LICHT

Ghassan Homsi22.09.2009

Nachdem wir die Errichtung der Installationen auf dem Mond beendet hatten, in denen inzwischen weit über 10.000 Menschen lebten, beantragte ich meine Abfindung, mit der ich die letzten Raten unserer Farm in Wyoming abzahlen wollte. Schließlich hatte ich meiner Frau versprochen, nach diesem "hirnlosen Abenteuer", wie sie es wiederholt bezeichnete, zukünftig auf der Erde und bei ihr zu bleiben. Unsere zwei Kinder waren zwar schon auf der Universität, trotzdem meinte sie, dass ihnen die väterliche Präsenz helfen würde. Ich selber dachte zwar eher das Gegenteil, wollte es aber keinesfalls auf einen Ehestreit ankommen lassen.

"Was meinen Sie mit '...das geht nicht so einfach'?" Mit der Buchhaltung bin ich noch nie sonderlich gut ausgekommen.

"Nun, Mr. Hendershot hat uns mitgeteilt, dass Scheich Ali Sie unbedingt persönlich sehen möchte, bevor wir irgendwelche weiteren Schritte tun..."

"Ich habe mich aber bereits entschieden, die Firma zu verlassen. Es geht jetzt nur noch um die Höhe meiner Abfindung."

"Glauben Sie mir, wenn es an mir persönlich liegen würde, dann hätten sie das Geld schon längst auf ihrem Konto. Doch leider kann ich Ihnen auch nicht mehr sagen, als dass unser oberster Boss Sie bittet, ihn möglichst noch heute aufzusuchen."

Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nicht an, ging mir durch den Sinn. Ich hatte dem Scheich viel zu verdanken, der mir vor ein paar Jahren diesen phantastischen Job angeboten hatte. Ich musste lächeln, als ich an unser erstes Treffen zurückdachte und daran, welche Mühe es ihn gekostet hatte, mich davon zu überzeugen, dass sein Plan, den Mond touristisch auszubauen, nicht nur der Phantasie eines Größenwahnsinnigen entsprungen ist.

"Gut, dann lassen Sie uns jetzt gleich anrufen und einen Termin ausmachen."


Linda lächelte mich freundlich und vielleicht auch ein wenig traurig an, als ich das opulente Vorzimmer betrat, dessen Größe wohl ihrer beachtlichen Oberweite geschuldet war. "Ich habe gehört, Sie wollen uns verlassen, John?" Ich zuckte mit den Schultern. "Nun ja, ich habe es meiner Frau versprochen." Linda warf mir einen nachdenklichen Blick zu und öffnete mir eigenhändig die Eingangstür ins Allerheiligste. "Dann hoffe ich, dass Ihre Ehe nicht darunter leiden wird, wenn Sie dieses Versprechen brechen...!"

Ich grübelte immer noch über ihren letzten Satz nach, als mir Scheich Ali mit gewohnter Herzlichkeit die Hand schüttelte. "Setzten Sie sich, John. Ich denke wir haben einiges zu besprechen." Mir wurde langsam klar, dass es hier auf keinen Fall um meine Abfindung ging, dazu schaute mich mein arabischer Chef viel zu aufmerksam an. Natürlich kam er nicht gleich zum Thema, das empfinden die Jungens einfach als unhöflich. Und genau deshalb empfand ich es als ein höchst alarmierendes Anzeichen, dass er sich bereits nach weniger als fünf Minuten zurücklehnte, seufzte und schwieg. Im Laufe der Jahre hatte ich allerdings gelernt, damit umzugehen. Auch ich seufzte, lehnte mich in meinem 3.000 Dollar Sessel zurück und schwieg ebenfalls.

"Haben Sie die jüngsten Entwicklungen des Desertec-Konsortiums verfolgt?", fragte mich Scheich Ali plötzlich. "Ja, zumindest am Rande. Soweit ich das überblicken kann, wurden im vergangenen Jahr die ersten sieben Anlagen in Marokko und Algerien in Betrieb genommen. Es müssten derzeit rund drei oder vier Gigawatt Strom nach Europa fließen, was im Vergleich zu dem dortigen Verbrauch natürlich nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Insbesondere jetzt, nachdem fast der gesamte Verkehr auf Elektrofahrzeuge umgestellt worden ist."

Scheich Ali trommelte mit den Fingern auf seinem Schreibtisch herum, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte. "Und mindestens doppelt so viele Anlagen sind bereits im Bau. Wenn Sie wünschen, kann ich Ihnen den letzten Bericht zusenden, immerhin bin auch ich dort mit einer halben Milliarde Dollar beteiligt. Aber das ist nicht der Hauptgrund für unser Gespräch."

So weit war ich auch schon. Nach meinem Ausstieg bei der NASA und der Übernahme des Mond-Projektes hatte ich jedoch schnell gelernt, wie man mit arabischen Geschäftsleuten und Multimilliardären umgehen muss, um ihre Achtung zu gewinnen. Dazu gehört auch, sehr genau auf die subtile oder sogar sublime Konnotation ihrer Aussagen zu achten. Wenn der Hauptgrund des Gesprächs also nicht die 500 Millionen waren, mit denen sich Scheich Ali vor vielen Jahren an dem Wüstenstromprojekt beteiligt hatte, dann bedeutete dies nichts anderes, als dass wir bereits über ein Projekt mit dem mindestens zehnfachen Umfang sprachen - ohne dass darüber bisher auch nur ein einziges Wort gefallen wäre. Die nächsten Sätze meines Arbeitgebers bestätigten meine Befürchtungen.

"Wissen Sie, John, als das deutsche Konsortium 2009 das Projekt bekanntgegeben hat, da waren meine Kollegen hier am Golf und ich ziemlich verärgert, denn man hatte uns im Vorfeld mit keiner Silbe darüber informiert. Ein späterer Einstieg wäre einem Gesichtsverlust gleichgekommen, und deshalb erfolgte meine Beteiligung auch nur über Strohmänner. Vor wenigen Wochen erhielt ich jedoch Besuch – im Moment kann ich Ihnen leider noch nicht sagen, um wen es sich dabei gehandelt hat. Bitte haben Sie dafür Verständnis." Ich nickte genauso huldvoll, wie ich es mir bei ihm abgeschaut hatte.

"Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen nun ein Projekt vorschlagen würde, gegenüber dem unsere Mond-Anlage der reinste Kindergarten wäre? Halt - antworten Sie noch nicht. Ich weiß, dass Sie sich eigentlich aus der Arbeit zurückziehen wollen und habe dafür auch vollstes Verständnis. Dennoch schätze ich Sie so ein, dass Sie sogar das Ihrer Frau gegenüber gemachte Versprechen zurückziehen werden, sobald Sie die Details wissen... Und deshalb sollten Sie schon vorher ihre Entscheidung treffen, ob ich Ihnen mehr erzählen soll oder nicht. Denn die ganze Angelegenheit untersteht der absoluten Geheimhaltung - und das bedeutet, dass Sie auch privat kein Sterbenswörtchen über den Projektinhalt von sich geben dürfen."

"Sie erwarten also tatsächlich von mir, dass ich zusage, ohne zu wissen, um was es sich überhaupt dreht?"

"Jawohl, John, denn ich glaube Sie so gut zu kennen, dass ich ganz genau vorhersehen kann, was passieren wird. Sobald ich Ihnen das Projekt präsentiere, werden Sie nicht nur ihre Farm in Wyoming, sondern möglicherweise sogar die ganzen Vereinigten Staaten vergessen. Ich möchte Ihrem Glück jedoch nicht im Wege stehen. Deshalb bitte ich Sie darum, zuvor mit Ihrer Frau zu sprechen, ob Sie sich noch weitere fünf Jahre gedulden kann – denn solange werden Sie sich mehr oder minder auf dem Mond und im Orbit aufhalten, ohne zwischendurch die Erde besuchen zu können..."

Unwillkürlich richtete ich mich auf, denn solche Konditionen hörte ich von Scheich Ali zum ersten Mal. Das Projekt "Kamelrennen auf dem Mond" war damals vom Beginn an lautstark durch die Medien gegangen. Jedes Bohrloch und jedes fertig installierte Solarsegel wurde als epochale Schritte gefeiert. Ich spürte daher eine gewisse Besorgnis wenn ich mir überlegte, was Scheich Ali diesmal wohl ausgeheckt hatte, das eine derartige Geheimhaltung erforderlich machte.


"Hier Bodenkontrolle. Können Sie mich hören?"

"Hier Buraq II, ich empfange sie klar und deutlich."

"Hallo John, alles klar bei euch da oben? Wir haben einige Telemetrie-Daten, mit denen wir noch nicht ganz zufrieden sind. Bitte berücksichtigen Sie die Kodierung, wenn Sie uns das Material zusenden. Ich schicke Ihnen die Anforderungen direkt auf ihren Schirm."

"Ok – ich sehe um was es sich handelt. Die Abweichungen wurden vermutlich durch diese riesige Sonnenfackel letzte Woche verursacht, aber die autonomen Steuerungseinheiten sollten das bald wieder in Griff bekommen. Ich werde mich mit Moshe in Verbindung setzen, damit er sich das Ganze noch einmal ansieht. Er wird sich dann bei Ihnen melden."

"Vielen Dank, John. Over and out."

Seit drei Jahren arbeiteten wir nun unermüdlich Tag und Nacht, wie man auf der Erde dazu sagt. Hier oben gibt es ja nur den ewigen Tag – oder die ewige Nacht, je nachdem wie die Psyche des Betreffenden gestrickt war. Es war ein gigantisches Projekt, an dem mehrere Nationen und einige der größten Weltkonzerne beteiligt waren. Und wie so viele andere Projekte hatte auch dieses zwei Seiten – die offizielle und die geheime. Vor den Augen der Öffentlichkeit waren wir dabei, ein ganzes Feld von Solarsatelliten zu installieren, um den Sonnenstrom ohne große Übertragungsverluste direkt aus dem All zu jeder entsprechend eingestellten Mikrowellen-Empfangsantenne zu senden. Damit befanden wir uns natürlich in direkter Konkurrenz zu dem Desertec-Projekt, an dem sich inzwischen fast alle Mittelmeer-Anrainer beteiligten. Und natürlich hatte es anfangs großen Lärm deswegen gegeben. Andererseits lieferten die Wüstenkraftwerke ihren Strom nur in die Netze der Installationsländer sowie nach Europa, und selbst dort konnte der Bedarf damit nicht komplett gedeckt werden.

Scheich Ali und sein Konsortium würde den Strom der Solarsatelliten jedoch an jedes Land der Erde liefern, das in der Lage war, die Kosten eines Quadratkilometer großen Feldes von Empfangsantennen zu zahlen – und natürlich die monatliche Stromrechnung! Nach einem Gespräch mit meiner Frau, das sich bis in die frühen Morgenstunden erstreckte, hatte ich meinem Boss zugesagt, auch sein zweites Projekt zu leiten. Bis auf wenige Besuche auf dem Mond verbrachte ich die ganze Zeit auf unseren Stationen, die wir schon ganz zu Anfang an den Lagrange-Punkten verankert hatten. Natürlich trainierte ich auch fleißig in den Zentrifugen, um dem Muskel- und Knochenschwund entgegenzuwirken, doch allmählich bekam ich Sehnsucht nach der Erde, nach offenen, weiten Flächen, nach dem Gluckern eines Baches oder dem Zwitschern von Vögeln, das nicht vom Band kam. Bei dem fast schon unanständig hohen Gehalt, das sich Monat für Monat auf mein Konto ergoss, hatte ich jedoch keinerlei Befürchtungen, auch noch die übrige Zeit problemlos zu überstehen.

Auf der Erde machte der Bau der Empfangsstationen ebenfalls große Fortschritte. Die meisten befanden sich auf terrassierten Bergen oder in ehemaligen landwirtschaftlichen Gebieten mit guter Anbindung an die Verbrauchszentren. Spätestens in zwei Jahren würde das Projekt damit beginnen, die Erde mit sauberem Solarstrom aus dem All zu versorgen. Zu diesem Zeitpunkt würde allerdings noch etwas anderes geschehen, von dem bislang kaum jemand etwas ahnte. Auch ich selbst versuchte so wenig wie möglich daran zu denken, um mich nachts nicht schlaflos in meiner Null-G Koje hin und her zu wälzen. Ich versuchte mein Gewissen mit der Argumentation zu besänftigen, dass der verdeckte Teil unseres Projektes schließlich dazu dienen würde, jegliche Kriege ein für allemal zu beenden. Natürlich machte ich mir damit etwas vor, aber wenn nicht wir das Projekt realisiert hätten, dann hätte es früher oder später jemand anderes gemacht. Darauf läuft es doch immer hinaus...


"Und Sie glauben, dass wir damit durchkommen?"

"Natürlich werden wir damit durchkommen! Schließlich halten wir alle Trümpfe in der Hand. Die einzigen Staaten mit weitreichenden Raketen, die uns möglicherweise gefährlich werden könnten, spielen in unserem Team mit. Die anderen werden also bald erkennen, dass sie keine Chance haben, als unseren Forderungen zu entsprechen... und zu zahlen."

Ich muss zugeben, dass mich der technologische Aspekt des Projektes von Scheich Ali überaus faszinierte. Natürlich war es nicht fair gegenüber den kleineren Staaten unseres Planeten, doch unser Projekt würde letztlich ja auch Ihnen zugute kommen, indem es die Gefahr künftiger Klima-Katastrophen drastisch reduzierte. Dass auch die Desertec-Länder ihre Kohle an uns abdrücken müssten, war nur der Zuckerguss auf dem Kuchen. Und glauben Sie mir, der Kuchen war gewaltig!

Bei einem der Treffen auf dem Mond erzählte mir Scheich Ali etwas von den Hintergründen. Natürlich war das Ganze nicht seine Idee gewesen. Man hatte sich über verschiedene Mittelsmänner an Katar gewandt, dessen Staatschef ein persönlicher Freund meines Arbeitgebers war. Während der nächsten Falkenjagd sprachen die beiden dann darüber. Und nicht lange danach fand das erste von mehreren Geheimtreffen statt, an denen auch die Experten des israelischen Forschungsinstitutes teilnahmen, die den Plan ursprünglich entwickelt hatten.

Da das Mondprojekt für uns mehr oder minder abgeschlossen war, und Scheich Ali und ich bereits vor langer Zeit festgestellt hatten, dass eine unserer Gemeinsamkeiten darin bestand, dass uns jegliche Form von Routine anwidert, fiel die Entscheidung nur allzu leicht. Auch mir und meiner Frau, denn was ich in diesen fünf Jahren verdienen würde, war genug, um unseren Lebensunterhalt bis ins achte Glied zu gewährleisten. Außerdem war ich mit einem Promille an dem gesamten Gewinnen beteiligt. Rein rechnerisch war es so gut wie unmöglich, die zu erwartenden Beträge jemals ausgeben zu können.

Und so machten wir uns an die Arbeit. Noch zwei Jahre – 24 Monate, 104 Wochen oder 730 Tage, was war das schon? Sie würden ohnehin wie im Fluge vergehen – und das sogar wortwörtlich. Die Solarsatelliten waren schon längst fertig und hätten jederzeit in Betrieb gehen können, doch schließlich gab es ja noch die andere, die verdeckte Hälfte des Projektes, die uns noch vor manche Herausforderung stellte.

"Und eine Vergeltung auf der Erde fürchten Sie nicht?"

Mein Boss lachte laut auf. "Wissen Sie, John, ich rechne schon damit, dass es den einen oder anderen Zwischenfall geben könnte. Doch glauben Sie mir, in dem Moment, wo wir den Unruhestiftern den Strom abdrehen, werden sie auf allen Vieren angekrochen kommen und um Gnade winseln. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen."


Wir hatten die Pressekonferenz extra auf den Mittag gelegt, und genauso war auch die Örtlichkeit sehr exakt ausgewählt worden. Die ecuadorianische Hauptstadt Quito liegt in einem 2.850 m hohen Becken der Anden und ist damit nach der bolivianischen Hauptstadt Sucre die zweithöchst gelegene Hauptstadt der Welt. Viel wichtiger war jedoch, dass sie nur 20 Kilometer südlich des Äquators liegt. Hier würde man die Auswirkung unseres Projektes am stärksten und am schnellsten bemerken.

Seit dem frühen Vormittag strömten die Vertreter der Presseagenturen und Internetportale in das größte Sportstadion der Stadt. Die von uns engagierten Wetterpropheten waren ihr Geld wert gewesen, nicht ein Wölkchen trübte den strahlend blauen Himmel.

Um 11:00 Uhr begannen die Reden, für die wir einige der bekanntesten Wissenschaftler des Planeten engagiert hatten. Es war viel von einer neuen Ära die Rede und ich musste mich zusammenreißen, um nicht jedes Mal zusammenzuzucken. Die ersten Anzeichen von Unruhe bemerkte ich etwa eine halbe Stunde später. Insbesondere die Fotografen und Kameramänner fummelten nervös an ihren Geräten herum und konnten sich nicht erklären, warum sich die Lichtwerte so rapide verschlechterten. Es dauerte jedoch nicht lange, bis auch der tumbste Pressevertreter merkte, dass irgend etwas aus dem Ruder lief. Scheich Ali, der neben mir auf der Ehrentribüne saß, stieß mich mit dem Ellenbogen an und zwinkerte mir zu. Wenige Minuten später war ich es dann, der am Mikrofon stand und sich ein paar Mal räuspern musste, um die Aufmerksamkeit der inzwischen aufgeregt nach oben blickenden Journalisten und Reporter zu gewinnen.

"Meine Damen und Herren, wenn Sie mir die nächsten 10 Minuten aufmerksam zuhören, werden Ihnen alle Ihre Fragen beantwortet. Ich bitte um etwas Ruhe."

"Wir kriegen Sie aber nicht mehr so gut ins Bild, denn wir haben keine Scheinwerfer dabei. Wer denkt denn mittags um 12 schon daran, dass es plötzlich dunkel werden würde?! Oder soll das eine extra bestellte Sonnenfinsternis sein?"

Der Rufer, ein junger Fernsehreporter von al-Jazeera, erntete sogar einige Lacher für seine Bemerkung, den meisten Anwesenden war die Beklemmung jedoch deutlich anzusehen.

"Ich denke nicht, dass es noch allzu sehr darauf ankommt, ein gutes Bild zu machen. Als Leiter des Projektes Helios werde ich Ihnen stattdessen gleich genügend Informationen geben, um damit das Programm einer ganzen Woche zu füllen. Mindestens! Es wäre viel mehr angemessen, dass Sie Ihre Kameras jetzt nach oben richten, denn wie Sie sehen, hat die Stärke der Sonneneinstrahlung inzwischen drastisch abgenommen. Ihnen ist bereits bekannt, dass unser internationales Konsortium im Laufe der vergangenen fünf Jahre eine Kette von Solarsatelliten im Orbit installiert hat. An dem Projekt haben sich sowohl Regierungen als auch global agierende Konzerne beteiligt, um genügend sauberen Strom für den Bedarf aller Menschen auf unserem Planeten zu liefern. Und dies ohne jegliche Beeinträchtigung der terrestrischen Umwelt. Nun möchte ich Ihnen jedoch über eine weitere Komponente unseres Projektes berichten. Diese Komponente beruht auf den wissenschaftlichen Grundlagen des Weizman-Instituts in Israel, der Universität Moskau und verschiedenen Forschungsinstituten der US-Regierung."

Ich machte eine kleine Kunstpause, die ich dazu nutzte, einen Schluck Wasser zu trinken und mir wie beiläufig den Schweiß von der Stirn zu wischen. Nicht, dass ich etwas befürchtete, Scheich Ali hatte schließlich genügend Bodyguards engagieren lassen, um uns beide mitsamt allen Ehrengästen wieder sicher in die Limousinen und zum Flughafen zurück bringen zu können, wo dicht an dicht stehend die Privatjets schon auf uns warteten. Trotzdem graute mir ein wenig vor der Reaktion, die meine nächsten Worte unter den zuhörenden Journalisten hervorrufen würden.

"Selbstverständlich haben wir für Sie umfangreiche Pressematerialien vorbereitet, die ihnen an den Ausgängen später ausgehändigt werden. Lassen Sie mich die Sache daher in wenigen Sätzen zusammenfassen: Als die europäischen und nordafrikanischen Staaten im Jahre 2009 das damals größte Projekt der erneuerbaren Solarenergie starteten, welches unter dem Namen Desertec inzwischen wohl jedem Menschen bekannt sein dürfte, hat sich kurz darauf ein weiteres Konsortium gebildet, das aus den bei Desertec nicht involvierten Ländern und Personen bestand. Wie waren überzeugt davon, dass man auch mit Solarsatelliten konkurrenzfähigen Strom anbieten kann – und dies haben wir getan. Im Laufe der nächsten Wochen werden alle unsere Kunden an die Orbitalstationen 'angeschlossen' werden und ihre Energie per Mikrowelle geliefert bekommen. Dies ist jedoch nur die eine Seite des Projektes."

Ich merkte, dass die Unruhe zunahm und klopfte ein paar Mal mit meinem Fingernagel an das Mikrofon.

"Im Rahmen des Projektes Helios haben wir außerdem einen riesigen Schirm installiert und aufgespannt, der sich in diesen Minuten schließt und die Erde in Zukunft von der direkten Sonneneinstrahlung abschirmen wird. Damit wollen wir gewährleisten, dass die bisher ständig zunehmenden klimatischen Probleme ein für allemal der Vergangenheit angehören. Außerdem können wir dadurch das Licht kontingentieren, so dass nur jene Staaten genügend helles Tageslicht für ihre Landwirtschaft erhalten, die mit uns die entsprechenden Verträge abschließen. Selbstverständlich hoffen wir, dass alle Regierungen so vernünftig sind und an das Wohl ihrer Bürger denken. Immerhin garantieren wir durch unsere neue Technologie auch ein Ende jeglicher Umweltverschmutzung durch fossile oder nukleare Brennstoffe, ein weltweit ausgeglichenes Klima – und selbstverständlich genügend Energie und Licht für jeden, der gewillt ist, diese von uns zu beziehen. Ich danke Ihnen für Aufmerksamkeit..."

Ich hatte schon immer gesagt, dass man die Ölscheichs nicht unterschätzen sollte. Klar, sie selbst hätten ohne weiteres wieder ihre Kamele bestiegen und wären in die Wüste hinausgeritten, sollte das Öl wirklich eines Tages zu Ende gewesen sein. Doch wer eine derartige Monopolstellung im Energiebereich schon einmal ausgefüllt hatte, der würde sich nicht so leicht wieder ins Abseits schieben lassen, was viel zu wenige Leute bedacht hatten.

Am meisten erstaunte mich allerdings, wie gut die israelisch-arabische Kooperation im Rahmen des Konsortiums lief, so als ob es niemals eine Nakba gegeben hatte. Nun widerfuhr zwar dem gesamten Rest der Welt eine noch viel größere Nakba, aber diesmal hatten wir die Hand auf dem Lichtschalter... und wir würden sie auch nie wieder herunter nehmen!

Für meine Farm in Wyoming habe ich selbstverständlich Sonderkonditionen, so dass ich jeden Tag kostenlos in strahlendem Sonnenschein spazieren gehen kann, ganz egal wie dunkel es sonst überall ist – oder wie viel die Leute für ein wenig Licht bezahlen müssen. "Denn Gott leitet zu seinem Licht, wen Er will" – wie es in der 24. Sure des Koran so treffend heißt...

Übersetzt von Achmed A. W. Khammas