Schichtwechsel
Twister (Bettina Winsemann)12.10.2008
Als er am letzten Tag ihre noch immer düstere Wohnung verließ, drehte er sich noch einmal um. Die Letzte der Schreibenden saß am Fenster und schwenkte nachdenklich das Glas mit dem Rotwein, den er ihr mitgebracht hatte. Ihre Intuition ließ sie auch diesmal nicht im Stich. "Ja?" Sie drehte sich um. "Darf ich es vielleicht doch aufschreiben? All das, was geschehen ist? Wie die Allianz entstand? Wie der Befreiung die zweite Allianz folgte? Alles, was Du mir erzählt hast? Die Menschen müssen es doch wissen damit wir..." Er brach ab. "Du hast selbst gesagt, dass wir die Vergangenheit kennen müssen um zu verhindern, dass sie sich wiederholt." "Ach, naive Worte einer alten Frau." sagte sie. "Sieh Dich doch draußen um. Wie lange ist es her, dass die zweite Allianz gebrochen wurde? Sechzig Jahre? Siebzig Jahre? Und sieh Dir an, was mittlerweile geschieht." Sie wies mit ihrer blassen rechten Hand nach draußen, wo laute Rufe zu hören waren. "Sie wollen doch einen starken Arm, wollen, dass es passiert. Gib Ihnen eine gute Erklärung als Keks, am besten garniert mit etwas Sicherheit als Sahnetuff und schon wirst Du bekommen, was Du willst. Das was ich einst wollte, ist nicht mehr als ein Relikt wie ein Dinosaurierknochen von vor langer langer Zeit." Er kam zu ihr zurück und schenkte ihr erneut Wein ein. "Dann war alles umsonst?" Sie nickte zu seinem Glas und er nahm sich ebenfalls Wein, sie prosteten sich zu. "Umsonst? Nein, das denke ich nicht." Sie nahm seine Hand. "Dort draußen, da wünscht man sich einfach Sicherheit. Sicherheit und Beständigkeit und Zufriedenheit. Wie diese funktioniert ist egal. Es ist eigentlich eine Schande, dass unsere "hochzivilisierte" Welt noch nicht bis zur Entkorkung fortgeschritten ist. Aus einem Trümmerhaufen wurden wieder Länder, wurde wieder Leben. Aber die Menschen wollen nicht mit dem Negativen auf der Welt leben. Wird ein Auto gestohlen, so will man mehr Kameras und am besten Selbstschussanlagen, stiehlt jemand überhaupt, so am besten lebenslang ins Gefängnis mit ihm, die Hässlichen und Kranken am besten außer Sichtweite und das Abnorme zur Behandlung in die Psychiatrie. Und weil man sich ungern selbst die Hände beschmutzt, mit denen man isst, ruft man nach dem Ausführenden. Und nach denen, die die Urteilssprüche sprechen, die man selbst lang sprach. Und nach denen, die die Gesetze für uns machen damit wir selbst keine Eigenständigkeit lernen. Und so geht es weiter. So wie Du heute den Begriff "Privatsphäre" nur noch als "öffentlichkeitsverweigerung" kennst, wie "Datenschutz" für Dich nur noch als "Täterschutz" oder "Unschuldsbezeugungsverweigerung" kennst, wird es weitergehen. Krieg ist Präventivvorgehen, Kameraüberwachung ist Sicherheitsempfindenssteigerung..." Sie stellte ihr Weinglas ab, noch immer hielt sie seine Hand. "Aber umsonst?" Sie schüttelte den Kopf. "Ich wollte nie die Letzte der Schreibenden sein. Ich wollte sterben wie jeder, aber sie hatten andere Pläne mit mir. Ich sollte überleben, sollte berichten können. Ich wurde nicht gefragt." Jetzt endlich enthüllte sie ihr Geheimnis. "Aber ich bin trotz allem einsam. Und vielleicht sterbe ich wirklich bald. Endlich." Sie umarmte ihn und er fühlte ihre Tränen. "Aufschreiben ist sinnlos wenn niemand liest und denkt. Warum lesen und denken wenn es andere für einen tun? Es gibt Leseautomaten und die großen EntertainoDrome. Das ist doch die Hauptsache." Zwei Tage nachdem er sie verlassen hatte, geschah das große Attentat. Das erste nach der Zerschlagung der zweiten Allianz. Während einige ewig Gestrige noch zur Besonnenheit aufriefen, war die Mehrheit der Menschheit, betroffen, weinend, wütend, sich einig, dass man nun mit aller Stärke endlich neue Regeln verabschieden müsste. Die Regierung hatte aus der Zeit der Allianz gelernt und so blieb man besonnen, gegen den Willen des Volkes. Bereits vier Tage später kam durch einen Staatsstreich die Anti-Attentat-Fraktion an die Macht und verabschiedete das neue Sicherheitsgesetz. Im Jahre 2101 wurde die dritte große Allianz gegründet, nur eine Woche nach dem großen Attentat. In einer Art morbiden Endzeitstimmung ging Florian zu der Letzten der Schreibenden. Nachdem sie gemeinsam ihren Rotwein genossen hatten, ging sie ins Badezimmer. Nach einer halben Stunde öffnete er die Tür und schloss sie wieder. Er öffnete die zweite mitgebrachte Rotweinflasche, schenkte sich ein Glas ein und sah zum Fenster hinaus. Dort draußen wurden gerade die neuen Kameras installiert. Er hob sein Glas und lächelte. Seine Schuhe hinterließen rote Abdrücke auf dem Teppich. Er freute sich, dass er sie hatte zu einem grauen Teppich überreden können, so würde er sich beim Anblick der Abdrücke jeden Tag an sie erinnern können. Jetzt war er der Letzte der Schreibenden. |