Ein Buchstabe zuviel
Twister (Bettina Winsemann)19.07.2009
Ein wenig ratlos sahen sie sich an - Sandy und Molko. "Was nun?" meinte Sandy und fuhr sich durch ihre zerzausten Haare. Molko schwieg und sah weiter auf den Monitor, auf dem sich die nächste Zahlenkolonne aufbaute.Ja - was nun? Sandy kochte Kaffee, das half beim Denken. Und während die Kaffeemaschine neben ihr keuchte und ächzte wie eine alte Dampfmaschine, überlegte Sandy hin und her. Über eine Million Datensätze...eine Million Informationen über Geburtsdaten, Kinder, Kaufgewohnheiten, Blutgruppen und dergleichen mehr. Über eine Million Profile, deren Wert unschätzbar war. Zusammengetragen von einer Firma, die laut eigenen Aussagen "alles für die Sicherheit der Kunden tat". Warum sammelten sie eigentlich diese Daten? Und - viel wichtiger: was sollten sie nun tun? Eigentlich war es ihre Schuld, denn schließlich hatte sie die falsche Taste gedrückt. Konnte man es denn ahnen, dass sich hinter Kunden.htmll etwas verbarg. Etwas ganz anderes als hinter kunden.html? Etwas Geheimes? Etwas, das zu wissen die Freiheit kosten konnte? Sie war übermüdet gewesen, schlapp. Und hatte eine Taste zu lang angeschlagen. Und jetzt hatten sie ein Problem, sie und Molko. Denn wie sollten sie sich jetzt an die Firma wenden? Der CDA (Cybercrime Defense Act) war schon lange in Kraft getreten und es hatte in den letzten Monaten bereits Tausende Verhaftungen gegeben, teilweise waren lebenslange Haftstrafen verhängt worden. Jeder, der vernünftig war, hütete sich, etwas publik zu machen, denn dass auch die Anonymität nichts half, das war ein offenes Geheimnis. Schnell hatten betroffene Firmen mit Hilfe der Provider die Namen derjenigen heraus, die anonym eine Sicherheitslücke der Firma gemeldet hatten, schnell waren diejenigen gefunden, schnell verschwanden sie hinter den großen Mauern und den blankpolierten Gittern der eilens aus dem Boden gestampften neuen Gefängnisse für Cybercrime-Täter. Sandy stellte zwei Tassen mit Kaffee neben die Tastatur und Molko grief gierig danach, trank wie jemand, der seine letzten Tage in der Wüste verbracht hatte. Er war ein friedlicher Mensch, ein Mensch, den man wohl sanftmütig nennen würde, ein wenig pummelig, die einst roten Haare waren ausgeblichen, erste kahle Stellen waren zu sehen. Und er war ein Mensch, der sich um andere sorgte. Diese Menschen, deren Profile vor ihm noch immer über den Monitor wanderten wie kleine schwarze Ameisen über ein weißes Feld, diese Menschen... Wenn jemand Böses im Schilde führte, dann würde er diese Daten nutzen, gnadenlos nutzen. Diese Menschen...Man musste ihnen helfen - aber wie, wenn man andererseits Gefahr lief, selbst ins Gefängnis zu gehen? Lebenslang sogar. Molko war sanftmütig, er war kein Held. Und - würden sie herausbekommen, dass Sandy die Taste gedrückt hatte? Molko wollte nicht, dass Sandy fortging. "Ich melde es." sagte Sandy und spürte im selben Moment wie Molko, ungewohnt fest, ihr Handgelenk umklammerte. "Das wirst Du nicht." sagte er. "Du weißt, was dann passiert." "Aber ich muss es riskieren." sagte sie und biß sich auf die Lippen. "Ich muss es tun." "Sie werden Dich einbunkern." "Ich weiß." Sandy seufzte. "Aber wir können nicht einfach so tun als wenn nichts wäre." Sie versuchte tapfer auszusehen, doch Molko ließ sich nicht täuschen. Sie saßen bis morgens am Computer, starrten hilflos auf den Monitor, sahen sich an, öffneten die Münder um etwas zu sagen und schlossen sie wieder. Was gab es schon zu sagen? Zwei Tage später kam Sandy morgens, nachdem sie die Brötchen geholt hatte, zu Molko ins Schlafzimmer. "Ich werde es melden." sagte sie entschlossen. Molko sah sie müde an und reichte ihr die Zeitung. "Wussten Sie, dass dieser Mann nicht nur AIDS hat, sondern auch noch einen Leberschaden? Dass er bevorzugt Whisky trinkt? Und das literweise? Erfahren Sie dies und vieles mehr in unserem Special "Alles Luege"..." Sandy sah auf das Bild ihres Freundes, eines angesehenen Geschäftsmannes. Sie war blass geworden. "Aber..." Molko schob ihr einen Computerausdruck hin, der das Profil von Sandys Freund zeigte. "Es hat wohl noch jemand ein "l" zuviel eingetippt..." |