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Außer Kontrolle
Twister schreibt

Alkoholentwöhnung: Ein Gläschen darf ich

Die Alkoholentwöhnung kommt nur langsam voran, wenn es darum geht, am Dogma der "Totalabstinenz" zu rütteln. Ein neues Medikament in Deutschland lässt hoffen.

Die Zahl, die der Suchtforscher und Psychologe Joachim Körkel nennt, sollte aufhorchen lassen, auch wenn sie lediglich eine Schätzung darstellt: Ca. 90% der Alkoholabhängigen "geraten nie in Behandlung". Dies aber nicht etwa, weil sie an ihrer Alkoholabhängigkeit nichts rändern möchten, sondern weil sie vom Konzept: "Nie wieder auch nur den kleinsten Tropfen" abgeschreckt werden.

Zwar ist dadurch, dass die Zahl derjenigen zunimmt, die keinen Alkohol trinken, die Gefahr, dass jemand, der einen Schluck Alkohol ablehnt, gleich als einstiger Trinker angesehen wird, geringer geworden - doch das Konzept an sich wird kritisch gesehen. Die Abstinenz, so wird gepredigt, muss sich auch bis auf das letzte Eckchen des Lebens ausdehnen – sie bestimmt nicht nur das Trinken, sondern auch das Essen, den Umgang und die Freizeitaktivitäten.

"Jede Form von alkoholhaltigen Medikamenten sollte tabu sein. Dazu gehören auch Hustensäfte, Atemsprays, Energie-Tonika wie "Doppelherz" und vieles andere mehr. Auch Lebensmittel und Kosmetika, die Spuren von Alkohol enthalten, sollten dringend gemieden werden! Dazu gehören: alkohol-'freies' Bier, bestimmte Cremes, Gels, Lippenstifte, Parfüm und Mundspülungen mit Alkoholanteil, eventuell sogar Senf, Essig und Dosenprodukte."

Lebenslange Totalabstinenz als Ziel

Das Ziel, das jedem, der wegen einer Alkoholabhängigkeit Hilfe sucht, als erstes vor Augen geführt wird, ist der dauerhafte Verzicht auf jeglichen Alkohol. "Versuche, den Betroffenen ein kontrolliertes Trinken anzugewöhnen, scheitern fast immer", schreibt die Apotheken-Umschau, ohne dafür irgendwelche Belege zu bringen.

Dies dürfte auch schwer sein da diese Versuche bisher lediglich spoadisch durchgeführt werden. Der Weg in die Komplettabstinenz ist dagegen vorgegeben: Entwöhnung, Therapie, Besuch von Selbsthilfegruppen.

Gerade diese Selbsthilfegruppen sind zwar auf der einen Seite sinnvoll, auf der anderen Seite haftet ihnen auch etwas Quasireligiöses an. Bereits die "Zwölf Schritte", die als Quasi-Regelwerk in der einen oder anderen Form angeboten werden, zeugen davon:

"1. Schritt
Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind - und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
2. Schritt
Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.
3. Schritt
Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir Ihn verstanden - anzuvertrauen.
4. Schritt
Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.
5. Schritt
Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.
6. Schritt
Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.
7. Schritt
Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.
8. Schritt
Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten und wurden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen.
9. Schritt
Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut - wo immer es möglich war -, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.
10. Schritt
Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.
11. Schritt
Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott - wie wir Ihn verstanden - zu vertiefen. Wir baten Ihn nur, uns Seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.
12. Schritt
Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese otschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten."

Dementsprechend sind auch die Besuche bei den Selbsthilfegruppen Termine, die einem religiösen Ritual ähneln. Die regelmäßig wiederkehrende, als "Selbsterkennung und Auseinandersetzung mit dem Problem" verbrämten Selbstkasteiung "Mein Name ist ... und ich bin Alkoholiker", der der Beichte folgende Ansatz, den anderen aus der Gruppe zu erzählen, was, wieso, ggf. mit wem und warum geschehen sei, und natürlich die von Vergebung, Demut und Wiedergutmachung geprägten Schritte sind insofern für viele Alkoholabhängige eher abschreckend denn wirklich hilfreich.

Dennoch sind sie in dem bisherigen Ansatz zur Alkholentwöhnung nicht wegzudenken und werden stets in einem Atemzug mit der Therapie und dem Entzug genannt. Der Besuch der Selbsthilfegruppen wird nicht nur empfohlen, sondern vielfach auch als unverzichtbarer Teil der Entwöhnung angesehen und dementsprechend z.B. in Entwöhnungsprogramme integriert, was für die durch Spenden finanzierten Selbsthilfegruppen letztendlich immer neue Gäste/Mitglieder bedeutet.

Dadurch, dass der nochtrinkende Alkoholiker von den trockenen Alkoholikern auf seine Suchtkrankheit reduziert wird und bei manchem Entwöhnten durch den Erfolg eine Art "Selbsterhöhung" einsetzt, gestaltet sich das weitere Leben im Dunstkreis eines trockenen Alkoholikers oft schwierig. So mancher Therapeut oder Arzt empfiehlt dann schon rein präventiv, sich vom trockenen Alkoholiker zu trennen oder aber, hier schließt sich der Kreis, dann eine Selbsthilfegruppe für Angehörige zu nutzen. Andere Möglichkeiten werden kaum aufgezeigt.

Kontrolliertes Trinken – eine Unmöglichkeit?

Die Behauptung, kontrolliertes Trinken sei unmöglich, wird oft einfach in den Raum geworfen, ohne dass hierzu Belege geliefert werden. Die Alkoholabhängigkeit wird dann mit Heroinsucht verglichen, die ja auch nur den Totalausstieg zum Ziel haben kann, während andere Süchte, die nicht mit den sogenannten Suchtmitteln in Zusammenhang gebracht werden können, nur selten den Ansatz der Totalabstinenz verfolgen.

Seit September 2014 wird das Dogma "Totalabstinenz oder gar nicht" langsam auch in Deutschland aufgebrochen. Das Medikament, das seitdem auch auf dem deutschen Markt verfügbar ist, ist nicht dazu geeignet, beim kleinsten Tropfen Alkohol schon Übelkeit hervorzurufen, es soll vielmehr den Belohnungseffekt verhindern, der beim Trinken entsteht, somit also die Möglichkeit geben, nach einem Glas (oder mehreren) aufzuhören, statt quasi automatisch dem "immer mehr" zu verfallen.

Dieser Ansatz wird oft abgelehnt, weil gedacht wird, der Alkoholiker könne sich so mit Hilfe der Sozialversicherung noch einen "lauen Lenz" machen, fröhlich weiterbechern und das wäre es. Dem ist nicht so. Auch beim Weg zum kontrollierten Trinken ist psychosoziale Betreuung Bedingung, auch hier gibt es Regeln und Ziele, die es einzuhalten gilt, doch ist eben nicht auch noch das letzte Gläschen Bier schon als "Feind per se", das Trinken als Niederlage oder Rückfall, den es sofort zu behandeln gilt, klassifiziert.

Zum Erfolg des kontrollierten Trinkens gibt es bisher nur vage Zahlen, doch es per se als nicht erfolgreich darzustellen, ist falsch. Eine Überblicksstudie von 2013 ergab, dass sowohl jene, die eine komplette Abstinenz oder aber das kontrollierte Trinken als Ziel gesetzt hatten, den Vorsätzen in gleichem Maße treu blieben. Auch gibt es Hinweise darauf, dass sich Menschen, die zunächst das kontrollierte Trinken anstrebten, durch ihre Erfolge dazu animiert fühlen, ganz abstinent zu werden. Die Rückfallquoten bei beiden Ansätzen ähnelten sich ebenfalls.

Pius Riether, der bei der Caritas eine Gruppe für kontrolliertes Trinken leitet, sieht die positiven Seiten der Methode: "Wir erreichen die Menschen oft viel früher als mit der üblichen Behandlungsmethode. Also wenn die Frau und der Job noch nicht weg sind oder die Gesundheit nicht zu stark angeschlagen ist." Die bisherige Form, die auf Abstinenz für immer setzt, würde oft zu einer starken Isolation führen.

Nichtsdestotrotz werden dem neuen Ansatz weiter Steine in den Weg gelegt. Die Rentenversicherung lehnt ihn ab, die eingangs bereits dargestellten Selbsthilfegruppen fürchten um die trockenen Alkoholiker, die nun wieder zum Alkohol zurückfinden könnten.

In den Niederlanden und Großbritannien gehört die Wahl zwischen Totalabstinenz und Kontrolle schon zum Standardprogramm bei der Suchtentwöhnung, in Deutschland ist die Verfügbarkeit des Medikaments wenigstens ein erstes Licht am Horizont.

Joachim Körkel versucht seit Ende der 90er Jahre, das Konzept des kontrollierten Trinkens in Deutschland zu etablieren. Angesichts der Tatsache, dass auf diese Weise statt geschätzten 10% geschätzte 30% derjenigen erreicht werden könnten, die eine Alkoholabhängigkeit aufweisen, wäre es zu begrüßen, wenn die langverkrusteten Strukturen hier weiter aufbrechen.

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