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Big Brother is watching Europe

01.07.2013

Wirtschaftsspionage hat bei US-Geheimdiensten Tradition

Sofern die NSA ihr Späh-Programm Prism mit der Abwehr von Terrorismus begründet, so stellt sich die Frage, warum die amerikanischen Freunde ausgerechnet in den Räumen der Europäischen Union die erschröcklichen Evildoer vermuten. Der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz sieht keine andere Erklärung hierfür als Wirtschaftsspionage. Derartiges wäre alles andere als neu.

Bereits die Keimzelle der US-Auslandsgeheimdienste war im Kern eine diskrete Informationsbörse von Wallstreet-Eliten. 1917 gründeten probritisch eingestellte US-Industrielle die Geheimgesellschaft "The Room", die sich monatlich in einer eigens hierzu eingerichteten Wohnung in der East 62nd Street Nr. 34 traf, um konspirativ die Erkenntnisse von Auslandsvertretungen amerikanischer Firmen abzugleichen und Pläne zu schmieden. Der Room pflegte über die Schriftsteller Somerset Maugham sowie in New York eingesetzte SIS-Agenten Kontakt zum britischen Geheimdienst. Der Room organisierte 1939 nach Beginn des Zweiten Weltkriegs auch als Forschungsmissionen getarnte politische Spionageaktionen und baute 1941 nach dem Vorbild des SIS den Kriegsgeheimdienst Office of Strategic Service (OSS) auf, dessen Führungsriege die Söhne der blaublütigsten Wirtschaftsadligen stellten.

Eine Schlüsselrolle im Room dürfte der Wirtschaftskanzlei Sullivan&Cromwell zugefallen sein, über welche die US-Industrie einen Großteil des Auslandsgeschäfts abwickelte. Sullivan&Cromwell etwa war am Bau des Panama-Kanals beteiligt und soll dort mit schmutzigen Tricks gearbeitet haben. Chef von Sullivan&Cromwell war der Banker John Foster Dulles, der auch seinen Bruder einstellt, den Ex-Diplomaten Allen Dulles. Als OSS-Agent reiste Allen Dulles für die letzten Kriegsjahre in die eingeschlossene Schweiz, wo er sowohl nationale Interessen als auch die der am Krieg durchaus erklecklich profitierenden Wallstreet wahrte. Der Schweiz war Dulles nachrichtendienstliche Tätigkeit genauso bekannt wie die etlicher anderer Spione, dennoch ließ man die Gäste gewähren, denn auf diese Weise konnte die Schweiz deren Telefonate abhören, was Dulles auch wusste. Nach Kriegsende begann das OSS, durch verdeckte Aktionen den US-Einfluss in Mittel- und Südamerika auszubauen, bis die Politik die zunehmend unheimliche Organisation per Federstrich 1945 beseitigte – ein Verdienst ausgerechnet des FBI-Chefs Edgar Hoover, der um sein eigenes Monopol auf Überwachung fürchtete und gerne auch das Ausland selbst kontrolliert hätte.

1947 gründeten die USA die als ziviler Geheimdienst konzipierte Central Intelligence Agency (CIA). Man hatte dem Kongress das Projekt als reine Spionage-Behörde verkauft, die nichts mit dem aggressiven OSS gemein habe. Allen Dulles engagierte sich im dort für spezielle Operationen zuständigen Referat. Nachdem die von den Dulles Brüdern gemanagten Republikaner 1954 die Wahl gewannen, übernahm John Foster Dulles das Außenministerium, Allen Dulles wurde CIA-Chef - beide behielten ihre Schreibtische bei Sullivan&Cromwell. Als Guatemala der von Sullivan&Cromwell vertretenen United Fruit Company die Tür wies, sorgte die von den Dulles-Brüdern kontrollierte CIA für einen gesteuerten Putsch. Ähnlich erfolgreich agierte die CIA im Iran, wo sie den Dulles-Mandanten Shah Reza Pahlavi auf den Pfauenthron zurücksetzte und damit den Fluss des britisch-amerikanischen Öls sicherstellte. Die Serie an von Dulles kontrollierten Staatsstreichen endete 1961 in der kubanischen Schweinebucht.

Eine bemerkenswerte Machtposition realisierte auch der Sicherheitsberater Henry Kissinger, lange Zeit praktisch einziger Leser der von den US-Geheimdiensten an das Weiße Haus geschickten Berichte. Nach Ausscheiden aus dem Staatsdienst gründete der Stratege die Beratungsfirma Kissinger Associates. Wer gute Geschäfte machen will, scheint beim nach wie vor exzellent verdrahteten Strippenzieher Kissinger bestens aufgehoben zu sein. Woher der vormalige Alleinherrscher über die US-Geheimdienste für seine betuchte Kundschaft Wirtschaftsinformationen bezieht, kann nur vermutet werden.

Auch der Sohn des für seine anrüchigen Geschäfte mit Nazi-Deutschland bekannten Wirtschaftsmoguls Prescott Sheldon Bush, George Herbert Walker Bush, machte sich um die US-Sicherheit verdient. Der umtriebige Erdölunternehmer brachte es in den 1970ern zum CIA-Chef und war neben Kissinger Direktor des Council on Foreign Relations. Bush senior gilt als einziger Präsident bzw. Vize-Präsident, der regelmäßig die Berichte der CIA aufmerksam verfolgte. Er spielte auch eine führende Rolle in der Carlyle Group, die Beteiligungen etwa an Rüstungsunternehmen kauft und über ein Vermögen von an die 100 Milliarden Dollar gebietet.

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