Die Sinnzettelsammler
Silke Gustedt05.10.2008
Hello World
Der Wind pfiff an diesem Tag. Er kam von Südwesten, bahnte sich seinen Weg durch die wohlgeordneten Containerberge im Hafen, zwang die Laufkatzen der Portalkrane zur Pendeldämpfung, kräuselte die Wasseroberfläche des Flusses, peitschte um die kürzlich erst bezogenen Wohn- und Bürokolosse vor dem gegenüberliegenden Ufer, die auf filigran anmutenden Stäben einige Meter über dem Wasser zu schweben schienen, und brach sich schließlich an den Uferterrassen, die das nordisch herbe Klima durch ihr mediterranes Flair abmildern sollten. Eingemauert am Kai Geschäfte und Cafés, die ihren Standort den Naturgewalten abtrotzten. Hochwassergefahr bestand um diese Jahreszeit nicht. Aber überall waren noch Spuren der letzten und für die neuen Bewohner und Pächter ersten Sturmflut zu sehen. Sie hatte vor wenigen Monaten die Fluttore überlistet, und das Wasser war - allerdings nicht Ungehindert - wenige Zentimeter in die Gebäude eingedrungen. Das Büro lag in einem achtstöckigen Neubau in sicherer Entfernung auf einer Anhöhe. Von hier aus konnte man den ganzen Hafen überblicken. Meistens waren jedoch die Fenster verdunkelt und man arbeitete mit Kunstbeleuchtung, um optimale Lichtverhältnisse zu erreichen. 6 Monitore waren an der Längsseite befestigt. An der kurzen Seite standen auf einem Schreibtisch mehrere Notebooks. Er oder sie arbeitete an einem neuen Parser für Videobilder. Die Software sollte später den Bildauswertern von Überwachungsanlagen helfen, bestimmte Situationen als relevant für eine drohende Straftat zu erkennen. Mehrere Studien hatten bereits die Mittelwerte geliefert. (Probanden unterschiedlichen Alters waren beim Ausüben von Kampfsportarten und bei Trickdiebstahl gefilmt worden, danach hatte man die Geschwindigkeit, die Charakteristika ihrer Bewegungen ausgewertet). Der Parser würde nicht nur Alarm schlagen, sondern auch Handlungsdirektive in bestimmten Situationen liefern wie "Beobachten!", "Sicherheitskräfte rufen!", "Verwarnung durch Lautsprecheranlage ausprechen!", "Signal auslösen!" etc. Drei der sechs Monitore waren eingeschaltet und zeigten in Echtzeit Bilder, die von Videokameras übertragen wurden. Diese waren an ausgesuchten Plätzen installiert. /Trace/ Eigentlich war es noch zu früh, sich um die Bilder auf den Monitoren zu kümmern. Es galt nicht nur, die grobe Architektur des Programms zu skizzieren, sondern sich erst einmal für eine Programmiersprache zu entscheiden, in der die Software geschrieben werden sollte. Er oder sie, jung natürlich, ziemlich jung, saß deshalb am Notebook und recherchierte, welche Sprache entsprechend vorgefertigte Module anbot. (Reg dich nicht auf, sie oder er, spielt das für Dich eine Rolle?!). Closed Circuit Television. Open Circuit Television. Sieer brauchte eine Pause - schließlich sollte man das spätsommerliche Wetter ausnutzen - und verließ das Gebäude. Der Wind hatte nachgelassen. Die Wolken gaben immer wieder die Sonne frei. /Send/ Er(?!) (mal wird sie "er" heißen, mal wird er "sie" heißen; miss dem einfach keine Bedeutung zu. Schaffst du das?) dachte an einen Kumpel, der immer seine Brille abnahm, wenn er durch die Straßen ging. Der sagte, die Unschärfe gebe ihm erst das Gefühl, sich in der Wirklichkeit zu bewegen. /(Prompt)/ Die Methoden- und Funktionsbezeichnungen der verschiedenen Programmiersprachen surrten in seinem(?!) Kopf herum. Im Schaufenster eines Multimedia Geschäftes waren Flachbildschirme ausgestellt, die alle irgendein Fernsehprogramm darboten. Er eilte vorüber, denn er vermied es, sich dort aufzuhalten, wo Kameras installiert waren. Während er weiter in Richtung eines Lokals lief, das sich abseits vom Wasser im Stadtinneren befand, beriet ein Verkäufer im Laden ein älteres Paar bei der Wahl eines Bildschirmes. Bei Modell A wirkte das Beige bläulich, bei Modell B hingegen war der Bildhintergrund leicht gelbstichig, Modell C verschluckte einen frischen Blutfleck auf einer Straße als dunklen Farbton, und die Wiese auf Modell D war zu grün, um grün zu sein. Wie wäre es mit einem Monitor der höheren Preiskategorie? Beispielsweise Modell E, F oder G, die alles sich soeben anderswo Ereignende farbecht ins Wohnzimmer übertrugen? (Das Paar entschied sich Für den verschluckten Blutfleck...) /Display/ In einer Seitenstraße, in der er(?!) sich nun befand, lagen Hunderte von Puzzleteilen auf dem Boden verstreut. Welche Szene mochte sich dort abgespielt haben? Er durchquerte den Park. Vor einem Teich erklärte eine Reiseführerin einer bunt gemischten Gruppe von Touristen das historische Gebäude, das hinter dem Teich lag. Ein ca. 9-jähriger Junge hatte andere Sorgen, als sich über die architektonischen Besonderheiten des 300 Jahre alten Gebäudes belehren zu lassen. Er zupfte einen Fremden am Ärmel: Weißt du, wenn die Seerosen zu viele Blätter haben, dann kippt der Teich und dann sterben die Fische... /Message, echo, say, call/ Sie(?!) betrat das Lokal, nachdem sie festgestellt hatte, dass das Tagesangebot ihr behagte, Risotto und Salat). Sie ließ sich den Teller maßvoll füllen oder nahm nur Salat vom Buffet? Oder er(?!) betrat das Lokal, nachdem er festgestellt hatte, dass das Tagesangebot ihm behagte. Er nahm einen gehäuften Teller voll oder nahm sie einen gehäuften Teller oder nahm er nur Salat? Er setzte sich nach draußen. Zu seiner linken saß eine Gruppe von drei Männern und zwei Frauen, ungefähr in seinem Alter, die über Verschwörungstheorien diskutierten, zu seiner rechten eine Frau, etwas älter als er, die ihre Geschäfte übers Handy abwickelte . /Greet, show/ Er konnte nicht umhin, das Gespräch mit anzuhören. Ich bin's, die Freundin von der Ex von deinem Sohn... Ich wollte fragen, ob du für eine Woche deine Wohnung für Filmaufnahmen zur Verfügung stellen kannst... Leider nur 300 € pro Tag und Aufenthalt in einem Vier-Sterne-Hotel.....bei Freunden geht auch, ja, die würden dann 200 € pro Nacht bekommen, ja, bis morgen also... Hallo Tom, rief einer vom linken Tisch (Jetzt ist es also entschieden, er ist er und heißt Tom). Was machst du so? Ich esse! Ach, nee! /Run, alert, translate, debug, select, report, info, pray, prompt, replace.../ Tom erzählte von seinem Projekt, wobei ihm allerdings der Appetit Verging. Jetzt würde wieder die Diskussion losgehen, erwiesenermaßen nütze das doch gar nichts mit den Kameras, es würde doch kein Verbrechen dadurch verhindert und trage er nicht dazu bei, dass Überwachung immer totalitärer stattfinde. Aber er hatte Glück, die anderen waren so in ihre Diskussion vertieft, dass sie ihn nicht beachteten, und Hannes, der ihn gefragt hatte, legte es eher auf einen Smalltalk an. Die Debatte zwischen den vieren wurde immer hitziger, sie stritten darüber, ob nicht manchmal Verschwörungstheorie gegen Verschwörungstheorie stand, ob die staatlichen Verschwörungstheorien die gefährlicheren waren; sie stritten über die Zuverlässigkeit von Information im Dickicht der Medienlandschaft, über Wahrheit und Wirklichkeit, sie stritten darüber, ob Fehlinformationen kaltblütig in die Welt gesetzt wurden, um wirtschaftliche Interesse zu verfolgen, den zu erwartenden, kalkulierten und nichtkalkulierten Toten im Vorhinein einen Sinn zu geben oder/und ob sie der Selbstberuhigung der Mächtigen dienten, die sich Informationen geben ließen, ohne diese zu hinterfragen. Die Spannung stieg, die Stimmen wurden lauter und das Ganze drohte unversöhnlich zu enden, als man sich gegenseitig vorwarf, einer Verschwörungstheorie anzuhängen. Hannes bemühte sich, die Stimmung zu retten: Sollen wir uns nicht ein Boot mieten und einen kleinen Törn auf dem Stadtsee machen, kommst du mit, Tom? Tom zögerte, ließ sich aber von Hannes überreden; auch die anderen waren einverstanden. Hannes machte sie mit Tom bekannt, Nina oder Tina (er hatte es nicht genau verstanden), Marvin, Benni und Sonja. Sie durchquerten gemeinsam die Innenstadt in zwei Dreier-Grüppchen mehr oder weniger schweigend, nur Hannes versuchte ein harmloses Gespräch in Gang zu setzen: Ist es nicht ein herrlicher Tag heute? Genau das richtige Wetter, um zu segeln. Aber als sie am Bootssteg ankamen, war es nahezu windstill, und so entschlossen sie sich, ein Kanu zu mieten. Tom jedoch verabschiedete sich und sagte, er wolle zurück. Er schaute ihnen nach; nichts erinnerte mehr an den vorherigen Streit; wie ein eingeschworenes Team fanden sie sofort ihren gemeinsamen Rhythmus beim Paddeln. Er joggte zurück, lief so schnell er konnte, um seinen Körper zu spüren, kam am Lokal vorbei, das inzwischen leer war, rannte durch den Park, wo er aus dem Augenwinkel eine Traube von Menschen vor dem Teich wahrnahm, mied Multimedia, kickte die Puzzlestücke beiseite; in seinem Kopf echote es: message say call alert greet show draw format... ...and * print* print *print* print *print* print* print* Hello World. |
||||