Ein Jahr beim Busenmagazin
Stefan Wimmer10.02.2008
Teil 1
Ich merkte recht schnell, was es mit meiner Beförderung, von jetzt ab die gesamten Nacktfotos zu betexten, auf sich hatte
Die Produktion der Nacktfotos unterstand nämlich drei Mädchen, die ihr Büro in einem Trakt am Ende des Flurs hatten und auch sonst gerne den Eindruck vermittelten, mit den Niederungen der Textredaktion nichts gemein zu haben. Anders als Hajo, Marc, Ronny und ich waren sie bereits mit Anfang zwanzig ins Zeitschriftengeschäft reingerutscht – auf welchem Wege, hatte ich nie herausfinden können, und vom vorherigen Chefredakteur eingestellt worden. Jennifer, eine magere Blonde mit Mette-Marit-Gesicht, L'Oreal-Locken und Porn-Star-Brille, war die Älteste. Sie kam aus Bogenhausen, war über mehrere Ecken mit Ralf Siegel verwandt und hatte eine Zeitlang zwei Schmuckboutiquen in der Sendlingerstraße geführt.
Jennifer, eine magere Brünette mit Mette-Marit-Gesicht, L'Oreal-Locken und
Porn-Star-Brille, war die Älteste. Sie kam aus Bogenhausen, war über mehrere Ecken mit Ralph Siegel
verwandt und hatte eine Zeitlang ein In-Café in der Maximilianstraße geführt. Julie, eine hakennasige
Halblibanesin aus Barbados, war Club-Med-Animateurin
in der Karibik gewesen, hatte ein paar Semester an der
Münchner Schauspielschule studiert und kannte Jennifer
über gemeinsames Modeling. Jessica war die Jüngste,
entstammte einer Hoteliersfamilie und war praktisch
direkt nach ihrer Abiturfeier von Jennifer ins Boot
geholt worden. Zwar gönnte ich meinen drei Kolleginnen ihre glamourösen Biographien, aber was mich entschieden nervte, war das prinzessinnenhafte Getue, mit dem sie mich behandelten. Ich hatte in Mexiko City drei Jahre lang wie ein Tütenkleberhäftling Leseproben zusammengeleimt, um eine Festanstellung in Deutschland zu ergattern, behelligte aber trotzdem niemanden mit meinen Ego-Problemen. Im Gegensatz dazu benahmen sich Jennifer und ihre Freundinnen jedoch grundsätzlich so, als seien krankhafte Männer wie ich schuld, dass sie immer noch mit Nacktaufnahmen herumzuwursteln hatten und nicht schon längst Nachfolgerinnen von Angelica Blechschmidt, UNO-Frauenbeauftragte oder schlicht Kanzlerinnen geworden waren:
"Du, dann hatte der diese goldene Armaturen und ein Bad, das komplett so eingerichtet war wie der Bodywrapping-Raum im Bangkok Oriental!", sagte Jennifer und warf ihre L'Oreal-Mähne nach hinten, als ich in ihr Büro kam. "Ich hab geglaubt, ich spinn...! Aber wenn mir jemand so auf die Dreiste kommt, dann sag ich's ab – weil: Option auf Verliebtsein brauch ich!" Ihre Kolleginnen stützten ihre Köpfchen in die Handfläche und nickten andächtig.
"Was willst du?", wandte sich Jennifer an mich – mit einer Stimme hart wie ein Puck.
"Ich bräuchte zwei Telefonnummern", sagte ich. "Zuerst mal die von dem Besitzer des Oldtimers, in dem die Nacktfotos gemacht worden sind. Der Chef will nämlich Baujahr, Benzinverbrauch, Beschleunigung, Hubraum, Drehmoment und Leergewicht im Infokasten haben. Und dann brauch ich fürs Kurzinterview noch die Nummer dieser Daphne Dutti, die nackt in dem Oldtimer abgelichtet wurde."
Jennifer klappte seufzend ihre Kroko-Agenda auf, schrieb eine Telefonnummer ab und reichte sie mir wie einen Smaragd:
"Der Besitzer dieses Oldtimers ist ein Milliardääär und ein zieeemlich wichtiger Mann", sagte sie. "Dies nur zur Info, damit du weeeeißt, mit wem du spreeechst."
"OK", sagte ich. "Und jetzt bitte noch die Nummer von Daphne Dutti." Ohne mich zu beachten, wandte Jennifer sich wieder an Jessica und Julie:
"Dieser Oldtimer-Besitzer ist übrigens ein gaaanz, gaaanz lieber Mensch! Der lässt sich gar nicht anmerken, wie reich er eigentlich ist."
"Echt? Glaubste ja gar nicht!", sagten Jessica und Julie, zogen die Augenlider hoch und legten ihre Hände vor den offenen Mund.
"Doch, wirklich!", bekräftigte Jenny. "Letztens hab ich ihn im Frederic's getroffen, da sagt er zu mir: Weißte, Jenny, ich fahr auch mal mit der U-Bahn. Ich mag die soziale Mischung dort, die is irgendwie so angenehm ausgewogen. Da fährt auch Otto Normalverbraucher, da is nichts überspannt."
"Die Nummer!", ächzte ich und stützte mich an der Wand ab. "Die Nummer von Daphne Dutti!" Jennifer klappte kopfschüttelnd ihre Agenda auf, bekritzelte einen Zettel und gab ihn mir. Als ich bereits an der Tür war, hörte ich sie sagen:
"Aber unterhalt dich mit Daphne Dutti nicht länger als nötig! Die ist nämlich nicht irgendwer!" Unter Aufwendung aller Selbstbeherrschung drehte ich mich um:
"Wieso sollte ich mich mit Daphne Dutti länger als nötig unterhalten?", fragte ich.
"Man weiß ja nie", lächelte Jennifer und zuckte mit den Schultern. "Ich wollte nur sichergehen, dass du... – verstanden hast."
"OK, ich habe verstanden!", sagte ich. "Daphne Dutti ist nicht irgendwer. Im Gegenteil, sie hat mehrere Titel und Ehren inne: Zu allererst ist sie selbstverständlich Die-Von-Ben-Tewaag-Gefotzte, siehe Bild-Aufmacher: Daphne Dutti: Uschi-Glas-Sohn schlug mich windelweich! Darüber hinaus ist sie aber auch noch Die-Nach-Dem-Fotzenskandal-Von-RTL-Entlassene – man lese hierzu: Daphne Dutti: Mein Sender ist gemein zu mir! –, und zu guter Letzt ist sie natürlich Die-Mittels-Stinklangweiliger-Oldtimer-Nacktfotos-Auf-Das-Comeback-Spekulierende... Du hast Recht, sie ist nicht irgendwer, ich werd's mir merken." Ganz sicher war ich mir nicht, aber der Blick, den Jennifer mir zuwarf, ließ vermuten, dass es mit der "Option auf Verliebtsein" zwischen uns beiden nicht weit her war.
Meine Feuerprobe kam, als sich der Chef entschloss, mich mit einer Enthüllungsreportage über die sagenumwobene kubanische Boxerschule La Finca zu betrauen – also die Boxerschule, die wie militärisches Sperrgebiet bewacht wurde, die kein ausländischer Journalist jemals betreten hatte und die seit dreißig Jahren einen Weltmeister nach dem anderen hervorbrachte – mittels streng geheimer Technologien und Trainingsmethoden. Da ich die kubanische Bürokratie kannte, wusste ich, dass es für Außenstehende unmöglich war, Einlass in dieses nationale Heiligtum zu erhalten – nicht einmal Schmiergelder halfen da weiter. Ich hatte daher nicht die geringste Lust, mich in Kuba mit einem solchen Auftrag zu verlustieren, wenn ich zur gleichen Zeit beim Betexten nackter Geistestitaninnen eine halbwegs ruhige Kugel schieben konnte.
Also kontaktierte ich einen 60-jährigen, nach Kuba emigrierten deutschen Beat-Schriftsteller namens Harry Heller, der sich tatsächlich bereit erklärte, die Reportage zu übernehmen. In prahlerischem Ton versicherte mir Heller, dass der oberste kubanische Sportminister (dessen Namen er freilich gerade nicht parat habe) sein Duzfreund sei, dass er selbst in der "Finca" praktisch täglich ein- und ausgehe und dass gegen einen Obolus von 5000 Dollar auch die Fotogenehmigungen problemlos zu beschaffen seien. Obwohl manches an Hellers Ausführungen ungereimt klang, beauftragte ich die Komet Media Group mit der Geldüberweisung. Dann rief ich unsere Korrespondentin in den USA an, um einen geeigneten Fotografen zu finden – jemanden, der lateinamerikaerfahren, sprachkundig und zäh war. Die Korrespondentin empfahl mir einen gewissen Jim Stark aus Oregon – einen jungen, aber erprobten Mann. Da die Zeit drängte, rief ich zu nachtschlafender Zeit in Oregon an, und Stark (der offenbar bei seiner Großmutter wohnte) bestieg die erstbeste Maschine nach Havanna. Ich hatte ihm eingeschärft, Harry Heller unter keinen Umständen blind zu vertrauen und mir umgehend Bericht zu erstatten, falls Unregelmäßigkeiten auftauchen sollten. Nach all diesen Vorbereitungen konnte ich nichts weiter tun als darauf zu warten, dass in meiner Mailbox die Jahrhundertreportage eintrudelte, die eines der letzten Mysterien der Sportgeschichte enthüllte.
Als ich fünf Tage lang keinerlei Nachricht von meinen beiden Kontaktmännern in Havanna erhalten hatte, wurde ich unruhig. Ich versuchte, Stark und Heller telefonisch zu orten, aber es war unmöglich: Stark hatte sein Handy ausgeschaltet, Heller hob nicht ab, und der Druckschluss des Hefts rückte unaufhaltsam näher. Langsam wurde das Warten zur Tortur. -"Was ist nun mit dieser verflixten Kuba-Reportage?", rief der Chef und rauschte in mein Büro – bekleidet mit einem engen, blutroten Maßanzug.
"Sie muss jeden Augenblick in meiner Mailbox sein!", beschwichtigte ich ihn. "Ich weiß, sie ist schon fix und fertig! Es kann sich nur noch um Minuten handeln."
"Das waren deine Kontaktpersonen! Ich habe dir von Anfang an gesagt, du sollst nach Kuba fahren!", rief der Chef und verschwand wutentbrannt im Flur.
Die Sekunden verstrichen, und ich klickte immer wieder meine Mailbox an – in der Hoffnung, endlich Nachricht von Heller & Stark zu erhalten. Gegen Abend war es soweit, Starks Mail traf ein – komplett mit Text und megabite-schweren Attachments! Ich öffnete den Anhang, und zuerst hielt ich es nicht für wahr, was sich da auf dem Bildschirm entfaltete: Da ploppten schwarz-weiße Scans auf, die eine heruntergekommene Hütte mit Garten zeigten... Interieuraufnahmen, die einen staubigen, gähnend leeren Raum mit zerbröckelnder Tünche und Rissen im Mauerwerk abbildeten... Nahaufnahmen eines schwarzhäutigen kubanischen Nobodys, der im Garten seine Bizepsmuskeln anspannte, während andere schwarze Nobodys im Hintergrund Unkraut jäteten, die Hecken schnitten und Blattwerk zusammenfegten... Mikroskopisch genaue Studien einer herabhängenden Dachrinne... Und die Totale einer Veranda, auf der – notdürftig versteckt – ein paar Flaschen Havana-Club herumstanden, während hinter der Hausecke etwas hervorlugte, das durch die Lupe betrachtet wie ein Busen im Bikini aussah...
Sprachlos starrte ich auf die Fotos. Was auch immer sie darstellen mochten – den Schrebergarten Raúl Castros, die Partei-Datscha, in der die Regimegegner verbuddelt wurden, die Nuttenlaube irgendeines Funktionärs oder das vorstädtische Kräuterparadies eines Nañigo-Hexers! –, ein Sujet war auf ihnen definitiv nicht abgebildet: Die berühmte Boxerschule! Die streng geheime, hermetisch abgeriegelte Champion-Schmiede, die Titanen wie Teófilo Stevenson und Félix Savón hervorgebracht hatte – sie sah mit Sicherheit anders aus!
Ich klickte die Mail her, die Stark mir geschickt hatte, und las sie aufmerksam durch: Sie war in einem verdächtigen Ton verfasst – halb kleinlaut und schuldbewusst, halb orgiastisch-verzückt. Sonderbarerweise sprach Stark in ihr nicht mehr von "der Boxerschule", die Heller und er "tagelang und ohne jede Einschränkung porträtiert" hätten, sondern von "einer Boxerschule" – freilich "einer phänomenalen, unvergesslichen und ganz und gar einzigartigen". Desweiteren schrieb Stark, dass ihn die freundliche Atmosphäre, die Offenheit und Zwanglosigkeit in dieser Boxerschule so beeindruckt hätten, dass er vorerst nicht nach Oregon zurückfahren werde. Ganz besonders begeistert sei Stark übrigens von Hellers Organisationstalent, und seine Bewunderung für Heller gehe inzwischen so weit, dass er eine ständige, feste Zusammenarbeit mit ihm ersehne. Und abschließend fragte Stark (auch im Namen Hellers), ob unsere Zeitschrift nicht Interesse an weiteren, hochbrisanten Undercover-Reportagen über kubanische Themen habe.
Nachdem ich Starks Mail gelesen hatte, vergrub ich meinen Kopf in den Händen und überlegte, wie es zu dieser Pleite kommen konnte. Schon nach Sekunden stellten sich vor meinem geistigen Auge die ersten Bilder ein: Ich sah eine Laube im tropischen Dunst... Ich sah einen Mann, der aus seiner Tasche Dollarnoten zog, sie an andere Personen verteilte und ihnen das Wort "Boxerschule" einschärfte... Ich sah ein klappriges, rostzerfressenes Auto, dem ein Kontingent von Mulattinnen entstieg, die ebenfalls mit Dollarnoten bestückt wurden... Und dann sah ich ein nagelneues, frisch gewienertes Flughafentaxi nahen, in dem ein Amerikaner aus Oregon saß – und schließlich hatte ich die ganze Szene plastisch vor Augen:
"Aber das ist ja gar nicht die Boxerschule!", empörte sich Jim.
"No importa, Jim!", zwitscherte Esmeralda und spielte gelenkig mit dem goldenen Halskettchen, das ihm seine Großmutter geschenkt hatte. Esmeraldas Mandelaugen waren so tief, dass Jim Angst hatte, hineinzufallen. 'Ich muss diesem Sog standhalten', ermannte er sich.
"Mein Auftrag war aber, die Boxerschule zu fotografieren!", rief Jim und stampfte auf. "Und das hier ist nicht die Boxerschule!"
"Immerrr denkst du nurrr an Boxerschule, mi amor!", flötete Esmeralda, tätschelte seine Hand und führte sie lockend an ihren Ausschnitt. "Gib mir lieberrr Küsschen!"
Jim überlief ein heißer Schauer, bedingungslos bot ihm Esmeralda ihre Lippen dar. Genau in diesem Moment kam Harry mit den frischgefüllten Gläsern...
Ich hörte ein Geräusch, hob den Kopf und sah, dass der Chef neben mir stand und fassungslos auf die Fotos am Bildschirm starrte. Sein Körper vibrierte, und seine Fäuste verkrampften sich wie infarktische Herzen.
"Soll das die Boxerschule sein?", presste er heraus. Ich zog den Kopf ein und machte eine vage Geste der Bestätigung.
"Aber das ist ja das Jämmerlichste, was ich je gesehen habe!", schrie er. "Das sieht ja aus wie Onkel Toms Hundehütte! Da sind ja die Bahnhäuschen von Billwerder ein Sanssouci dagegen!"
"Tja...", sagte ich und hob entschuldigend die Hände. Eine Minute lang starrte der Chef auf den Bildschirm und schüttelte immer wieder den Kopf.
"Fantastisch...!", flüsterte er schließlich mit feuchten Augen. "Fantastisch, was diese kubanischen Sportler für 'ne Willenskraft haben!

Stefan Wimmers Roman "Der König von Mexiko" erscheint am 6. März bei Eichborn Berlin (ISBN 3821858346, € 19,95)
- ebenso wie der neuaufgelegte Vorgängerband "Die 120 Tage von Tulúm" (ISBN 3821858338, € 19,95).