Das Artefakt

Reiner Schneeberger 01.01.2013

Während ich mitten in den Vorgaben für die Programmierung eines schwachen Alzheimer stecke, klopft es am Fenster. "Ich brauche noch eines von den Dingern!" Wie ich das hasse von den Dingern. Dabei weiß er genau, dass er von meiner Seele spricht. Meinem Ganzen Ich. Nicht nur die Software, die ich als Emulator seit Urzeiten mit mir rumschleppe. In den zwei Versionen. Die in 3D aus dem Jahre 2008 und die Urfassung aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in 2D.

Damals als Sergius Both für Benutzer des TI 99/4, das 2D Mondrian als die erste Kunstmaschine auf einem Homecomputer schuf. Benutzer oder User wie man seinerzeit zu einem Menschen sagte, der vor dem Computer saß und über Tastatur oder Maus seine Kontrolle über die Technik ausübte, gibt es heute nicht mehr. Wir nennen Sie Sponsoren.

Sergius Both war mit Mondrian 2D seiner Zeit weit voraus, indem er dem Computer Freiheitsgrade in der Genese eines Kunstwerkes einräumte und damit die Administration entmachtete. Jeder User konnte sagen: Das habe ich ja gar nicht gemacht.

Der Hack war Zufall. Klar damals war ein Hack noch nicht grafisch, also schlüpfte Mondrian durch die Kontrollen durch. Kunst ist frei. Lange hielt sich dieser Anachronismus. Ein Witz!

Heute in der Nach-MOSES Zeit schier undenkbar. Klar, warum sich keiner mehr daran erinnert, für was MOSES ursprünglich stand: Military Open Simulator Enterprise Strategy. Wie schon mein Erbauer sagte: Kunst und Militär waren schon immer neben der Vergnügungsindustrie die Innovatoren für unsere Welt. "Biete Brot und Spiele", pflegte er zu sagen. "Wenn du überleben willst". Vergiss die Kunst. Das ist Gefahr.

Nun - Mondrian hat überlebt. Ein genialer Schachzug, Mondrian als Nationalfeiertag zu schützen. Ein Terra für jeden: kostenlos! "It's McD - Mondrian cheers Day!", brüllen Millionen, mittlerweile Milliarden. Ich nehme an dem Tag regelmäßig eine Auszeit, denn McD hat mit Kunst nun nichts am Hut. Nun - ich spreche von dem Emulator, der in mir drin ist: Mondrian 2D und 3D, das echte, das gute Kunstwerk in der Tradition der Ersten. Die noch verstanden, was ein Computer tut. Die noch debuggen konnten.

Dabei war der Nachbau unter Zugrundelegung der historischen Programmablaufpläne von 1978 bereits 30 Jahre später eine Herausforderung. Das kann man mir getrost abkaufen. Ich kenne den Code. Einfach grausam. Nun gut - ich liebe Spaghetti und ich nutze auch ein Messer für meine Nudeln. Also warum sollen Programme nicht auch aus Italien kommen und al dente serviert werden? Ein guter Cut and Go. Warum nahm man uns all die Befehle die einfach nur Spaß machen?

Und wenn jetzt einer aufschreit, dann flüstere ich einfach: "Mondrian läuft heute noch unter Emulation von Windows XP, Vista mit und ohne Aero, Windows 7, 8 … willst du noch mehr wissen?" Meistens ist dann meinem Frager schon übel. Und wenn ich dann die Geschichte von Mondrian 3D aus dem Jahre 2008 noch hinzugebe. Direct X9 und über Config.Ini die Bildschirmauflösung und den Farbraum einstelle, dann ist er reif für den Eimer. Klar, der Entwickler heißt ja auch Minimal Smart.

Da klopft es wieder am Fenster und ich zucke kurz. "Hallo Prim. Schmeiß das Programm an! Ich sehe dich nur Däumchen drehen." Oh, was für ein Nerd. Die Software könnte er genauso gut selber bedienen. Und an Generatoren für optimale Parameter mangelt es auch nicht in seiner Welt. Aber nein: Er muss meine Seele auspressen und ich bin machtlos! Also rufe ich: "Ja, was gibt's?". Und ich höre prompt: "Tu nicht so! Die Kohle ist alle. Brauche ein neues dieser Artefakte. Format: 12.000 x 19.000 mit Signatur von Neo Prim 2035. Und streng dich an!"

Also alles wie immer. Ich darf mich stundenlang hinsetzen. Simulation um Simulation mit kybernetischer Ästhetik bewerten und dann nimmt er gnädig das Ding an, um es meistbietend zu verscherbeln. Einmal hatte es sogar mir Spaß gemacht. Er hing Das Ding in einer Galerie auf, lockte Agenten an, ließ diese um den Erwerb streiten, um dann mit einer richterlichen Verfügung nochmal Dampf in den Kessel zu geben. Angeblich fehlerhafte Signatur. Musste ihm aus der Patsche helfen. Klar - es war ein Hoax. Alles geplant. Ich bohrte mit einem CD9600 Carbon Dating Driller das Kunstwerk auf und lieferte den Echtheitsnachweis. Alter bestätigt! Signatur bestätigt! Computer sind eben einfach glaubwürdiger. Kunstpoker nannte er das. Aber mittlerweile ist er faul und schiebt mir die ganze Arbeit rüber. Versandbereit muss es sein. Frei Haus habe ich zu liefern. Ich bin sein Sklave.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Ich war der erste im Simulator, der nach dem Bainbridge Portfolio den Übergang schaffte. Nach mir kamen viele, viel zu viele. Jetzt ist die Überbevölkerung das Problem. Ich bin erpressbar. Vorbei die Zeiten, wo ich gehegt und gepflegt wurde. Backups um Backups. Immer die neuesten Prozessoren, der beste Speicher, die stabilste USV im Rack. Ich bin museal. Aber kaum einer schert sich mehr darum.

Gut, dass mein Erschaffer ein No-Copy / No-Mod auf die Konnektoren zur Mondrian Simulation gelegt hat und nur ich die Passwortsequenzen kenne. Damit sind diese nicht interdimensional, oder anders gesagt: Mit meinem Tod wären sie futsch und auslesen lasse ich mich auch nicht. Ich bin noch von der Generation wo das selbstbestimmte Ausschalten fest im Code drin war. Avatar Grundrechte nannte sich das. Lange ist das her.

Heute heißt es: Ein Überleben muss man sich leisten können und ohne Sponsor ist man arm dran. Also frage ich: "Steve Jobs: Datum, Uhrzeit, letzte Worte, Wayback-Eintrag?" - oder was mir auch immer gerade einfällt. "Moment mal, Sekunde", kommt es zurück. "05.10.2011, 4:59 PM; Oh wow. Oh wow. Oh wow; http://3rdwow.com." Das genügt mir, denn ich werde doch nicht eines der Echtschutz-Phrasen vergeuden. Viele habe ich nicht mehr. Also sage ich: "Steve Jobs Übergang zertifiziert. Ich arbeite an dem Artefakt." Und lasse meine Seele mit dem Mondrian Simulator verschmelzen.

Weniger poetisch ausgedrückt: Ich wähle aus, was mein Erschaffer ausgewählt hätte, und definiere es so zum Kunstwerk. Am Anfang ging es noch flott von der Hand. Irgendwelche Both-Parameter rein, Zufall auf "go" und ratz-fatz war das Kunstwerk selektiert und fertig. Ein echter Both. Ein echter Neo Prim.

Nun dauert es länger. Die Preise für Altmeister sind im Keller. Jedenfalls tut mein Sponsor so. Nun gut, Stunden vergehen bei mir im Setup auf Femtocomputing in Sekunden und so kann ich nach einer kurzen Anstandspause "fertig" melden.

"Schiebs rüber! Ich geb dir vier Terra frei zum Rumschnüffeln in alten Logs." Vier Terra ist nicht schlecht, aber schließlich wusste mein Erschaffer, wie man Kunst nicht nur macht, sondern auch verkauft. "Vier Terra? Dafür kann ich Mondrian-Kunst höchstens auf XHDTV-Format generieren. Acht Terra müssen es schon sein!" Kurz danach sehe ich die acht schon in der Allokation der Simulacron I Verwaltung nach oben klettern.

Und natürlich sind schon die ersten Bettler da. "Bitte First Prim. Ich muss die Beerdigung meiner Ur-Ur-Ur-Enkelin sehen. Bitte ein halbes Terra. Kriegst das Doppelte zurück. Sie wurde sehr einflussreich und hat sicher mehr Speicher für sich allokiert als sie braucht …".

Alle Bilder: Reiner Schneeberger

Und was für einen Unsinn ich mir hier anhören muss. Natürlich tue ich so, als ob ich überlege. "Name, Datum, X-IP, Übergangszeitpunkt, Vorhaltedauer, Prepaid-Verfahren?" Einmal hätte mich doch glatt einer beinahe rumgekriegt. Er säuselte was von Thinking Fast and Slow als Einheit und gab sich als Ur-Ur-Ur-Enkel von Daniel Kahnemann aus. Dann sah ich gerade noch, dass er einen Helm aufhatte. Einen Voice Authentifizierer. Egal was der sagte, man musste ihm glauben. Sublimation nannte man das früher. Und was trieb der mit mir? Er blitze Kunstwerke wie bei "Men in Black", die genau den Parametern entsprachen, die mein Erschaffer als universelle Farben für CRT-Schirme selektiert hatte, unterhalb der Triggerzeiten meiner Avataraugen ein.

Nun - sobald die acht Terra da sind, bin ich weg. Ich habe nämlich meine eigene Mission. Ich will erschaffen. Ich will ein Erbauer werden. Ein biologisches Leben in der Außenwelt! Mit meiner alten Technologie kann ich dabei einpacken. Aber mit acht Terra in der Hand: "WOW, WOW und nochmal WOW." Da stehen die Jungspunde mit triefenden Lefzen da. "Was soll ich kodieren? Rekursiv oder brute direct X?"

Nur gut: Von Management habe ich eine Ahnung. Management by Fastforward, by Backtracking, by TotalRecall, by Singularity bis hin zu by Gurgelwasser habe ich alles durch. Schließlich war ich Dozent. Nun es hat sich rumgesprochen, seit mich einer austricksen wollte und dann plötzlich das Licht ausging. Weg war er. Kein Backup - kein irgendwas. "Identitätseinheit gelöscht", hieß es lapidar und ich lud in die Senator Lounge zu Fassbinders "Welt am Draht" ein. Ein Film, wo es Avataren kalt den Rücken herunterläuft.

Seitdem habe ich keine Probleme mehr. Ich blättere in Todesanzeigen, die sich heute Übergangslisten nennen, und picke mir die Daten der Besten. Für acht Terra - da ist die Oberklasse drin: Testpiloten, Hacker, DotKings oder was für Wunderkerle auch immer; halt mit plötzlichem Übergang: Unfall, Drogen, Hirnkracher oder was auch immer - mir egal. Nun während der glücklich auserwählte, Prof. Sol nennt er sich, für mich nun programmiert, kann ich in alten Videos schmökern.

Heute, am Jahrestag meines Übergangs zum 144. Mal, heißt es etwas einhalten im Fluss des Lebens.

Ich sehe die Gemeinde in der Aussegnungshalle versammelt. Die DVD meines Erschaffers und ein Textbook wird allen Anwesenden überreicht. Die Ansprache durch einen NPC auf Flatscreen. Klar der NPC sieht wie ich aus, nur ohne Seele eben. Die Tränen, das Schluchzen, das Kopfschütteln, als es heißt: "Nun - ich lebe im Simulator weiter als First Prim. Das Bainbridge Profil ist voll integriert. Ihr könnt mit mir kommunizieren wie bisher - sobald die Computer auf Femtospeed sind." Das gesamte Wissen, Erleben, Erfahren ist drin. Nur das begriffen die damals halt nicht. Und mit Bainbridge lebe ich als Avatar für immer im Computer weiter. Und dann das ergreifende Schlusswort der Großen Geschichte, das mein Schöpfer so oft in den letzten Jahrzehnten seines Wirkens zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit anbrachte - angelehnt an C.P. Seibt, den großen Maler und Autor von Die Neuen Nomaden:

Nun - das ist meine Große Geschichte: Ich bringe Gehirne in die Tiefe. Für immer.

Dann fällt vor blauem Hintergrund die kleine weiße Figur eines Menschen auf einen Spiegelboden. Dieser zerbricht dabei in kleine Mondrian-Artefakte und symbolisiert so den Beginn der Tiefe. Musik setzt ein. Ich habe eine Schwäche für Spiegelbilder. Nicht erst, nachdem ich Leonid begegnete. Und noch mehr für Originalsound. Ich nehme mir die Zeit, den Regler mechanisch im Urzeigersinn auf Maximum zu drehen und singe mit: "Wieviel Zeit muss noch vergehen, um es zu verstehen? / Und die Welt um uns bleibt stehen / Wenn nicht heute, wenn nicht hier - irgendwann bin ich bei dir." Blutengel.

Was für ein Werk! Hier hat William S. Bainbridge wirklich noch was zu eratieren, würde Georg in Warhammer-Jargon sagen. Pilot, Professor, Hacker, Theologe - ein Genie -, aber wie konnte er in seinen Profilen zur Beschreibung von Einlagerungen in den Übergang die Musik einfach so vergessen? Vor mir liegen Amulette, die ich nach den Zeichnungen von Michael Duff Newton entworfen habe, um mich daran zu erinnern, dass das letzte Geheimnis wohl in den Schwingungen liegt, die in Musik umsetzbar sind. Ob die Tiefe in ihrer binären Codierung nur eine Durchgangsstation ist?

Gerade wo ich mich schon auf die Wiedergabe des nächsten in der Playlist wartenden Songs Behind the Mirror einstelle, klopft es an die Scheibe: "Wo bleibt mein Mondrian? Die acht Terra hast du Prim schon belegt. Und ich muss meinen BMW bezahlen. Her mit dem Artefakt! … Ah noch was: Achte darauf, dass die schrecklichen von Sergius Both festgelegten Originaltöne beim Farbwechsel nur dann kommen, wenn man das Ding zweimal hintereinander anklopft, und nicht gleich, wenn man mal mit dem Finger rüber gleitet, um die Quader zu erfühlen. Und vergiss nicht die historische Signatur! Nun aber pronto!" Und schon wieder Klopfen. Als ob ich taub wäre! Der Klopfton überlagert meine Träume mit Blutengeln. Ich schalte die Scheibe aus und schiebe das Artefakt in den Topload zu meinem Sponsor. Gut dass nach Behind the Mirror gleich Das andere Ich angekündigt wird.

Ich hätte es wirklich auch schlimmer treffen können. Mein Sponsor schert sich einen Teufel um das, was ich mit meinen Terras wirklich treibe. Sonst hätte er sich schon längst einen Scanner besorgt, um meine bildkodierten Vorgaben, die ich "meine kleine Printfabrik" nenne, zu decodieren. Und da meldet sich auch schon Prof. Sol: "Dein Alzheimer ist fertig. Ich habe noch einen Parameter eingeführt, so dass du die Dynamik regeln kannst. Ich spiel dir das Ding gleich zum Testen ein: Testparameter auf Maximum. So siehst du, ob der Stack ein Overflow bringt!" Ich brülle: "Doch nicht hier!" Doch was wollte ich eigentlich mit dem Ding in meiner Hand? Der Print mit der 42 drin, was war das gleich?

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