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Neuigkeiten aus der Welt des Klimas und der Energie

Ältestes Atomkraftwerk in Spanien nach 42 Jahren abgeschaltet

17.12.2012

Die Betreiber versuchen die Regierung zur Umkehr bei der Energiesteuer zu zwingen

Am Sonntag um 22 Uhr 57 war es soweit. Mit Santa Maria de Garoña ging das älteste spanische Atomkraftwerk nach fast 42 Jahren vom Netz. Der Traum von Umweltschützern und Atomkraftgegnern wurde Wirklichkeit und kaum jemand glaubt, dass der Meiler wieder ans Netz gehen wird. Die baugleiche Schwester der vor einem Jahr in Fukushima havarierten Meiler müsste ohnehin im Juli 2013 abgeschaltet werden. Eine zweijährige Laufzeitverlängerung, die die sozialistische Regierung der Betreiberfirma Nuclenor vor dem Unfall in Japan gewährt hatte, läuft nun aus.

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Mitteilung von Nuclenor

Die beiden spanischen Energieversorger Endesa und Iberdrola, die hinter Nuclenor stehen und das Kraftwerk betreiben, versuchen unverhohlen, mit der Abschaltung Druck auf die neue konservative Regierung auszuüben. Denn alle Energieversorger stellen sich gegen neue Energiesteuern, welche die Volkspartei (PP) am Donnerstag im Parlament verabschieden will. Darunter ist eine Steuer, die der deutschen Brennelementesteuer ähnlich ist, um Kraftwerksbetreiber an den hohen Kosten für die Entsorgung des Atommülls zu beteiligen. Nach Angaben von Nuclenor kämen für Garoña, das in der nordspanischen Provinz Burgos direkt an der Grenze zum Baskenland steht, Zusatzkosten in Höhe von 153 Millionen Euro im Jahr zu. Damit sei der Reaktor nicht mehr rentabel. Obwohl die Anlage längst abgeschrieben ist, würden "derzeitige Verluste erhöht", behauptet Nuclenor.

Die Betreiber stellen in Aussicht, den Meiler wieder ans Netz gehen zu lassen, sollten die Steuern nicht wie geplant beschlossen werden. Damit setzen Endesa und Iberdrola der konservativen Regierung unter Mariano Rajoy sprichwörtlich die Pistole auf die Brust. Nuclenor hatte dessen atomfreundliche Volkspartei (PP) erst im September brüskiert. Denn die Regierung hatte angeboten, die Laufzeit Garoñas erneut bis 2019 zu verlängern. Das hatte die Firma zwar stets gefordert, dann aber dann doch nicht beantragt. Damit rückte die definitive Abschaltung auf die Tagesordnung, für die sich Umweltschützer nach den Unfällen in Fukushima stark gemacht hatten.

Die "Umweltschützer in Aktion" gehen davon aus, dass die Energieversorger das Atomkraftwerk nur noch als Druckmittel einsetzen. Dass Garoña unrentabel ist, glaubt ohnehin niemand, sonst hätten sie es längst abgeschaltet, meint die Organisation. Sie geht davon aus, dass der Meiler enorme Schäden aufweist. Der Reaktordruckbehälter stammt vom gleichen Hersteller wie der im belgischen Doel, der wegen zahllosen Rissen abgeschaltet werden musste. Zudem gäbe es nach Angaben der Organisation "massive Korrosion im Primärkreislauf". Die Sicherheitssituation des Atomkraftwerks "macht eine neue und ernsthafte Havarie mehr als wahrscheinlich", schrieb die Organisation.

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Das abgeschaltete AKW Santa Maria de Garoña. Bild: Nuclenor

Das AKW ist unrentabel geworden, erneuerbare Energien können Ausfall problemlos ausgleichen

Das Kraftwerk wird aber unrentabel. Sogar nach dem unstressigen europaweiten Stresstest kommen auf enorme Kosten für die Nachrüstung auf die Betreiber zu, wenn es weiterbetrieben werden würde. Wenn sich die Probleme am Druckbehälter wie in Belgien bestätigen würden, dann sind sie nach Ansicht des Direktors der belgischen Atomaufsichtsbehörde ohnehin nicht zu beheben. Willy De Roovere hatte zur Untersuchung auch einen Block in Tihange abschalten lassen. Auch in diesem Fall wurde der Druckbehälter von der "Rotterdamsche Droogdok Maatschappij" geliefert. Obwohl schon in Fukushima gezeigt wurde, dass die Sicherheitsvorrichtungen des von General Electric gelieferten Siedewasserreaktors ungenügend sind, blieb der von Störfällen geplagte Meiler anders als die AKWs in Belgien bisher am Netz.

Experten gehen davon aus, dass Nuclenor die angebotene Laufzeitverlängerung wegen der Vielzahl der Probleme nicht beantragte. Das kleinste Atomkraftwerk Spaniens, mit 466 Megawatt Leistung, trägt ohnehin nur zu gut einem Prozent zur Stromproduktion bei. Der Bedarf sinkt in den Krisenjahren deutlich. Gegenüber dem Vorjahr ging er im November um 2,8 Prozent zurück. Nur noch gut 19 Prozent des Stroms wurde mit fünf Atomkraftwerken produziert, aber fast 22 Prozent mit Windkraft.

Die Abschaltung von Garoña kann in Spanien leicht durch erneuerbare Energien aufgefangen werden, über die schon die Hälfte Stroms produziert wird. Als der Meiler in der Nacht zum Montag vom Netz ging, übernahmen die Windmühlen die Produktion. Deren Anteil an der Stromversorgung stieg auf 44 Prozent, da auch noch ein Meiler des Atomkraftwerks Almaraz abgeschaltet ist. In den letzten Jahren mussten immer öfter Windanlagen abgeschaltet werden, weil den Atomkraftwerken die Grundlast zugeschrieben wird und sie kaum zu regeln sind.

Umweltschutzorganisationen glauben, Nuclenor wolle mit der vorzeitigen Abschaltung nur Steuern sparen. Treten neue Gesetz am 1. Januar in Kraft, müsste Nuclenor 2190 Euro pro Kilogramm bezahlen, wenn die Brennstäbe nicht schnell aus dem Reaktorbehälter ins Abklingbecken verfrachtet werden. Greenpeace hat die Regierung aufgerufen, gegenüber der versuchten Erpressung nicht einzuknicken. "Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, die Gewinne der Unternehmen zu sichern und die Allgemeinheit zu schädigen", sagte die Sprecherin Raquel Montón.

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