Medienkonzentration
Twister (Bettina Winsemann)14.06.2009
Er sah auf den Bildschirm und erinnerte sich an die Schlagzeilen, die er heute in den Zeitungen gesehen hatte: "Unsere Medien - Weltklasse", "Wahrheit, Unabhängigkeit, Leibhaftigkeit - unsere Medien". Einen Augenblick lang hatte er wieder diese stechenden Kopfschmerzen. Sie begannen rechts oben, schräg über seiner Augenbraue, und zogen sich durch seinen Kopf wie zuckende Zitteraale, sandten schmerzhafte Impulse durch seinen Körper. Er schloßss die Augen und biss die Zähne aufeinander, krallte seine Finger in seinen feisten Körper, fest, krampfartig, hart. Er war sehr stolz auf die Medien in seinem Land, das nun seit fast 23 Jahren zur Allianz gehörte, er war stolz auf die Menschen dahinter, die Menschen, die ihm uneingeschränkte Information sandten. Jeden Tag, 24 Stunden. Informationen von jedem Winkel der Welt, von Schwarzen, Weißen, von Hindus, Christen, Islamisten, den Zeugen Jehovas, Juden, von Frauen, Männern, Kindern, von Mode, Religion, Popmusik und Sport. Er konnte zwischen 1984 Kanälen wählen - es war gigantisch. Es war einfach ein Wahnsinn, was man geschafft hatte. Es gab so viel Neues, so viel Interessantes, so viel Facetten, so viele verschiedene Aspekte über das, was in der Welt vor sich ging. Er schaltete den Kanal um und runzelte die Stirn. Der Anschlag... man hatte ihn von so verschiedenen Seiten beleuchtet, so viele Menschen hatten ihn beurteilt, voller Vorurteile, andere widerum vorurteilsfrei, manchmal hasserfüllt, zornig, dann wieder verzeihend. Wieder zuckten die Schmerzen durch seinen Kopf und einen Moment lang schienen Sätze durch seine Gedanken zu sirren. Wie eine schrille Disharmonie, die sich in eine Serenade schlich, so sah er einen Moment lang in grellen roten Buchstaben, jenes Rot, das man vor Augen hatte, wenn man plötzlich nach zu langer Beschäftigung die Augen schloss, eine Schrift: "Erinnere Dich! Denk an Sarah Jenkins!" D ie Schmerzen wurden schlimmer und dennoch konnte er nicht anders, er konnte einfach nicht anders. Er wusste, sein Körper würde unertragbare Schmerzen erleiden, aber er musste sich erinnern, musste... sich... erinnern. Seine Gedanken glitten einen winzigen Moment lang ab, glitten zu Sarah Jenkins, der Tochter des momentanen Außenministers, die verheiratet war mit dem Medienmogul des Landes, der über 50% der Medien kontrollierte. Glitten weiter zu Sarahs bester Freundin, der Tochter des großen Öl-Moguls, der, zusammen mit seiner Frau Jennifer, zu den besten Freunden der Medien-Diva Sally Joe Peterson gehörte. Sally Joe Peterson, eine stahlharte Frau, die 47% der Medienlandschaft inne hatte, zusammen mit ihrem Mann, der einer der besten Freunde des Innenministers und der Pressesprecherin des Präsidenten war. Sally Joe, die beste Kontakte zum Öl-Tycoon Jonathan Swiftson hatte, der sich rühmte, der beste Freund des Vorsitzenden der National No Abortion Legaue zu sein, die widerum einer der Hauptsponsoren des Wahlkampfes des jetzigen Präsidenten gewesen war. Aber sie glitten nur einen Moment lang ab, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm, wo man über den Krieg berichtete, den sein Land führte um andere Länder zu befreien, wo man über die Demokratie berichtete und der Informations- und Meinungsfreiheit fröhnte. Wo man ihm Gelegenheit gab, sich Informationen von jeder Seite zu holen. Er lächelte und vertrieb seine anderen Gedanken mit einem Mantra: "Bitte geht, lasst mich allein. Lasst mich nicht denken, lasst mich nur sein." Wenn er es nur lange genug sagte, dann würde er damit seine Gedanken vertreiben, die ihn quälten. Und es würde ihm nie so gehen wie Violet, die gesagt hatte: "Alles Lüge! Informationsfreiheit ist eine Lüge! In Wirklichkeit gibt es keine anderen Länder mehr! Sie sind alle tot!" |