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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Anklage im Fall Trayvon Martin

12.04.2012

Der Fall hat in den USA zu Debatten über einen General-Verdacht gegenüber Schwarzen geführt. Der Mann, der den tödlichen Schuss abgab, blieb bislang strafrechtlich unbehelligt, weil er sich auf Notwehr und ein Waffengesetz berief

Die Umstände, die zum tödlichen Schuss auf den jungen schwarzen Trayvon Martin führten, werden nun vor Gericht geklärt. Der Fall hat in den USA zu Debatten über Rassismus und Waffengesetze geführt ( Wenn das Aussehen zum Verdacht reicht...). Nachdem die örtliche zuständige Staatsanwaltschaft den Todesschützen wegen Mangel an Beweisen, die dessen Notwehr-Behauptung widersprechen, nicht angeklagt hatte, hat nun eine vom Staat Florida eingesetzte Staatsanwältin den Fall übernommen und Anklage wegen Totschlags, im Amerikanischen: "second-degree murder", erhoben; der Todesschütze George Zimmerman sitzt in Untersuchungshaft. Sein Anwalt plädiert auf unschuldig.

Dass Zimmerman, Gründer einer Nachbarschaftswache, Trayvon Martin, am Abend des 26. Februar dieses Jahres, erschossen hat, ist Gewissheit. Die Umstände, die zum tödlichen Schuss geführt haben, sind allerdings nicht genau bekannt. Hierzu gibt es widersprüchliche Aussagen und Indizien, die in die öffentliche Debatte gelangten. Ungeklärt ist, warum Zimmerman den jungen Mann verdächtig fand, so dass er ihn verfolgte - gegen den telefonischen Rat eines Polizisten, den er unter der Notrufnummer 911 angerufen hatte. Weil Martin abends in einer gated community unterwegs war, dort nicht bekannt, schwarz und mit einer Kapuzenjacke?

Feststeht, dass Martin, der zu Besuch in der gated community in Sanford, Florida, war, Eis-Tee und Süßigkeiten in einem 7-Eleven-Geschäft gekauft hatte und sich auf dem Weg zurück zu der Wohnung befand, wo er und sein Vater Gäste waren. Zu den Ereignissen, die sich abspielten, nachdem die beiden Männer, der Nachbarschaftsschützer Zimmerman und der unbekannte Besucher Martin, ersten verbalen Kontakt aufnahmen, gibt es Darstellungen aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Freundin Martins, die mit ihm bis kurz vor dem tödlichen Schuss telefonierte, berichtete Medien, dass Martin ihr erzählt habe, dass er verfolgt würde.

Im Verlauf des Zusammentreffens zwischen Martin und Zimmermann kam es zu Handgreiflichkeiten, Hilferufe waren zu hören und der Schuss. Von wem die Hilferufe kamen, steht nicht einwandfrei fest. Die Familie des Opfers behauptet, dass sie eindeutig von ihrem Sohn stammen. Die Hilferufe wurden aufgezeichnet, weil sie auf einem 911-Notruf zu hören sind. Analysen - freilich nicht von Experten, die vom Gericht oder Strafverfolgungsbehörden eingesetzt wurden -, behaupten, dass die Hilferufe nicht von Zimmerman kamen.

Ganz anders die Darstellung Zimmermans. Er behauptet, dass er von Martin überraschend hinterrücks angegriffen wurde, zu Boden geworfen, ins Gesicht geschlagen und dass sein Kopf von Martin mehrmals auf das Pflaster geschlagen wurde, so dass er aus Notwehr schoss. Die Hilferufe, die auf der Telfonaufnahme zu hören seien, würden von ihm stammen. Doch scheinen Filmaufnahmen, die vor kurzem ins Netz gestellt wurden, diese Darstellung nicht zu unterstützen. Sie stammen von Überwachungskameras, die am Polizeirevier, zu dem Zimmerman nach dem tödlichen Vorfall gefahren wurde, angebracht sind. In Zimmermans Gesicht und auf seinem Kopf mit sehr kurzgeschorenen Haaren sind keine Spuren zu sehen, die auf derart brutale Gewaltanwendung schließen lassen, wie sie Zimmerman schilderte. Demgegenüber wird jedoch geltend gemacht, dass die Bilder unscharf seien und die Wunden zuvor behandelt wurden. (Einfügung: Vergrößerungen der Aufnahmen, die ebenfalls im Netz zu finden sind, unterstützen die Vermutung, dass an Zimmermans Kopf doch Spuren einer Verletzung zu erkennen sind. Auch diese Bilder sind allerdings so unscharf, dass dies nicht zweifelsfrei festgestellt werden kann.)

Das Gericht wird solche Fragen - wer Zimmerman ärztlich behandelt hat, wird auch über dessen Verletzungen Aussagen machen können - näher klären müssen. Große Aufmerksamkeit ist ihm gewiss. Nach Aussagen der Staatsanwältin, die sich gegen eine Anklage wegen Mordes entschied, weil damit ein Vorsatz nachzuweisen wäre, will sie, falls es nötig werde, auch das umstrittene "Stand Your Ground"-Gesetz zum Thema machen:

"If Stand Your Ground becomes an issue, we fight it if we believe it’s the right thing to do."

Das Gesetz, das die legale Grundlage für die Notwehr-Verteidigung Zimmermans liefert – und vor sieben Jahren aufgrund der Lobbyarbeit der National Rifle Association in Florida eingeführt wurde - , gibt im Zweifelsfall demjenigen Recht, der sich bei der Anwendung von Waffen auf Selbstverteidigung beruft, wenn er sich bedroht fühlt. Bemerkenswert ist die Reichweite des Gesetzes, das sich nicht auf die Wohnung beschränkt: "It says that people who feel that they are in danger do not need to retreat, even if it would seem reasonable to do so."

Zimmerman hatte zuletzt für Schlagzeilen gesorgt, weil er untergetaucht war. Laut seiner anwaltlichen Vertretung, die er vor wenigen Tagen austauschte, fühlte er sich nicht mehr sicher.

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