Danach

Und wieder lächelten die da vorne standen. Warum? Daniel verstand es nicht - auch der Pranger war verschwunden...es war alles so seltsam.

"Ich denke, ihr holt euch einfach jeder ein Buch, das euch interessiert und schmökert ein wenig darin herum. Und dann reden wir darüber." schlug Sylvia vor und lächelte weiterhin, genauso wie Frank an ihrer Seite.

Daniel schielte unauffällig nach links oder rechts. War das eine Falle? Was würde passieren, wenn er jetzt so aussah als wolle er wirklich ein Buch lesen? "Die sind wirkich unzensiert." hatte Violet ihm zugezischelt. "Wirk-lich." Aber - wenn er jetzt auf ein unzensiertes Buch aus war...was würde man mit ihm tun? Auch die anderen blieben sitzen.

Sylvia seufzte leise und sah Frank hilflos an. "Was sollen wir tun?"

Er zuckte die Schultern. "Wir könnten ihnen befehlen, sich ein Buch zu nehmen." sagte er sarkastisch. "Oder warten..."

Fast drei Stunden später stand Timothy auf und ging zu dem Stapel mit den Büchern, nahm das oberste auf ohne nach dem Titel zu schauen. Er presste es an sich und obwohl er eine geduckte Haltung annahm,hob er dennoch den Kopf. Einen ewig lang währenden Moment geschah gar nichts, dann schlug Timothy das Buch auf. Und es war wie ein Fanal, wie ein Befreiungsschlag, die Jungen und Mädchen rannten zu dem Bücherstapel, rissen die Bücher an sich und blätterten darin herum, lachten, weinten, sahen fasziniert und erschrocken zugleich auf die Bilder und die Texte.

Daniel hatte sein Buch noch immer an sich gedrückt als Sylvia ihn abends traf. Es war als hütete er einen besonderen Schatz. "Wann werden die Tests beginnen?"

"Tests?"

"Die Tests." Daniel duckte sich ein wenig. Er hätte das nicht fragen dürfen, man würde ihn jetzt bestrafen, das war ganz klar. Und er verdiente es nicht anders, er hatte sich blenden lassen, verführen lassen. Die unzensierten Bücher waren eine Falle gewesen, er hätte es wissen müssen. Oh Violet, sie werden uns alle bestrafen, wir waren so leichte Beuchte.

"Daniel!" Sylvias Stimme drang in sein Bewusstsein. "Welche Tests?"

"Sie werden doch Tests machen, oder? Sie werden schauen, welche Bücher wir ausgewählt haben, werden uns fragen warum, werden uns dafür bestrafen, dass wir die falschen Bücher auswählten. Und Sie werden uns testen, wie diese Bücher auf uns wirkten..." Er erinnerte sich an die Fragen, an die schmeichelnde Stimme, an die Stromschläge und das verührerische Lächeln des Kommandanten "erzaehl uns, warum Du dieses Buch sehen wolltest"

"Nein, wir werden keine Tests machen." sagte Sylvia ruhig obwohl ihr Mund trocken war. "Nein, Daniel." Er sah ihr nach, das Buch noch immer an sich gepresst und erinnerte sich an seinen Namen...Daniel. Keine Nummer...ein Name.

Und er schlug das Buch auf und las bis es zu dunkel dafür war und er, übermüdet und gleichzeitig zu wach vor lauter Glück, in sein Zimmer schlich. Das Buch war streckenweise langweilig, manchmal ekelig, manchmal schmalzig...weiß Gott kein Meisterwerk. Aber er durfte es wirklich lesen!