Café Zero

Arno Kleinebeckel 28.12.2012

Ich hatte mit Xena zusammengelebt, damals, und jetzt war sie weg und meine angesammelten Life Mods waren verbraucht. Egal. Eine Erinnerung weniger.

Manchmal fuhr ich noch durch die Gegend im Norden der Stadt, wo wir unsere Wohnung gehabt hatten. Ich kannte dort jede Kneipe und jeden verfluchten Laden.

An einem schönen, sonnigen Tag lief sie mir plötzlich über den Weg. Ich war wieder mal "unterwegs": Kleine Fluchten. Ich flanierte in Old Town herum, streifte die Auslagen der Modeshops und Confiserien, ließ mich treiben. Schon als Junge mochte ich die Arrangements hinter verspiegeltem Glas, die exzentrischen Puppen und die üppig vollen Präsentierbretts mit zuckrigen Dopes von Meisterhand. Als Erwachsener nahm man andere Sachen. Um ein Haar rammte ich einen automatischen Wächter.

Aus dem 5-Uhr-Bus stolperte Xena direkt vor meine Füße. "Hey, wie geht’s?"

Ich fiel aus allen Wolken.

Xena kreischte los: "Was machst du denn hier?"

Wir gingen ins Zero. Ich aß etwas, Xena saß nur da und trank Funky Spice. Sie sah mich an. "Hast dich nicht verändert." Ich rümpfte die Nase. Mir war nicht gut.

Dann lachte sie aus voller Seele, gut gelaunt, wie das ihre Art war. Leicht provokant.

Ich griff nach ihrer Hand. Die war schmal und kalt, kalt wie etwas, das nicht wirklich lebt. "Echt", tönte Xenas Stimme, "dass ich dich hier mal wieder treffe …". Das Hier zog sie ganz lang.

Ich begann alles zu hassen, was pompöser war als meine eigenen elenden Zellen, die ich mühsam mit mir herumschleppte. Die Sonne war inzwischen beinah verschwunden, nur ein schmutziger, grau-roter Ball hing am Himmel, der bedrohlich aussah und sich allmählich dunkel verfärbte. Jeden Abend dasselbe. Meine Knochen waren wie Blei, als ich die Treppe zu meinem schäbigen Zimmer hochkroch. Ich fiel auf mein Lager, das metallisch roch, und hüllte mich ins Laken wie eine Leiche ins Leichentuch.

Das ferne Dröhnen der Förderroboter weckte mich. Durch die schräg gestellten Lamellen der Fensterjalousie fingerte das Frühlicht, kalt und wie tastend nach einem vagen Ziel.

Der übliche Check vor der Stadt gab mir Gelegenheit, ein Stück zu fahren, ein gerades, einfaches Stück. Ich nahm das Shuttle nach Westen, den blutroten Ball der aufgehenden Morgensonne im Rücken. Keiner wußte, wie lange das Uran hier noch gebraucht würde.

Schneeweiß und cyan und rostigbraun und giftgrün, jede Menge ausrangierter Booster am Pistenrand. Der Blick war frei. Dann wieder: Grelle Leuchtreklame an einer Passierstelle, feiste Buchstaben auf großen hellen Tafeln. Ein flacher, gekrümmter Bildschirm die Scheibe vor mir. Lichtreflexe, gedämpfte Lautsprecherstimmen. Ich gondelte direkt hinein in das taubstumme Himmelsgewölbe, das über allem hing.

Die künstliche Sonne war jetzt vollständig aufgegangen, ließ schillernde Staubpartikel auf der Kabinenhaut lautlos sichtbar werden. Während das Shuttle langsam abbremste und oberhalb der gewaltigen Abbaumine zum Stehen kam, glaubte ich einen Augenblick lang das Tanzen von Xenas athletischen Armen zu sehen, wie sie abends im Café Zero über die eisgraue Thekenfläche wischte.

Memories. So echt wie die Humanhologramme und die Vogelstimmen aus dem Glücksdezernat. Ich wünschte sie allmählich alle zur Hölle.

Forum