Erinnerungen
Twister (Bettina Winsemann)24.01.2010
Nein, nein, versteht mich nicht falsch - ich bin nicht gerade in einer Sinnkrise oder in einer Depri-Phase. Nein, die Frage ist schon ernst gemeint - warum lebe ich noch?Um die Frage zu verstehen, musst Du natürlich mehr über mich wissen. Zum Beispiel, dass ich seit etwa vier Wochen an Gedächtnisschwund leide. Und ich muss Dir wohl nicht erzählen, was das bedeutet. Gedächtnisschwund ist eine Krankheit, und wer über zwei Wochen krank ist, dem wird die gesellschaftsfördernde Selbstentsorgung nahegelegt. Ich war ja da, als das Gesetz darüber unter frenetischem Jubel verabschiedet wurde - schließlich hatten wir lange genug wirtschaftliche Schwierigkeiten in unserem Land. Du erinnerst Dich vielleicht noch an die Zeit, als wir hier im Land so viele Kranke hatten, als dass Geld immer knapper wurde und das Sozialsystem hier fast zusammenbrach? Ja, es ist lange her - aber das gab es mal. Da gab es noch diese verdreckten Leute, die Dich immer beim Spazierengehen oder Einkaufen belästigten und um Geld bettelten, die Dir mit ihrem ekelhaften Körpergeruch den Tag verdarben und die Dir tausendfach Bazillen entgegenhusteten. Manchmal saßen sie auch vor Kaufhäusern und verschandelten damit unsere Städte - und am schlimmsten waren die, die auch noch das ästhetische Grundempfinden beleidigten, indem sie ihre Armstümpfe oder ihre toten Augen zeigten. Unnötiger Ballast, und wie Du weißt, haben wir lange genug gebraucht, um unser Land wieder zu einer blühenden Oase des Friedens und der Harmonie zu machen. Es hat lange gedauert, bis wir wieder Städte hatten, die unsere Augen mit ebenso schönen Häusern wie Menschen erfreuten. Kannst Du Dir noch vorstellen, wie es war, als wir Menschen nicht nach dem "Physical Enhancement Act" aufgebessert wurden? Es gab Menschen mit schiefen Nasen, mit schiefen Zähnen, mit dicken Bäuchen oder dicken Beinen. Frauen, deren Brüste nicht wie die von Danielle aussahen, nicht rund und glatt und einheitlich groß, sondern wie die einer 14jährigen, kaum sichtbar; oder Frauen mit sehr großen Brüsten, die durch Stoffträger gehalten werden mussten. Nun, vielleicht kannst Du Dich gar nicht daran erinnern - es war auch eine ziemlich schlimme Zeit, es gab hungrige Menschen und kranke Menschen. Nicht dass mir die hungrigen Menschen Leid getan hätten, weil sie hungerten, aber sie waren so hässlich mit ihren ausgemergelten Körpern. Und sie lebten einfach auf unsere Kosten, hofften darauf, dass wir dumm genug waren, ihnen von unserem hart verdienten Geld zu geben. Jetzt gibt es das schon lange nicht mehr, wir haben eine wunderschöne Welt mit schönen Menschen, alle sind glücklich. Aber ich lebe...seit vier Wochen krank. Und statt mir, wie es eigentlich der "Human Society Act" vorschreibt, noch eine Gelegenheit zu geben, mich noch einmal zu unterhalten, bevor ich auf humane Weise entsorgt werde, gibt man sich Mühe, mir zu helfen und mir mein Gedächtnis wieder zu geben. Ich verstehe es nicht, aber ich gebe zu, so egoistisch es auch sein mag, dass ich froh darüber bin, denn ich möchte leben. Ich bin eben doch nicht besser als all die dummen, egoistischen, kranken Menschen, die so sehr an ihrer Existenz hängen, dass sie nicht wahrnehmen wollen, wie sehr sie der Gesellschaft schaden. Sheryl sagt, ich sei eben jemand Besonderes. Aber warum? Noch etwas ist seltsam - nicht nur, dass ich mich an nichts mehr erinnern kann, was in meinem Leben passiert ist, ich bin auch nicht gechipped. Sheryl steht in der Küche und kocht Tee. "Schatz, natürlich bist Du nicht gechipped," sagt sie. "Du weißt doch, dass es die Kaste der Nicht-Gechippten gibt." Natürlich weiß ich das, jeder weiß das. Es gibt zwei Kasten - die Gechippten und die Wenigen, die das Privileg genießen, keinen Chip zu tragen. Aber diese Wenigen sind Politiker oder - manchmal - Anwälte. Ich bin weder das eine noch das andere. Warum also trage ich keinen Chip? Sheryl sagt, ich soll nur erst mal wieder gesund werden. Aber warum? Warum will man, dass ich gesund werde? Warum will man nicht, dass ich im Sinne der Gesellschaft in den leblosen Zustand transformiert werde? Dienstag Heute Morgen wachte ich auf, und als ich Sheryl neben mir liegen sah, da erinnerte ich mich daran, wie das Chippen zur Bürgerpflicht wurde. Mir fiel ein, wie in den Nachrichten wieder und wieder die Bilder liefen - die Bilder der verzweifelten, trauernden Eltern von Sarah, die Bilder von Sarahs verstümmeltem Körper, wie er nach vier Wochen in einer alten Hütte gefunden worden war. Ich sah wieder die Wunden vor mir, die vielen Wunden, die ihr diese Bestie beigebracht hatte, tiefe Wunden. Sie muss geschrieen haben, entsetzlich gelitten haben, ihr ganzer Körper war eine offene Wunde, als man sie fand. Die Nachrichten zeigten es wieder und wieder, und obwohl ja am Anfang nur einige mit schweren Krankheiten sich chippen ließen, war Sarahs Tod der Anfang der Rufe nach einer Pflicht zur Verchippung. Als weitere Kinder verschwanden und Sarah aufgefunden wurden, als die Empörung, die Wut und die Hilflosigkeit fast übermächtig wurden, da trat Pepper auf den Plan. Pepper...ein "Law and Order"-Mann, der die harte Gangart bevorzugte, wie er selbst unumwunden zugab. Unter seiner Leitung wurde der "Human Security Act" vorgestellt - das Gesetz, das es jedem vorschrieb, den Chip zu tragen. Und tatsächlich gab es kurz darauf eine Entführung, doch das kleine Mädchen wurde schnell gefunden. Niemand fand je ihren Entführer, doch das Mädchen wurde gerettet - dank des Chips. Damit war das Gesetz nicht nur formal sondern auch gesellschaftlich anerkannt, und das Nicht-Chippen wurde Privileg einiger Weniger, die über jeden Verdacht erhaben waren. Wie Pepper. Sheryl drehte sich um zu mir und lächelte, doch einen Moment lang überkam mich Übelkeit, als ich in ihre Augen sah. Sie nahm mich in den Arm und mein Magen beruhigte sich langsam wieder. Bis sie in der Küche stand und mit einem Messer begann, kleine, symmetrische Käsestücke zu schneiden. Ich starrte auf den Käse, der sich unter Sheryls Messer teilte wie eine reife Frucht. Vor meinen Augen tanzten rote Punkte. Ich sah Sheryl, wie sie etwas anderes schnitt, etwas Weicheres, etwas ganz anderes. Ich stürzte ins Bad und übergab mich. Nachmittags saßen wir auf der Veranda und lasen die Bücher, die Pepper genehmigt hatte. Seit der "Prudent Reading Act" verabschiedet worden war, gab es nur von Pepper genehmigte Bücher zu kaufen. Sheryl brachte mir einen Früchtetee und fragte mich, ob es mir besser ginge. "Sheryl," sagte ich, "warum komme ich nicht zur Transformation?" Sie sah mich an und strich mir über das Haar, und aus irgendeinem Grund bekam ich eine Gänsehaut, fühlte mich beschmutzt. "Liebling, Du bist eben etwas Besonderes," sagte sie, und ich war fast überrascht darüber, dass ihre Hände nicht klebrig waren, als sie sie zurückzog. Was passierte bloß mit mir? Das war meine Frau, die Frau, die ich liebte. Warum hatte ich plötzlich das Gefühl, als sei ich wie eine Fliege im Netz? Und warum war ich besonders? Mittwoch Pepper kam mich heute besuchen. Pepper! Ich muss wirklich etwas Besonderes sein. Er fragte mich, wie es geht, und wir tranken gemeinsam ein Glas Wein, etwas, was nur den Nicht-Gechippten vorbehalten war. Der "Human Health Act" verbot allen Gechippten den Konsum von jeglichen Rauschmitteln sowie von ungesunden Lebensmitteln. Gechippte waren oft zügellos, daher war der "Human Health Act" von den Krankenkassen und dem Gesundheitsministerium durchgesetzt worden. Und durch die Chips war es leicht, herauszufinden, ob jemand dagegen verstieß. Allerdings gab es Ausnahmen, daran erinnerte ich mich plötzlich. Ich erinnerte mich an den großen Bombenanschlag, der fast 1.000 Menschen verletzte - sie überlebten, aber sie kosteten Unmengen an Arzt- und Krankenhauskosten. Der große Bombenanschlag und zwei weitere Ereignisse dieser Art waren der Grund dafür, dass der "Human Society Act" durchgesetzt werden konnte, denn es gab schon genug wirtschaftliche Schwierigkeiten - und es gab genug Leute, denen die enormen Kosten für Krüppel, die nie wieder etwas einbringen würden, ein Dorn im Auge waren. Pepper riss mich aus meinen Gedanken. Wir unterhielten uns über das Buch, das ich las und über die Bücher, die es vorher gegeben hatte. Bücher voller abartiger Zeichnungen, Bücher voller falscher Aussagen, voller bösartiger Kommentare, voller Verführung. Pepper lächelte, als wir darüber sprachen, und ich erinnerte mich an Henry. Henry, der junge Mann, der eines Tages in einer Schule ein Massaker begangen hatte. Daran, wie man in seinem Zimmer Regale voller Bücher fand. Und daran, wie Pepper kurz darauf mit Hilfe seiner Freunde begann, sich für den "Prudent Reading Act" einzusetzen, um diese Bücher endgültig dem Zugriff durch junge Leute zu entziehen. Ich erinnerte mich auch an Henrys Leiche und seinen Abschiedsbrief - an die Worte "die Worte in den Büchern sagten mir, was zu tun ist". Und ich erinnerte mich an Henry, wie er sagte "ich bin unschuldig". Aber nein, das musste ich geträumt haben, ich hatte doch Henry nie getroffen. Ich musste es mir einbilden. Ich sah auf das Buch in meinen Händen, und mein Magen verkrampfte sich erneut. Donnerstag Sheryl ist heute ungeduldig. Ich schätze, es ist nicht einfach, mit jemandem zusammenzuleben, der nicht nur jegliche Erinnerung verloren hat, sondern vielmehr auch Angst vor seiner eigenen Frau hat. Ich versuche wirklich, mir nichts anmerken zu lassen, denn ich finde es selbst so lächerlich. Aber ich habe Angst vor ihr, und ihre Worte "Du musst gesund werden" klingen für mich eher bedrohlich als tröstend. Vielleicht ist es wirklich so, dass der Körper sich nicht betrügen lässt. Vielleicht will mich mein Gehirn vor etwas bewahren. Aber mein Körper scheint dies nicht zu wollen irgend jemand sagte einmal, die Erinnerung lässt sich nur eine Zeitlang unterdrücken, dann reißt sie alles mit sich, wie das Wasser, das einen Staudamm mit sich reißt. Aber warum scheine ich den Staudamm zu bevorzugen? Warum bin ich nicht gechipped? Warum bin ich krank? Warum bin ich besonders? Warum lebe ich noch? Und warum erinnere ich mich daran, wie all die Gesetze durchgesetzt wurden, nicht aber daran, was ich bisher getan habe? War es so langweilig, so unwichtig? Oder... so schrecklich? Ich setze mich vorsichtig aufs Bett, und Sheryl setzt sich zu mir. Ihre Nägel sind lang und rot lackiert, und sie streicht damit über meine Arme. Es soll Trost spenden - oder vielleicht auch Lust. Aber ich sehe sie nur an, und mir wird so kalt. Ich erinnere mich wieder an die Attentate, die den "Phone Security Act" notwendig machten, an die Toten, die Grund genug dafür waren, den "Letter Act" zu verabschieden, der es möglich machte, alle Briefe zu öffnen. Ich erinnere mich. Und ich weiß plötzlich, dass es immer noch ungechippte Menschen gibt - Menschen, die jemand zu finden versucht. Jemand... Pepper? Ja, es muss Pepper sein, denn die ungechippten Menschen sind eine Gefahr. Einer von ihnen hat erst kürzlich Menschen getötet, es wurde in allen Medien gebracht, lief fast nonstop auf allen Sendern, Close-Shots der weinenden Eltern, Detailaufnahmen der Toten. Warum bin ich wichtig? Freitag Pepper war erneut hier. Er sah mich seltsam an, als er ging, so, als würde er mich studieren. Dann sprach er kurz mit Sheryl. Ich stand in der Küche und öffnete eine Dose Tomatensaft, um mir eine Bloody Mary zu machen. Ich sah auf die rote Flüssigkeit in der Dose, und erneut verkrampfte sich mein Magen. Ich ließ die Dose fallen, Pepper und Sheryl kamen in die Küche gelaufen und sahen mich an. Und als ich in ihre Augen sah, da wirkten sie nicht besorgt sondern... gierig. Als warteten sie auf etwas. Aber was? Samstag Sheryl geht es schlecht. Den ganzen Vormittag war sie fort, und als sie wiederkam, war sie blass und gereizt. Ich habe es erst jetzt erfahren - das Kind ihrer Schwester ist getötet worden. Der Täter war... natürlich... ein Ungechippter. Nun wird wohl der "Hunt Act" in Kraft treten, denn die Tat war so bestialisch, dass sich selbst die Fernsehsender weigern, Bilder zu zeigen. Aber sie beschreiben es. Nur allzu plastisch. Und ich will Sheryl in den Arm nehmen, doch sie wendet sich ab und sagt "Du machst es Dir einfach". Einfach? Was mache ich mir einfach? Ich gehe in mein Zimmer. Sheryl sitzt auf ihrem Bett. Sie hält das Bild in der Hand, das sie und ihre Schwester zeigt. Neben ihr liegt das Telefon. Wahrscheinlich hat sie ein Interview gegeben. Sie dreht sich zu mir, und ich denke plötzlich an ein anderes Kind, ein krankes Kind. Ich denke an ein Kind, dessen Augen etwas schräg waren, an eine... Lidfalte? Es starb... oder nicht? Ich sehe Sheryl an und sie sieht mich an, lässt das Bild fallen. "Du hättest es..." sagt sie und geht aus dem Zimmer, bevor der Satz zuende ist. Was hätte ich? Wissen sollen? Verhindern sollen? Ändern sollen? Aber wie? Wie? Oder meint sie etwas ganz anderes? Etwas, das zu schrecklich ist, um daran zu denken? Um sich... daran... zu... erinnern... Sonntag Ich bin fast fort. Und ich hoffe, sie werden mich nicht finden. Ich kenne nun die Wahrheit, ich erinnere mich. Sheryl ist tot, ihr kalter Körper liegt auf dem Bett, ihr Blut färbt das Kissen und die Laken. Aber sie hat mir die Wahrheit gesagt. Und dann ging sie ruhig zu Bett und tötete sich. Ich ließ es zu, denn ich wusste, sie konnte nicht wie ich fortgehen, sie war trotz allem zu überzeugt von dem, was sie tat. Der "Hunt Act" ist in Kraft getreten, die Ungechippten werden jetzt zu Vogelfreien erklärt. Und ich bin einer von ihnen. Ich war es schon immer, ich musste es sein. Denn ich durfte nicht getract werden, durfte niemals erkennbar sein. Denn ich war einer der Besten - ich war der Beste. Ich war es, der dafür sorgte, dass die "Security and Humanity Acts" in Kraft traten, ich war es, der die Gründe lieferte. Ich... und Sheryl. Wir beide, wir waren das perfekte Team für Pepper. Ich sehe wieder Sheryls Hände und das Messer, sehe vor mir, wie wir Sarah töteten, wie wir Bomben legten und wie wir Henry töteten. "Du hättest es..." hat sie gesagt, und sie hat nicht gemeint, dass ich es hätte wissen müssen. "Du hättest es tun müssen," hat sie gemeint. Ja, ich hätte es tun sollen und müssen, hätte das Kind ihrer Schwester töten sollen. Aber seit dem letzten Auftrag konnte ich es nicht mehr, seit diesem Kind mit der Lidfalte... "Down Syndrom" hat die Mutter gesagt und mich angesehen, und ich hätte sie töten müssen, sie und das Kind. Hätte sie töten müssen und ausweisen müssen, hätte Spuren legen müssen, Spuren zu den Ungechippten. Und das Kind war sowieso illegal, hätte längst tot sein müssen, war krank und unnütz. Aber dann sah es mich an, und etwas zerbrach in mir. Und ich vergaß. Ich hätte selbst sterben müssen. Und das ist es, was mir Sheryl nicht mehr sagen musste... warum ich noch lebte, warum man mir helfen wollte. Denn in meinem Kopf ist die Erinnerung an eine Liste. Die Liste all jener, die ungechippt sind. Wer sie sind, wo sie sind und... was sie planen. Und es wird Peppers Ende sein. |