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Nachrichten aus Politik und Wirtschaft

Aufholjagd

16.11.2009

Während der Westen kriselt setzt China zu einem neuen Boom an

Heute wird US-Präsident Barack Obama zu Besuch in China erwartet. Die beiden Länder sind durch die rund eine Billion US-Dollar oder mehr, die die Volksrepublik an US-Schuldscheinen hält miteinander auf Gedeih und Verderb verbunden. Die einen sind auf den steten Zufluss neuen Kapitals angewiesen, die anderen auf US-amerikanische Käufer und Stabilität des Dollars.

Wie sich die Zeiten ändern: Gut zehn Jahre ist es her, dass eine schwere Finanzkrise die Volkswirtschaften Ost- und Südostasiens durcheinander schüttelte und Dutzende Millionen zurück in die Armut warf. Aktienkurse stürzten ins Bodenlose, Immobilienpreise verfielen, Währungen wurden über Nacht massiv abgewertet. Die Staaten wurden von den Industrieländern gedrängt, die privaten Auslandsschulden ihrer Unternehmen zu übernehmen – ganz so, wie hierzulande in letzter Zeit die Bankverluste sozialisiert wurden –, und mit einem Male waren veritable Löcher in bis dahin ungewöhnlich solide Staatsfinanzen gerissen. Zeit für den Internationale Währungsfonds, um mit Notkrediten einzuspringen, deren regide Auflagen für eine völlig andere ökonomische Situation gedacht waren und die Krise nur verschlimmerten.

Rettung kam schließlich aus dem Westen: Europa und Nordamerika blieben von der Krise verschont und starteten gerade in den Dot-Com-Boom. Ihre Nachfrage nach asiatischen Produkten brachte die Länder der Region schon in Rekordzeit wieder auf die Beine. Außerdem erschien ein neuer ökonomischer Akteur auf der Bildfläche, der seine Währung stabil hielt und dafür von allen Seiten viel Lob erntete: China. Noch hielt sich allerdings der Handel der chinesischen Nachbarn mit dem Land der Mitte, wie übrigens auch unter einander, sehr in Grenzen. Die ganze Region war hochgradig exportabhängig und der Handel mit Europa und Nordamerika dominierte stark.

Das ist heute anders. Inzwischen wickeln die Staaten der südostasiatischen Allianz wie auch Taiwan und Südkorea ihren Handel überwiegend untereinander oder mit der Volksrepublik. Die Region wächst ökonomisch mehr und mehr zusammen. Das Nachsehen haben in gewisser Weise die USA. Seit Jahren kommen die Verhandlungen mit Südkorea über ein Freihandelsabkommen nicht voran. Der hartnäckige Widerstand südkoreanischer Bauernverbände und Gewerkschaften mag eine Rolle spielen, aber offenbar ist der konservativen Regierung in Seoul das Projekt auch nicht mehr so wichtig.

Die Musik spielt ohnehin längst woanders. Während in den USA die Arbeitslosenzahlen in die Höhe klettern und ein Ende der Krise nicht in Sicht scheint, macht sich die Regierung in Beijing (Peking) schon wieder Sorgen, das Wirtschaftswachstum könnte in riskante Höhen steigen. Erst letzte Woche bescheinigte ein Bericht der Weltbank der Volksrepublik, dass ihre Wirtschaftsleistung in diesem Jahr voraussichtlich 8,4 Prozent zulegen wird. Ein Konjunkturprogramm, im Verlaufe der aktuellen Wirtschaftskrise das erste seiner Art in einem größeren Land, hatte die chinesische Volkswirtschaft frühzeitig wieder in Schwung gebracht.

Im Zuge der Erholung kommt es zu interessanten Verschiebungen: Die Binnennachfrage beginnt eine größere Rolle zu spielen, die Exportindustrie verliert an Wichtigkeit. Zugleich nehmen die Importe für den heimischen Bedarf stark zu. Der chinesische Außenhandelsüberschuss nimmt ab – was sich vom chronisch hohen deutschen Überschuss nicht sagen lässt –, und Profiteure sind vor allem die Nachbarn und rohstoffexportierende Entwicklungsländer. Der chinesische Handel mit Afrika und Südamerika hat sich in diesem Jahrzehnt in etwa verzehnfacht und umfasst inzwischen jeweils rund 100 Milliarden US-Dollar. Noch vor zehn Jahren konnten diese Länder nur zwischen Europa und den USA wählen, doch diese handelspolitische Dominanz des Westens ist vorbei.

Angesichts dessen müsste Obama eigentlich froh sein, dass Chinas Interessen mit denen der USA durch Dollarkurs und Pfandbriefe so eng verwoben sind. Jedenfalls legen die Zahlen der Weltbank eigentlich nahe, dass wir mitnichten vor einer Weltwirtschaftskrise stehen. Vielmehr scheint es sich eher um eine Krise der alten Industriestaaten zu handeln, die einige Schwellenländer dafür nützen können, ihre Aufholjagd zu beschleunigen.

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