Hornissen

Herbert W. Franke01.01.2010

Der menschliche Erfindergeist arbeitet losgelöst von den Erfordernissen der Welt. Etwas machen, etwas Neues bauen - darauf kommt es an, wer fragt da noch wozu? Bisher haben sich die Anwendungen immer noch gefunden, und sie bieten sich auch für die 'kybernetischen Hornissen' an.

Er war ein Genie und alle wussten es. Auch die Firmenleitung schätzte seine besonderen Fähigkeiten und hatte ihm Privilegien eingeräumt, die man in einem auf Gewinn ausgerichteten Industrieunternehmen nur selten findet.

Der Erfinder - Theo Holly - saß in einer Ecke des Laboratoriums, in der er es sich nach eigenem Gutdünken eingerichtet hatte. Nein - kein schöpferisches Chaos, wie man es üblicherweise den großen Geistern zuschreibt. Aber auch nicht die peinliche Ordnung eines Pedanten. Denn auch solche waren dazu fähig, Entdeckungen zu machen - indem sie etwa einen Messwert um weitere fünf Stellen nach dem Komma bestimmten ... und dadurch etwas Unerwartetes, Neues fanden. Nein, Theos besondere Veranlagungen äußerten sich nicht in der von ihm bevorzugten Umgebung.

Auf dem Tisch lagen einige Werkzeuge herum, einige Schächtelchen mit winzigen Schaltelementen, Schräubchen und dergleichen, daneben der Anschluss ans Computernetz, ein 3D-Mikromanipulator, einige optische Geräte, in vielen Größenbereichen verstellbar, mit Ausgabe auf einem holografischen Bildschirm. An der Wand eine Tafel mit allerlei Schnickschnack, getrocknete Blumen, Bierdeckel mit Unterschriften, Ansichtskarten und Fotos. Denn Theo Holly war ein geselliger Mensch, zumindest wenn er sich nicht gerade mit seinen Arbeiten beschäftigte. Dann allerdings konnte er sich konzentrieren, von allem, was um ihn herum geschah, abkapseln.

"Was ist es diesmal?" fragte Chefingenieur Planides.

"Sie kommen gerade im richtigen Moment" antwortete Theo. "Ich bin fertig - das Ergebnis liegt auf dem Tisch"

Der Vorgesetzte blickte ein wenig hilflos herum - außer einigen Werkzeugen und Schachteln war nichts zu sehen.

"Hier", sagte Theo und reichte Planides eine Lupe. Er deutete auf den Tisch, auf ein Stück Kunststoff von der Größe einer Briefmarke. Jetzt sah auch Planides das Objekt: nicht größer als eine Fliege und, wie unter der Lupe zu sehen war, mit Beinchen und Flügelchen ausgestattet.

Theo hob es mit einer Pinzette auf den Objektträger des Mikroskops und schaltete den Scanner ein - das plastische Bild erschien auf dem Bildschirm. In dieser Vergrößerung zeigte sich das Objekt weitaus komplexer, als man ihm mit freiem Auge oder durch die Lupe ansehen konnte. Es wirkte unheimlich, fast gefährlich - wobei sich Planides daran erinnerte, dass auch Fliegen, mit dem Rasterelektronenmikroskop aufgenommen, wie Ungeheuer aussehen.

"Was ist das? Was kann man damit tun?"

Theo sah ihn groß an und überlegte. "Ein mikrominiaturisiertes Flugobjekt", sagte er. "Ferngelenkt - über Kilometer hinweg zentimetergenau steuerbar."

Der Chefingenieur wiederholte seine Frage: "Und wozu?"

"Lassen Sie mir Zeit bis morgen - dann sag' ich es Ihnen."

Holly und Planides standen in einem Gartenhaus. Holly hielt eine kleine Schalttafel in der Hand, ähnlich einem Joystick, wie man sie für elektronische Spiele benötigt. Am Boden hatte er ein Köfferchen abgesetzt, nicht größer als eine Zigarrenkiste.

Er drückte einen Knopf, bewegte den Hebel. Aus einer kleinen Öffnung der Schachtel schoss ein Schwarm fliegengroßer Flugobjekte. Mit hellem Summen schwärmten sie aus, kreisten über den in Reihen angeordneten Gewächsen, ließen sich auf den offenen Blüten nieder.

"Was soll das?" erkundigte sich Planides.

"Manche Pflanzen müssen bestäubt werden, um Früchte zu tragen", erklärte Theo. "Bei der sterilen Aufzucht in Treibhäusern ist das ein Problem. Denken Sie nur an unsere Mondstationen, an Raumschiffe, an Stützpunkte auf fremden Planeten. Nun - das Problem ist gelöst."

Künstliche Bienen, die Blüten bestäuben - es war einleuchtend. Aber genügte das, um ein Geschäft daraus zu machen?

"Könnte man diese ... ", Planides zögerte, ehe er einen Ausdruck fand, " ... diese Mikrobienen nicht etwas größer machen? Könnte man nicht etwa auch ... nun, sagen wir, Schadinsekten mit ihnen vernichten?"

Theo dachte eine Welle nach, dann sagte er: "Das müsste möglich sein. "

Theo Holly, von Planides und einigen Sachverständigen begleitet, ging über den sandigen Weg am Rande der Wüste. Neben ihm wogte ein künstlich bewässertes Getreidefeld, und über diesem schwebten dunkle Wolkenschwaden. Doch es waren keine Wolkenschwaden, sondern Heuschrecken, die das Feld schon halb kahlgefressen hatten.

"Nun, zeigen Sie, was Sie können", sagte Planides aufmunternd. Die Herren beobachteten Theo neugierig.

Er ließ die Flugobjekte starten. Sie waren nun schon etwas größer, etwa so groß wie Hummeln. Auch der Behälter war größer geworden, etwa so groß wie eine Aktentasche. Das Summen, das vom Schwarm ausging, mutete gefährlich an, und einige der Herren duckten sich unwillkürlich. Doch der Schwarm entfernte sich, und man konnte, wenn nötig durch Ferngläser, beobachten, was geschah: Die kleinen Apparätchen stürzten sich auf die Heuschrecken, blieben kurz darauf sitzen und erhoben sich dann wieder, um die nächste Heuschrecke zu suchen. Die zurückgebliebene aber blieb reglos sitzen, wie erstarrt, und fiel einige Sekunden später zu Boden.

"Gute Arbeit!" lobte Planides und schlug Theo auf die Schulter. "Ein eindrucksvolles Experiment. Ich glaube, es könnte ein Geschäft daraus werden." Er zog Theo ein wenig beiseite, einträchtig wanderten sie durch die Landschaft, in der es immer noch summte. "Wissen Sie", setzte Planides fort, "gegen Schadinsekten haben wir auch andere Mittel, und sie sind billiger. Was ich im Auge hatte, ist etwas anderes." Er beugte sich zu dem etwas kleineren Theo hinab und redete einige Zeit flüsternd auf ihn ein.

Diesmal hatten sie eine weite Strecke zum Schauplatz des Versuchs zurücklegen müssen. Sie standen hinter einer aus rohen Felsbrocken primitiv vermauerten Brüstung; es war eine Kommission, zu der sowohl Politiker wie auch Militärs gehörten. Theos Kasten stand neben ihm, er war noch etwas größer und schwerer geworden - zwei Männer hatten ihn an Henkeln getragen. Alle sahen Theo Holly, den Erfinder, mit einem Gemisch aus Neugier und Erwartung an.

Sie befanden sich am Gipfel eines steilen Hügels und hatten weite Sicht über ein von Geröll bedecktes vegetationsloses Gelände. Da und dort senkten sich Mulden ein, und in zwei der größeren sah man Soldaten. Jene in der einen Mulde trugen braune Uniformen, jene in der anderen grüne. "Irgendwo ist immer Krieg", sagte Planides, "doch wir haben eine Weile suchen müssen."

Als er Theos Blick auf sich ruhen fühlte, setzte er fast verlegen hinzu: "Die mit den braunen Uniformen sind unsere Leute, die anderen sind die Feinde. Nun, Sie brauchen nicht zu zögern - es ist zwar nur eine kleine Auseinandersetzung im Randbereich der Zivilisation, doch immerhin: Es geht um Freiheit, Recht und Frieden. Ihre Erfindung könnte einen wertvollen Beitrag dazu leisten, diesen Werten zum Sieg zu verhelfen."

Theo hatte lange über dieses Problem nachgedacht. Zuerst hatte er ein Spiel getrieben - irgend etwas gebaut, was funktionierte, und er hatte nicht allzuviele Gedanken darauf verschwendet, für welchen Zweck. Dann hatte ihm der Vorgesetzte einen Weg gewiesen, den Weg zu einer sinnvollen Nutzung: zur Anwendung im praktischen Leben, die einer Erfindung erst den Wert gibt. Und dann war die nächste Anregung von Planides gekommen, eine Anregung, die recht zwiespältige Gefühle in ihm wachrief. Er hatte etwas erfunden, was sinnvoll war, und nun stellte sich heraus, dass es sich auch zum Töten eignete. Zum Töten von Insekten, zum Töten von anderen Lebewesen - das war nur noch eine sekundäre Frage. Die letzte Konsequenz schien vorgezeichnet.

Theo drückte den Knopf, wartete kurz, bis er den Schwarm ausfliegen sah. Selbst durch das dicke Glas hindurch konnte man nun eine durchdringende, tief klingende Vibration wahrnehmen. Und die Flugobjekte waren nun groß wie Hornissen. Pfeilschnell bewegte sich der Schwarm auf die Soldaten zu.

Die Männer im Bunker sahen durch ihre Fernrohre, einige schienen irritiert, dann rief einer: "Sie haben sich in zwei Schwärme geteilt!" Dann riefen alle durcheinander.

"Es ist schon richtig so", sagte Theo. Planides blickte ihn sprachlos an.

Selbst durch die leistungsfähigen optischen Geräte war nicht im Detail zu erkennen, was dann geschah. Plötzlich erhoben sich die Soldaten aus ihren Gräben, liefen auf den Feind zu. Und das galt nicht nur für die braunen Uniformen, sondern auch für die grünen.

"Was haben Sie getan?" rief Planides, der mühsam nach Beherrschung rang.

Und nun hatten die beiden Trupps einander erreicht, einen Moment lang sah es aus, als würden sie sich in einen zerfleischenden Nahkampf stürzen, doch dann war erkennbar, dass sie sich die Hände schüttelten, sich auf die Schulter schlugen - dass sie die Waffen wegwarfen.

"Was haben Sie getan?" wiederholte Planides.

"Was ich im einzelnen getan habe, steht nicht zur Debatte", sagte Theo. "Es gibt wirksame, rasch wirkende Psychopharmaka, das wissen Sie genausogut wie ich. Es kommt eher darauf an, was ich erreicht habe. Nun ja - diese Männer werden nie mehr gegeneinander kämpfen. Haben Sie verstanden, was ich Ihnen damit zeigen wollte: dass wir Techniker inzwischen über Dinge nachgedacht haben, die über unsere Technik weit hinausreichen."

Er war sich im klaren, dass er seine Stelle verloren hatte, aber es war ihm gleich. Als er sich umdrehte und - die Kommission in heftiger Debatte zurücklassend - durch die urwüchsige, felsige Landschaft ging, spürte er das Gefühl einer Genugtuung, wie er es bisher noch nie empfunden hatte.