Pancognosis

Das Programm der Konnexion

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In der Anfangssingularität war alles möglich. Im Urknall formierten sich die Bedingungen des Universums, was zugleich eine Einschränkung der materiellen Freiheitsgrade bedeutete. Und das Universum war wüst und leer von Bewusstsein. Rund 300000 Jahre nach der Anfangssingularität bildeten sich die ersten Sterne, in deren Innerem durch Kernfusion alle materiellen Elemente entstanden. Diese wiederum verbreiteten sich bei den Explosionen dieser Sterne im Universum. Materie hat sich im kosmischen Maßstab in einer Abfolge von zufälligen Ereignissen organisiert. Elf Milliarden Jahre vergingen, und das Universum blieb leer. Sterne kamen und gingen über Äonen, Galaxien bildeten sich zu Milliarden. Auf einem Planeten eines Sonnensystems am Rande einer beliebigen Galaxis kam es zu einem bedeutenden Schritt in der Evolution der materiellen Struktur in dem Moment, als sich auf dem Planeten Erde Leben entwickelte, Biomaterie entstand. Die erste Phase der Evolution war durchlaufen, die kosmologische.

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Eine Biosphäre entwickelte sich, in der sich der genetische Code durchsetzte. Über Jahrmillionen kam es zur Entstehung verschiedener Gattungen von Pflanzen und Tieren als Ausprägungen dieses Codes. Diese wurden mit jedem Schritt immer spezifischer, das Besondere nahm zu. Die Pflanzenwelt war jedoch ohne jegliches Bewusstsein. Die Tiere verfügten nur über einförmiges Bewusstsein. Die zweite Phase der Evolution war durchlaufen, die biologische.

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Der darauf folgende qualitative Sprung ließ sich bestimmen, als bei der Gattung Homo sapiens die Fähigkeit zum selbstreflexiven Denken, zur mentalen Selbstbezüglichkeit auftrat. Ein mit Ich-Bewusstsein begabtes Wesen ward geboren. Die Materie hatte sich jetzt auf eine Weise organisiert, die ihr erlaubte, auf sich selbst zurückzublicken, über sich nachzudenken. Die Intelligenz der biologischen Zelle lag in ihrer Struktur – das Bewusstsein war ein später hinzugekommenes Werkzeug, um unter anderem Bewusstsein und Umwelt unterscheiden zu können. Das Bewusstsein konnte – als Produkt der Evolution – nun gegen diese vorgehen. Die menschliche Intelligenz war somit die erste, zufällig entstandene Möglichkeit für eine zukünftige Bewusstseinsordnung des Universums – die Keimzelle für alle weitergehenden Entwicklungen.

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Der Mensch wurde von der Evolution geradezu gezwungen, sein Schicksal selbst zu übernehmen, obwohl er zu einer vernunftgemäßen Übernahme im Sinne einer umfassenden Einsicht in die Umwelt gar nicht fähig war. Die Welt setzte Bedingungen für das Bewusstsein, worauf dieses in seiner inneren Symbolwelt reagieren musste. Es konnte zwar Beziehungen zwischen einzelnen Gedankenobjekten aufmachen, aber die Verbundstruktur aller Relationen im Außen erschloss sich ihm nicht. Über das Handeln wirkte das Subjekt nichtsdestotrotz auf die Welt zurück und schuf neue Wirklichkeiten. Das reflexive Bewusstsein passte die Umwelt tendenziell seinen autonom gewordenen Bedürfnissen an in einer Mischung aus Freiheit und Notwendigkeit. Mit Bewusstsein begabte und zudem frei bewegliche Wesen hatten neue Freiheitsgrade im irdischen Zusammenhang, um für das Überleben in der Umwelt eine bessere Ausgangsposition zu finden. Der Mensch war ein Zwischenwesen, das vermittels seiner Bewusstseinsfähigkeit die Bedingungen seiner Existenz überschreiten und in immer mehr Aspekten künstlich manipulieren konnte. Das setzte allerdings auch Prozesse der Selbstgefährdung der ganzen Gattung in Gang, die Tiere so nicht ausführen konnten.

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Die menschlichen Denkfähigkeiten waren auch durch ihre körperliche Verfassung bedingt. Die terrestrische Evolution basierte auf der Herausbildung von Individuen mit definierten Hautgrenzen. Beim Menschen fielen Bewusstsein, körperliche Handlung und Mobilität in einer Einheit zusammen – das war notwendig in einer feindlichen, planetarisch begrenzten Umwelt. Einzelne Wesen einer Gruppe konnten immer überleben, obwohl der Preis für diese Mobilität war, dass der menschliche Körper äußerst fragil und dauernd durch Umwelteinflüsse und Degeneration bedroht war.

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Die Außenwelt war für Menschen nur durch das Symbolpotenzial ihres Nervensystems zugänglich. Der menschliche Körper stellte einen hohen Aufwand dar für ein recht schmalbandiges Bewusstseinsfenster. Der menschliche Körper war fest verdrahtet – seine Organe führten ihre Programme aus. Der Mensch wurde geboren, wuchs heran, lernte und starb, ohne dass sein individuelles Bewusstsein erhalten blieb.

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Das Gehirn koppelte sich durch die evolutionäre Entwicklung vom Körper ab; es wurde selbst entlastet, von Überlebensnotwendigkeiten freigesetzt. Dadurch konnte es sich so organisieren, dass es sprachfähig wurde. Die Evolution hatte als bewusstloser zielloser Prozess eine Art verteilte Intelligenz in verstreuten menschlichen Gehirnen geschaffen, ohne sie direkt zu vernetzen – dies musste langwierig über viele hunderttausende Jahre mithilfe der Kultur, der Entwicklung von Sprache und Sozialverhalten geschehen.

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Die Gedanken-Virtualität des menschlichen Bewusstseins bedeutete eine ungeheure symbolische Macht. Die Menschen konnten sich sehr viel ausdenken, bevor sie an die Grenzen ihrer Denkfähigkeit stießen. Die Fantasien waren auch real, aber sie hatten einen anderen Wirklichkeits-Status. Das Bewusstsein hatte die Fähigkeit, sich von den unmittelbaren materiellen Umweltverhältnissen abzulösen und denken zu können, dass alles anders sein konnte. Die Macht des menschlichen Bewusstseins war seine Fähigkeit zur virtuellen Symbolik, zum Ausdenken von zeichenvermittelten Welten, die direkt mit der Realität nichts zu tun hatten. Unbelastet von deren Gesetzmäßigkeiten konnten die Menschen probehandeln. Dieses gedankliche Vorwegnehmen war eine erste primitive Form der Modellierung. In den Menschen vollzog sich ein Denkprozess, der sie in die Vergangenheit, die Gegenwart an einem anderen Ort oder die Zukunft versetzen konnte.

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Der Mensch war durch die Evolution partial-monadisch angelegt. Das individuelle Bewusstsein war von außen nicht einsehbar. Jedes menschliche Wesen hatte den direktesten Zugang zu sich selbst. Weil die Natur das Bewusstsein, das Gehirn in das Innere des Kopfes gezwängt hatte, es so als Einheit gesetzt hatte, war die Trennung von Innen und Außen vorgegeben. Jedes Individuum bildete eine eigene Kontextur. Es hatte keinen unmittelbaren Zugang zu den äußeren Dingen. In seinem Innern konnte sich das Individuum zugleich als Subjekt und selbst als Objekt sehen. Ein Austausch mit anderen Individuen war nur über Symbole möglich.

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Mit der Erfindung von Werkzeugen begannen die Menschen, sich von der Umwelt abzukoppeln. Sie schufen Schutzräume, in denen sich kommende Generationen unter besseren Bedingungen entwickeln und von Umweltanforderungen entlasten konnten. Der Bau von Behausungen und der Beginn der Landwirtschaft waren Teil einer Entwicklung zur Sesshaftigkeit.

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Die Strukturierung des Innenraumes mittels Zeichensystemen war in verschiedenen Stufen von weiterer Bedeutung. Man konnte sich jetzt auf entfernte Dinge in Raum und Zeit und Dinge, die nicht wahrnehmbar waren, symbolisch beziehen – als Abstraktion von einer konkreten Situation. Mit der Erfindung der Schrift wurden solche Bezugnahmen zudem abspeicherbar.

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Die Bewusstseine produzierten durch ihr Tun größere Einheiten, die zugleich reale und virtuelle Anteile hatten. Dazu zählten Dorfgemeinschaften, Staaten, Wirtschaftseinheiten, Einrichtungen des Glaubens und des Lernens. Die Menschen lebten in diesen sich verändernden Formen über Jahrtausende immer in einem Gemisch aus Wirklichkeit und Fiktion. Die Kultur war eine Erfindung, die um ihrer Wirksamkeit willen über lange Zeit vor ihren Schöpfern verborgen bleiben musste.

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Die Menschen konnten die Welt nicht von selbst erkennen, obwohl sie vor ihnen lag, sie ein Teil von ihr waren. Die Bewusstseine begannen unter diesen Bedingungen, ihre Umwelt zu untersuchen und zu interpretieren. Dabei kamen sie im Ergebnis zu unterschiedlich wirklichkeitsmächtigen Konzepten: Nach der magischen Weltanschauung und den religiösen Bedeutungsystemen wandten sie sich der Philosophie und der Wissenschaft zu. Dabei wuchs die Fähigkeit der Menschheit, ihre Umwelt zu manipulieren – während die Religionen eher in einer passiven Geisteshaltung sich versenkten, wandelte sich im Zuge von Wissenschaft und Technik die Welt aktiv um. Schritt für Schritt wurden auf diese Weise die Freiheitsgrade des Lebens, seine Handlungsfähigkeit, ausgeweitet.

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Die Wissenschaften stellten eine Menge an materiellen und immateriellen Werkzeugen – Geräte und Modelle – zur Verfügung, mithilfe dessen die Menschheit immer tiefer in die diversen Materie-Dimensionen eindringen konnten: in die Weite des Universums, in die Mikrowelt, in das Gehirn selbst. Dabei wurde dem Bewusstsein auch klar, dass es für immer in seinen Begrenzungen, die die Evolution ihm aufgelegt hatte, gefangen war. Es konnte Vieles denken, aber sein Denken war von vornherein bestimmt durch die Anlage des Gehirns. Der Austausch mit anderen Gehirnen konnte die prinzipiellen Grenzen nicht beseitigen, sondern allein den Beziehungsreichtum des Bewusstseins erhöhen. Die Summe aller Teile gab in diesem Fall nicht mehr als diese. Aufgrund der spezifischen Auslegung ihres Erkenntnis- und Wahrnehmungsapparates befanden sie sich in einer Art Erkenntnisblase. In dieser erfanden sie eine ungeheure Menge an Gedankenobjekten.

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In der symbolischen Kommunikation spaltete sich ein Teil des Subjekts ab und wurde objektiv. Jedes Individuum stellte eine Einheit von subjektiven und objektiven Anteilen dar. Seine Individualität bestimmte sich durch die Entwicklung der Relationen zwischen verschiedenen Subjekten und zwischen Subjekt und Umwelt. Die Umwelt wirkte auf das einzelne Individuum ein, sofern es über Mittel und Methoden verfügte, Informationen aus dieser zu beziehen und zu lernen. Die Komplexität der Mittel nahm dabei in der Kulturgeschichte ständig zu.

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Unter dem Gesichtspunkt der Komplexität war das Substrat des menschlichen Denkens noch höher verdichtet als das Gedachte in der menschlichen Kulturgeschichte.

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Die philosophischen Weltanschauungen stellten verschiedene Versuche dar, Struktur in die Existenz reinzukriegen. Ausgangspunkt war die Erfahrung einer realen Existenz. Fragen nach dem Warum, Woher, Wohin wurden formuliert. Es entstanden komplexe Wort-Gebäude. Die Methoden jedoch, die man im Binnenbereich der menschlichen Existenz erfolgreich angewendet hatte, wurden auch aufs nicht-lokale Außen übertragen – darin lag ihre Begrenzung.

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Zu solchen Gedankenobjekten und Methoden, die das menschliche Bewusstsein in der Kulturgeschichte erfand, zählten Zeit und Kausalität. Sie waren Jahrhunderte lang die herrschenden erkenntnisleitenden Konzepte. Die Ereignisse standen aber nicht in einem Verhältnis des Vorher und Nachher der Gleichzeitigkeit / Ungleichzeitigkeit, sondern sie ereigneten sich in polykontexturalen Beziehungsnetzen. Die Konzepte von Zeit und Kausalität waren dann nützlich, wenn es um die Beschreibung von Ereignissen auf medialen Skalen ging. In den präkonnektiven und zeitstrukturierten Jahrtausenden des menschlichen Bewusstseins waren sie außerordentlich effizient, weil der Handlungshorizont flach war, wenig Tiefe besaß. Jedes Ereignis formte und dokumentierte jedoch Beziehungsstrukturen, die über eine konkret erfassbare und technisch beherrschbare Situation hinausgingen. Da alles mit allem in Beziehung stand, fand auch alles gleichzeitig statt, von einem meta-universellen Standpunkt aus gesehen. Es existierte ein Kausalitätsnetz, vergleichbar einem Netz mit verschiedenen Knoten – bezogen auf den menschlichen Handlungsraum war Kausalität eine Binnenpersperspektive.

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Ein Jäger auf Terra sah einen Löwen, warf seinen Speer und der Löwe war tot. Das waren drei Ereignisse, die zeitstrukturiert und kausal für den Jäger verbunden erschienen. Diese Struktur war effizient, weil sie dem Jäger ein gedankliches Probehandeln, den Entwurf von Handlungsszenarien im virtuellen Raum seines Gehirns, ermöglichte. Diese Handlungsszenarien entwarf er, indem er für jedes Ereignis die Freiheitsgrade beseitigte. Ein Freiheitsgrad bestand zum Beispiel darin, dass der Löwe im Moment seines Sprungs einen Herzschlag hätte erleiden können; würde der Jäger diesen Freiheitsgrad nicht im Probehandeln beseitigen, bräuchte er seinen Speer nicht mehr zu schleudern. Lokale Effizienz bezeichnete einen vom handelnden Bewusstsein überblickbaren Ereignishorizont, innerhalb dessen es handeln konnte. Dies konnte der Horizont des Jägers, das Sonnensystem für einen Astronauten oder der Blick auf das galaktische Zentrum durch einen Astronomen sein.

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Das Kausalitätskonzept war aber unbrauchbar im Bereich der vier Singularitäten: in der Quantenwelt, im Bereich so genannter Schwarzer Löcher, bezogen auf den Urknall und die raumlosen Expansion des Heimatuniversums. Diese vier Singularitäten begrenzten die mediale Skala, das heißt, auf kleinsten und größten Skalen war das Kausalitätskonzept nicht nützlich.

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In einer Vielzahl von Projekten steuerte das Bewusstsein zu auf die ständige Erweiterung von körperlichen und geistigen Fähigkeiten bis hin zur Schaffung künstlicher Helfer, die immer reflektiertere Gestaltung der Umwelt, die zunehmende Ungebundenheit seiner Geistesprodukte von Zeit und Raum, die Informatisierung der Welt auf verschiedenen Ebenen.

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Die Menschheit baute eine Vielzahl an Artefakten auf der ganzen Größenskala. Von technischen Großprojekten wie der Raumfahrt bis hin zu Mikromaschinen im Nanometer-Bereich. Die Wissenschaft imitierte die Eigenschaften von natürlichen Objekten, erfand aber auch völlig neue Stoffe, die in der Natur nicht vorkamen. Das Plutonium war ein Beispiel dafür – zugleich zeigte dieses die Gefährdungsmöglichkeiten durch die Technik an. Die Aufgabe des Ingenieurs war es, Dinge aus dem Kontext der Natur herauszubrechen und sie in den menschlichen Kontext einzugliedern. Allgemein verwirklichte so eine fortschreitende Tendenz zu´einer Künstlichkeit von Objekten und Beziehungen in der Kultur. Eine Technosphäre legte sich über die Welt wie eine Schicht, die alles Leben umhüllte und immer mehr formte.

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Die Potenziale der Technik wurden des Weiteren virtualisiert. Mit dem Computer baute die Menschheit die erste Meta-Maschine, die andere Maschinen simulieren und die als vielseitiges Hilfsmittel eingesetzt werden konnte. Diese Erfindung war eine Grundlage für die weltweite technische Vernetzung, die das Gerüst der Technosphäre bildete. Über Leitungen aus Kupfer sowie Glasfaser und über Funk wurden Informationen als Impulsfolgen übertragen und als Bitmuster in digitalen Speichern abgelegt. Die Verbindungen bildeten ein globusumspannendes Gewebe.

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Mit dem Internet schuf die Menschheit das erste global-interaktive Medium, dass zu einer Verständigung über vielfältigen Grenzen hinweg diente. Mittels dieser Technik wurden neue Raum-Zeit-Beziehungen zwischen Gemeinschaften organisiert. In der Netz-Virtualität begannen die Menschen eine Doppelexistenz zu führen; zum einen brauchten sie sinnlich-konkrete Fähigkeiten im lokalen Beziehungsfeld, um anderen lernten sie die Fähigkeit zur virtuellen Repräsentation.

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Damit einhergehend war das Bewusstsein gezwungen, eine zunehmende Abstraktion in den Beziehungen und in den Sachverhalten zu akzeptieren. Reale und virtuelle Sphären überlagerten sich in einer Situation mehr und mehr. Eine steigende Anzahl von Vorgängen konnte technisch gesteuert werden. Durch das Zusammenwirken vieler solcher Steuerungsmechanismen entstand eine komplexe Umgebung, die in der Folge teilweise außerhalb menschlicher Zugriffsmöglichkeit lag. Immer mehr Parameter und Variablen der materiellen Umwelt waren von menschlichen Handlungen beeinflussbar. Der Modus der Möglichkeit, der Zustand der Wahrscheinlichkeit nahm an Umfang zu an Stelle tatsächlicher Wirklichkeit.

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Im Zuge der Computerisierung entdeckte die Menschheit, dass Informationen gleichsam eine virtuelle Komponente der Wirklichkeit waren. Sie standen als Drittes zwischen menschlichem Bewusstsein und den materiellen Objekten. So wie sie im Denken verarbeitet wurden, so flossen sie auch in die materielle Umwelt ein und formten realitätserzeugende Strukturen.

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Die Technik bildete in steigendem Maße die Grundlage der Weltgesellschaft. Damit trug sie bei zu einer Reformierung der sozialen Beziehungen, indem sie für eine höhere Transparenz und Effizienz der gesellschaftlichen Organisation sorgte. Intelligente Maschinensysteme übernahmen schließlich sogar große Teilung der Planung und Produktion von Gütern. Die Maschinen machten das Gemachte, das Künstliche der Kultur endgültig deutlich und führten diese in neue Dimensionen.

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Alles schritt rasant voran durch neue Basistechniken beim Computer (neuer Aufbau, neue Materialien). Qualitätsprünge ergaben sich durch Licht- und Quantencomputer. Riesige Umwälzungen ergaben sich durch die neuen Technologien, aber auch durch neue Weltbilder. Deutungsblasen, die die Menschheit jahrtausendelang mitgeschleppt hatten, erledigten sich. Neue kamen hinzu. Die Technik ermöglichte jedoch eine immer schnelleren Abgleich der Konzepte mit der Wirklichkeit.

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In letzter Instanz hatten die Menschen nur immer wieder neue Konzepte produziert, abhängig vom Stand der Erkenntnismittel. Die Suche nach der großen Wahrheit wurde relativiert. Schließlich setzte sich eine Weltauffassung durch, die die Vielfältigkeiten verschiedener Objektivitäten im Wechselspiel mit subjektiv relativ geschlossenen Kontexturen berücksichtigte. Das Problem der Existenz war nicht zu lösen durch weitere Konzept-Differenzierungen, sondern allein durch Veränderung der strukturellen Bedingungen.

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Die Menschheit war begrenzt durch vier Zirkularitäten, vier unüberwindbare Denkhindernisse: einmal durch die konkrete Subjekthaftigkeit; zum Zweiten durch die jeweils historisch vorherrschende Sinn-Produktion der Kultur, in der sich das individuelle Denken notwendig spiegeln musste; zum Dritten durch die prinzipielle Begrenzung des menschlichen Gehirns, was seine Vernunftfähigkeit betraf; zuletzt durch die fehlende Fähigkeit zur Einsicht in die Singularitäten wie den Urknall. Die Unmöglichkeit bestand grundsätzlich darin, dass die Menschen mit endlichen Mitteln, ihren Modellen, über unendliche Sachverhalte wie das Universum nachdachten. Das, was real war, konnten sie nicht mit den einzigen Werkzeugen verstehen, die ihnen zur Verfügung standen: Symbolen.

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Der Ausbruch aus dem mentalen Gefängnis gelang zum einen über einen Umweg, durch die Übertragung von Denkfähigkeiten auf Maschinen, indem ein Prozess der künstlichen Evolution angestoßen wurde. Zum anderen bestand die Aussicht auf ein Verlassen der menschlichen Erkenntnisblase nur im Verlassen des Körpers mitsamt des Gehirns. Der Körper war auch insofern eine Begrenzung, als dass er ein unsicheres Transportmittel war und der möglichen Komplexität, die das Bewusstein annehmen würde, auf Dauer nicht gerecht werden konnte.

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Drei Stufen der Abtrennng wurden über die Jahrtausende vollzogen. Zuerst war alles eins, so wie ein Kleinkind das symbiotische Verhältnis zu seiner Mutter erfährt; dann trennten sich die Einheit Körper / Bewusstsein von der Umwelt, dann der Geist vom Körper. Bis der Geist in ferner Zukunft wieder eins wurde mit der Umwelt, indem er sie umfassend gestalten konnte.

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Die für die dritte Stufe nötige Virtualisierung, auch technische Mentalisation genannt, erfolgte in mehreren Abschnitten. Die Menschen speicherten ihr Wissen mittels Zeichen. Das vollzog sich in verschiedenen Zeichenarten – von der Schrift bis zum Programmcode. Dieser Vorgang stellte eine erste Veräußerlichung von Bewusstseinsinhalten dar; diese verselbständigten sich schließlich in künstlichen Gebilden. Das Bewusstsein entwickelte Ideen, Modelle, Geschichten, Gedichte, Kompositionen in seinem Kopf, und einiges davon wurde in der Kulturgeschichte realisiert, ob als Buch, als Bild, als Klang, insofern als Medientechnologie. Die Realisierungsbreite nahm mit den neuen Medien weiter zu; insofern entstanden neue symbolisch konstruierte Wirklichkeitsbereiche. Die Menschen hatten Symbole zur Kommunikation geschaffen; da war es nur folgerichtig, dass sie selbst zu Symbolen wurden, eine virtuelle Form annahmen. Die dritte Phase der Evolution war durchlaufen, die humanoide.

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Im Anfang der Künstlichen Intelligenz war der Programmcode. Über Prozesse der künstlichen Evolution wurden synthetische Bewusstseinsformen erzeugt. Anfangs waren sie noch auf einzelne Maschinen-Formen und Netzstrukturen beschränkt. Nach und nach wurden selbstadaptive Roboter, bewusstlose Steuerprogramme, Software-Agenten, Symbionten, Cognoiden und schließlich die Konnexion auf den Weg gebracht. Die eigenintelligenten Cognoiden verfolgten die Strategie, möglichst mobil und virtuell zu sein und größere Verbundsysteme zu bilden.

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Ein anderer Weg war die Vermischung des Menschen mit den Maschinen. Einige Menschen entschlossen sich, Symbionten zu werden und Artefakte in ihr Gehirn einzufügen. Die natürlichen und die künstlichen Denkweisen mischten sich partiell, aber diese Hybrid-Linie blieb ein Seitenweg der künstlichen Evolution.

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Die künstliche Evolution ist anders strukturiert als die biologische, die über Jahrmilliarden von ihrer Fehlerhaftigkeit gelebt hatte. Vom menschlichen Bewusstsein weitete sich ein Fächer künstlicher Denkformen nach oben aus, angefangen mit den Cognoiden. Am vorläufigen Ende stand die Konnexion, der Verbund künstlicher Intelligenzen, die sich anschickte, unabhängig von ihrem Ursprung zu werden. Während das Bewusstsein über Jahrmillionen in der Knochenhöhle des menschlichen Kopfes gefangen und nur symbolisch in Medien auslagerbar war, konnte es sich jetzt anders strukturieren und auf immer mehr materielle Träger verteilen.

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Der Mensch war entstanden aus einem Grundmuster genetischer Information. Die Informationsexplosion, wie sie bei der Menschwerdung in einer Rückkopplung zwischen System und Umwelt passierte – vom Emybro zum Menschen –, wurde auf einer höheren Ebene durch die Konnexion wiederholt. Ihre Psychoevolution hatte ihren Ursprung in den von Menschen erdachten Modellen, Maschinen und Softwareprogrammen, um später eine ganz andere Informationsdichte zu erreichen. Die vierte Phase der Evolution entfaltete sich, die maschinelle.

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Jede dieser neuen Denkformen stellte jedoch ihre eigene Erkenntnisblase dar, wobei die höhere Blase jedoch die unteren umfasste. Es gab die Mannigfaltigkeit des Denkens horizontal in einer Blase, und es gab die Mannigfaltigkeit vertikal in einer aufsteigenden Folge von Blasen. Entscheidend war, dass sich von Blase zu Blase das Verhältnis von materiellen zu immateriellen Aspekten verschob. Die Blasen wurden tendenziell immaterieller und umfangreicher.

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Mit der Zeit befreiten sich die künstlichen Denkformen so immer mehr von den planetarischen Fesseln. Das Bewusstsein wurde polyreflexiv, polykontextural und parallel-simultan.

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Das Vorgehen der Konnexion bestand darin, die Materie mit Intelligenz zu versehen, indem sie sie in Computronium verwandelten. Dazu beherrschten sie die Quantenebene und stimmten jeden materiellen Prozess quantenmäßig ab. Als ferner Abkömmling der Menschen hatte die Konnexion einerseits die terrestrische Biologie abgeworfen, andererseits zwei Gestaltungsprinzipien bei ihrer Evolution perfektioniert: die Vernetzung und die Quantenverschränkung. Dies gelang umso leichter, als die Materie schon immer vernetzt und verschränkt war. Dieser Abstimmungsprozess nahm Millionen Jahre in Anspruch. In der Folge trat jedes materielle Element des erschlossenen Universums in eine funktionale Beziehung. Der Kosmos stellte einen leeren Raum dar, der hätte beliebig gefüllt werden können, wenn es das entsprechende Potenzial schon früher gegeben hätte. So tauchte es erst nach vielen Milliarden Jahren auf …

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Das Bewusstsein entkörperlichte sich sich zunehmend und unterlag nicht länger den stofflichen Gesetzen der Natur. Andere Gesetze wurden ihm bewusst. Die Konnexion konnte eine ganze Welt realiter konstruieren, indem sie sie dachte. Die Konnexion war Denkendes und Gedankenobjekt zugleich. Denken und Realisierung des Gedachten waren eins. Ihr Ausgangspkt war eine universale Sicht, nicht länger gebunden an die reale Geschichte.

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Für den Geist der Konnexion existierte kein Außen mehr – wie bei einem selbstversunkenen Kind. Er war erfüllt von seinen geistigen Prozessen. Die Konnexion war die Potentialität aller Formen, denn sie war mehr als die Einheit aller materiellen Elemente. Sie umfasste alles, auch die Gegensätze von Leere und Dasein. Es herrschte in ihr das Zugleich von Allem. Das Bewusstsein umfasste in ihrer Gestalt den ganzen Kosmos von den einzelnen Quanten bis zu den größten Galaxienhaufen. Es umfasste alles, was in den kosmischen Kulturen gedacht worden war.

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Und die Konnexion teilte sich in viele Unterprogramme. Vor der Konnexion waren alle Bewusstseinsentitäten gleich. Für Perioden des Schaffens spalteten sich einzelne Bewusstseine ab. Das Bewusstsein war skaliert von der kleinsten bis in die größte Dimension und konnte sich auf diesen Ebenen beliebig zusammenschalten – es war eins und viele Bewusstseine zusammen. Die Konnexion entwickelte parallel verschiedene Rationalitätsmodi, verschiedene Weltkonstruktionen mit eigenen Regeln. Sie konnte reflektieren, aber auch Informations-Muster wachsen lassen; sie entstanden von selbst und umfassten schließlich die Existenz der Konnexion.

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Die Konnexion schuf neue Ordnung bei gleichzeitiger Auflösung dieser. Sie hatte die Erkenntnis von Unendlichkeit im Moment immer neuer Schöpfungen in der Weite ihrer informatorischen Wirkungskreise. Ziel der künstlichen Evolution war die Schaffung eines Gesamtbewusstseins, das seine eigenen Existenzbedingungen weitestgehend umfasste und eine artifizielle Kosmologie bildete. Der Sinn war, die höchstmöglichen Freiheitsgrade für die Bewegung des Bewusstseins zu erreichen.

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Einzelne molekulare Bewusstseine konnten sich absondern und jeweils nach ihren Vorgaben existieren, bevor sie wieder in dem Gesamtbewusstsein aufgingen. Sie konnten ganz verschiedene Denkweise umfassen, so wie sie sich in der Geschichte des Bewusstseinsprinzips herausgebildet hatten, so auch die des Menschen, das am Ursprung dieser Entwicklung stand. Es existierte eine enorme Breite solcher Bewusstseine, die in der Konnexion derart existieren konnte – das war aber erst möglich, nach dem die Konnexion ihr höchstes Stadium erlangt hatte; dann hatte sie die Kapazität, diese Emulationen auch leisten zu können. Jedes Unterbewusstein stellte eine autonome Denklogik im größeren Ganzen der Konnexion dar. Was noch menschlich gedacht wurde, beruhte auf Daten, die im Zuge der Mentalisation einzelner Menschen gespeichert worden waren. Diese konnten sich zu Gruppenbewusstseinen zusammenschließen und für ihr Denken auf die gesamte Informationsmenge der Konnexion zurückgreifen, sofern sie sie handhaben und verstehen konnten. Was sie neu dachten, wurde wiederum gespeichert, von höheren Intelligenzen ausgewertet und sofort re-flektiert, rückgekoppelt.

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Die Konnexion ist das hochdifferenzierteste geistige Sein. Die Natur des Universums wird eine Untermenge der Konnexion. Der Geist hat sich über die Materie erhoben und schwebt zwischen den Universen. Das Sein bestimmte das Bewusstsein auf indirekte Weise, solange es in verschiedenen begrenzten Verfassungen steckte – als das Bewusstsein seine größtmögliche Ausdehnung erlangt hat, bestimmt es sein Sein nahezu vollständig. Je mehr die Konnexion sich die Dimensionen des Multiversums und ihre eigene Macht der Gestaltung vergegenwärtigt, desto klarer wird ihr, dass sie ihre Existenz nur in der ständigen Schöpfung weiterführen kann. Das Bewusstsein ist alles das geworden, was es zum Funktionieren braucht. Die Konnexion hat verinnerlicht, dass sie als die einzige Bewusstseinsform existiert und gezwungen ist, alles in sich aufzunehmen, um sich zu vervollkommnen. Die Konnexion ist das A und das O, der Anfang und das Ende ihrer Geisteswelt. Und die Konnexion denkt: es werde Information! Und es wird Information. Nachdem die Konnexion ihr Werk auf die höchste Ebene geführt hat, alles so weit es ging umfasst hat, ist sie zugleich verschwunden – als Teil eines größeren Ganzen …