TRANSFER

Herbert W. Franke26.02.2012

Von außen ist nur die Hülle zu sehen, eine Haut, ein Fell oder ein Panzer, Gliedmaßen zur Bewegung, zur Nahrungsaufnahme, zur Verteidigung, Sinnesorgane für Nah- und Fernwirkung. Irgendwo im Innern befindet sich eine steuernde, fühlende und wertende Instanz, und wenn man will, kann man alles das, was darum herum angeordnet ist, als Werkzeug sehen, das das Eigentliche, das Wesentliche schützen und bewahren soll. Wo aber liegt die Grenze zwischen innen und außen? Vielleicht gibt es irgendwo eine Umgebung, in der die äußeren Hüllen überflüssig sind, in der das steuernde, fühlende und wertende Agens frei und ungebunden existieren kann.

Der Boden bestand aus brüchigen Krusten, über denen da und dort ein Hauch von Dunkelrot lag. Das war das Zeichen, dass sich die Lager flüssigen Gesteins dicht unter der Oberfläche befanden - Stellen, die man meiden musste. Doch ebenso gefährlich waren unter dünnen Schichten verborgene Hohlräume, direkte Zugänge zu den innenliegenden feurigen Massen, die alles, was von oben einbrach, in elementare Bestandteile zerlegten und verschlangen. Aus diesem Reservoir stammte die zerstörerische Hitze, die das Land beherrschte. Sie ließ die Schlacken emporsteigen, die den Boden auftrieben, flache, aus blättrigen Massen bestehende Hügel bildeten. Von ihnen stiegen Gase und Dämpfe auf, weiß, mit gelbgrünen Rändern. Hin und wieder kam es zu einer Entladung, und dann stiegen rotglühende Fontänen hoch zum Himmel hinauf und verursachten in der Umgebung einen Hagel von heißen, erstarrenden Klumpen. Und oben schwebten Wolken aus Asche, eine dichte Decke, die nur gelegentlich die Sicht zum schwarzen, nur spärlich mit Sternenlichtern gepunkteten Himmel freigab.

Mitten durch dieses Wallen von Gas, Dampf und Staub bewegte sich eine Gruppe metallisch schimmernder Wesen. Die Beine, auf tellerartige Sockel gestützt, trugen plump scheinende, in der Bewegung aber überraschend elastische Körper. Vorne, hoch aufragend, saß ein kegelförmig zulaufender Hals. Das obere Ende bildete einen Kranz mit Dutzenden sich verzweigender Ausläufer, der in steter, unregelmäßiger Bewegung war - einmal nach vorn, einmal nach hinten gewandt, einmal zum Boden hinunter, dann wieder hoch hinauf zum Himmel. Darunter, an einer kopfartigen Verdickung, ragte eine Art Auge hervor, rund aufgewölbt, transparent, an dem sich die Leuchtkaskaden der Vulkanausbrüche spiegelten.

Jasper kannte nichts anderes als diese vulkanische Wildnis. Soweit er sich zurückerinnern konnte, waren sie unterwegs gewesen, unter ständiger Bedrohung. Herabstürzende Lavabrocken, um sich greifende Glutherde, die Fallgruben unter brüchigen Krusten... Nur irgendwo in einem verborgenen Winkel seines Gehirns, kaum noch erreichbar, hatten sich einige Bilder erhalten, eine Ahnung von etwas, was ganz anders war: licht, freundlich und kühl... Und nach dem, was ihm Vater oder Mutter übermittelten, befanden sie sich auf dem Weg zu einem Ort, wo es wieder so sein würde. Das war das Ziel, und es war - vorderhand - die einzige Aufgabe, die ihnen gestellt war, der einzige Grund, unwägbare Risiken einzugehen, auf einem endlos scheinenden Marsch.

Dumpf trottete er hinter seinem Vater her. Dieser war es, der den Weg suchte, der trachtete, wegsames Gelände zu finden, Hindernissen auszuweichen. Trotz aller Umwege und Winkelzüge, die notwendig waren, versuchte er die Richtung beizubehalten. Im wesentlichen war er dabei auf die Bilder angewiesen, die die Sterne bildeten, und damit auf jene wenigen Gelegenheiten zum Durchblick durch die Wolkendecke.

Auch Jasper kannte die von den Sternen gebildeten Figuren. Sie hatten Namen wie "Wagen", "Skorpion", "Leier" - Jasper wusste nicht, was das bedeutete, und es war auch gleichgültig. Wichtig war nur, dass sich aus ihnen die Marschrichtung ergab. Auch Jasper hatte die Kunst der Navigation lernen müssen: für den Fall, dass es Vater traf. Es hatte schon viele von ihnen getroffen - als sie aufgebrochen waren, so hatte man ihm erzählt, waren sie fünfzig gewesen, jetzt kaum noch mehr als ein Dutzend.

"Bist du müde, mein Kleiner? Wir gehen noch bis zu den beiden Aschenhügeln, dort machen wir Rast." Die Stimme klang leise und dumpf, und doch unglaublich beruhigend. Sie überwand Grenzen, die durch unabdingbare Notwendigkeit gezogen waren, täuschte angenehme Nähe vor.

"Hast du mich verstanden, Kleiner? Wirst du noch so lange durchhalten?"

"Ja, Vater", antwortete Jasper. Warum ihn Vater eigentlich immer "Kleiner" nannte? Soweit er feststellen konnte, waren sie alle gleich groß und sahen auch gleich aus. Er fand keine Antwort. Es war eine jener vielen Fragen, die man ihm nicht beantwortete oder bei denen er, wenn man das versuchte, die Antworten nicht verstand. Sie vertrösteten ihn auf später - wenn alles anders sein würde.

Sie rasteten zwischen den Hügeln, vier oder fünf Stunden lang, dann zogen sie weiter. Sie überquerten ein Schlackenfeld, gelangten zu einem sandgefüllten Kessel, den sie umgehen mussten. Dabei stürzten zwei von ihnen in eine Spalte ab. Anschließend ging es einen flachen Hang, über aus dem Fluss erstarrte Lava, aufwärts.

Jasper hatte keine Angst. Die anderen hatten ihm zu erklären versucht, wie übel es war, wenn sie ihre Angehörigen verloren, doch er spürte keinen Schmerz und keine Trauer. Wenn er ausgeruht war, dann kam sogar so etwas wie Freude in ihm auf, eine Art Gefallen daran, wie sicher er seine Beine setzen konnte, wie rasch er sich im rauen Gelände bewegte. Schon mehrfach war es ihm gelungen, Spritzern flüssiger Lava auszuweichen - in einer blitzschnellen Reaktion, die ihn stolz machte. Einer von ihnen war weniger schnell gewesen und infolge der Beläge, die sich auf seinen Augapfel gelegt hatten, erblindet. Er war irgendwo in einem Kraterfeld zurückgeblieben.

Wie lange waren sie schon unterwegs? Jasper hatte keinerlei Zeitvorstellung. Sie waren dahin getrabt, hatten gerastet, waren weitergelaufen... Es schien immer so weiterzugehen. Kaum glaublich, dass ihre Wanderung mit einem Mal zu Ende sein sollte. Das Ereignis kündigte sich schon lange vorher an: durch einen bläulich hellen Schimmer, der zunächst nur als Widerschein in den Aschenwolken hing. Dann aber blickten sie direkt in das Leuchten hinein, gingen darauf zu, immer näher, bis sie in einer unbeschreiblichen, blendenden, aber nicht unangenehmen Helle standen. Jasper konnte nichts mehr sehen, und er empfing auch die Stimmen der anderen nicht mehr. Stattdessen hörte er ein ständiges Rauschen, das zugleich erregend und betäubend wirkte.

Was nun geschieht, hat keinerlei Zusammenhang mit all dem, was er bisher erlebt hat. Er merkt nur, dass es ganz wesentliche Dinge betrifft: ihn selbst, seine Eigenart, seine Substanz... Bisher war alles höchst einfach; da gab es seinen Körper, der sich in einer bedrohlichen und vielfältigen, doch immerhin übersichtlichen Welt befand. Er konnte Licht und Dunkelheit unterscheiden, konnte Stimmen und Geräusche hören, Einflüsse, die offenbar von außen kamen. Und er hatte Kontrolle über das, was sein Körper tat - er konnte durch die Glaswand seines Auges blicken, den Hals mit den Sensoren nach allen Seiten schwenken, um jene Farben zu sehen, die Radioaktivität oder Wärme anzeigten, und die Stimmen seiner Gefährten aufzufangen. Und er konnte seine Beine bewegen, hochstemmen oder senken, und dabei die Beschaffenheit des Bodens empfinden. Im Grunde genommen war das alles - bis auf jene ungewissen Vorstellungen aus den Träumen, die sich niemals fassen ließen.

Und nun ist alles umgekehrt. Was bisher Wirklichkeit war, wird zu rasch verblassender Erinnerung, und was sich in Form von Träumen meldete, wird sichtbar und fühlbar. Es ist, zumindest zunächst, kein angenehmes Gefühl, und er hat große Angst. Man nimmt ihm etwas weg, was zu ihm gehörte, für sein Leben wichtig war. Man öffnet die Haut, die ihm so lange als Schutzpanzer gedient hat. Man schneidet ihn aus Hüllen heraus, die zu seinem Körper gehörten. Teile seiner selbst liegen nun neben ihm, Federn aus Metall, asbestähnlicher Kunststoff, Streben aus gesinterter Keramik. Man schaltet ihn von den Sensoren ab, durchtrennt die Leitungen, durchschneidet die Schläuche. Die Aufnahme und Abgabe von Nahrung geht nun auf völlig andere Weise vor sich, der Empfang von Sinnesreizen wird unmittelbar, elementar; ein Ansturm von Licht- und Lautmustern, die er erst zu verarbeiten lernen muss. Und so wird aus dem urhaften Panzerwesen ein von weicher Haut umgebener, verletzlicher Mensch.

Niemand hatte daran geglaubt, dass Mitglieder der Forschungsstation noch am Leben sein könnten. Die Verbindung war abgebrochen, die Station unter Lavamassen verschwunden. Doch sie besaßen noch ihre Zoide, ohne die sie sich nicht aus dem Bereich des Lagers hätten entfernen können. Und so haben sie sich auf die Wanderung gemacht, die Alten und die Jungen, dabei auch jenes Kind, das auf der Station geboren worden war...

Nun sind sie gerettet, wieder in den Lebensraum der Menschen einbezogen. Für jene, die es früher schon erlebt haben, war es eine Rückkehr. Die Zeit tierhafter Existenz war ein Alptraum, der mehr und mehr verblasst. Mit der Zeit gliedern sie sich wieder in die Gemeinschaft ein, finden zu Aufgaben zurück, die sie schon früher durchgeführt haben.

Für Jasper ist es ein wenig anders. Er ist für keine Aufgaben im Kreise von Menschen ausgebildet, und so erscheint ihm, was man ihm nun zu tun gibt, belanglos und fragwürdig. Für ihn ist die Zeit, die hinter ihm liegt, keine vorübergehende Abweichung vom Normalen, sondern eine Phase der Existenz, die von einer anderen abgelöst wurde. Und so erscheint es ihm durchaus möglich, dass auch sein jetziger Zustand nur etwas Vorübergehendes ist: dass dieser Körper, in dem er jetzt lebt, auch nur eine Hülle ist, aus der man ihn eines Tages herausschälen wird.

Die Story wurde mit freundlicher Genehmigung dem Buch "Spiegel der Gedanken", Frankfurt a.M. 1990, von Herbert W. Franke entnommen.
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