Im Ameisenstaat

Herbert W. Franke30.08.2009

Gibt es den 'neutralen Beobachter'? Es liegt in der Natur des Menschen, Stellung zu nehmen, wenn man in eine Auseinandersetzung gerät. Dieses emotional bedingte Engagement zeigt sich selbst dann, wenn der Schauplatz dem menschlichen Denken und Fühlen völlig fremd ist.

Über ein Jahr lebte er nun schon unter den Ameisen. Nein - man muss es anders ausdrücken, ein Mensch kann nicht unter Ameisen leben. Genau genommen war er nur ein Beobachter, doch einer besonderen Art.

Natürlich hatten sich die Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten mit den Ameisen beschäftigt, bilden sie doch einen der gößten und den für das ökologische System wichtigsten Teile der Insekten. Seit hochwertige Mikroskope zur Verfügung standen, insbesondere die räumliche Bilder liefernden Elektronenmikroskope, war ihr Körperbau bestens bekannt. Und die Mikromethoden der modernen Chemie ließen keine Geheimnisse des Stoffwechsels mehr offen. Was dagegen im Dunkeln blieb, war das Verhalten, wobei es weniger auf das Verhalten des Einzelwesens als auf jenes der Gemeinschaft, des Staates, ankam. Man hatte Sonden in Ameisenbauten eingeführt und sie mit einer Endoskopieoptik gefilmt. Man hatte Ameisen in Terrarien gezogen und ihr Tun und Treiben durch abgedunkelte Glaswände hindurch beobachtet. Dadurch vervollständigte sich der Wissenskatalog über diese seltsamen staatenbildenden Tiere ganz erheblich, und doch blieb vieles, was da geschah, rätselhaft, unverständlich.

Holger Thiels war einer der jungen Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung, und er war mit den Resultaten seiner Arbeiten nicht zufrieden. Er hatte von den ferngelenkten Automaten gehört, die auf fernen Planeten und Monden zur Erkundung des Geländes eingesetzt wurden, und zwar vor allem in Gegenden, die dem Menschen unzugänglich waren. Auch ein Ameisenhaufen war dem Menschen unzugänglich - warum sollte es nicht auch in diesem Fall möglich sein, mit einem ferngelenkten Automaten einzudringen, das fremde Gelände zu erkunden? Er hatte sich mit Spezialisten für Robotik, Sensorik und Telekommunikation zusammengetan und seine Idee geschildert. Es dauerte mehrere Jahre, ehe sich die Wissenschaftler und Techniker um den Labor tisch herum versammelt hatten, um einen Gegenstand zu begutachten, zu bewundern oder auch mit skeptischer Ablehnung zu betrachten, der nicht größer war als - nun, eben eine Ameise.

Holger hob das winzige Gebilde mit einer Pinzette auf und setzte es auf den Objektträger eines Laser-Scanner-Mikroskops. Nun erst, auf dem holografischen Bildschirm, war richtig zu erkennen, was die Techniker geleistet hatten. Was mit freiem Auge als unscheinbares Körnchen erschien, erwies sich als komplexer Mechanismus, rundherum gepanzert, mit verschiedenen Greifwerkzeugen und Sensoren ausgestattet.

"Sieht nicht gerade wie eine Ameise aus", bemerkte einer der Kollegen.

"Es soll keine Verkleidung sein", antwortete Holger. "Die Ameisen dulden eine ganze Reihe fremder Lebewesen in ihrem Lebensraum. Worauf es ankommt, ist nicht das Aussehen, sondern der Duft. Bevor ich eindringe ..." Er unterbrach sich, setzte neu an. "Ich meine, sobald ich die Sonde ins Innere eines Baus steuere, wird sie mit dem für die Bewohner typischen Duft besprüht."

Holger zeigte den Versammelten, wie sich das winzige Ding ferngelenkt in Bewegung setzen ließ. Die Demonstration mutete wie ein Spiel an, nicht viel anders als das, was heute jeder zehnjährige Junge mit gebastelten Rennautos, Schiffchen oder Flugzeugen vollzog. Holger merkte, dass die andern die Tragweite seines Versuchs nicht voll erfassten ... Seltsam - hätte er ein mammutgroßes Ungeheuer auf dem Gelände herumlaufen lassen, so wäre ihm die Bewunderung gewiss gewesen. Es waren die kleinen Dimensionen, die zur Geringschätzung führten; einen Automaten über eine nur wenige Handspannen lange Strecke zu führen - was sollte das schon sein?

Von dieser Stunde an entfremdete er sich zuerst ein wenig, dann immer mehr von den andern.

Zuerst übte er im Laboratorium, später im Freien. Dabei ging er zu immer schwierigeren Geländeformen über: von glattem Felsuntergrund zu rissigem Holz, zu Erde und Sand, zu Tannennadeln und Spreu. Zuerst verfolgte er die Wege des kleinen, sechsbeinigen Maschinchens mit den Augen, später ging er zu den eingebauten Sinnesorganen über, die ihm die eingefangenen Eindrücke auf einen Bildschirm überspielten. Es gab auch einen Duftsensor (der Geruchssinn ist für die Ameisen am wichtigsten), doch verließ sich Holger doch lieber auf optische Eindrücke. Da es im Inneren der Bauten dunkel ist, besaß die Sonde eine Lichtquelle in Form einer Leuchtdiode, und zwar für Rot, einen Spektralbereich, für den die Ameisen blind sind. Zwei winzige optische Systeme fingen die Bilder ein, so dass Holger sie in 3D-Darstellung sehen konnte. So war es ihm möglich, die Oberfläche zu verlassen und in die Tiefe der Bauten einzudringen.

Er war bestens vorbereitet, hatte es gelernt, seinen Ersatzkörper - denn um einen solchen handelte es sich - durch komplizierte Systeme dünner Röhren laufen zu lassen, ohne ständig anzuecken, und er hatte die Oberfläche mit einem Sud - aus Gewebeteilen toter Ameisen desselben Stammes gewonnen – präpariert. Andererseits hatte man ihn nicht im Zweifel darüber gelassen, dass die mechanische Stabilität des aus Metall und Kunststoff bestehenden Gebildes den Chitinkiefern der als Polizisten und Krieger fungierenden Ameisen nicht gewachsen war.

Für den Notfall hatte man ihn mit einem Minilaser versehen, den er als Waffe gebrauchen konnte – denn die Sonde stellte immerhin einen unverhältnismäßig großen Wert dar. Er wollte aber sein möglichstes tun, um ihn nicht gebrauchen zu müssen.

Und dann drang er ein. Schon beim ersten Mal, genauer genommen kurz danach, merkte er, dass ihn diese Aktivität voll in Anspruch nahm. Er vergaß, dass er in der Übertragungskabine des Funkwagens saß, irgendwo an einem Waldrand am Gelände des Instituts, dass er seine Eindrücke ins bereitgestellte Mikrofon diktieren sollte, dass es seine Finger waren, die ein ausgeklügeltes Hebelsystem betätigten, von dem wieder jede Regung abgegriffen, codiert und in elektrische Impulse für den Sender umgesetzt wurde. Nein, schon nach ein, zwei Minuten war es nicht eine Sonde, durch ihn gesteuert, sondern er war es selbst, der in die Tiefe des Baus eindrang. Ein Tunnel, in Wirklichkeit nur Millimeter im Durchmesser, nun aber der Größe seines Körpers bestens angepasst. Röhren, vielfach gewunden, Wege, in die erdige Unterlage getreten, dazwischen Erweiterungen, Kammern.

Für seine erste Wanderung hatte er eine kühle Nacht gewählt; er wusste, dass sich die Ameisen in wärmere, tiefere Teile des Baus zurückgezogen hatten. So konnte er zunächst noch ungestört herumschweifen, konfrontiert mit einem unheimlichen Labyrinth, das endlos schien. Er traf auf Gegenstände, die, mit dem freien Auge oder auch mit der Lupe betrachtet, als unscheinbare Krümel erschienen - und nun zu unheimlichen Objekten wurden, Blätterstrukturen abgenagter Rinde, Teile von Chitinskeletten, auf den Rücken gedrehte, tote Blattläuse ... Und als er dann - mit überhöhter Lautstärke - ein Krachen und Prasseln vernahm, als hinter einer Gangbiegung der gespensterhafte Kopf einer Ameise auftauchte, drehte er sich um und verließ das Gangsystem in wilder Flucht.

Es war nicht so, dass sich seine Mitarbeiter nicht für die Sondenexperimente Holger Thiels interessierten. Es war lediglich eine gewisse Verminderung der Kommunikation, und es war - wie sich Holger eingestehen musste - sein eigenes Verhalten, das dazu führte. Zunächst wies er die an ihn gerichteten Fragen unfreundlich zurück, meist mit dem Hinweis darauf, dass er selbst eine gewisse Trainingszeit brauche, um voll in die Forschungsarbeit einzutreten. Später gebrauchte er verschiedene Ausreden, um keine Auskunft geben zu müssen, in Wirklichkeit aber waren es nur noch wenige, die sich danach erkundigten.

Dabei war er keineswegs erfolglos - ganz im Gegenteil: Er gewann Einblicke über eine Gemeinschaft von Tieren, wie sie kaum ein Mensch vor ihm je gehabt hatte. Doch mehr und mehr verzichtete er darauf, nüchterne Daten und Fakten zu notieren, statt dessen - vielleicht unbewusst - versuchte er einen anderen Weg der Annäherung ...

Zwar gab es keinerlei Reminiszenzen an jene menschlichen Gefühlen nachempfundenen Eindrücke, die der Mensch im Umgang mit Tieren oft gebraucht. Die Welt der Ameisen war nüchtern und automatenhaft, ihr Verhalten war auf Reflexe gestützt, und wenn man die üblichen Besehreibungsformen hätte verwenden wollen, so hätte man von 'Unmenschlichkeit', 'Grausamkeit' und dergleichen sprechen müssen. Er hatte beobachtet, wie die Ameisen eine aufs Trockene gespülte, noch lebende Froschlarve zersäbelt hatten, hatte eine junge Königin verfolgt, als sie in einen fremden Bau eindrang und sich an die Stelle der dort residierenden Königin setzte, der sie mit ihren Kiefern den Kopf abgetrennt hatte.

Nach und nach aber begann er all das als selbstverständlich, als notwendig, als gegeben zu sehen, und dann blieb die Bewunderung für das Funktionieren des Staates, für die Unermüdlichkeit der Arbeiterinnen, für die Zweckmäßigkeit ihres Tuns - wenn sie die Blattläuse molken, wenn sie die Puppen mehrmals am Tag an die günstigsten Stellen verlagerten, wenn sie mit ihren Drüsensekreten Pilze vertilgten, wenn sie den riesenhaften, trägen Leib der Königin pflegten ...

Einen Tag zuvor hatte ihn der Institutschef um einen Bericht über seine Arbeit gebeten, und Holger Thiels war sich im klaren darüber, dass eine Zusammenstellung seiner Ergebnisse nötig war - wenn auch nur aus dem Grund, weil man ihm sonst vielleicht die Fortsetzung seiner Arbeit verboten hätte. Was ihn allerdings weitaus mehr beschäftigte, war das Erlebnis von gestern.

Längst bewegte er sich wie selbstverständlich im Bau, er wusste, was unter diesen oder jenen Umständen zu geschehen hatte, und immer öfter beteiligte er sich selbst daran - er half beim Transport der Puppen, beim Reinigen der Gänge, bei der Anlage neuer Wege.

Und dann war es zu diesem schrecklichen Geschehen gekommen: Eben noch der normale Gang der Dinge ... dann tauchten plötzlich an allen Ecken und Enden fratzenhafte rote Köpfe auf, ein ekelerregender, aggressiver, aber auch furchtsam stimmender Geruch verbreitete sich wie eine üble Flut. Es war ein Überfall von Raubameisen, und, wie es schien, gab es keinen Schutz dagegen - seine eigene Art war hilflos unterlegen. Sie zogen sich Schritt für Schritt zurück, verteidigten jeden Zentimeter, um doch wieder Boden zu verlieren. Und als sie, dicht aneinander gedrängt, an der Schlüsselstelle standen, dort, wo der freie Weg ins Innere des Baus begann, vergaß Holger alles, was er sich vorgenommen hatte, alle geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln, denen sein Experiment unterworfen war, und setzte seinen Laser ein. Er schaltete auf höchste Energie, im Vergleich mit menschlichen Größenordnungen lächerlich geringe Werte, in dieser kleinen Welt allerdings eine tödliche Waffe ...

Es war ihm gelungen, den Feind aufzuhalten, in die Flucht zu schlagen. Und jetzt, als er bei seinem Bericht saß, versuchte er sein Verhalten zu begründen. Er berief sich auf den hohen Wert, den seine Sonde darstellte - die es unbedingt zu erhalten galt.

Und er konnte sicher sein, dass niemand etwas daran auszusetzen hatte. In Wirklichkeit aber hatte er aus ganz anderen Gründen gehandelt: Auf irgendeine seltsame Weise fühlte er sich dieser Lebensgemeinschaft verbunden, fühlte sich ihr zugehörig. Er hätte es einfach nicht ertragen, wenn sie zugrunde gegangen wäre.