Abdul

Barnaby Fischer konnte es nicht glauben. Er war jetzt seit fünf Jahren in diesem Land und hatte sich immer vernünftig benommen. Er schmarotzte nicht, hatte seinen Job als Lobbyist bei mcDonald (er kümmerte sich also darum, dass die sogenannte Lobby, also der Kundenbereich, sauber war), betätigte sich nicht politisch und benahm sich auch ansonsten immer korrekt. Er spuckte weder auf Bürgersteige noch ließ er Wuffi, seinen geliebten Dackel, auf irgendeiner Grünfläche oder dergleichen sein Geschäft verrichten. Er war ein wirklich gesetzestreuer Bürger. Und jetzt kam bei ihm die Polizei vorbei - wie außerordentlich peinlich.

Oma Hansen musste natürlich genau in dem Moment ihre Küche lüften. Mensch, normalerweise war da ein Mief drin wie nach zehn Tagen Frittenbude, und es störte sie nicht, aber jetzt musste natürlich das Fenster auf. Genau wie bei dem alten Schmidt um die Ecke.

"Muss mal gucken, ob es warm genug für die Blumen ist," meinte er, als würde sein winterharter Kräuterwirrwarr im Blumenkasten sich irgendwie darum kümmern. Und alle reckten sie die Hälse, um zu sehen, was denn die Polizei bei dem "komischen Fischer" wollte. Immerhin war er ja von Anfang an verdächtig gewesen mit seiner dunklen Haut. Barnaby, der den Nachnamen seiner deutschen Mutter trug, war Latino in zweiter Generation, aber für die meisten hier war er nur "der Dunkle". Oma Hansen hatte es mal gesagt: "Ob nun so 'n irakischer Terrorist, ob Latino oder einer von dem Fidel... sehen doch alle gleich aus." Und jetzt die Polizei - bei "Dem Dunklen". War ja klar.

Er ließ die beiden herein. Was hätte er auch sonst tun sollen?

"Wir hätten da eine Frage zu einer E-Mail vom..." Einer der beiden holte sein Notizbuch hervor, in der in gestochen scharfer Schrift ein paar Nummern standen.

"Vom 24.11.2003," ergänzte er.

Barnaby sah ihn an. "Bitte?" Er warf einen Blick auf den Kalender. "Heute ist der 12.10.2010."

"Das wissen wir," sagte der andere Polizist. "Aber am 24.11.2003 haben Sie eine E-Mail an einen gewissen abdul@...," er las die E-Mail-Adresse ab, "geschrieben."

"Kann sein." Er seufzte. "Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, wem ich was geschrieben habe zu der Zeit. Mein Rechner hat längst die Grätsche gemacht, und ich maile auch nicht mehr oft. Tut mir leid."

"Nun, Abdul hatte jedenfalls regen E-Mail-Kontakt mit einem gewissen HaraldFischer@...(wieder folgte eine E-Mail-Adresse), der seinerseits auf einem Forum namens..."

Es folgte eine lange Auflistung von E-Mail-Adressen und Foren-URLs, von Mailinglisten und IRC-Channel-Angaben. Alles war irgendwie verknüpft, und Barnaby schwirrte der Kopf.

"Ich kann ihnen nicht helfen," sagte er matt. "Tut mir leid. Ich wusste ja auch nicht einmal, wer hinter welcher Adresse steht. Oft schreibt man da einfach ein paar Zeilen."

"Einfach so? Fremden Leuten? Und dann schreibt man "ich empfinde den Patriot Act auch als ungerecht"? Wenn man den Menschen gar nicht kennt?"

Barnaby nickte wie ein Wackeldackel mit dem Kopf. "Sehen Sie, wenn man in Foren ist und dann schreibt jemand etwas, was man auch so sieht, dann schreibt man ihn schon mal und-"

"Auch wenn man ihn nicht kennt."
"Aber warum schickt man demjenigen dann einen Link zu einem sehr geschmacklosen Song über die Attentate am 11.09.2001?"

"Wahrscheinlich fand ich den Song damals lustig. Ich erinnere mich nicht mehr."

"Lustig?" Die beiden sahen sich an. "Lustig... aha."

Barnaby wand sich.

"Sie waren doch bis vor kurzem noch mit einer Frau Sabina Krüger liiert."

Barnaby nickte wieder.

"Wussten Sie, dass Sabina Krüger ihrerseits den E-Mail-Kontakt mit Abdul pflegte, der mittlerweile im Verdacht steht, mit einem gewissen Franz in Kontakt zu stehen, der zusammen mit einem Pedro und einem Yvan gemeinsame Sache mit einer Gruppe machte, die verdächtigt wird, eine Terrorgruppe zu unterstützen?" Barnaby schluckte nur noch.

Nach weiteren sechzig Minuten sahen sich die beiden Polizisten an und seufzten kollektiv. "Tut mir leid," sagte einer von ihnen, "aber wie Sie wissen, wurde vor sieben Jahren auch hier ein verschärftes Sicherheitsgesetz verabschiedet. Warum, werden wir wohl niemandem erklären müssen. Daher möchten wir Sie bitten, einfach mitzukommen."

Im Laufe der nächsten Wochen verstrickte sich Barnaby in Widersprüche. Dass er nach sieben Jahren nicht mehr wusste, wer Abdul gewesen war, dass Sabina Kontakt zu Abdul gehabt hatte - das glaubte man ihm ebenso wenig wie, dass er Abdul überhaupt nie gekannt hatte. Lächerlich, meinte der Richter. Absolut lächerlich. Aber man würde Barnaby noch genug Zeit geben, sich zu erinnern. Als seine Mutter seine Wohnung auflöste, sah Oma Hansen irritiert auf die blässliche Schönheit vor sich.

"Sie sind die Mutter von dem "Dunklen"?" fragte sie. "Wohl adoptiert, was? Ich hab ja schon immer gewusst, dass der was auf dem Kerbholz hat."

Barnabys Mutter schwieg, und als sie ging, sagte der alte Schmidt zu Oma Hansen: "Die hat keinen Ton gesagt. Wer weiß, was die alles macht..."