man folgte dabei der Empfehlung, die von diversen Expertengremien
(in paritätischer Mensch-Maschinen-Besetzung) ausgesprochen worden
war und führt einen indonesischen Dialekt als massgebliche Maschinensprache
ein. Diese Sprache wurde nach ihrer Herkunftsinsel Borneo benannt und
ist eine Partikelsprache, was bedeutet, dass Worte weder gebeugt noch
dekliniert oder sonstwie verändert werden, sondern für verschiedene
Verwendungen unterschiedliche Partikel hinten angehängt werden. In
dieser Programmiersprache kommunizieren 2036 sämtliche Geräte
und intelligenten Materialien miteinander und zwar zu jedem Zeitpunkt.
Durch die anarchische Struktur des N2 ist es schließlich auch unmöglich
geworden, das Netznetz zu kontrollieren oder auch nur den Zugang dazu
als Dienstleistung zu verkaufen: N2 sucht sich eigene Wege zum User.
Das N2 ist überall und
für jeden zugänglich, was schon kurz nach seiner Einführung
zu den bekannten, weltweiten großpolitischen Verwerfungen geführt
hat. Die Vor- und Nachteile von semianarchistischen substaatlichen Strukturen
zwischen Kommunen, Sekten und Konzernen gegenüber autoritären
Landesverwaltungen diskutieren zu wollen, würde zu weit führen
- fest steht, dass sich die politischen Rahmenbedingungen in Richtung
einer zweigeteilten Welt verschoben haben.
Die hochtechnologisierten Regionen auf der einen und
die noch immer energieabhängigen Teile der Welt auf der anderen Seite.
Die inzwischen von den meisten Wissenschaftlern als Irrweg erkannte Energiegewinnung
von Kernfusion bis Gravitationswandlung spielt mit all ihren problematischen
Begleiterscheinungen nur noch in den armen Ländern eine Rolle. In
den reicheren hat man längst erkannt, dass nicht die Energiebeschaffung
das Probem ist, sondern der Verbrauch und hat diesen hochtechnologisch
soweit zurückfahren können, dass allein die mit speziellen Bimetallen
gewandelte Tag-Nacht-Temperaturschwankung in den meisten Städten
bis fünf Millionen Einwohner ausreichend Energie produziert.
Die persönliche Mobilität
- das Stichwort, mit dem die grossen Konsumschlachten der Konzerne in
den 20er Jahren geführt wurden - hat ihren vorläufigen Höhepunkt
erreicht, mit einer Idee, die bereits in den 1920er Jahren entwickelt
worden war. Die zivilisierte Welt ist untertunnelt; in den Tunneln sind
Kaskaden von Laufbändern zu finden. Die äußeren haben
eine Geschwindigkeit von etwa zwei Metern in der Sekunde und sind vom
festen Boden aus bequem zu besteigen. Dahinter ordnen sich weitere Laufbänder,
die jeweils zwei Meter je Sekunde schneller sind als die davor. Der Unterschied
zwischen benachbarten Laufbändern beträgt also stets zwei Meter
je Sekunde - am schnellen, wandbewehrten Ende der Laufbänder, wo
auch Sitze und Liegen montiert sind, erreichen Fussgänger eine Geschindigkeit
von 30 Metern pro Sekunde, also etwas über 100 Stundenkilometer,
während die Form der Tunneldecke für eine einigermassen angenehme
Luftdynamik ohne heftige Verwirbelungen sorgt.
Zwischen Städten ist
die Polyrail das beherrschende Verkehrsmittel, bei dem an einer großen
runden Einzelschiene Kabinen entlanggleiten. Die Kabinen fassen zwischen
einer und fünfzehn Personen und können mit Geschwindigkeits-
und Zielvorgaben programmiert werden; die konkrete Route und die situative
Steuerung inklusiver aller Ausweichbewegungen werden automatisch vorgenommen.
Die Schiene entspricht einem riesigen Rohr, bei dem magnetisch an jedem
Punkt der Oberfläche eine Kabine geführt werden kann, deshalb
können sich je nach Verkehrsdichte sehr belebende Fahrten ergeben,
denn bei mehreren hundert Kilometern pro Stunde wird rechtzeitiges Ausweichen
von den Sensoren der Kabinen etwas anders definiert als vom menschlichen
Auge. Immerhin kommt es verhältnismäßig selten zu Unfällen
und wenn doch, dann bleibt wenig übrig, was zur Mahnung dienen könnte.
Während der überragende
Trend der Neuzeit, die Individualisierung, im 20. Jahrhundert nur in den
Bereichen Konsum und Freitzeit stattfand, brachte das 21. Jahrhundert
endlich auch eine Individualisierung der Arbeit mit sich. Anfangs mitentwickelt
und schließlich durchgesetzt von der damaligen digitalen Bohème.
Durch die Entwicklung der Technologie, des N2 und der bionischen Robotik
ist Industriearbeit eine Sache von hochspezialisierten Ingenieuren und
künstlich gezüchteten Muskeln geworden, die im Zusammenspiel
mit der Nano- und Kapillarhydraulik körperliche Arbeit der Menschen
fast vollständig ersetzbar gemacht haben.
Gerade die leicht tumbe, künstliche Intelligenz
erwies sich für anstrengende Alltagsarbeiten und selbst für
motorisch vielschichtige, anspruchsvolle Operationen als ideal. Die Arbeitswelt
der reicheren Regionen steht 2036 auf drei Säulen: der Wissens- und
Kulturarbeit, der Manufaktur sowie Pflege und Wartung; bezeichnenderweise
wird kaum zwischen Maschinenwartung und Menschenpflege unterschieden.
Auch 2036 hat seine sozialen Unebenheiten.
In der Wissens- und Kulturarbeit
nähern sich Naturwissenschaft, Ingenieurswesen und Geisteswissenschaft
immer mehr an, besonders an den Grenzbereichen entstehen neue Blüten
der Zivilisation. Enorm profitiert man hier von der umfassenden "Rapid
Eproduction", dem Nachfolger des Rapid Prototyping, mit dem nicht
nur einzelne Bauteile, sondern komplette Systeme erschaffen werden können;
es handelt sich um eine mechanische Art der Programmierung in Bereichen
wie Biotechnologie, Chemie oder Nanoelektronik.
Dabei ist es oft kaum noch relevant, ob die Systeme real
oder virtuell entstehen, weil eine neue Wissenschaft, das Simulationswesen,
dreidimensionale, rein trigitale Welten erschaffen hat, in denen wirklich
jede Bedingung der Realwelt simuliert werden kann. Hier ergibt sich eine
interessante Überschneidung zu Pflege, Kultur und Unterhaltung, denn
diese Simulationswelten sind für jeden zu geringen Gebühren
zugänglich. Deshalb spielt sich hier nicht nur ein Gutteil des Entertainments,
der Schaffung und dem Verkauf von Kulturgütern wie Büchern,
Filmen und Musikstücken ab, es ist auch ein ungewöhnliches Gesundheits-
und Pflegeszenario entstanden.
Menschen, deren Körper vorrübergehend oder
längerfristig Ruhe braucht, werden in Körperkapseln in ein Kardialkoma
versetzt, bei dem der normalbiologische Kreislauf in eine Art regenerativen
Winterschlaf heruntergeregelt wird der die Selbstheilungskräfte aktivieren
soll. Die ausführende Firma eroberte diesen Pflegemarkt seinerzeit
mit dem Schlachtruf "Von Nagetieren lernen heißt siegen lernen".
Das Gehirn dieser Menschen bleibt über ein Cerebral
Interface mit den trigital simulierten Welten verbunden und kann dort
je nach finanziellem Einsatz ein oder mehrere Avatare steuern. Noch ist
unklar, ob durch die extreme Verlangsamung des Kreislaufs dauerhaft kardialkomatöse
Menschen tatsächlich - wie von selbst ernstzunehmenden Wissenschaftlern
vermutet - bis zu vierhundert Jahre alt werden können. Eines der
Anzeichen dafür ist, dass man schon vor längerer Zeit herausfand,
dass im Erbgut die exakte Anzahl der Herzschläge festgeschrieben
ist, die ein Mensch im Laufe seines Lebens maximal erreichen kann.
Kritische Stimmen zum Kardialkoma waren in der Anfangszeit
zahlreich; inzwischen haben jedoch die Ethik- und Wohlfahrtsausschüsse
beinahe aller Unternehmen erklärt, dass jeder Mensch das Recht hat,
seinen mit Mängeln behafteten Körper hinter sich zu lassen und
entsprechend seiner psychischen Bedürfnisse am gesellschaftlichen
Leben teilzunehmen.
Der Arbeitsbereich der Wartung
mutet angesichts eines Anteils von über 90% von selbstwartenden Maschinen
am gesamten Technologieaufkommen etwas antiquiert an, allerdings wird
die Prozesssteuerung und -optimierung hinzugezählt. In diesem Sektor
arbeiten die weitaus meisten Menschen, auch, weil er breit gefächert
von der hochkomplexen Feinjustierung ganzer Fertigungsstrassen bis zur
tumben, aber in vielen Konzerngesetzgebungen vorgeschriebenen menschlichen
Überwachung der Überwachungsautomatik reicht.
Die Renaissance der Manufaktur
ist inzwischen so oft ausgerufen worden, dass Spötter von "buddhistischen
Zuständen" sprechen. Es stimmt jedoch, dass die Labels "manmade"
(von Menschen hergestellt) und "true manmade" (von Menschen
ohne Maschinen hergestellt) wiederholt für die stärksten wirtschaftlichen
Wachstumsimpulse verantwortlich waren. Der sympathische Fehler in menschengemachten
Waren des täglichen Bedarfs gilt als Qualitätsmerkmal. In einer
technologisch formvollendet nach Perfektion strebenden Welt kann schon
ein kleiner Makel den psychosozialen Druck nehmen, was eventuell der Grund
ist, weshalb eine der wenigen noch aus dem 20. Jahrhundert bestehenden
Marken Motorola ist.
Der Nachfolger der Digitalen
Bohème, die Trigitale Bohème, ist zu einem gesellschaftlich
normalen Arbeitsmodell geworden. Sie feiert die gefühlte vollständige
Arbeitsunabhängigkeit Tag aus Tag ein mit einer so vollständig
individualisierten Form von Arbeit und Produktion, dass Produzent und
Konsumentenzielgruppe eines selbst hergestellten Produkts oft nur aus
einer Person besteht, manchmal ein und derselben. Letzlich hat die Einführung
einer Grundsicherung in den meisten Regionalgemeinschaften, verbunden
mit einem hervorragend funktionierenden Micropayment, ungeahnte Wirtschaftskreisläufe
und damit Berufe hervorgebracht. Die Ablösung von schierer Existenzsicherung
und produktiver Arbeit wirkte wie die Injektion eines Gemischs aus Anabolika
und LSD auf die Alltagskultur in der Fülle ihrer Ausprägungen.
Noch bevor die Klage verhallte,
dass mit den allgegenwärtigen Zahlungssystemen eine durchkommerzialisierte
Gesellschaft entstanden sei, entdeckten breite Bevölkerungsschichten
den sozialen und alltagsmoralischen Charme der Möglichkeit, schnell
und sicher zu jeder Gelegenheit sogar Bruchteile von Cent übertragen
zu können.
Über persönlich justierbare, aber ansonsten
automatisierte Scripte bekam jede Handlung einen Wert. Ein Lächeln
etwa hat für die meisten Menschen einen Wert von 0,2 Cent, die im
Anwendungsfall automatisiert vom Konto des Lächelempfängers
auf das des Lächelnden übertragen werden. Weil alle Autopayment-Scripte
selbst eingestellt werden können, lässt sich mit Wohlverhalten,
was immer es auch für andere Menschen sein mag, ein finanzieller
Vorteil erreichen. Anders als von Zweiflern befürchtet, hat damit
nicht das Geld die Menschen vereinnahmt, sondern die Menschen das Geld.
Die Welt ist besser geworden: Der Himmel, das sind die Anderen.
Erschienen im Rahmen von: