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Twister schreibt

8.848 Meter in ein aktiveres Leben gehen

ALG II-Bezieher sind antriebsarm und rauchen wie die Schlote. Nicht nur Brandenburg an der Havel sagt diesem Elend den Kampf an.

Ja, es ist ein Elend mit den ALG II-Empfängern, liebevoll und integrativ auch Hartzies genannt. Von der Arbeit bereits entkoppelt liegen sie in der sozialen Hängematte, die sanft hin und herschaukelt, trinken den dank Regelsatzherausrechnung von dem Geld für Bekleidung oder Nahrung gekauften Alkohol und verschaffen dem Unterschichtenfernsehen neue Einschaltquotenrekorde. Das ist so offensichtlich, dass sich da auch keinerlei Belege für finden müssen, das ist quasi alternativloser Fakt. Der Hartzie hat insofern höchstens noch Bewegung, wenn er zum Jobcenter laufen muss. Ein Trauerspiel.

Diesem Elend, in dem sich auch die Hartzies in Brandenburg an der Havel befinden, hat nun selbstlos der dortige Jobcenterchef den Kampf angesagt. Furchtlos stürzt er sich in die Schlacht um den gesunden ALG II-Empfänger, der sich aus der antriebslosen Hartzieasche erheben kann wie ein Phoenix. Tapfer versucht er alles, um die Gesundheit seiner Kunden zu fördern und zu fordern, hat dafür auch genug Rüstzeug dabei. Und er hat glücklicherweise Hilfe bei seiner Mission.

So wie zum Beispiel der Kollege in Nienburg, der im Zuge der Initiative 50Top den älteren Ex-Arbeitnehmern helfen will, wieder Chancen zu haben, zum Ex-Ex-Arbeitnehmer zu werden. Da könnte die Fluppe im Mund natürlich hinderlich sein, weshalb auch flugs die tabaksüchtigen Schmartzies (schmökende Hartzies) zur Informationsveranstaltung zum Rauchentwöhnungskurs gebeten wurden. Da aber die Undankbarkeit der Schmartzies bekannt ist, wurde mit sanfter Überredungskunst gearbeitet – wer nicht hingeht, wird sanktioniert. So ein dezenter kleiner Tritt in den Hartzieallerwertesten fördert die Motivation, denn die Initiative 50Top hat es sich ja zur Aufgabe gemacht, zu "testen, orientieren, Potentiale nutzen".

Hingerissen von so viel leidenschaftlicher Arbeit für den ALG II-Bezieher muss der Brandenburgische Jobcenterleiter sich quasi berufen gefühlt haben, auch etwas für seine Kunden zu tun. Doch wie es sich für einen anständigen Menschen gehört, wurde nicht plagiiert, sondern etwas Neues erdacht. So sollen die Hartzies jetzt endlich einmal die gesunde brandenburgische Luft schnuppern, die Beine aus der Hängematte heben und in die Hand nehmen und sich, ausgestattet mit kleinen Schrittzählern, 40 Tage lang daran messen lassen, welche Schritte der Zähler misst. Zwei Teams mit jeweils 9 Teilnehmern wetteifern nun um die Preise, die die Gruppe erhält, die zuerst 8.848 Meter zurückgelegt hat, und auch die Einzelperson mit den meisten Schritten soll einen bisher aber noch nicht offenbarten Preis erhalten.

Vielleicht eine 1-Euro-Arbeitsgelegenheit oder gar eine 2-Euro-Arbeitsgelegenheit? Die Spannung steigt für die glücklichen ALG II-Empfänger, denen ein kalter Wind um die Ohren sausen könnte, die sich aber dankbar zeigen.

Ach, wären nur alle Jobcenterleiter so engagiert wie der Herr in Brandenburg, was ließe sich alles noch verbessern. Es gäbe so viele Möglichkeiten. Ausgabe von Lebensmitteln nur noch gegen entsprechende körperliche Ertüchtigung, ähnlich dem beliebten Partyspiel mit den an Schnüren aufgehangenen Äpfeln, Brotfütterung mit als Enten verkleideten schwimmenden Hartzies, die versuchen müssen, das hingeworfene Brot zu erschnappen (wer die meisten Brotkrumen erwischt, bekommt als Preis einen 1-Euro-Job als Seereinigungshelfer, der in den See geworfene Brothappen entfernt), oder als Silvesterevent ein kleines Gladiatorenspielchen, bei dem der rüstigste und fitteste ALG II-Bezieher dann pünktlich zum neuen Jahr mit einem Gläschen milder Worte sowie der Möglichkeit, sich vier Wochen lang zum Thema "Selbstbewusstsein auch in Zeiten der Erwerbslosigkeit" informieren zu können, überrascht wird.

Wenn die Übertragungsrechte gesichert sind, kann man auf diese Weise sicherlich noch etwas Geld für die notleidenden Jobcenterleiter herausholen, die dann genügend für ihre Samariterarbeit gewürdigt werden können. Insofern, liebe Hartzies – im Gleichschritt marsch und nicht nachlassen, dem Jobcenter wird schon noch was einfallen, um euch selbstlos auf den Pfad der Fitness und der gesunden Ernährung zu leiten, koste es, was es wolle.

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