Schafott
Twister (Bettina Winsemann)11.01.2009
"Bist Du Dir sicher, dass Du Dir das antun möchtest?" Le Ping zog seine Frackjacke zurecht und hob mit spöttischem Gruße seine Whiskyflasche, noch halb gefüllt. Phoebe sah ihn besorgt an, ihre sonst so strahlenden Augen, nicht selten an die ihrer Schwester Sabrina erinnernd, wirkten trübe und stumpf. "Natürlich bin ich mir sicher. Prost, Jungs und Mädels. Auf einen Kämpfer!" Le Pings sonst so streng zurück gegelte Haare flatterten wirr um seinen Kopf, ein sicheres Zeichen dafür, dass seine Ruhe nur gespielt war. "Schauen wir uns an, was unser aller geliebtes Television so bietet." Er starrte auf den Bildschirm, während er gleichzeitig die Lautstärke der Stereoanlage höher stellte. "Always stays the same," klang es aus den Lautsprechern. "Nothing ever changes. English summer rain. Seems to last for ages." Le Ping setzte die Whiskyflasche an und trank einen so großen Schluck, dass Phoebe ihm am liebsten die Whiskyflasche entrissen hätte. "He, Ping - nicht schlapp machen," sagte Pings bester Freund, von allen gerne Oswald genannt. Was eigentlich brutal war, wenn man Oswalds Hände sah. Sofern man von Händen sprechen konnte. Oswald hatte ein paar seiner Dateien versehentlich so genannt wie urheberrechtlich geschützte Dateien. Als jemand die Hatch-Methode angewandt hatte (eine Beta-Version), war Oswalds Rechner versehentlich zerstört worden - nicht ohne Oswalds Hände in zwei blutige Fetzen zu verwandeln, welche die plastische Chirurgie jetzt in etwas Flossenähnliches verwandelt hatte. Aber man hatte Oswald immerhin entschädigt - er hatte zehn aktuelle CDs ohne Kopierschutz bekommen. Laut des anliegenden Schreibens "wäre der Wert dieser CDs unermesslich," weit über dem Wert von zwei Händen also, der mit etwa 10.000 Allianz-Dollar beziffert wurde. "Ich mache nicht schlapp." Le Ping grinste schief, und nur Phoebe sah, dass seine Augen langsam blutunterlaufen waren. Le Ping starrte weiter auf den Bildschirm, wo unter dem lauten Gejohle der Zuschauer nun die Spritzen aufgezogen wurden, die Le Pings Bruder für immer zu einem vernunftbegabten, wenn auch toten, Mitglied der Gesellschaft transformieren würden. "Immerhin haben sie es nicht geschafft, ihm seinen letzten Willen zu verweigern." Und während er zusah, wie sein Bruder, schuldig erklärt des Kopierens und Tauschens von urheberrechtlich geschütztem Material, auf humane Weise transformiert wurde in einen Zustand, in dem er der Gesellschaft nicht mehr schaden konnte, dachte er an seinen anderen Bruder. An ihn, der noch 1984 Jahre im Gefängnis sein würde, der immerhin nur ein paar Leute auf barbarische Art getötet hatte, während Brian, dessen Lächeln ihn noch immer zum Weinen brachte, nun wegen des Verstoßes gegen das Urheberrecht auf den Tod wartete. Er dachte an die beiden, und er dachte an die Worte in der Verhandlung: "Immerhin müssen wir bedenken bei aller Grausamkeit, dass Brian der Gesellschaft und vor allen Dingen der Wirtschaft einen kaum bezifferbaren Schaden zugefügt hat, während Paul, bei aller Grausamkeit, der Gesellschaft und der Wirtschaft insbesondere durch die Entsorgung von nicht lebenswertem Leben doch eher zugänglich war." "I´m in the basement, you´re in the sky." Le Ping lächelte und drehte sich, während er von dem herunter prasselnden Regen durchnässt wurde, wie ein Schwamm. Er fühlte förmlich, wie Brians Leben dessen Körper verließ. Und er lachte, als ihm die Worte der Richterin einfielen: "Ich hoffe, dass Brians gesellschaftsfördernde Bestrafung nicht nur für ihn, sondern vielmehr auch für alle die, die zusehen, eine weiterführende Wirkung hat. Ich hoffe, ihnen wird bewusst, wofür dieser Staat steht. Für Gerechtigkeit und für Humanität." |