TELEPOLIS
Illustration

Informationsveranstaltung nach dem Neuen Überwachungsgesetz

Jakob Darbo 09.11.2013

Herzlich willkommen! Ich werde Ihnen jetzt alle wesentlichen Fakten über das gesetzliche Überwachungsprogramm mitteilen – soweit das in der leider sehr kurzen Zeit möglich ist. Wenn sie etwas nicht verstehen oder Fragen haben, unterbrechen Sie mich bitte einfach.

Sie wissen sicherlich schon, wie vielseitig einsetzbar ein Überwacher ist. Er überprüft zum Beispiel auffälliges Verhalten, ahndet automatisch gleich vor Ort Gesetzesverstöße, er kann bei kleinen Problemen genauso helfen wie bei dringenden Notfällen. Technisch betrachtet ist der Überwacher eine Netzwerkschnittstelle, die mit dem HUB verbunden ist.

Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: Es war einfach keine gute Idee, die Bevölkerung heimlich und unter Umgehung der geltenden Gesetze zu überwachen. Das erzeugt nur Misstrauen und Auflehnung. Deshalb ist die Überwachung nach dem Neuen Überwachungsgesetz nun für alle völlig transparent! Auf dieser Schautafel hier sehen Sie die schematische Darstellung der Funktionsweise des Implantats im menschlichen Gehirn. Das Überwacherimplantat sitzt direkt am Ansatz zum Hirnstamm ... sehen Sie hier den kleinen grünen Punkt? Sie bemerken natürlich überhaupt nichts vom Überwacher in Ihrem Kopf und er ist auch völlig ungefährlich. Ja, der Überwacher hat mehr oder weniger direkten Zugang zu Ihren Gedanken. Und ja, das ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit... Sie haben eine Frage?

Nun, ich danke Ihnen für diesen interessanten Hinweis und es mag tatsächlich auf den ersten Blick für manche Leute entlarvend wirken, dass wir es "Überwacher" nennen – so wie es unsere Gegner früher getan haben. Wie Sie ohnehin wissen, haben wir eine Zeit lang verschiedene Euphemismen für den Überwacher verwendet... Als müssten wir uns für etwas schämen? Haha! Wir sind dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es viel besser ist, den Kritikern proaktiv entgegenzutreten und die Sache gleich direkt beim Namen zu nennen: Das Implantat überwacht den Träger – so einfach ist das. Es hat sich Gott sei Dank die Überzeugung durchgesetzt, dass diese notwendige Maßnahme nicht von vorneherein etwas Schlechtes ist. Tatsächlich betrachtet man den Überwacher mittlerweile eher als persönlichen Schutzengel oder als einen guten alten Freund, der einem unaufdringlich Gesellschaft leistet und bei Bedarf auf die aktuellen Bedürfnisse eingeht. Und der – nicht zu vergessen! – auch dafür sorgt, dass bei einem dringenden Notfall schnell Hilfe zur Stelle ist! Der Überwacher ist manchmal lästig, ich gebe das selber ganz offen zu, haha! Aber das kann doch keine Ausrede dafür sein, dass es immer noch Leute gibt, die etwas länger brauchen, um die freundlich entgegengestreckte Hand zu ergreifen. Wie auch immer, die harten Fakten sprechen ohnehin eine eindeutige Sprache: In der letzten freiwilligen Gedankenumfrage hatte die Überwachung eine bedingungslose Zustimmung von 99,81 Prozent, so ungeheuer groß ist die Zustimmung zu unserem kleinen Projekt mittlerweile!

Wenn Sie mir bitte zum nächsten Schaubild folgen wollen... Hier sehen Sie eine Darstellung der gesamten Überwachungsinfrastruktur: angefangen von den kleinen Überwachern in den einzelnen Gehirnen über die Verbindungen zu den Zwischenstationen bis hin zum HUB, dem zentralen Verarbeitungs- und Leitzentrum des Überwachungskonsortiums... Ich konnte Sie leider nicht deutlich verstehen, könnten Sie die Frage bitte wiederholen? Jawohl, alle Informationen laufen dort zusammen. Ja, wirklich alle Gedanken jedes Einzelnen. Ich weiß, es ist schwer, sich das überhaupt vorzustellen! Aber das Überwachungskonsortium hat es in jahrelanger harter Arbeit für uns alle möglich gemacht. Übrigens ist HUB kein Akronym und es ist auch nur bedingt mit einem "hub" vergleichbar. Trotzdem kennen wir alle die Neckereien, die diesem Eigennamen zuteil werden, natürlich nur liebevoll gemeinte! Ja, sogar ich kenne einige! Hahaha!

Wir sind bereits ein wenig hinter dem Zeitplan, sodass ich leider zügig fortfahren muss: Es stellte sich dann heraus, dass private Firmen die Überwachung viel effizienter und professioneller durchführen konnten als die einzelnen Staaten selbst. Durch den Zusammenschluss einzelner Firmen konnten schließlich einige Synergieeffekte erzeugt werden. Aber erst der Zusammenschluss der fünf großen Überwacher zum Überwachungskonsortium brachte die entscheidende Wende hin zur umfassenden Überwachung aller.

Die Implantation ist selbstverständlich freiwillig. Als die Anlaufschwierigkeiten der ersten Jahre überwunden waren und sich letztendlich ohnehin fast alle für ein Überwacherimplantat entschieden hatten, wurden die Ergänzungen zum Neuen Überwachungsgesetz eingeführt. Seither wird zum Beispiel die Prozedur bei allen Neugeborenen gleich automatisch vorgenommen. Aus medizinischer Sicht ist das der beste Zeitpunkt und auch bezüglich der psychosozialen Aspekte stellt es eine sehr günstige Variante dar.

Ja, es war ein Fehler, die oberste Elite anfänglich von diesen allgemeinen Maßnahmen auszunehmen! Stellte sich doch heraus, dass gerade diese Klasse von Menschen, mit ihrer großen Verantwortung, aber auch Macht, anfällig war für "Fehlentscheidungen". Dieser Fehler wurde, wie wir alle wissen, umgehend behoben. Sie sehen, wir beschönigen nichts! Es gab Anlaufschwierigkeiten und es gab natürlich auch Skeptiker. Das zu verschweigen wäre nicht glaubhaft! Aber am Ende hat sich doch alles zum Besseren hin entwickelt. Es stellte sich sogar heraus, dass mit Hilfe flächendeckender und kompletter Überwachung das Zusammenleben der Menschen so optimiert werden kann, dass Gerichtsverfahren überflüssig sind und nicht einmal mehr öffentliche Debatten abgehalten werden müssen! Manche halten diese Optimierung des rechtsstaatlichen und demokratischen Systems für die größte Errungenschaft der Überwachung überhaupt. Auf jeden Fall verdanken wir ihr dieses großartige Gefühl, ganz und kompromisslos in dieser einen, fabelhaften Gemeinschaft aufzugehen. Und das ist, meiner ganz persönlichen Meinung nach, wohl Anteilnahme genug!

Nun gibt es – fast unvermeidlich – Außenseiter und Abweichler. Individuen, die sich schwertun, sich in die Überwachungsgemeinschaft einzufügen. Ein paar faule Äpfel mischen sich leider immer unter die gesunden! Und so versucht die Überwachungsgemeinschaft, unermüdlich und mit vereinten Kräften, sich von diesen Individuen zu reinigen. Man halte sich vor Augen, dass es gar nicht so lange her ist, dass Kriminelle und Abweichler in Käfige eingesperrt und dort wie Tiere gehalten wurden! Nicht zuletzt dank der Ergänzungen zum Neuen Überwachungsgesetz sind diese Zeiten nun endgültig Geschichte geworden. Abweichler und Schädlinge werden heutzutage effektiv aus den beobachteten Zonen herausgefiltert und mit Hilfe des medizinischen Fortschritts ist es auch kein Problem mehr, sie schmerzlos und ohne jeden psychischen Stress zu töten.

Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit. Damit endet das gesetzlich vorgeschriebene Informationsgespräch für die Überwacherimplantation – ganz offiziell, haha! Sie sehen, Ihr Entschluss, der großen Überwachungsgemeinschaft beizutreten, war eine gute Entscheidung. Eine freiwillige Implantation ist immer besser als eine erzwungene Exploration, wie ich gerne an dieser Stelle sage, hahaha! Wenn Sie mir jetzt bitte alle zur Narkosevorbereitung folgen wollen...