Herr Fischer
Twister (Bettina Winsemann)25.12.2008
Eigentlich war Herr Fischer gar nicht seltsam. Er war eher durchschnittlich, trug meist gut geschnittene Hosen und Hemden von einer Farbe, die man sich nicht merken würde, da sie eben weder ein Blau noch ein Grau darstellte. Allerdings passten die Hemden zu Herrn Fischers immer etwas verklärt wirkenden Augen. Sein dunkelbraunes Haar war lässig geschnitten, sah jedoch immer zerzaust aus, weil sich Herr Fischer mit einer Hand durchs Haar fuhr, wenn er verlegen war. Herr Fischer war oft verlegen. Wenn er morgens aufwachte, duschte er, rasierte sich, zog sich an und schlüpfte dann in seinen mausgrauen Mantel. Er verließ die Wohnung und ging zur Bushaltestelle. Wenn der Bus kam und seine Türen sich öffneten, schlüpften vor ihm die wartenden Passagiere in den Bus, gingen lässig und entspannt am Busfahrer vorbei, der gleichzeitig der Schaffner war. Herr Fischer stieg immer zuletzt ein. Er zeigte dann dem Fahrer/Schaffner sein Ticket, ein altmodisches papiernes Ticket, das für die anderen Fahrgäste aussah wie eine Reliquie aus längst vergangener Zeit. Wenn er zur Arbeit kam, öffnete sich nicht, wie für all die anderen, die Tür automatisch. Nein, bei Herrn Fischer musste der Portier, der sonst nur zu Repräsentationszwecken da war, die Tür öffnen und Herrn Fischers Identität überprüfen. Herr Fischer besaß auch als einziger Mitarbeiter einen Toilettenschlüssel und einen weiteren für den Kühlschrank. Während alle anderen in der Firma einmal lässig die Hand vor den Sensor hielten, musste Herr Fischer immer mit einem Schlüssel herumfummeln. Auch beim Einkaufen ging es ihm nicht besser, in der Stadtbibliothek, in der Oper... überall, wo sich sonst alles lässig-leicht durch die "IC" (Internal Chips) selbst regelte, musste man für Herrn Fischer eine Ausnahme machen und Menschen bemühen, die sich um Herrn Fischer kümmerten. Welch eine Arbeit! Deshalb war Herr Fischer auch nicht sonderlich beliebt bei den Restaurantbesitzern oder den Verkäuferinnen, denn während sie normalerweise nur notwendig wurden, wenn die Technik mal versagte, mussten sie bei Herrn Fischer ständig da sein. Er war im ganzen Land der einzige, der keine ICs trug, und eine große Tageszeitung hatte schon einmal einen Bericht über ihn gebracht - über den "Mann ohne IC". Und seitdem nannte man ihn überall den seltsamen Herrn Fischer. Herr Fischer hatte sich daran gewöhnt. Er ging abends nach der Arbeit nur noch selten aus, meist ging er direkt nach Hause und setzte sich vor den Fernseher, den er hatte teuer bezahlen müssen, weil es eine Sonderanfertigung war. Alle anderen brauchten ja nur den Arm Richtung Fernseher heben und schon wurde automatisch per Gebühren-Einzugs-System sekundengenau abgerechnet, wer wo welche Sendung gesehen hatte. Aber Herr Fischer musste den Fernseher einschalten und eine Pin eingeben. Es war sehr anstrengend für ihn geworden - das Leben. Er konnte nicht wie alle anderen an all den kleinen Freuden teilnehmen, die durch die ICs so einfach geworden waren, konnte nicht zwanglos ins Kino oder Essen gehen, er konnte nicht einfach so einen Wagen mieten oder etwas kaufen, indem er nur mit der Hand winkte. Nein, er brauchte immer Menschen, die ihm halfen. Er war abhängig von dem guten Willen dieser Leute, er war sozusagen gesellschaftlich gehandicapt. Und was er am schlimmsten fand, war, dass viele, die den Bericht in der Zeitung nicht gelesen hatten, ihn für einen Spinner hielten. "Der hat es wohl mit der Privatsphäre," sagte man hinter vorgehaltener Hand oder "wahrscheinlich denkt er, die Illuminaten beobachten ihn durch die Chips". Manche nannten ihn auch einen "Datenschutzfetischisten" und mieden ihn, wie man einen selten dummen Menschen eben meidet. Dabei war Herr Fischer die Privatsphäre völlig egal. Er hätte sein Leben dafür gegeben, auch an der schönen neuen IC-Welt teilnehmen zu können. Aber sein Körper hatte irgendwelche seltsamen Antikörper gebildet, die jeden Chip, den man ihm implantiert hatte, innerhalb von Minuten zerstörten. |