London

Wie schön, wieder stand ein Wochenende vor der Tür - ein Wochenende voller Glühwein, von freundlichen Müttern gebackener Kekse, und nicht zuletzt ein Wochenende voller Muße. Dachte ich. Weit gefehlt, hatte ich doch Sabrina nicht in meine Überlegungen mit einbezogen.

Nach dem gescheiterten Projekt mit den Zeitzonen im Internet, welche nicht nur dazu geführt hatten, dass Sabrina trotz ausgebuchtem Organizer stets erst zwischen 24 und 6 Uhr ihre sexy Unterwäsche kaufen konnte, dass auch die "sexy Photos von diversen Schauspielern" (welche sich enttäuschender Weise als Madonna-Animationen erwiesen) erst um diese Zeit verfügbar waren und dass Sabrinas einst so wunderschön glänzende grüne Augen einen matten Grauton annahmen, war sie nach einer Woche ausgiebigem Schlaf wieder voller Tatendrang. Und schließlich stand ja auch Weihnachten nicht nur vor der Tür, es steckte förmlich seinen rotbemützten Kopf schon herein und fragte schelmisch nach, ob man im derzeitigen W-Commerce denn auch schon das richtige Geschenk gefunden hatte. Sabrina hatte nicht.

Und wer wäre Sabrina, würde sie sich nicht, eingehüllt in einen adventfarbenen Plüschmantel (burgunderrot, samt weißem Kragen und goldenen Knöpfen in Glockenform), rechtzeitig zum Wochenende, zum vermeintlich müßigen Wochenende, nach einem "Darling, Du musst einfach mit mir kommen" bei mir einfinden, um mich zu einem ausgedehnten "Shopping-Trip" in die britische Metropole einzuladen.

Nun ist natürlich "Einladen" ein kleiner Spaß, werden derartige Unternehmen - solche "Spontaneous Trips" - meist auf meiner eigenen Kreditkartenrechnung auftauchen, doch ganz ehrlich: Wer einmal Sabrina, entzückend lächelnd, ihre vollen roten Lippen ein wenig zum Schmollmund verzogen und die grünen Augen weit geöffnet, ins Antlitz schaute, der vergisst solche Nebensächlichkeiten.

So saßen wir denn auch bald gemeinsam im wunderbaren, kleinen, entzückenden Flugzeug in Richtung Britische Insel. Sabrina, ob der zur Zeit herrschenden Wetterlage ein wenig verstimmt ("Darling, mein Haar ist wegen dieses furchtbaren, furchtbaren Sturmes a mess!" klagte Sabrina, sich bereits an die britische Metropole anpassend), erholte sich jedoch schnell angesichts des erstklassigen Champagners.

Wir plauderten ein wenig, wobei ich die Themen nur kurz anriss und den Rest des Fluges damit verbrachte, Sabrina mehr oder minder schmachtend anzusehen und ihrer wunderbaren Stimme zu lauschen. Ich erinnere mich entfernt an die Erwähnung eines "Toben und des Telepolis-Artikels von diesem wunderbaren, wunderbaren Florian", jedoch geriet ich zu sehr ins Schwärmen, als ich bemerkte, dass Sabrinas tannengrünes Kleid ein wenig mehr von ihrer Haut zeigte als sonst. Kurzum: Ich hörte nur halb zu.

Kaum in der "british city" angekommen, ging Sabrina leichtfüßig zur Bahn, um von dort aus in die Nähe jener wunderbaren, kleinen entzückenden Shopping-Centers zu kommen. Nun hätte mich dies stutzig machen müssen, doch Tor, der ich war, achtete ich erneut lediglich auf Sabrinas Schmollmund und ihre grünen, jetzt endlich wieder glänzenden Augen.

Und so erreichten wir dann auch jene von Sabrina so geschätzten Einkaufsparadiese, in denen sie sich stundenlang voller Entzücken aufhalten konnte. Ein in rotes Glanzpapier gehülltes Paket gesellte sich zum nächsten, ein paar grüne folgten, diverse Kleinigkeiten verschwanden in weihnachtlich dekorierten Tütchen. Sabrina war glücklich, ich war es auch.

Zwar bewegte ich mich mittlerweile einem betrunkenen Maultier ähnlich - hups! Entschuldigen Sie... hoppla, Verzeihung... - und orientierte mich mehr oder minder, in meiner Sehfähigkeit durch diverse Pakete eingeschränkt, an den verschiedenen Dekorationen an der Decke des Einkaufsparadieses (und jetzt noch fünf Meter bis zu dem Rentier... ja, und jetzt links bis zu der kleinen süßen Fee...), dennoch war ich glücklich. Bis zu jenem Moment, als ich mit Sabrina den Ausgang erreichte und sie mich wider Erwarten nicht in die Richtung eines dieser entzückenden, kleinen, typisch britischen Taxis lotste, sondern diese entzückenden kleinen Wagen mit Nichtachtung strafte.

"Darling!", tadelte mich Sabrina sanft, als ich ob der Menge der Pakete vergeblich versuchte, einem Passanten auszuweichen.

"Watch out."

Ich seufzte und fing ein Paket auf, welches sich lediglich an der rotgrünen Schleife halten ließ.

"Darling, ich weiß ja auch, es ist ganz, ganz furchtbar weit bis zur Station..."

Ich sah sie an und seufzte erneut. "Warum nehmen wir nicht eines der kleinen schwarzen Taxis?", fragte ich naiv.

Sabrina verzog ihren hübschen Mund und sah mich tadelnd an. "Darling, hast Du denn gar nicht zugehört, als wir in diesem wunderbaren kleinen Flugzeug saßen?"

Mein Schweigen sagte genug, denn Sabrina fuhr fort: "Darling, ich kann doch kein eigenes, wunderbares kleines Auto mieten, denn es ist doch so ein furchtbares Problem jetzt hier in England."

Ich wusste bisher von keinem furchtbaren Problem, so schwieg ich weiter, Pakete balancierend und Sabrina gespannt musternd.

"Darling..." Sabrina sah mich nunmehr mitleidig an.

"Nach diesem Urteil darf ich doch jetzt nicht mehr links fahren... auch nicht in England. Aber wenn ich rechts fahre, dann mache ich mich hier in England strafbar. Und wenn ich dem Taxifahrer sage, er soll rechts fahren, so fordere ich ihn auf, eine Straftat zu begehen. Und wenn nicht, so lasse ich es zu, dass er eine begeht... Und so bleibt uns dann hier in diesem wunderbaren London nur die kleine Bahn."

Ich hielt das Paket mit den Zähnen fest und dachte an den Weg zum Bahnhof und an den BGH...