Salat
Twister (Bettina Winsemann)13.02.2010
Als der Kassierer mir die Summe meines Einkaufes nannte, glaubte ich an einen kleinen Scherz. Ich grinste sogar und zwinkerte ihm zu, doch er blieb unbeeindruckt und so langsam dämmerte mir, dass die Summe wohl ernst gemeint war. Nun hatte ich sowieso die Erfahrung gemacht, dass Kassierer etwas weniger zuverlässig waren als Kassiererinnen, so blickte ich also auf meine Einkäufe und rechnete im Geiste noch einmal zusammen. Der Unterschied meiner Summe und der Summe, die der Kassierer, mittlerweile ein wenig ungeduldig, von mir verlangte, war immens. "Das kann nicht ganz stimmen." sagte ich freundlich, doch er blieb hartnäckig. Ich seufzte. "Können wir bitte einmal die einzelnen Posten durchgehen?" "Na-tür-lich." meinte er gedehnt und blickte auf seine Auflistung. "Ein Kopfsalat." sagte ich und er nickte. "Ein Kopfsalat." "69 Cent." Er nickte."Plus Pauschalabgabe." "Pauschalabgabe?" Ich blickte ihn verwirrt an. "Pauschalabgabe." Ein Licht schien ihm aufzugehen. "Aha - jetzt wissen wir, wo der Fehler ist - Sie haben nirgends die Pauschalabgabe mit eingerechnet, was?" "Eine Pauschalabgabe auf einen Kopfsalat?" Er nickte. "Natürlich." sagte er lässig und setzte sich in Positur. Scheinbar hatte er das heute schon einige Male erklärt, denn er klang sehr selbstsicher als er begann, mir die Pauschalabgabe auf einen Kopfsalat zu erklären. "Sehen Sie - Sie kaufen einen Kopfsalat und daraus wollen Sie sicherlich einen Salat zubereiten." Er deutete auf meine restlichen Einkäufe. "Gleiches gilt für die Tomaten, die Salatgurke, das Öl, den Essig und den Zucker. Sollte wohl ein bunter Salat werden, was? Gut für die Gesundheit übrigens mit den Vitaminen. Aber ich schweife ab." Er zog ein Minischälchen bereits zubereiteten bunten Salat hervor, der Salat dort hatte ein paar braune Ränder und die Tomate machte einen sehr traurigen Eindruck. "Sehen Sie - solche Salate gibt es zu kaufen. Die Leute geben sich sehr viel Mühe damit und investieren darin. Kaufen Sie nun also Salat - nennen Sie es eine Komponente - um damit diesen bunten Salat hier zu boykottieren, so schaden Sie dem Bauernverband und der Firma, die diesen Salat herstellt. Daher zahlen Sie eine Pauschalabgabe." Ich starrte ihn an und fragte mich, ob ich in einem surrealen Film gelandet war. "Und die restlichen Posten sind auch alle von der Pauschalabgabe betroffen. Eier, Butter, Zucker, Mehl..es gibt doch jede Menge fertige Kuchen von diversen Firmen, hm?" Ich schloss die Augen. "Das ist grotesk." meinte ich, doch der Kassierer zuckte nur die Schultern. "Na gut." sagte ich besiegt als er nach weiteren fünfzehn Minuten mir erklärt hatte, welchen wirtschaftlichen Schaden die Selbstkocher, Rezepttauscher und diejenigen, die Freunde zum Essen einluden, der Fertigessen-Wirtschaft, der Gastronomie und dem Bäcker- sowie dem Bauernverbund und natürlich auch der Taxi-Gesellschaft zufügten (schließlich fahren die meisten abends mit einem Taxi zurück nach Hause...man hat ja schon mal ein Schlückchen getrunken, was?). "Dann zahle ich eben. Dafür kann ich wenigstens meinen Salat selbst mischen." "Oh." meinte er gedehnt. "Da haben Sie nicht zugehört. Die Pauschalabgabe kompensiert zwar den wirtschaftlichen Schaden, aber sie berechtigt Sie nicht, nun wirklich diesen Schaden anzurichten. Aber Sie können ja diesen Fertigsalat hier kaufen, hm? Da zahlen Sie nur die Pauschalabgabe an den Bauernverband weil Sie ja sozusagen seinen Salat boykottieren." Ich schob meine Geldbörse in meine Manteltausche. "Ich bezahle also dafür, dass ich irgendwen auf irgendeine Weise eventuell schädige indem ich selber koche und dann darf ich nicht einmal kochen? Und ich soll also doppelt und dreifach zahlen weil ich immer irgendwen schädige? Er strahlte. "Sie haben es ja doch verstanden." Ich schüttelte den Kopf. "Sorry, aber dann kaufe ich nichts." meinte ich sauer und wandte mich zum Gehen, doch er hielt mich auf und bewegte mahnend den Zeigefinger hin und her. "Mooooment..." sagte er freundlich. "Das ist Boykott und dafür gibt es eine Pauschale, die Sie zahlen müssen, denn ein Boykott richtet einen nicht unerheblichen wirtschaftlichen Schaden an." |