Die Eierköpfmaschine

Herbert W. Franke27.07.2008

Es liegf an der unserer Welt zueigenen Perspektive, dass das Naheliegende das Entfernte überdeckt. Man sieht "den Wald vor lauter Bäumen nicht" - so wird es in ein bekanntes Sprichwort gefasst. Im Fall der Eierköpfmaschine hat diese immanente Kurzsichtigkeit den Schritt auf eine neue Ebene des technischen Fortschritts verhindert.

"Wirklich große Erfindungen sind im Grunde genommen einfach", führte Direktor Stark aus. "Nehmen Sie das Zündholz oder den Reißverschluss. Die Heftklammer oder den Korkenzieher." Seine engeren Mitarbeiter standen um ihn herum und nickten.

"Sehen Sie, meine Herren", fuhr der Direktor fort. "Das ist das eigentliche Kapital, von dem unser Unternehmen lebt: die grauen Gehirnzellen! Aus einfachem Material, mit wenig Geld etwas Nützliches zu machen - darauf kommt es an. Erinnern Sie sich, was unsere größten Erfolge waren: der doppelt gefederte Hosenträger! Die dreigezinkte Kuchengabel! Die Kindertrommel mit Schalldämpfer! Das alles haben sich Mitarbeiter aus unserem Hause ausgedacht, Menschen mit Ideen! Aber es gehört eben auch dazu, die Möglichkeiten einer Erfindung zu erkennen, sie zu produzieren, sie zu vertreiben ... !"

Der Direktor deutete auf den Wandschrank; hinter der dicken Glasplatte waren die Produkte aufgereiht, eines neben dem andern: der wasserdichte Badeschwamm, die schief schneidende Schere, die Ohrläppchen-Lochstanze ...

Der Direktor hob noch einmal das Glas, und die Mitarbeiter prosteten ihm zu. Dann waren sie entlassen.

Schwirdisch, der alte Werkmeister, einer der ältesten Beschäftigten, zögerte ein wenig - immerhin so deutlich, dass Direktor Stark es merkte. Er legte dem alten Schwirdisch die Hand auf die Schulter und fragte: "Na, noch etwas auf dem Herzen?"

"Sie müssen wissen, Herr Direktor", antwortete dieser leicht verlegen. "Da wäre nämlich mein Neffe, er heißt Paul, ein aufgeweckter Junge ... "

"Was ist mit ihm?" sagte der Direktor aufmunternd. "Er ist der geborene Erfinder", platzte Schwirdisch heraus.

"Was dem Jungen alles einfällt, nicht zu glauben! Hat eben eine Mechanikerlehre abgeschlossen, ist auf Stellungssuche. Wenn Sie ihn sich einmal anschauen würden ... "

"Wird gemacht", sagte der Direktor, der an diesem Tag sehr gut aufgelegt war. "Bringen Sie ihn einmal her!"


"Du bist also Paul", stellte der Direktor fest. Werkmeister Schwirdisch stand vor ihm, daneben der schlaksige Jüngling. Sieht ja ganz pfiffig aus, dachte Direktor Stark. Muss ihn einmal auf die Probe stellen. "Habe schon gehört, dass du Köpfchen hast", sagte er. "Ein richtiger Erfinder, wie? Na schön, machen wir einen Versuch. Hast du irgendwelche Ideen? Gibt es etwas, was du erfinden willst?"

"Ja, doch ... " Paul stotterte ein wenig, bisher hatte er wenig mit so hohen Herren zu tun gehabt. "Ich interessiere mich für Kraftmaschinen. Ich hab' mir etwas ausgedacht ... ein Kraftwerk, einen neuen Typ ..."

Direktor Stark unterbrach ihn. "Du musst dir eines merken,mein Junge", erklärte er. "Die wirklich großen Erfindungen sind ganz einfach. Ein Kraftwerk, dass ich nicht lache! Bis so etwas fertig ist, vergehen Jahrzehnte. Man muß Millionen hineinstecken. Und ob es schließlich so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat, liegt in den Sternen."

Er dachte eine Weile angestrengt nach. Dann sagte er.- "Ich will dir eine Aufgabe stellen. Es ist mir schon längere Zeit durch den Kopf gegangen und müsste technisch möglich sein. Was mir vorschwebt, ist eine Eierköpfmaschine. Stell dir die feinen Leute im Hotel vor, wie sie mit den Messern auf die Eier hacken, sich mit Dotter bespritzen. Der eine trifft zu hoch, der andere zu tief. Beim einen landet die Kappe auf dem Nachbartisch, der andere zerschlägt den Eierbecher. Wie gut wäre es, wenn wir ein Werkzeug dazu hätten. Siehst du, eine solche Erfindung hätte Aussicht auf Erfolg. Jedermann braucht einen Eierköpfer, Junge und Alte, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße und Gelbe... " Er blickte Paul in die Augen: "Willst du es versuchen?"

Paul nickte und bestätigte es dem Direktor. Ja, er würde es versuchen.


Eine Woche später kam Paul mit einem Gerät, das nicht viel größer war als ein Toaster - zylindrische Form, auf drei Beine gestützt, oben eine runde Öffnung. Der Direktor bestellte in der Kantine einige weichgekochte Eier, und dann konnte das Experiment beginnen.

"Das Gerät funktioniert nach dem Prinzip der Scherung", erklärte Paul. Er drückte einen Knopf, ein rotes Licht blinkte auf, ein Summen ertönte, etwas Silbrigmetallisches blinkte kurz auf dann lagen die Reste des Eis auf dem Schreibtisch von Direktor Stark verstreut.

Da dieser etwas für junge Erfinder übrig hatte, blieb er freundlich. "Du siehst, es ist nicht so einfach", sagte er. "Willst du es noch einmal versuchen?"

Paul nickte wortlos, nahm sein Gerät und verließ den Raum.

Ein paar Tage später konnte der nächste Versuch starten. "Diesmal hab' ich es mit dem Prinzip der Luftturbine versucht", sagte Paul, als er das Gerät aufbaute. Es war ein wenig größer als das vorhergehende und gab, als Paul es einschaltete, einen dumpf rumorenden Ton von sich.

Der Direktor brachte sich wohlweislich in Sicherheit, und er hatte recht daran getan, denn diesmal war die Streuwirkung erheblich größer - Inhalt und Schale des Eis flogen fein verteilt durch das ganze Zimmer.

"Schon ganz beachtlich", sagte Direktor Stark, nachdem er die Putzfrau mit Eimer und Lappen bestellt hatte. "Aber irgend etwas stimmt noch nicht ganz. Ich gebe dir noch einmal vierzehn Tage Zeit - vielleicht schaffst du es!"

Paul war entlassen.

Eine Woche später fand er sich zum dritten Mal ein. Er schleppte eine Kiste mit sich und packte eine Maschine aus, die wie eine Kreiselpumpe aussah. Die Peripherie bildete eine Art Kranz, in dem sich Öffnungen zum Einstecken der Eier befanden.

"Mit diesem Gerät", erklärte Paul, "ist es möglich, zwölf Eier zugleich zu köpfen. Sie werden staunen, Herr Direktor!" Er drückte einen Knopf - mit einem heulenden Ton begann die Maschine zu arbeiten. Im Innern zischte es, Dampf stieg auf, und zuletzt spie die Maschine die Eier aus. Paul behauptete später, sie wären alle richtig geköpft gewesen, doch konnte man es schwer erkennen, da sie ziemlich schnell in die Umgebung flogen und an den Wänden und Einrichtungsgegenständen zerschellten.

Der Direktor hatte sich gerade noch in den Raum seiner Sekretärin zurückziehen können. Nun kam er bleich hervor und fixierte Paul, der mit Eidotter bekleckert dastand. "Ich glaube, da ist Hopfen und Malz verloren", sagte er. "Du solltest dir einen anderen Beruf suchen!"

Paul nickte nur. Er packte das Gerät zusammen, vergaß sich zu verabschieden und ging hinaus. An der Seitenwand der Werkhalle stand ein großer Müllcontainer, und er warf seine Maschine hinein.

So wurde Paul kein Erfinder, sondern ein Buchhalter. Nur schade, dass niemand danach gefragt hatte, mit welcher Energiequelle seine Eierköpfmaschinen eigentlich gearbeitet hatten! So kam es, dass das einzige funktionierende Perpetuum mobile in der Geschichte der menschlichen Technik auf dem Müll landete und das Energieproblem bis heute noch nicht gelöst ist.