TELEPOLIS

Und wir zogen los ...

Ghassan Homsi 29.09.2013

(Applaus) Vielen Dank, ...Danke!

Zu Beginn möchte ich dem VFR sehr herzlich dafür danken, dass er mich aus Anlaß seines 40-jährigen Bestehens als Gastredner eingeladen hat. Und ganz ehrlich: Ich freue mich schon auf das angekündigte "Raumfahrer-Büfett" und auf die vielen Gespräche im Anschluss an den offiziellen Teil der Feierlichkeit, denn mir sind im Publikum mehrere langjährige Freunde und Bekannte aufgefallen, die ich eigentlich jensseits der Oortschen Wolke vermutete. (Lachen im Publikum)

Kommen wir also zu dem Thema meines kurzen Vortrages, den ich ganz bewusst "Der schwarze Schwan - ein Goldesel" betitelt haben. Denn genau so, wie es keinen schwarzen Schwan gab, ja, wie er noch nicht einmal vorstellbar war - zumindest solange, bis er den Siedlern Australiens und Tasmaniens überaus lebendig vor die Füße lief -, genauso konnte es nichts wie den Manthey-Ludwig-Antrieb geben. Durfte es nicht geben! Jedenfalls war das der wissenschaftliche Konsens. Bis es den MLA dann doch gab - und sich alles änderte. Aber so ist es nun mal bei einem unerwartenen Paradigmenwechsel...

Persönlich habe ich die beiden Erfinder übrigens kurz vor meinem ersten Flug kennengelernt. Zwei ausgesprochen nette Herren in schon fortgeschrittenem Alter, aus deren Augen aber noch immer der Schalk der Jugend blitzt. Jahrzehntelang hatten sie in ihrem Forschungsinstitut, dem ehemaligen Laboratorium für Wellenausbreitung auf dem Kolberg nahe Berlin, an Systemen der sogenannten "Freien Energie" herumexperimentiert. Teslaspulen und Coler-Konverter, Kalte Fusion und Wirbelkraftwerke, Meyl-Transmitter und Turtur-Rotoren... nichts war vor ihnen sicher. Bis sie dann bei der Torus-Technologie ankamen und versehentlich einen Teil ihres Labors in den Orbit schossen. In den Orbit des Mars wohlgemerkt, dessen Gravitationsfeld sich aber nur zufällig mit der ungeplanten Flugbahn gekreuzt hatte. Behaupteten Manthey und Ludwig jedenfalls.

In Andenken an den jungen syrischen Laboranten, der zu jenem Zeitpunkt gerade an einem Al-Kooss-Wandler herumbastelte, gibt es seitdem in Kolberg eine mehrsprachige Gedenkplakette. Ich bin übrigens mit einem seiner Neffen befreundet. In der Familie überwiegt der Stolz auf den Onkel bei weitem die Trauer, erzählte er mir. Die sterblichen Überreste des ersten interplantaren Astronautens "wider Willens" wurden bei einer späteren Mission übrigens zurückgebracht, und das Grab in einem Vorort von Damaskus zählt heute zu den touristischen Attraktionen des Landes.

Fragen Sie mich nun bitte nicht, wie das Ganze technisch oder physikalisch möglich ist. Ich weiß es genauso wenig wie alle anderen. Selbst die Erfinder schaffen es alle paar Jahre, eine neue mathematische Konstruktion als die "nun endlich eindeutige, korrekte und endgültige" Beschreibung der Fuktionsgrundlagen vorzulegen. Bis zum Erscheinen der nächsten, welche der vorangegangenen mindestens in der Hälfte aller Punkten diametral widerspricht. Der MLA hat vermutlich irgend etwas mit der Verdrillung von Neutrinostrahlung zu tun, bei welcher Subquantenpartikel auf die Idee kommen, alles in ihrem Umfeld auf knappe Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Völlig linear, rechtwinklig zum Start-Gravitationsfeld und ohne jegliche Trägheitseffekte. Was - wie schon gesagt - wissenschaftlich absolut unmöglich ist. Wir sollten heute also dankbar dafür sein, dass es Ingenieure gab, denen dies völlig egal war. Und die sich voller Elan umgehend daran machten, Gerätschaften zu entwickeln und zu bauen, um dem orbitalen Laborteil hinterher zu fliegen. Und die damit aus dem "Schwarzen Schwan" einen kosmischen "Goldesel" machten.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung. (Aufstöhnen im Publikum). Nein, nein, keine Sorge, ich will Ihnen nur das Ergebnis meiner Forschungen zu eben jenem geflügeltem Wort (Haha!) kundtun. Sie wissen, jeder hat so sein Hobby… also das mit dem Goldesel, das scheint aus der Zeit der osmanischen Besatzung des Nahen Ostens zu stammen. In einer Familienbiographie fand ich nämlich den Hinweis darauf, dass ein Vorfahre bei seinen Ritten durch das mit gefährlichen Banditen verseuchte Land seine Golddinare nicht am Körper trug, denn dort hätten die Räuber sie allzu leicht gefunden. Statt dessen steckte er sie morgens dem Esel in dessen… öhm, ja ... also in dessen Poloch… (lautes Lachen im Publikum) und band ihm dann den Schwanz fest. So hat er alle Überfälle ohne größere Verluste überstanden. Abends durfte der Esel dann sein Geschäft machen, und die Golddinare wurden aus den Kötteln wieder herausgeklaubt. Anscheinend hat ihn dabei jemand beobachtet… und daraufhin das Märchen vom Goldesel in die Welt gesetzt!

Doch zurück zu unserem heutigen Thema, dem Manthey-Ludwig-Antrieb und seinen geschäftlichen Implikationen.

Der Rest war nur noch eine Zeitfrage. Da die beiden Erfinder ihre Patente, Versuchsberichte und sonstigen Informationen treuhänderisch der Internationalen Union hoffnungfroher Physiker überreichten (den Nobelpreis hatte man ihnen schon verliehen), und diese Union den Gedanken der "Open Science" vertrat, war bald darauf mehr oder weniger jede Klitsche mit Kyrowandler, Schweißgerät und einem Satz Sechskantschlüssel in der Lage, ein interplanetares Gefährt zusammenzubasteln und nach dem Motto "frisch - fröhlich - frei" den nächsten Gravitationstrichter anzusteuern. Solange es nur luftdicht abschließbar war. Die vielen dunklen und kalten Objekte, die sich inzwischen in der Nähe der Planeten und Monde unseres Sonnensystems tummeln, legen allerdings nahe, dass diese Luftdichte häufig doch nicht so einfach zu verwirklichen war, wie man sich das gedacht hatte...

Natürlich versuchten die bisherigen Raumfahrtmächte, ihr Monopol aufrecht zu erhalten, und erließen stringente Verkehrsvorschriften. Womit sie sich jedoch nur lächerlich machten. Insbesondere als herauskam, dass ihre eigenen Astronauten genauso gerne das neue Rotlichtviertel im Mondorbit frequentierten, das man aus der Mitte von Bangkok herausgerissen, mit einer Habitathülle umgeben und dann - samt kompletten Inhalt natürlich - dort stationiert hatte. Gegen Sex in Schwerelosigkeit kam keine Regierung der Welt an!

Und die Menschen? Plötzlich stand ihnen das ganze Sonnensystem offen und die Sterne rückten näher. Viele von uns sprachen von einem neuen Zeitalter, doch die meisten Menschen änderten sich überhaupt nicht. Es blieb alles wie bisher - nur war es plötzlich sehr, sehr viel größer geworden. Es gab mehr Platz, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, was nur gut war, denn die neuen Raumfahrer nahmen alles mit, was ihnen lieb und teuer war. Haustiere und Fetische, Kunstrasen und Bierdeckel-Sammlungen, Bowling-Bahnen und Hängegleiter, Genußmittel (in großen Mengen) und Drogen (in noch größeren Mengen!). Und natürlich auch Waffen... Sie wissen sicherlich, worauf ich damit anspiele. Dass es aber auch anders geht, dafür steht mein Unternehmen SPACITAT - und damit nähere ich mich auch schon dem Ende meines Vortrags.

Ein kurzer Rückblick: Ich selbst hatte auf der Erde schon seit vielen Jahren solarthermische Anlagen gebaut, was auch der Grund dafür war, dass meine geschäftliche Anpassung relativ schnell vonstatten ging. Mit unseren Erfahrungen an großen Solarspiegeln war die Firma die erste, die aus Asteroidenschrott bewohnbare Habitate machen konnte. Mittels der komprimierten Strahlung erhitzten wir die Brocken bis kurz vor Weißglut... und dann haben wir sie aufgeblasen. Im Grunde handelte es sich um eine Uralt-Technologie, wie sie von Glasbläsern schon seit Jahrtausenden angewandt wurde, nun natürlich entsprechend groß dimensioniert.

Was die gegenwärtige Auftragslage anbelangt, so bin ich äußerst zufrieden. Ich überlege gerade, ob wir nicht auch in die Ausstattung der Habitate einsteigen sollten. Da es so viel einfacher ist, fremde Planeten zu erforschen, wenn sich eine Miniwelt voller Sauerstoff und Wasser, Pflanzen und Menschen in einem nahen Orbit befindet, kommen Aufträge für immer größere Habitatblasen herein. Und deren Ausstattung mit einer kompletten, geschlossenen Biosphäre ist ja so was von lukrativ...!

Und deshalb möchte ich zum Abschluss die Gelegenheit nutzen, Ihnen das neue Shareholder-Angebot unserer SPACITAT AG zu präsentieren, mit dem Sie in wenigen Jahren reich werden können. Sie müssen nur schnell genug unsere Aktien kaufen, damit … autsch...! (fliegende Kaffeebecher und ähnliches unterbrechen den Vortrag)

Übersetzt aus dem Arabischen von Achmed A. W. Khammas