Märchen

Es war der Tag nach Weihnachten und fast alle lagen noch erschöpft, vollgefressen oder betrunken von Glühwein, Single Malt oder Sekt in den Betten, als Diane nach draußen in den schmutzig-grauen Schnee trat. Vom Himmel kam weißer Schnee in dicken Flocken herunter und Dianas Steppjäckchen war schnell davon übersät, so dass sie aussah wie ein Michellin-Männchen. Diana rieb sich ihr Ohr, sie war allergisch gegen den Chip und hinter dem Ohr bildete sich mittlerweile eine Wucherung, die in Form und Farbe einem Brokkoli ähnelte.

Diane nahm die Zeitungen an sich und begann sie zu verteilen, während rund um sie herum die Weihnachtsdrohnen herumflogen und die Verkehrssicherheitsgeräte im Takt von Stille Nacht ein Auto nach dem anderen fotografierten. "Stihile Nacht... sssssst.... Heilige Nacht.... sssssst..."

Eine Schutzstaffel kam vorbei und Diane hielt ihr Ohr in Richtung des tragbaren Scanners. "ssssssst... Danke für die Überprüfung Ihrer Personalien, Diane20031227164" schnarrte der Scanner und fügte ein "Bitte weiterhin auf das Gewicht achten, Diane20031227164" hinzu.

Diane nickte und verteilte weiter ihre Zeitungen.

Als sie die letzte Zeitung in einen der "Post Receiving Agents" eingeführt hatte, der nicht nur den Inhalt kontrollierte (man wusste ja nie - immerhin gab es schon mal Untergrundler, die gefälschte Zeitungen in Umlauf brachten) sondern auch die Fingerabdrücke darauf, gähnte sie und machte sich auf den Heimweg als plötzlich die Luft um sie herum zu knistern begann. Zuerst dachte Diane, dass hier gerade ein Testversuch für eine neue-nichttödliche Waffe begann, aber solche Tests wurden ja eher in den Elendsvierteln durchgeführt, es war also unwahrscheinlich, dass man hier einen begann. Die Luft knisterte weiter und schien sich elektrisch aufzuladen, Funken zu sprühen. Diane bekam Angst, doch so plötzlich wie es begonnen hatte, endete es auch. Aber etwas war geschehen: die Straßen waren menschenleer, keine Schutzstaffel, keine Drohnen, nichts.

Diane stand da, mit hängenden Armen und offenem Mund. "Hallo." sagte eine Stimme neben ihr. Diane drehte sich um und blickte in die blauen Augen einer Frau, die trotz der Kälte nur ein dünnes weißes Kleid trug.

"Es ist Weihnachten." sagte die Frau. "Und weil Du ein liebes Mädchen warst, darfst Du Dir etwas wünschen."

"Es ist nicht mehr Weihnachten." meinte Diane ärgerlich.

"Stimmt. Ehrlich gessagt, ist meine Uhr stehengeblieben und gestern hatte ich einen ziemlichen Kater." sagte die Fee und zuckte die Schultern. "Aber ist doch egal - jedenfalls darfst Du Dir was wünschen."

Diane seufzte. "Dann wünsche ich mir, dass ich wo lebe, wo es immer warm ist."

Die Fee nickte und schwang ihren Zauberstab. "Eigentlich ist der nicht nötig, macht sich aber besser wegen des melodramatischen Effektes." gab sie zu. "Ist übrigens nur Eigenbau, aus ein paar Joysticks und dem "ewigen Blinker" gebaut."

Diane sah sich um. "Wo bin ich denn hier?"

Eine Drohne mit einem Hularöckchen flog an ihr vorbei. "Hawaii."

"Oh."

Diane überlegte. Irgendwie gefiel ihr Hawaii doch nicht so gut. Bis auf die Ausstattung der Drohnen gab es nicht viel Unterschiede. Der gesamte Strand wurde von Drohnen überwacht, die "Baden verboten"-Ecken waren mit "Friendly Fire"-Geräten ausgestattet und durch das Klonen sahen viele hier nicht einmal mehr anders aus als die Leute in Poitzen, Augsburg oder Stuttgart oder sonst irgendwo in der Allianz.

"Ich möchte wieder zurück." sagte sie deshalb und die Fee nickte wieder, schwang den Eigenbau-Zauberstaub (blink) und sie waren wieder zurück, wo sie begonnen hatten. "Und was wünscht Du Dir jetzt noch? Es ist Dein letzter Wunsch."

"Ist ja ein Wunder, dass es heutzutage noch drei Wünsche gibt, hätte gedacht, da wird auch rationalisiert." meinte Diane und überlegte weiter.

"Gefällt es Dir denn, wie es jetzt in der Allianz ist?" fragte die Fee. "Mit den Drohnen, den Kameras und all dem?"

"Na ja... nicht so ganz. Aber ich bin erst 2003 geboren, ich kenn das nicht viel anders. Und die Drohnen sind ja ganz niedlich."

"Hmm..."

Diane seufzte. "Ich hab mal was gelesen." überlegte sie laut. "Von Demokratie oder so. Das war in dem Bericht über die drei dümmsten Staatsformen der Welt, den das Ministerium für alleinige Wahrheit herausbrachte." Sie lächelte. "Da hieß es, dass das Volk entscheiden durfte, ob es manche Sachen wollte oder nicht. Ich wünsche mir, dass in 2004 das Volk entscheiden durfte, ob es die Zukunft so will wie sie jetzt ist."

Die Fee nickte, schwang den Zauberstab (blink), gab Diane noch ein Geburtstagspäckchen und verschwand.

Diane sah sich um. Die blöde Fee schien es nicht hinbekommen zu haben, denn eigentlich war nichts anders. Die Drohnen sausten herum, die Kameras surrten und die Staffel marschierte. Aber als sie die riesige Werbung auf dem Allianz Trade Center sah, da lächelte Diane. Doch - etwas hatte sich geändert. Denn die Werbung kündigte an, dass jetzt jeder die Fußballübertragungen sehen dürfen würde und dass die Bundesligahalbfinale sowie das Finale nun an Tagen gesendet wurden, die Nationalfeiertag waren. Diane sah, dass die Drohnen zwar Weihnachtsdronen waren, aber dass die an eine Möhre erinnernde Scanner-Nase nun etwas orangener getönt war als vorher. Diane war glücklich - Demokratie war schon klasse.