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Ein Jahr beim Busenmagazin

Stefan Wimmer17.02.2008

Teil 2

Nach Arbeitsschluss hatte ich meist nicht mehr die Kraft, in meine Giesinger Kasernenbau-Wohnung zurückzufahren und dort die Wand anzustarren. Normalerweise stieg ich ein paar Stationen davor aus der U-Bahn, um mich in den Kneipen am Gärtnerplatz total zu betrinken.

Diese Stadt war nicht mehr dieselbe, seit ich damals nach Mexiko gezogen war, sie hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert: Überall sah man jetzt diese weiblichen Dragoner, die mit waffenrockartigen Mänteln, Lederkoppeln und Meldertaschen durch die Straßen stiefelten, meistens begleitet von jungen Männern, die wie mutierte Marder aussahen und zu ihren Fransenfrisuren affige Yoko-Ono-Brillen trugen. Die Bars, in denen ich früher gerne gewesen war, gab es nicht mehr. Dafür sprossen an allen Ecken und Enden dieselben antiseptischen Coffee-To-Go-Läden aus dem Boden, in denen die Gäste auf Würfelhockern beieinandersaßen und etwas taten, was irgendwo anders "Klönen" und "Schnacken" genannt wurde, in meiner Lexik aber "Scheiße-Daherreden" hieß.

Auch das Stadtbild war kaum mehr wiederzuerkennen: In jeder Straße des Viertels hatten sich neofeudale Dienstleistungsbetriebe breitgemacht – Mosaikleger, Stukkateure, Blumenbinder, Glasbläser, Freskenmaler, Antikbad-Installateure –, flankiert von Start-Up-Unternehmen, die sich hauptsächlich durch Erbschaften zu finanzieren schienen. Trotz dieses ganzen Booms war es jedoch nicht möglich, auch nur eine Bar zu finden, in der interessante Menschen saßen. Meistens ging ich in die Waikiki Lounge, die genauso schrecklich wie all die anderen Läden der Gegend war, aber zumindest einen tätowierten Barkeeper besaß, der Aquavit in 0,1-Liter-Rationen ausschenkte und – ein überaus stylischer Vorteil! – die Gläser ohne Salzrand servierte.

Auf den Tresen gestützt leerte ich dann meine Aalborgs und beobachtete die Gäste. Sie waren eine Spezies, die es in München früher nicht gegeben hatte: Die meisten kamen aus irgendwelchen fernen, volkreichen Provinzen Deutschlands, waren vermutlich die Kinder der dortigen Dorfschulzen, Bonzen, Pastoren und Großbauern, hatten für das Medienmekka München ihre parkinsonkranke Oma, ihre schwangere Freundin und ihren Polarhund "Liam" im Stich gelassen und benahmen sich nun in der großen Stadt wie Superstars auf Angel Dust. Höflichkeiten wie Die-Tür-Aufhalten oder Danke-Sagen-Wenn-Man-Die-Tür-Aufhielt gab es nicht mehr – das hätte zu sehr den Anschein erweckt, man sei für München nicht "taff" genug. Wenn ich beispielsweise auf die Toilette zum Pinkeln ging, gab es bei meiner Rückkehr jedesmal Streit, weil irgendein Marder mit seiner Dragonerbegleitung in der Zwischenzeit meinen Hocker besetzt hatte – ganz gleich, ob ich Zigaretten, Drinks oder Zeitungen am Tresen liegen ließ – und meine Reklamationen mit "Wärste halt nicht aufs Klo gegangen!" konterte.

Diese Stadt war einfach verkommen zu einem Abenteuerspielplatz für Provinzschnösel, zu einer Westernstadt für Mauerblümchen, zu einer Hollywoodkulisse für Kleinstadtspießer, und so wenig man in Läden wie der Waikiki Lounge Spaß haben konnte, so unmöglich war es auch, dort ein gutes Mädchen kennenzulernen. Die Frauen, die die Waikiki Lounge in typischen Feierabend-Pulks bevölkerten, kamen alle aus der Medienbranche, interessierten sich nur für die Medienbranche und redeten von nichts anderem als der Medienbranche. Entgegen landläufiger Meinung war der Nimbus, den die Arbeit bei einer Zeitschrift wie der Unsrigen verlieh, aber ausgesprochen gering. Die wenigen Male, die mich Frauen in der Waikiki Lounge ansprachen, verliefen immer nach demselben Muster: Sobald sie in Erfahrung gebracht hatten, bei welchem Magazin ich arbeitete, steckten sie sich unter Würgegeräuschen den Finger in den Rachen und schrien: "Bäähh! Das Magazin mit den Pudel-Ohren? Is ja ekelhaft, is ja wirklich das Allerletzte! Wie kann man bei so 'nem Heft nur arbeiten? Wie kann man sowas überhaupt nur geil finden?"

Wenn ich ihnen davon erzählte, dass es bei uns üblicherweise Frauen waren, die anderen Frauen Pudel-Ohren aufstülpten, reagierten sie wie elektrisiert – exakt so, als ob ich in ihrem beschränkten Hirn einen Schalter angeknipst hätte: "Ach wirklich, Frauen sind da zuständig? Hmmm, hochinteressant! Brauchen die vielleicht noch Redakteurinnen? Oder kann man sich da mal um ein Volontariat bewerben? So 'ne Arbeit hätte mich nämlich schon immer mal interessiert!" Dann gaben sie einem Handynummern und Email-Adressen mit Namen wie wicked_sandra@yahoo.de, madhousekatja@hotmail.com oder britta_your_armageddon@gmx.net, die ich natürlich sofort in den Müll warf, weil mir nicht daran gelegen war, das Amazonentum um Jennifer und Konsorten noch weiter zu mästen.

Es waren also sehr sonderbare Mädchen, die man in der Waikiki Lounge traf, und alles in allem erinnerten mich diese Vorkommnisse nur mehr äußerst unangenehm an den Film Fight Club, wo sich gegen Ende auch immer mehr Menschen mit eigenartigen Interessen, Zielen und Gesichtern um einen zusammenrotteten und man zunehmend das Gefühl bekam, dass hier etwas vor sich ging, was absolut nicht lupenrein war.

Gegen ein Uhr nachts bezahlte ich dann meine Aquavits, nahm die letzte U-Bahn und fuhr nach Giesing, wo im Untergeschoss Obdachlose schliefen und Bettler die Mülltonnen durchwühlten – "die angenehm ausgewogene soziale Mischung", von der Jennifers Oldtimer-Besitzer immer so schwärmte. Dann lief ich durch die dunklen Kasernenwege nach Hause und dachte über mein Leben nach: Ich hätte nie aus Mexiko weggehen dürfen. Ich war scheißeinsam, umgeben von Zombies, die sich für ein Praktikum gegenseitig abmurksten und Deutschland im neuen Jahrtausend für rundum bejahenswert hielten. Bei meiner Haustür angekommen, sperrte ich dann die Wohnung auf und stieg als letzte Amtshandlung unter die Dusche, die wegen irgendwelcher Defekte im Wasserboiler kaum mehr regulierbar war. Wie jedesmal verbrühte mich die Dusche, und nach einer Minute goss sie nur noch eiskaltes Wasser auf meinen geschundenen Körper. "Fire & Ice" – dachte ich –, so in etwa muss es sich wohl anfühlen.


Stefan Wimmers Roman "Der König von Mexiko" erscheint am 6. März bei Eichborn Berlin (ISBN 3821858346, € 19,95)

- ebenso wie der neuaufgelegte Vorgängerband "Die 120 Tage von Tulúm" (ISBN 3821858338, € 19,95).

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