Datenhunger – das letzte Gefecht
Twister (Bettina Winsemann)25.12.2007
Nach seinem Unfall findet Wes nur mühsam ins Leben zurück. Erst als Lady Brighiet ihn aufsucht wird ihm klar, dass seine Verletzung ganz anderer Art ist als er bisher dachte. Um jetzt überleben zu können, muss er sein gesamtes Leben ändern.
Es war eine Waffe gewesen, eine Pistole. Das jedenfalls hatte man ihm gesagt als er in einem Meer von Schmerzen aufwachte. Und auch wenn man ihm dies immer und immer wieder sagte, so waren doch die Bilder, die Wes im Traum erschienen, Bilder, die etwas anderes aussagten. Bilder, die einen hageren Mann zeigten, den Wes kannte und den er doch nicht erkannte. Bilder, die ihm sagten, dass es keine Pistole gewesen war sondern etwas ganz anderes. Doch um nicht auch noch als verrückt zu gelten schwieg Wes.
Die Tage trieben an ihm vorbei und nicht nur sein Körper machte ihm Sorgen. Auch die Tatsache, dass er weder Hunger noch Durst hatte, erschreckte ihn, die Ärzte und die Schwestern gleichermaßen. "Hmmm..." murmelten die Experten. "Hmmm..." Doch dabei blieb es, egal wie viel Blut ihm abgenommen wurde, wieviele Male er auch in der CT-Röhre blieb oder sonstige Tests durchlief – was mit ihm geschah blieb ein Rätsel. Er nahm auf erschreckende Weise ab, doch Essen und Trinken widerten ihn an. Kartoffeln, Fleisch, Fisch, Suppe, Süßspeisen – nichts war dabei, was ihn nur entfernt zum Essen animieren konnte. Mit ekelverzerrtem Gesicht ließ er alles zurückgehen, verweigerte die intravenöse Ernährung, die man ihm anbot. Und nachts lag er wach, zu verängstigt um zu schlafen. Bis er eines Nachts die Schwestern draußen sprechen hörte.
"Und der Typ von Zimmer 14, weißt Du, was der heute gesagt hat?" Ein Kichern war zu hören, das musste die kleine Rothaarige sein. "Er hat allen Ernstes gesagt, er wolle seine Frau verlassen. Weil die nämlich mit jemandem fremdgegangen ist, stell Dir vor. Und das ist sein bester Freund und..." Sie plapperte weiter und Wes fühlte sich nach langer Zeit sogar etwas besser.
Doch die nächsten Tage brachten keine Verbesserung, im Gegenteil. Erst wenn abends die Schwestern plauderten und tratschten, fühlte sich Wes wieder wohl. Doch nie hielt es lange an. Und seine Verzweiflung wuchs.
Wochen nach seinem "Unfall" wurde er überraschenderweise aus dem Krankenhaus entlassen und in eine Spezialklinik gebracht. Außer ihm waren kaum Patienten zu sehen und die Ärzte machten einen seltsamen Eindruck. Wes bekam Angst, doch niemand beantwortete seine Fragen. Er blieb allein und verstört zurück, bis eines Nachts die Tür zu seinem Zimmer sich öffnete und eine Frau zu ihm kam. Er kannte sie, natürlich. Aber er hatte sie noch nie so gesehen wie jetzt. Er kannte sie nur mit kurzen Haaren, manchmal einer Brille auf der Nase, kleine Fältchen um die Augen. Eher herb als attraktiv oder schön. Doch jetzt... war sie schön. Die Haare fielen in sanften Wellen auf ihre Schultern, das dunkle Samtkleid, bodenlang, ließ sie fast königlich erscheinen. Ihr Gesicht wirkte schmaler, die Nase kürzer und aristokratisch, die Haut war faltenfrei.
"Guten Abend, Wes." sagte sie und ihre Stimme klang wie klassische Musik in Worte gefasst. Er starrte sie an.
"Ich weiß..." Sie zog einen Stuhl hervor und setzte sich an sein Bett. "Keine Sorge, es wird alles erklärt werden. Aber nicht heute." Wie eine Zauberin zog sie zwei Bücher hervor und legte sie auf Wes´ Nachtschrank. "Du wirst sie lesen müssen."
Noch immer sprachlos blickte Wes auf die Bücher und brach in Gelächter aus. "Fantasyromane? Für Teenager?" Er musste träumen.
Sie nickte lächelnd. "Ich denke, so wird es Dir leichter fallen zu verstehen. Aber wenn es Dir zu kindisch erscheint, so nimm das andere Buch."
"Wächter der Nacht?" Er tippte sich an die Stirn. Waren hier alle durchgedreht? "Oh ja, sicher. Eine russische Fantasyschwarte wird mir den Durchblick verleihen."
"Nicht ganz, nein." sagte sie. "Aber es wird reichen für den Anfang."
"Nimmst Du Drogen?" fragte er kurz. "Und wie siehst Du überhaupt aus?"
"Du wirst es verstehen." sagte sie geheimnisvoll. "Ich könnte es Dir sagen, doch Wissen, selbst erworben, ist stets besser, Wes."
"Du redest wie in einem schlechten Film." Er drückte auf den Klingelknopf. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er einmal wegen einer Kollegin wie ihr Hilfe rufen würde, doch dies hier war zu bizarr, zu verrückt.
"Wes..." noch immer lächelte sie. "Niemand wird zu Hilfe gerufen werden müssen, sei Dir dessen versichert. Ich werde gehen, doch komme ich wieder, wenn Du bereit bist."
"Bereit? Wozu?" Doch sie verließ bereits wieder das Zimmer.
Zögernd nahm er am nächsten Morgen das Buch auf. "Wächter der Nacht... lächerlich." Doch die Zeit ging zu langsam vorbei, Schmerzen peinigten ihn und so begann er zu lesen. Keine Offenbarung war es für ihn, doch es ließ ihn kurze Zeit die Schmerzen vergessen. Und eines Nachts, als er das Buch fast fertig gelesen hatte, öffnete sich erneut die Tür und *sie* stand vor ihm. Wieder trug sie ein Samtkleid und sah aus als würde sie in einem mittelalterlichen Schloss Hof halten. "Du fandest Zeit zu lesen." sagte sie und setzte sich zu ihm. Es war keine Frage. "Doch fandest Du auch Zeit zu verstehen?"
"Verstehen?" Er blickte in ihre Augen und etwas verkrampfte sich in ihm. "Und fandest Du auch Zeit zu glauben?" Sie hielt im einen Stapel Papier hin. "Ich brachte etwas für Dich mit. Du musst hungrig sein und durstig."
Natürlich war er hungrig und durstig. Noch immer widerte ihn alles Essbare an, sein Körper stieß es förmlich ab, doch er nahm nicht weiter ab. Es war als warte der Körper nur auf Etwas.
"So lies."
Er nahm die Papiere und warf einen Blick darauf. Abrechnungsdaten von irgendwelchen Telefonanschlüssen. Was sollte er damit? Doch unter *ihrem* fast hypnotischen Blick begann er zu lesen.
Es war unglaublich, phantastisch, berauschend. Je mehr er las, desto besser fühlte er sich. Zuerst endete der Schmerz in seinem Bauch, dieses nagende Hungergefühl. Der Gaumen, ausgetrocknet und wund, beruhigte sich, die Augen wurden wieder scharf, seine Nerven waren wie Drahtseile gespannt und seine Gedanken waren so klar wie nie zuvor.
"Aber-"
"Fandest Du nun Zeit zu verstehen?" Sie sah ihn noch immer an. "Wir bedürfen Deiner Hilfe. Ohne Deine Hilfe wird es dunkel für uns werden."
"Was..." Er krächzte. "Was ist passiert? Was ist mit mir passiert?"
"Einer von uns bist Du geworden, Wes. Das ist passiert."
Sie stand auf und sah aus dem Fenster. "Mein Name ist nicht jener, den Du kennst. Um nicht von den Einfachen erkannt zu werden, änderte ich ihn. Mein wahrer Name ist viel älter." Stolz drehte sie sich um. "Ich bin Lady Brighiet. Und wie auch Du nun gehöre ich nicht zu den Einfachen, welche Du Menschen nennst." Das Zimmer begann sich um Wes zu drehen, sein ganzes Leben schien an ihm vorbei zu rauschen während Lady Brighiet weitersprach.
"Schon lange sind wir nicht mehr jene, die sich von Blut ernähren, Wes. Einst mussten wir das Fleisch der Einfach essen oder ihr Blut trinken. Wir, die Du als Hexen kennst, mussten Einfache verzaubern um zu überleben. Doch alles ist anders für uns. Und für Dich. Wir benötigen kein Blut mehr, kein Fleisch – doch uns hungert nach Daten. Und diese müssen wir erhalten." Sie drehte sich zu ihm um und musterte ihn. "Das, was Du wurdest, ist kein Zufall gewesen. Du wurdest geprüft und auserwählt. Nun ist es Zeit für ein Bündnis, Wes. Du und ich – wir sind in keiner *gemeinsamen Partei*" spöttisch betonte sie das Wort. "Doch es bedarf einer Koalition zwischen den Deinen und den meinen. Dein ist die Dynastie der Vampire, meine die Dynastie der Hexen. Doch um das zu erlangen, was wir benötigen, benötigen wir des Bündnisses."
Und so geschah es, dass Lady Brighiet, Hexe vom Blute ersten Weges, mit Wes, Vampir vom Blute zweiten Weges, eine Koalition einging. Schon bald gewährte sich Igor Radanuwitsch dazu, Wolf vom Blute ersten Weges, der in seiner menschlichen Gestalt ein hagener Mann mit Brille und grauem Haar war. Und auch die verschiedensten Gestaltenwandler schlossen sich an. Ihnen war es egal, wer regierte, sie passten sich an, drehten sich wie Fähnchen im Wind und änderten Gestalt, Denken und Überzeugung, gerade wie es ratsam erschien.
Wes lernte schnell. Mit Lady Brighiets Hilfe gelang es ihm, immer mehr Daten zu erhalten und zu verknüpften während Igor Radanuwitsch sein Bestes tat um Zugriff auf die Daten privater Festplatten zu bekommen. Zusammen mit den Schriftlern und Musikanten gelang ein weiteres Bündnis. Anders als die Hexen, Vampire, Gestaltwandler und Werwölfe waren die Schriftler und Musikanten nicht in der Lage sich von Daten zu ernähren, ihnen hungerte nach Verträgen, die ihnen allein das Recht gaben, Texte oder Lieder zu benutzen. Ihre Gestalt war seltsam und wenn sie die Arme bewegten, dann hörte man ein feines "ka-ching", wie das Klingeln einer Registrierkasse. Doch es gab auch Gegenspieler. Mächtige Hexen wie An-Re, abtrünnige Wölfe, die davon sprachen, dass man sich von Blut zu Daten weiterentwickelt hätte und sich nun wieder weiterentwickeln könnte. Und es gab die Protectoren, die mit ihren Zaubersprüchen Daten einfingen und vor der Koalition schützten.
Für Wes, der es zusammen mit Lady Brighiet zum Obersten geschafft hatte, kam eines Tages Besuch. Ein schlanker älterer Mann suchte ihn auf und zum ersten Mal seit langer langer Zeit erinnerte sich Wes an seine Albträume. An den Mann, den er in den Träumen sah.
"Opfer sind es, die wir bringen müssen." hatte Lady Brighiet gesagt als Wes sich darüber beklagte, auch weiterhin nicht gehen zu können. "Sieh – jeden Tag muss ich dieses Gesicht verbergen, muss es altern lassen. Und das Besondere in uns fordert seinen Preis. Wes, Du bist gesegnet, aber Du zahlst den Preis des Gehens. Ich zahle den Preis der Erinnerung. Immer öfter sind es Dinge, die mir entgleiten, die mich, so ich mit jemandem spreche, vergessen lassen, worum es geht. Wir müssen diesen Preis zahlen. Du wurdest von einem der Großen ausgesucht, vom Kaiser selbst." Und als der Mann nun auf Wes zukam, da wusste Wes plötzlich, wen er vor sich hatte. Der Kaiser... der Mann, der ihn zu dem gemacht hatte, was er war.
"Du hast meine Nachfolge angetreten, Wes, und ich bin stolz auf Dich." sagte der Kaiser. "Es ist wunderbar zu sehen, wie Du für unsere Dynastien sorgst. Doch hüte Dich, denn die Protectoren schweigen nicht länger, sie formieren sich und haben abtrünnige Hexen und Vampire auf Ihrer Seite. Ein paar Zauberer in roter Robe haben sich ihnen angeschlossen und es wird Dein Auftrag sein, Lady Brighiet in ihre Reihen zu schleusen. Enttäusche mich nicht." Damit ließ Kaiser Octavius seinen getreuen Nachfolger Wes zurück und überließ es ihm, die Schlacht zu Ende zu führen.
Und bis jene kommen, die die Schlacht entscheiden, werden die Mütter und Großmütter, die Tanten, Onkel, Großväter und Väter, die den Abtrünnigen und den Protectoren zuhören, die alten Sagen lesen und sie weitergeben. Und sie werden jenen, welche sich entscheiden müssen, sagen, dass sie nicht auf jene warten dürfen, die die Schlacht entscheiden sondern selbst jene sein können.