Schwimmen

Chlor und Komfort bei der jahreszeitgemäßen Kinderbespaßung

Dezember war’s, die Tage wurden täglich trüber, da ging ich in’s Hallenbad rüber. Mit Kind. Oder eher ging das Kind mit mir, denn mich muss man ins Hallenbad zerren. Und noch als wir vor den Drehkreuzen standen, und uns schon dieser bewusste Hallenbadmief umfing, ein aus Chlor, Käsesocken, nassen Haaren und trockenen After-Swim-Fürzen gemachtes Miasma, überlegte ich, aus der Sache wieder auszusteigen.

Besonders, da das Kind zweimal trocken hustete und möglicherweise hinterher noch mehr husten würde. Ganz zu schweigen von einem Blick durch die Scheibe zum Hallenbad selbst, der ein ganz klar demotivierendes Ergebnis brachte: Die Stehplätze im Kinderbecken waren bereits knapp. Aber als ich anzumelden wagte, man könne sich die Sache vielleicht doch noch einmal überlegen, sah mich das Kind mit diesem Blick an, in dem Mordlust glomm: "Wag es ja nicht, ich will plantschen!" Keine Chance. Kind wollte plantschen. Ich war schon still.

So lange war mein letzter Besuch im Hallenbad hergewesen, dass ich die Ersetzung von Kassenhäuschen durch blaue Automaten zwar mitbekommen, aber wieder vergessen hatte, und ein wenig ratlos vor den Optionen und auch Preisen herumstand, die auf dem Touchscreen avisiert waren. Zehnerkarte, Familienkarte, Was-Auch-Immer-Karte - für mich lief es auf den Einzelfahrschein zu 3,50 Euro raus. Das Kind hatte noch ein paar Runden auf seiner Karte drauf, die mir goldenen Applikationen versehen war, und als Platin-Card der Schwimmbadszene durchgehen mochte. "7 Mark!", rief mein innerer Traditionalist. "7 Mark für einmal Pissebrühe!"

Man konnte meine Zähne knirschen hören, als die Münzen in den Schacht fielen. Und durchfielen. Und wieder durchfielen. Das Kind bot hilfreichen Rat an und fragte, ob das wohl auch die richtigen Münzen seien. Da oben könne man doch auch Scheine reinstecken. Ob ich jetzt wohl "den Apparat" kaputtgemacht hätte. Jugendliche mit Migrationshintergrund, die auf einer nahegelegenen Bank logierten, fingen an, hämisch zu kichern. Ich drückte auf den Knopf, der den Service herbeirief. Nach knapp fünf Minuten war der Service schon da. Er hatte einen schönen großen Bauch, über den sich ein T-Shirt mit dem Aufdruck DLRG spannte, er kratzte sich am Kopf und öffnete den "Apparat". Darin kam ein handelsüblicher PC zum Vorschein, den der Service ab- und wieder anschaltete.

Und siehe da - der Bildschirm, der vorher noch von den garstigen Preisen geredet hatte, zeigte jetzt den Bootvorgang von Windows 95. Windows 95! Altes Haus, lange nicht gesehen! Zuletzt vor einem halben Jahr, auf dem Bildschirm einer Supermarktkasse, als auch sie Schluckauf bekommen hatte. Als der handelsübliche PC betriebsbereit war, sagte der Service: "Hat der öfter", wobei nicht klar war, ob er damit die Fehlfunktion oder Windows 95 meinte. Und schon durfte ich meinen Obulus entrichten, die Zähne knirschten immer noch.

Oh die Freuden des Umkleidens im Chlordunst! Chlor ist übrigens ein Giftgas und wurde als solches im Ersten Weltkrieg auch eingesetzt. Dieses wunderbare Gefühl, in die Umkleide einer mittelalten Badenixe zu stolpern, die vergessen hat, die Tür zu verriegeln. Dieses sich Herauswinden aus den Klamotten in Kabinen, die Harry Houdini zu ganz neuen Entfesselungstricks inspiriert hätten. Diese Überführung eines zivilisierten, angezogenen Körpers in den Zustand schamhaft vertrotzter Nacktheit, und die Überführung dieses Körpers in die Gemeinschaftsdusche, die geradezu mit einem Überfluss an schamhaft vertrotzter Nacktheit aufzuwarten hatte. Ich wollte nach Hause, das Kind wollte mehr.

Es wollte Rentnern in die Quere schwimmen, und zwar vor allem in jener gewässerrechtlich undefinierten Zone, die als "Nichtschwimmerbecken" deklariert, aber nur durch bunte Wimpel von dem Hauptbecken abgetrennt war, wo das ernsthafte Bahnenschwimmen stattfand. Das Kind wollte an dem vom Nichtschwimmer- zum Schwimmerbecken steil abfallenden Boden "Marianengraben" spielen, und ich fragte mich, wo es das nun wieder her hatte. Das Kind wollte ganz unbedingt vom "Einserblock" und vom "Einserbrett" runterspringen und zwar so, dass es vom Bademeister verwarnt werden musste, es springe nämlich zu nahe an den Rand des Beckens heran und da gäb es ja "genug Kinder, die bleiben dann am Rand hängen".

Der Bademeister hatte keinen dicken Bauch, war auch erst achtzehn, nahm die Sache aber bereits mit einem angemessenen Gemisch aus Ernst und Routine. Während das Kind bewies, dass es eine ganze Bahn "ohne alles" schwimmen konnte (d.h. ohne jegliche Schwimmhilfe und ohne jegliches Festhalten) am Beckenrand, erinnerten sich ein paar jugendliche Blödhammel ganz ohne Migrationshintergrund an den Sommer und testeten ihre Arschbombentechniken in einem ungeeigneten Umfeld. Ich hingegen wollte Vorbild sein und übte mich im noninvasiven Kopfsprung vom Dreierturm, immer das Bild von Turmspringern vor Augen, die ins Wasser eintauchten als glitten sie daran vorbei. Es gelang mir fast genauso gut.

Und dann war Ruhe, denn das Kind hatte entschieden, noch einmal ausgiebig ins Plantschbecken zu gehen, dorthin, wo mittlerweile die Stehplätze zu Schwarzmarktpreisen gehandelt wurden, und ich konnte mich zur Liegewiese trollen, um ein wenig in einem Buch über Amerika zu lesen, in dem unter anderem auch von einem Börsenkrach die Rede war, gemeint war aber der von 1987. Und dann dauerte das Martyrium in der Umkleidekabine wieder nur knapp eine halbe Stunde.

Dies wohlige Brennen in den Augen. Dieser Einstieg in die Socken mit nassen Füßen. Dies Kinder- und Elterngeschrei um uns herum. Und das Kind sagte tatsächlich, als es ganz und ich erst halb angezogen war: Erster! Und dann verließen wir das Bad, begleitet von dem üblichen Hallenbadmief aus Chlor, Käsesocken, nassen Haaren und trockenen After-Swim-Fürzen. "Bis zum nächsten Mal!", rief das Kind voller Vorfreude, und ich dachte: Bis zum nächsten Dezember