Quiz
Twister (Bettina Winsemann)31.07.2010
Auch am letzten Freitag vor den Festtagen, so fürchtete ich, würde sicherlich pünktlich das Telefon klingeln und Sabrina ihren edlen Ritter zur nächsten Burgfräulein-Rettung zu sich beordern. Nicht, dass ich etwas dagegen habe, Sabrina stets zu Hilfe zu eilen - reicht doch ein Blick in ihre wunderbaren grünen Augen, um dahin zu schmelzen und sich wie der glücklichste Mann der Welt zu fühlen. Dennoch wartete auf der Arbeit ein Projekt auf mich, und mein Mitarbeiter, selbst ein glühender Bewunderer von Sabrina (welcher Mann war das nicht?) und alles andere als vorwurfsvoll, hatte mir gestern bereits eine elektronische Grußkarte mit einem freundlichen "Hallo - der Abgabetermin ist morgen" gesandt. Ich seufzte und zog also mein Sakko aus (7.55 h), um es sogleich (7.59 h) wieder anzuziehen und mit einem falsch-freundlichen "Mensch, das kannst Du doch alles ohne mich." das Büro zu verlassen. Sabrina brauchte mich. Ich fand sie inmitten von Büchern. Nun las Sabrina gerne, vornehmlich diese wunderbaren kleinen Geschichten, in denen sich eine entzückende junge Frau in einen wunderbaren reichen Mann verliebte (ich sah da gewisse Parallelen, abgesehen von dem Reichtum und der Tatsache, dass es bei uns eher umgekehrt war) und dann vor einer exotischen Kulisse in den Hafen der Ehe einzusegeln. Einmal hatte ich sie auch förmlich begraben von Gesetzestexten gefunden, aber das war, als sie im Zuge des BGH-Urteils Sorge bekam, sie würde mit ihrer Homepage irgendeinen Sherpa oder sonstigen Bewohner dieser Erde durch Unwissenheit beleidigen und dadurch in die nächste inoffizielle Hinrichtungs-Liste aufgenommen werden. Diesmal jedoch handelte es sich vielmehr um Bücher mit bedeutungsschwangeren Titeln wie "Deutsche Geschichte in Kurzform", "Komponieren für Dummies", "Die amerikanischen Präsidenten" und ähnlichem. Ich war angemessen verwirrt, wurde jedoch von Sabrina, die mir in ihrem weißen Samtkleid mit den kleinen Glitzersteinchen wie Glöckchen aus Peter Pan vorkam, prompt bei einem Glas Sherry aufgeklärt. "Darling, Du weißt doch... da ist dieser entzückende junge Mann mit dieser furchtbaren Frisur." Ich drehte das Glas mit dem Sherry hin und her und dachte nach. Sabrina, ein begeisterter Zuschauer von diversen Quizshows, hatte sich schon mehrmals über die mangelnden Fähigkeiten der Fernsehmoderator-Coiffeure beschwert. Doch welcher entzückende junge Mann war gemeint? Sie sei, so Sabrina weiter, fest entschlossen, es einmal zu schaffen, in diese wunderbare kleine Quiz-Sendung zu kommen, um dem Moderator - obgleich furchtbar frisiert - dafür zu danken, dass er durch eben diese wunderbare kleine Sendung ihre Bildung und ihr Wissen auf so entzückende Weise vermehrt hatte. Und nie hätte Sabrina deshalb einen profanen Brief geschrieben, nein, sie würde es persönlich übernehmen, diesem wunderbaren jungen Mann ihren Dank auszusprechen. Ich zeigte mich angemessen beeindruckt, wie ich hoffte. Nun war ich selbst kein großer Fan dieser wunderbaren kleinen Quiz-Sendung, stellte sie für mich doch lediglich eine Möglichkeit dar, Werbegelder werbeträchtig an den Mann oder die Frau zu bringen, sowie die Einschaltquoten zu erhöhen, doch Sabrina war anderer Meinung. "Aber Darling!" widersprach sie energisch, und ihre grünen Augen blitzten. "Was habe ich nicht alles gelernt in dieser wunderbaren kleinen Sendung." Sie nahm ein Notizbuch vom Tisch und reichte es mir, ihre silbern lackierten Fingernägel strichen dabei kurz über meinen Handrücken, und spätestens jetzt war mir die wunderbare kleine Quiz-Show furchtbar wichtig geworden. Was tat man als verliebter Mann nicht alles, um die Frau seines Herzens glücklich zu machen? Ich blätterte das Buch durch und war wirklich beeindruckt: In perfekter Vorbereitung für das Projekt "Ich möchte zu diesem wunderbaren jungen Mann" hatte Sabrina die Fragen der letzten 20 Sendungen sowie die richtigen Antworten bzw. die Auswahlmöglichkeiten notiert, auf dass sie, wie sie anmerkte, angemessen ihre kleinen grauen Zellchen trainieren könnte. Das machte sogar entfernt Sinn. "Frag mich etwas, Darling." hauchte sie, und ich verlor mich in ihrem Blick, bevor ich aufs Geratewohl eine Seite aufklappte und ihr den Gefallen tat: "Bei welchem Mann handelt es sich nicht um einen Sportler?" Nun fand ich selbst, die Auswahl zwischen Beckenbauer, Rummenigge, Boris Becker und Bill Clinton sei nicht zu schwierig, doch, so wurde ich schnellstens aufgeklärt, dies war ja auch nur eine Anfangsfrage. Um jedoch den Moderator in angemessener Weise von seinem erfüllten Bildungsauftrag zu überzeugen, war schon eine 1-Million-Frage zu beantworten. Sabrina arrangierte ein paar Lachshäppchen und schwärmte davon, was sie alles gelernt habe, während ich "Moderatus diaboli" spielte und Fragen stellte. Nun, ich musste zugeben, Sabrina hatte wahrhaftig viel Wissen aus der entzückenden kleinen Quiz-Sendung gezogen, eine Tatsache, welche mich verwunderte. Sie wusste den Namen des amtierenden Präsidenten (Clinton) ebenso wie den Namen des nächsten (Bush), sie kannte den Vornamen der Noch-Frau von Boris-Becker (Barbara, genannt Babs), das chemische Symbol für Silber (Ag) und auch die Länge der Amtsperiode eines Bundeskanzlers. Ich war - diesmal nicht nur angemessen - beeindruckt. Sollte ich mich getäuscht haben? Sollten Quiz-Shows wirklich mehr Bildung und Wissen vermitteln? Sollte der wunderbare junge Mann mit der furchtbaren Frisur wirklich dafür sorgen, dass in Deutschland Menschen freiwillig Bildung suchten? Unglaublich. Ich gehörte leider zu den ewigen Skeptikern, nahm mir ein Lachshäppchen und überlegte. War dies wirklich Bildung? Oder nur zufällig angehäuftes Wissen? Ich erinnerte mich an einen derartigen Artikel in der letzten ZEIT, in dem es um die Kernfrage ging: Ist Wissen und Bildung gleich zu setzen? Ich fragte es mich auch. "Frag mich noch etwas." Sabrina war aufgeregt wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum, die Lippen waren leicht geöffnet, die grünen Augen glänzten vor Begeisterung. Ich schmolz erneut dahin wie das Wachs der Kerzen auf dem Couchtisch und blätterte in Sabrinas Buch. "Darling, nimm auch ein Buch." Ich nickte untertänig und holte "Deutsche Geschichte in Kurzform" heraus, um Sabrina mit Fragen nach Kaiser Wilhelm, Willy Brandt und dem Holocaust in Bedrängnis zu bringen, was mir nicht gelang. Ich revidierte langsam meine Meinung - vielleicht war die Bildung, die diese Sendung vermittelte, wirklich ein Lichtblick. Aber... war das wirklich Bildung? Oder doch nicht? Ich war ein wenig verwirrt, knabberte am zweiten Lachshäppchen und ließ mir von Sabrina Sherry nachfüllen. "Sabrina..." Ich seufzte und holte tief Luft, wandte meinen Blick - so schwer es mir fiel - von ihren grünen Augen und setzte zu einer Frage an. "Sabrina, findest Du es eigentlich in Ordnung, wenn jemand den Holocaust leugnet?" Sabrina sah mich einen Moment lang verwundert an, dann legte sie die Stirn vorsichtig in feine Fältchen und überlegte konzentriert. "Ja, ich weiß nicht." sagte sie langsam, und ich war überrascht, dass sie sich scheinbar doch mit diesem Thema bereits auseinander gesetzt hatte, schien sie doch sorgfältig ihre Argumente abzuwägen. "Darling," sie seufzte und nahm vorsichtig einen Schluck Sherry, "ich muss mich wohl ganz furchtbar geschlagen geben. Denn ich weiß beim besten Willen keine Antwort darauf... wann sagst Du, war diese Frage und wie waren die Auswahlmöglichkeiten?" |