Zeitzonen

"Darling" Sabrinas Stimme klang - wie immer - aufgeregt. Eine mittlere Katastrophe musste eingetreten sein, hatte ihre Stimme doch immerhin noch ein wenig von dem üblichen sexy Timbre. Bei schweren Katastrophen war dieses Timbre völlig verschwunden. "Darling, Du musst unbedingt in mein kleines Domizil kommen. Es ist etwas ganz furchtbar, furchtbar Schreckliches geschehen". Und natürlich war ich kaum eine halbe Stunde später bei Sabrina.

Sie hatte ihre staatsbürgerliche Pflicht der Selbstentblößung (siehe Sabrina und die neuen Gesetze) mittlerweile aufgegeben - wohl nicht zuletzt deshalb, weil jemand ihre selbstauferlegte "Nichts-zu-verbergen-Haltung" ausgenutzt hatte und allabendlich beobachtet hatte, wie Sabrina in ihrer ganzen Pracht ohne jegliches Kleidungsstück am Leibe die Grünpflanzen goss.

Die Vorhänge waren also wieder angebracht und auch Sabrina hatte sich verändert. Ihre grünen Augen, in denen man so wunderbar versinken konnte, strahlten wieder, ihr üppiger Mund verzog sich zu einem flüchtigen Lächeln, als sie mich sah. "Darling," die Worte perlten nur so von ihren sinnlichen Lippen," welch ein wunderbares, wunderbares Glück, dass Du kommen konntest."

Den Sherry akzeptierend und gleichzeitig nach einer Olive greifend, machte ich es mir auf Sabrinas Sofa bequem, derweil ich mich fragte, was nun passiert sei. Aber Sabrina, ob der neuen Katastrophe in ihrem Leben wie immer furchtbar, furchtbar aufgeregt und hilflos, ließ mich nicht lange warten.

"Darling, Du kennst doch meine wunderbare kleine Phöbe?" Natürlich kannte ich jene wunderbare kleine Phöbe, war sie mir doch von Sabrina bereits vorgestellt worden als ich - hilfsbereit wie ich war - Sabrina morgens zum Flughafen gefahren hatte, wo sie ein Wesen in die Arme schloss, welches Sabrinas Schönheit fast in den Schatten stellte. Allerdings nur fast, bemerkte ich doch bei Phöbe einen Hang dazu, Dinge zu hinterfragen, welchen Sabrina durch die ihr eigene "Laisser-faire"-Haltung ersetzte. "Darling, sie ist doch so klein und hilflos." Nun, klein war Phöbe vielleicht, hilflos entbehrte jedoch jeglicher Grundlage, war sie doch bereits bei jenem Stelldichein am Flughafen durchaus in der Lage gewesen, sich gegen einen Handtaschenräuber zur Wehr zu setzen, indem sie ihm kurzerhand ihren zusammengeklappten, trendigen Roller in den Rücken schlug. "Und Daddy vergöttert sie doch." Richtig, Sabrinas Daddy, ein Amerikaner, welcher sämtliche Klischees des groben, besorgten Daddys bewahrheitete, liebte Sabrina. Und noch mehr liebte er Phöbe. Nichtsdestotrotz fragte ich mich, was denn nun mit der hilflosen, kleinen, wunderbaren Phöbe passiert sein mochte.

"Darling," Sabrina sah mich aus furchtsam aufgerissenen grünen Augen an und begann, meine unausgesprochen gebliebenen Fragen zu beantworten, indem sie jene Geschichte erzählte, die sich in den vergangenen Wochen zugetragen hatte:

Es war die übliche Geschichte des besorgten Vaters, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, der wunderbaren kleinen (immerhin war Phöbe erst 16) Tochter alles Schreckliche zu ersparen und sie dennoch auf die Schrecken der Welt vorzubereiten. Durch Fernseh- und Zeitungsberichte alarmiert, hatte sich Sabrinas Daddy (dies wurde von einem kleinen Schluchzer begleitet) daselbst zum Ritter der "Verantwortung" geschlagen und hatte angefangen, seine kleine wunderbare Phöbe vor Schaden, und sich selbst vor eventuell auftretenden Schadensersatzforderungen, zu schützen.

Ein Filter nach dem anderen wurde ausprobiert, ausgetauscht, installiert und deinstalliert, bis auch die letzte Variante gefunden und der größtmögliche Schutz gegeben war. Doch - was nützen Filter? Gerade bei einem hochintelligenten wunderbaren kleinen Mädchen wie Phöbe war dies, als würde man eine Tür mir Schlössern versehen, auf dass Houdini nicht herein- oder herauskam. Noch bessere Möglichkeiten musste es geben. Und es gab sie. Möglich gemacht durch Daddys üppigen Bank-Account, sowie die moderne Technik und die Verfügbarkeit der gutmeinenden arbeitenden Menschen, wurden Kameras installiert, Briefe durchleuchtet, Mail-Boxen geknackt und Phöbe auf dem Weg zur Schule von einem elegant aussehendem Sicherheitsbeamten begleitet. Ein weibliches Pendant leistete ihr des Nachts Gesellschaft, ein entsprechend "hip" gestylter Beamter war bei Rendezvous anwesend (welche immer seltener wurden, was Daddy ernsthaft verwunderte), während der Schularbeiten wurde ein pädagogisch wie technisch versierter Beamter zu Rate gezogen. Kurzum: Daddy machte alles möglich, was möglich war, um Phöbe, sein wunderbares kleines Töchterchen, vor den Widrigkeiten des Lebens zu schützen und gleichzeitig seiner Aufsichtspflicht Genüge zu tun.

Doch was hatte nun Sabrina veranlasst, so aufgeregt zu sein? Daddys Besorgnis hatte ich bereits des öfteren kennen gelernt und so fand ich - obgleich mir Daddys Besorgnis mehr wie eine goldene Kette vorkam - in dieser Geschichte nicht eine Erklärung für Sabrinas erschreckten Gesichtsausdruck, für das Zittern ihrer wunderbaren Lippen oder für die fahrigen Gesten, mit denen sie ihre phantastischen Haare zurecht strich.

Sabrina seufzte tief und füllte mir Sherry nach. "Darling," sie hielt mir das Schälchen mit den Anchovis hin, wohl wissend, dass ich diese Art der Tapas liebte. "Darling, Du wirst es nicht zu glauben vermögen. Daddy ist ganz furchtbar, furchtbar besorgt." Sie seufzte erneut. "Aber Phöbe ist durchgebrannt. Mit einem Datenschützer."