Der Erlöser
Herbert W. Franke25.12.2007
Manchmal geschieht es völlig unvermutet - ein Ereignis, eine Begegnung... Aus der banalen Umgebung heraus erwächst das Be sondere, das Einmalige - und man ist längst wieder im seichten Auf und Ab alltäglicher Ereignisse versunken, ehe man sich fragt, ob man nicht unversehens vom Wunder berührt wurde.
Im Raumflughafen war der Teufel los. Berengar war zwar nur ein kleiner Planet, doch als Umschlagplatz der interstellaren Raumfahrt hatte er um so mehr Bedeutung. Das einzige Manko waren die Staubstürme, die von Zeit zu Zeit - und völlig unberechenbar! - auftraten. Sie verfinsterten nicht nur das Land, sondern verursachten auch elektrische Erscheinungen - Ionenentladungen, so hat man es mir erklärt. Zu solchen Zeiten pflegen sich die Einwohner in ihren Behausungen zu verkriechen, doch hier, im Raumfahrthafen, kann man sich nicht so ohne weiteres abkapseln.
Selbstverständlich werden alle Flüge gestoppt, und wenn die Unwetter einige Tage anhalten, dann sind die umliegenden Hotels überfüllt, und die Menge staut sich in den Warteräumen, in den Gaststätten, in den Korridoren. Unglaublich, zu welchen Tricks die Leute greifen, um dem Trubel zu entgehen. Immer wieder versuchen welche, sich in VIP-Räume einzuschleichen, andere schließen sich in den Toiletten ein und verteidigen sie gegen den Ansturm der anderen...
Ich selbst hatte mir einen Liegestuhl erobert, die Beine hatte ich über die Reisetasche gelegt, damit sie nicht verschwand, und konnte das Treiben um mich herum mit gewisser Ruhe verfolgen. Die Leute stießen und drängten, neben den Menschen gab es auch verschiedene Angehörige fremder Rassen - obwohl ich nicht zum Rassismus neige, muss ich gestehen, dass es nicht unbedingt angenehm ist, mit den glitschigen Körpern der Amphibianer in Berührung zu kommen, und auch der Körpergeruch der Einwohner von Colman 11, die man im Volksmund die "Stinker" nennt, war nicht gerade angenehm.
Vor mir zog eine bekannte Schauspielerin vorbei, im Gefolge einen ganzen Stab von Mitarbeitern, Freunden, Verehrern... was weiß ich. Manche der Fluggäste opferten ihre Sitzplätze, um sich heranzudrängen und ein Autogramm zu erbitten. Hinter mir hatte sich eine Lehrerin mit einer Schulklasse postiert und versuchte den Kindern die Zeit durch das Absingen von Liedern zu vertreiben. Im Hintergrund des Saals erscholl Gebrüll - offenbar war dort eine Rauferei im Gang.
Der Sitzplatz neben mir war frei geworden, ein in einen langen Mantel gekleideter Mann nahm Platz. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete ich, dass er mit einem ruhigen Lächeln um sich blickte, als ginge ihn das alles gar nichts an. Sein Haar war von einer Mütze verborgen, seine Hände verschwanden unter den langen Ärmeln. Sein Alter schwer zu bestimmen - seine Gesichtsfarbe braun und mit feinen Fältchen durchzogen.
Dann blickte er mich an, deutete zur Decke und sagte: "Die Dunkelheit, und das Feuer - die Zeichen des Bösen. Sie folgen dem Menschen überallhin - auch auf die fernsten Planeten." In der Tat hatte sich irgendein ehrgeiziger Architekt als Besonderheit der Wartehalle eine riesige Glaskuppel ausgedacht, durch die man in das Staubgewitter hineinblicken konnte. Aus schwarzen, dräuenden Massen erschienen immer wieder pochende Adern aus dunkelroter Glut - ein unheimlicher Anblick.
"Ich vermute, diese Gewitter sind schon aufgetreten, ehe die Menschen hier auftauchten, und wahrscheinlich werden sie auftreten, wenn es längst keine Menschen mehr gibt."
Der Fremde sah mich aufmerksam an. Dann sagte er: "Das ist die Frage."
Wir schwiegen eine Weile, bis ich ihm, vielleicht aus einer gewissen Verlegenheit heraus, eine Zigarette anbot, die er aber ablehnte.
"Sehen Sie", sagte er. "Die Teilung in Gut und Böse ist eng mit dem Auftreten des Menschen verbunden. Ich stamme von einem Planeten, der in vieler Hinsicht anders ist als die Welt, die Sie kennen. Er ist viel älter, und er besteht in alle Ewigkeit. Wir sind sozusagen Beobachter der Universums, und somit ist es gewiss keine Überheblichkeit, wenn ich behaupte, dass wir dort in Frieden und Weisheit leben."
"Wenn das stimmt", antwortete ich, "dann frage ich mich, warum Sie überhaupt hierhergekommen sind." Ich deutete in die Umgebung - von Frieden konnte hier wirklich keine Rede sein. "Warum ich hier heruntergekommen bin... " Er sprach es ein wenig nachdenklich, doch dann nickte er. "Wissen Sie, es liegt an einer Art Verantwortung. Stellen Sie sich eine Position vor, von der aus alles einfach erscheint, alle Probleme, die gesamte Entwicklung. Und während sich der große Plan vollzieht, ergeben sich irgendwo Turbulenzen, Reibungskräfte, Entropie - so könnte man es ausdrücken."
Als er meine etwas ratlose Miene sah, füge er hinzu: "Sie können doch nicht glauben, dass dieses Chaos um uns herum Wirklichkeit ist - in jenem Sinn von Wirklichkeit, wie ich sie sehe."
Ehe ich antworten konnte, musste ich mich vor einigen Sportlern in Sicherheit bringen, die unförmige Staubschlitten angeschnallt trugen - Requisiten eines hier sehr beliebten Zeitvertreibs. Dann sagte ich: "Was für Wirklichkeit meinen Sie?"
"Die Einheitlichkeit, die Harmonie, die Liebe. Den Zustand vor der Polarisation in Gut und Böse. Was wir hier sehen, ist Ungleichgewicht, Unordnung. Doch keine Angst - wir können es überwinden. Ein Keim kann dazu genügen, stellen Sie es sich wie das Wachstum eines Kristalles vor... Ein Keim, als eine Art Paradigma. Oder, wenn Sie so wollen - ein Vorbild, ein Modell." Unwillkürlich hatte ich in die Höhe geblickt - auch dort oben schien das Chaos zu herrschen... Ob es sich wirklich so leicht besänftigen ließ?
"Und Sie sind hierhergekommen, um Ihre Methode anzubieten? Sind Sie ein Soziologe oder ein Psychologe? Werden Sie eine Firma gründen? "
"Eine Firma? Vielleicht ist der Gedanke gar nicht so abwegig." Sein Gesicht war wieder hell, von Freude erfüllt.
"Aber sehen Sie sich doch diese Umgebung an!" rief ich. "Da müssen Sie schon eine Patentlösung haben, etwas, das Kräfte ausübt, Zwang."
Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, und mir war so, als hörte ich etwas leise klirren. Trug er Schmuck? Oder hatte er vielleicht eine Reisetasche ans Handgelenk geschnallt - mit all jenen Dokumenten und Beschreibungen der Projekte, die er verwirklichen wollte? "Nein, kein Zwang, auf keinen Fall! Das ist die Regel - die Mittel dieser Welt, Ihrer Welt, zu verwenden, und nicht jene unserer Welt."
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Na schön, eine Plauderei, um sich die Zeit zu vertreiben. Wahrscheinlich sah ich ihn nie wieder.
"Sie glauben mir nicht? Sie brauchen nicht zu leugnen - für so etwas habe ich ein gutes Gespür. Der Verzicht auf jene Mittel, die alles im Handumdrehen lösen könnten... ich weiß, gerade dadurch setze ich mich Zweifeln aus. Aber es ist eine freiwillige Beschränkung, und es gibt Gründe dafür ... " Er schien in achdenken zu versinken. Nach einer Weile sagte er: "Doch freilich – in besonderen Fällen. Hin und wieder darf man schon einmal eine Ausnahme machen."
Er war ein wenig in sich zusammengesunken, doch nun richtete er sich wieder auf. Er blickte empor - und ich folgte seinem Blick. Die dunklen Wolken dort oben... hatten sie sich gelichtet? Mit orangerotem Leuchten drang eine Lichtflut vom Himmel herunter, schien die Schwaden beiseite zu drängen, aufzulösen. Es war jenes Orangerot, das durch die Brechung des Lichts an den schwebenden Staubteilchen entsteht - wieder nach den Erklärungen der Wissenschaftler. Und doch war mir, als wenn etwas Erstaunliches geschähe. Es dauerte keine Minute - und der gesamte Himmel war hell.
"Genügt das?" fragte mich der Fremde. Es ging wie ein belebender Hauch durch die durcheinander drängenden Massen. All jene, die gerade noch planlos herumgeirrt waren, wandten sich nun zielbewusst in diese oder jene Richtung ... zu den Schaltern, zu den Gates, zur Gepäckaufbewahrung ... Auf den großen Anzeigetafeln erschienen die Zeilen mit den Abfahrtszeiten, aus den Lautsprechern kamen die Aufrufe zu den Flügen.
Auf einmal waren die Bänke und Liegesessel wieder frei, aber jetzt brauchte sie niemand mehr.
Auch mein Gesprächspartner hatte sich erhoben und nickte mir zum Abschied zu. Neben ihm tauchten zwei Herren auf, der eine hakte ihn unter und schob ihn sachte vorwärts. Der andere beugte sich kurz zu mir und sagte: "Sie werden es ja bemerkt haben – ein Verrückter. Normalerweise ist er harmlos - aber man kann nie wissen." Er wandte sich ab und ging davon, seinem Kollegen und dem Fremden nach, dessen Hände - wie ich gerade noch gesehen hatte - durch eine Kette zusammengebunden waren.
Ich drängte mich durch die Massen hindurch, an der noch immer umringten Schauspielerin vorbei, zwischen Menschen und Außerirdischen, die es nun alle sehr eilig hatten. Und einen Moment lang fragte ich mich, wer unter uns allen nun verrückt war und wer nicht.