Verhandlung

Herbert W. Franke27.08.2011

Shakadse ließ die Raumkugel niedersinken, der Horizont kroch langsam auf ihn zu. Das weiße Licht der Sonne lag wie Schimmel auf den moosumsäumten Kalkplatten. Shakadse dachte an die Gartenterrassen seiner Heimat, an das Wiegen der Lampions, wenn der Wind von den Hängen des heiligen Berges herabstrich, an das Hüpfen der Reflexe im Fluss. Es ging um die ganze Erde - aber das Wort Erde löste in ihm immer zuerst dieses friedvolle Bild aus, und erst dann blendete sich der graugrüne Ball mit den kahlen Flecken der Kontinente ein.

Shakadse konzentrierte sich auf die Landung. Die Ebene lag eintönig und leer unter ihm und bot keinen Anhaltspunkt für einen Größenvergleich. Aber er verfolgte den Schatten der Raumkugel, der dort über den Boden eilte, tiefschwarz über das Gestein glitt und über die Moosstreifen zu springen schien. Der ovale Fleck wurde größer, bewegte sich schneller und legte sich schließlich, wie durch ein sorgfältig eingedrilltes Manöver, im Augenblick des Aufsetzens unter das Schiff.

Shakadse sprang heraus. Prüfend sog er die Luft ein - sie war lau und atembar. Er lehnte sich an einen der Aufsetzpfeiler und wartete.

Und dann kam sein Verhandlungspartner. Der diskusartige Körper seines Raumschiffs landete nicht weit von ihm. Die Tür öffnete sich.

Shakadse spürte wieder jenes unbehagliche Gefühl, das ihn vor Begegnungen mit gänzlich andersartigen Organismen immer überkam, ein Gefühl, zusammengesetzt aus ein wenig Angst, ein wenig gespannter Neugier und aus dem Willen, sich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen.

Dort drüben öffnete sich nun eine Tür, und nach einem peinlich langen Augenblick schob sich ein Wesen heraus, das auf den ersten Blick wie ein Bündel zusammengepackter rostroter Lumpen aussah. Es rollte auf den Menschen zu.

Shakadse wusste, wie misstrauisch sich diese Wesen schon beim Funkverkehr erwiesen hatten. Er wusste, dass er ungeheuer vorsichtig sein musste, dass er nichts tun durfte, das auch nur im entferntesten als feindliche Handlung zu deuten war. Er hatte keine Ahnung von der Lebensweise der Castoraner, und sie keine Ahnung von der seinen. Er wusste nichts von ihrem Lebenssystem, nichts von dem, was ihnen gefährlich war - vielleicht wirkte seine Atemluft betäubend für sie, und sie empfanden ein Husten als Angriff! Vielleicht ... Aber es hatte keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen.

Shakadse hatte sich in der Hand; darum hatte man ihn ausgewählt. Als er auf den Castoraner zuging, vermied er jede hastige Bewegung. Er ging behutsam, in abgemessenem Zeitlupentempo. Er versuchte, möglichst wenig Geräusch zu machen, und sogar das Zucken der Augenlider hielt er im Zaum.

Der rote Körper kam näher. Die Oberfläche war von pelzig behaarten Bändern überzogen, von denen stets einige wie Fühler aufgerichtet waren. Auf einer Distanz von etwa zwei Metern hielt er für Sekunden, dann rollte er wieder um zwei Meter zurück. Genau zwischen ihnen stand nun ein Kästchen von der Größe eines Radiosupers. Daraus ertönte eine Stimme, leicht verzerrt, aber gut verständlich: "Benütze deine Sprache, wir übersetzen sie in die unsere!"

Ohne Überraschung zu zeigen, antwortete Shakadse: "Ich grüße euch im Namen unserer Regierung. Wir hoffen, zu einer Übereinkunft zu kommen."

Eine Weile herrschte Stille. Einige Fühler des Castoraners richteten sich auf, einige kippten um. Dann ertönte die Stimme wieder aus dem Apparat: "Wir warnen dich vor jeder Angriffshandlung! Unsere Fernstrahler sind auf dich gerichtet!"

"Und unsere Strahlengeschütze auf dich!" sagte Shakadse. Aber er wusste es besser: Die Erde hatte keine Strahlengeschütze. In diesem Moment verzweifelte er fast an seiner Aufgabe; wie sollte er diese Wesen davon überzeugen, dass die Erde kein wehrloses Freiwild, sondern ein mächtiger, erstrebenswerter Partner wäre!

Die Verhandlung begann erst. Shakadse stand sie durch wie eine Pokerpartie. Wenn es ihm richtig erschien, deckte er auf, wenn er es für besser hielt, bluffte er. Meistens bluffte er.

Zwei Stunden stand er da, fast ohne sich zu regen. Er sprach und schwieg, hörte zu und sprach wieder. Er erfuhr von der ungeheuren Macht der anderen - und hatte ihr nichts entgegenzusetzen als Phantasie.

Endlich war das Gespräch beendet. Der Castoraner hatte das Kästchen geholt und setzte sich in Richtung auf sein Raumschiff in Bewegung. Shakadse erwachte wie aus einem Traum, die ungeheure Spannung, die auf ihm gelegen hatte, fiel von ihm ab, ein leichtes Zittern lief durch seine Knie. Er hatte sein Ziel erreicht. Er konnte es kaum glauben. Er hatte gewonnen! Aufatmend holte er eine Zigarette aus der Jackentasche, entzündete ein Streichholz ...

Das rote Wesen hielt an. Sämtliche Fühler standen vibrierend von ihm ab, es sah aus, als wäre es auf das doppelte Volumen angeschwollen.

Shakadse befand sich plötzlich inmitten einer sengenden Helle. Dann lag nur mehr ein Anflug von Staub über dem Platz, auf dem sich die Energie entladen hatte.