Die Ankunft

Yuriko Yushimata10.09.2011

Im Sonnensystem PRXSTZ 111,07 gab der Operator die interstellare Raumsonde verloren. Sie hatten den Kontakt verloren zu LRKU 0/13,4,08.

Die Sonde bewegte sich jetzt auf den Rand der Milchstraße zu. An Bord war immer noch das Okmok, ein Versuchstier, das ihnen wichtige Daten geliefert hatte. Es würde noch eine längere Zeit überleben. Vermutlich würde es in Winterstarre verfallen, bis die Sonde in irgendeine unbekannte Sonne stürzen würde.

Der Operator vermerkte den Verlust der Sonde in den Unterlagen und ging Zukumuk spielen.

In einem kleinen Dorf auf dem spanischen Hochplateau saß die Gemeinschaft beisammen am Mittagstisch und tauschte den neuesten Tratsch aus. Iris fühlte sich das erste Mal in ihrem Leben ganz aufgehoben. Mahut Gadami hatte ihr erklärt, dass dies an der karmischen Resonanz aller Anwesenden lag.

Laura, die Mutter der Gemeinschaft, hatte ihr erklärt, dass der Mahut genau darauf acht gab, wer in die Gemeinschaft der Erwählten aufgenommen wurde und wer nicht. Diejenigen, die schlechtes Karma verströmten, mussten wieder gehen. Diese Menschen waren dann einfach noch nicht so weit und mussten erst mehrere weitere Lebenszyklen durchlaufen, um die notwendige Entwicklungsstufe zu erreichen.

Außerdem hatte Udo, einer ihrer neuen Mitbewohner, festgestellt, dass das Dorf Zentrum eines weitverzweigten Chakrennetzes, Zentrum eines hoch energetischen Feldes, war. Alles gedieh und glückte hier.

Selbst dem Gemüse aus dem Garten war das anzumerken. Es war größer und schmackhafter, wie Laura immer treffend bemerkte.Auch Iris spürte dieses Kraftfeld. Sie sprühte vor neuer Lebensenergie.

Iris war noch nicht lange hier. Bei Ihrer Ankunft war Laura die erste aus der Gemeinschaft gewesen, die sich um sie gekümmert hatte.

Sie hatte Iris gleich mit einer herzlichen Umarmung begrüßt. "Ich war in einem früheren Leben eine miserable Gastgeberin. Ich habe viel gutzumachen. Mein Karma ist immer noch davon belastet."

Später wurde sie auch von den anderen begrüßt.

Mahut Gadami begrüßte sie offiziell am Abend und sie erhielt die Erlaubnis, sich als Adeptin in der Gemeinschaft aufzuhalten. Seit zwei Wochen half sie nun im Garten und bei der Renovierung der Gästehäuser. Natürlich musste sie als Adeptin für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Alle setzten sich für die Gemeinschaft ein. Das wurde erwartet.

Sie war glücklich, alle waren hier glücklich. Natürlich gab es auch mal Streit. Dann taten sie alles, um die kosmische Ordnung wieder herzustellen, sich in Einklang mit dem Sein zu bringen. "Nur in Übereinklang mit dem Ganzen finden wir selbst Ruhe." Iris war glücklich, zu den Auserwählten zu gehören.

Und dann passierte etwas Unglaubliches. In der Nacht der Mondwende, der Himmel war tiefschwarz und sternenklar, hörten sie einen lauten Knall und dann sahen sie am Nachthimmel eine hell blendende Kugel auf das Dorf zurasen. Iris war eine der Ersten, die die Kugel sah.

Einen Moment zitterten viele vor Angst. Iris fühlte auch erst Angst, doch dann spürte sie Glück, unendliches Glück. Die Kugel fiel ca. zwei Kilometer vom Dorf entfernt vom Himmel. Am nächsten Morgen gingen sie alle zusammen hin.

Eine Kugel vom Durchmesser eines Zweifamilienhauses hatte sich in den Erdboden gebohrt. Sie schien völlig unbeschädigt zu sein. Ihre Oberfläche war glatt und Iris erschien sie trotz des Aufpralls wie frisch gereinigt, rein, unschuldig. Die Sonnenstrahlen, die von der Oberfläche reflektiert wurden, blendeten auch am Tag. Aufgeregt liefen und redeten alle durcheinander.

"Sie besuchen uns, uns. Hier ist niemand sonst."

"Die Merkurkonstellation, ich wusste es."

"Das Chakrenfeld, ... deshalb sind sie hier gelandet."

"Ich spüre Bekanntes, verschwommene Erinnerungen, sie haben uns schon einmal besucht, in einer früheren Inkarnation."

"Frieden, spürt Ihr den Frieden, der von der Kugel ausgeht?" "Ein Symbol der Muttergottheit."

Iris stand nur da und war glücklich.

Mahut Gadami, der in seinem früheren Leben, als er noch Mathias Leinfeld hieß, Mitglied in einer UFO-Forschungsgruppe war, untersuchte die große silbern glänzende Kugel ausgiebig. Einige Zeichen auf der Außenhülle sahen wie das Symbol der Muttergottheit aus. Iris sah nun auch die Zeichen, die Mahut Gadami und Anderen aufgefallen waren. Sie strich erfüllt mit der Hand über das Metall, es war kühl. Sie berührte die Kugel mit ihrer Stirn.

Doch da erklang die Stimme Mahut Gadamis.

"Die Kugel, die perfekteste aller Formen, Abbild der Erde, des Sonnensystems und des sich ausdehnenden Universums, des Atoms und der Elementarteilchen." D

ie Stimme von Mahut Gadami brachte alle zum Schweigen.

"Bildet einen Kreis, um zu zeigen, dass wir ihre Botschaft verstanden haben. Zeigt unsere Kugelgestalt. Tanzt, der Fluss unserer Energien muss sich mit ihrem verbinden."

Alle Mitglieder der Gemeinschaft sammelten sich und tanzten im Kreis. Laura fing an zu singen, die anderen fielen ein. Iris hörte ein Zischen. Plötzlich öffnete sich ein Eingang in der Außenhülle der Kugel, entfernt war ein Klingeln zu hören.

Der Mahut sah die Mitglieder der Gemeinschaft prüfend an. Dann wandte er sich an Udo, Susi, Mika und an Iris.

"Sie rufen uns. Ihr begleitet mich."

Iris konnte ihr Glück nicht fassen. Sie umarmte spontan den Mahut. Der strich über ihr Haar und sah ihr tief in die Augen. An alle gewandt rief er:

"Zuerst gehen die mit dem höchsten Bewusstseinsstand und die" , dabei sah er Iris an, "die am offensten sind, Neues zu empfangen."

Und leiser wandte er sich an Iris. "Komm heute Abend noch zu mir. Dann werden wir Deine weiteren Aufgaben in der Gemeinschaft festlegen."

Die nicht auserwählten Mitglieder der Gemeinschaft wirkten unzufrieden. Doch der Mahut beruhigte sie.

"Ihr kommt nach uns an die Reihe, immer fünf auf einmal."

Dann betraten Udo, Susi, Mika, Iris und Mahut Gadami die Kugel. Sie verschwanden im dunklen Inneren. Draußen sangen die anderen Mitglieder der Gemeinschaft jetzt noch lauter.

Das Okmok in der Sonde war beim Aufprall auf den Planeten aus der Winterstarre erwacht. Der Operator hatte sich geirrt, die interstellare Raumsonde LRKU 0/13,4,08 war nicht verglüht, sie war zufällig vom Schwerefeld eines kleinen blauen Planeten eingefangen worden.

Kurz nach der Landung öffnete sich automatisch der Zugang in der Außenhülle Das Okmok hörte, dass sich etwas außerhalb der Kugel bewegte. Es drückte wie gewohnt mit seiner Schnauze auf den Mechanismus und wartete.

Im Inneren der Kugel war es fast dunkel, sie sahen nur dunkle Schemen. Mahut Gadami, Iris, Udo, Susi und Mika gingen einen gewundenen Gang entlang nach oben. Iris fuhr die kalte stickige Luft unter ihr Sommerkleid, wie Finger die nach ihr griffen. Sie schlang die Arme um den Körper.

Der Eingang war bald nicht mehr zu sehen. Die Wände waren glatt, aber nicht aus Metall. Iris lief irgendwo gegen und schrie auf. Beruhigend umfasste sie Mahut Gadami mit kräftigem Druck. Die Anderen gingen hinter ihnen. Sie hörte ihr Atmen und spürte Gadamis Hand auf ihrem Rücken. Sie flüsterte und konnte dabei ein Zittern der Stimme nicht unterdrücken.

"Was sollen wir tun?"

Die Stimme des Mahut klang ruhig.

"Keine Angst, hab Vertrauen, Sie werden uns den Weg zeigen."

Doch das Glücksgefühl hatte Iris verlassen. Sie roch den Schweiß Gadamis, der nicht anders roch als der anderer Männer plus ein bisschen Patchouliduft.

Irgendwoher kam ein Luftzug und eine Art Scharren, Iris Körper durchlief erneut ein Zittern. Da öffnete sich mit einem Zischen an der Seite des Ganges eine Öffnung, unten am Boden, eine Art Schacht, das Klingeln ertönte wieder, nun direkt neben ihnen. Mika stürzte beinahe in den Schacht.

Susi versuchte hinunter zu schauen, konnte aber nichts erkennen. Sie sah zu Mahut Gadami und wieder war da die Frage: "Was sollen wir tun?"

Mahut Gadami zögerte keinen Augenblick.

"Habt Vertrauen, so hoch entwickelte Wesen haben das Stadium der Aggression längst überwunden. Ich habe ja gesagt, dass sie uns den Weg weisen werden. Sie heißen uns willkommen. Hört das Klingeln."

Es klingelte erneut. Alle außer Iris lachten. Sie hatte Angst vor dem Schacht. Doch für Mathias Leinfeld war sein größter Traum wahr geworden. Er rutschte als erster und die anderen folgten ihm. Iris rutschte als letzte, hinter ihr schloss sich die Klappe zum Schacht mit einem Zischen. Nun war es vollkommen dunkel. Und sie hörte einen Schrei - der Mahut. Ein seltsamer Gestank schlug ihr entgegen.

Es war ein Schmerzensschrei und sie hörte das Aufprallen der Anderen unten. Sie versuchte abzubremsen, doch der Schacht war glatt. Und dann ein Hilferuf von Mahut Gadami, nun klang seine Stimme nicht mehr fest, sondern fast panisch.

"Aahh, mein Arm, mein Arm ist gebrochen. So helft mir doch."

Es war das erste Mal, dass er sich für Iris wie die Anderen anhörte, wie ein normaler Mensch. Und es war eindeutig der falsche Moment. Auch Iris fiel hart auf einen glatten harten Boden und auf das Bein von irgendwem. Sie sah nichts. "Was ist los?"

Da hörte sie Udos Stimme. "Hier ist was!"

Und dann hörte sie ihn schreien. Sie schluckte, so hatte sie sich immer einen Todesschrei vorgestellt. Sie hörte Susi rufen. "Udo?"

Dann schrie auch Susi. Vom Mahut und von Mika war seltsamerweise nichts zu hören. Iris suchte tastend kriechend eine Wand, um sich zu orientieren. Dann spürte sie ein Gesicht, aber da war sonst nichts, ihre Hände ertasteten nur eine behaarte eingedellte Kugel mit dem Gesicht auf einer Seite, die sie hochheben konnte, so leicht. Und warm tropfte es über ihre Hände.

Dann spürte sie das Schnüffeln an ihrem Bein, den Atem, sie versuchte wegzukriechen, nur weg. Doch irgendetwas hielt ihr Bein fest, ein Schmerz, sie spürte ihr Bein nicht mehr.

Sie schrie. Dann verstummte auch sie.

Danach war es still im Dunkel, nur ein Schurren und eine Art kauendes Geräusch waren noch zu hören.

Das Okmok hatte den Mechanismus der Futterklappe bedient und es war gefüttert worden. Lebende Speise war für das Okmok das Gesündeste. Aber nach all den Jahren in Winterstarre war es hungrig, so hungrig. Es leckte sorgsam auch die letzten Fleisch- und Stofffetzen auf. Es war ein sehr reinliches Wesen, nicht einen Rest Blut ließ es übrig. Dann betätigte es wieder den Schalter der Futterklappe. Es war immer noch hungrig.

Draußen vor der Kugel hörten die Wartenden entfernt das Klingeln. Die nächsten fünf Mitglieder der Kommune betraten singend die Raumsonde.

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Gesammelte Texte von Yuriko Yushimata werden noch dieses Jahr in Buchform beim Verlag p.machinery erscheinen.