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Bologna verschärft die Benachteiligung von Nicht-Akademiker-Kindern

14.05.2010

Kinder aus den unteren Einkommensschichten müssen neben dem Studium mehr arbeiten und erfahren zahlreiche Benachteiligungen

Die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hat wieder einmal deutlich vor Augen geführt, dass es keine Chancengleichheit in Deutschlands Bildungssystem gibt. 2007 studierten von 100 Akademiker-Kindern 71, von 100 Nicht-Akademiker-Kindern aber nur 24. Die sozialen Schichten sind also relativ abgedichtet und reproduzieren sich ( Hochschulbildung wird innerhalb der Akademikerschicht vererbt).

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung bestätigt die Benachteiligung der Kinder aus Familien mit einem geringen Einkommen, die Hindernisse seien "groß und folgenreich". Zwar schneiden Arbeiterkinder im Studium ebenso gut ab wie Kinder aus den anderen sozialen Schichten und brechen auch nicht häufiger das Studium ab, aber sie müssen während des Studiums meist zusätzlich Geld verdienen, weil sie weniger Unterstützung von ihren Eltern erhalten (können), und sie werden seltener von den Professoren gefördert.

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Die Benachteiligung beginne schon zu Beginn des Studiums zu greifen, da Kinder aus ärmeren Schichten sicherheitshalber und aufgrund der geringeren Finanzmittel eher "kürzere, strukturiertere und anwendungsbezogene Studiengänge" sowie eine nahe gelegene Universität bevorzugen, die aufgrund der eigenen finanziellen Situation, aber nicht nach der Qualität der Ausbildung gewählt wird. Wenn vermehrt an den Universitäten Auswahlverfahren eingeführt werden, dann wird sich die soziale Selektion wohl noch weiter erhöhen, da die Selbstsicherheit nicht so groß ist. Die Wissenschaftler sprechen von einer "geringeren Bluff-Kompetenz".

Das wirkt sich auch bei Prüfungen, Entscheidungen für eine Promotion oder Bewerbung für ein Stipendium aus und jetzt beim Übergang vom Bachelor- zu einem Master-Studium aus. Bislang haben sich viel weniger Studenten, die aus niedrigeren Schichten stammen, für eine Promotion entschieden. Auch während es Studiums gibt es dadurch Benachteiligungen, sagen die Wissenschaftler: "Sie tun sich schwerer, bei Diskussionen das Wort zu ergreifen und auf sich aufmerksam zu machen. Darum fällt ihre Leistungsfähigkeit seltener auf, sie kommen nicht so oft in die Auswahl für eine Tutoren- oder Hilfskraftstelle."

Ganz klar im Vorteil sind Akademikerkinder finanziell. Zwei Drittel von ihnen können ihr Studium ausschließlich mit dem Geld der Eltern finanzieren, bei Kindern von ungelernten Arbeitern sind das 15, von Handwerksmeistern 20 Prozent. Verstärkt wird das Problem, weil häufig die Unterstützung während des Studiums geringer wird und daher in der wichtigen Phase des Studienabschlusses die Geldprobleme größer werden, also noch mehr zusätzlich neben dem Studium gearbeitet werden muss. Muss das Studium hauptsächlich durch Arbeit finanziert werden, dann können schon zwei volle Werkstage für das Studium wegfallen.

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Die Einführung der Bachelor-Studiengänge, die eine höhere Arbeitsbelastung, regelmäßige Tests und einen dichteren Stundenplan mit sich bringen, erhöht die bereits existierenden Probleme: "Man schafft eine Situation, in der junge Leute arbeiten müssen, lässt ihnen aber nicht die Zeit dazu", kommentieren die Wissenschaftler. Dazu kommt der zunehmende Anspruch der Internationalisierung der Ausbildung, wozu auch Auslandssemester gehören, die für Akademikerkinder bereits zur Selbstverständlichkeit geworden seien, von Studenten mit knappen Geldmitteln aber sehr viel weniger häufig wahrgenommen werden können: "Die soziale und finanzielle Hemmschwelle zur Mobilität, wie bereits bei der Hochschulwahl oder einem Hochschulwechsel erkennbar, hat sich für Studierende einfacher sozialer Herkunft bei der Auslandsmobilität noch erhöht. Insofern werden Arbeiterkinder gleichsam aus dem Europäischen Hochschulraum ausgeschlossen, denn die Auslandsmobilität ist eines der ursprünglichen und hauptsächlichen Ziele des Bologna-Prozesses."

Das BAföG leistet einen Ausgleich weniger als früher. Nur noch die Hälfte der Arbeiterkinder erhält heute die Ausbildungsförderung, 1993 waren es noch 63 Prozent, erforderlich wäre, so die Wissenschaftler, aber 80 Prozent. Das sei ein "eindeutige Rückschritt im Bemühen um soziale Chancengleichheit".

Statt aber für eine stärkere Chancengleichheit im Studium zu sorgen, soll jetzt nicht nur auch hier wie in Hessen weiter gespart werden ( Roland Koch bläst zum Angriff auf die Bildung), auch das von der FPD geplante einkommensunabhängige Stipendium setzt sich über den Bedarf hinweg und verstärkt die Chancenungleichheit. Schon jetzt fördert die Begabtenförderung diejenigen, die meist keine Unterstützung benötigen: 71 Prozent der Geförderten sind Akademikerkinder.

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