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CIA-Chef John McCone und das Kennedy-Attentat

22.11.2014

Weiteres Puzzlestück zum Jahrhundert-Mord

Wenn 2017 ein Großteil der noch unveröffentlichten Dokumente zum Kennedy-Mord freigegeben werden wird, bleibt aus rätselhaften Gründen noch immer ein Teil der Akten gesperrt - aus Gründen nationaler Sicherheit, versteht sich. Nunmehr kann man jedoch wenigstens Einblick in einen internen Bericht aus dem Jahr 2005 nehmen, der die ersten 24 Stunden innerhalb der Agency nach den Schüssen von Dallas nachzeichnet.

Rüstungsunternehmer John McCone, der im Zweiten Weltkrieg aus 100.000 $ ein Vermögen von 44 Millionen $ erwirtschaftete und lange der US-Atomenergiekommission vorstand, hatte Ende 1961 die Leitung der Central Intelligence Agency übernommen. CIA-Urgestein Allen Dulles, der nach dem Debakel in der Schweinebucht die belastete Agency verlassen musste, hatte seinen Nachfolger persönlich ausgesucht. Für die Berufung des Millionärs soll auch John F. Kennedys Interesse am geheimen israelischen Atomprogramm in Dimona gesprochen haben, über das McCone Informationen an die Presse geleakt hatte.

Weder hatte McCone einen eigenen geheimdienstlichen Werdegang noch gehörte der kalifornische Industrielle zu den Kreisen in Washington bzw. Langley, aus der sich die CIA-Aristokratie der 1950er rekrutierte. Die Insider konnten es sich leisten, dem ahnungslosen neuen Chef die düstersten der schmutzigen "Familiengeheimnisse" zu verheimlichen, darunter MKUltra und die ausgeführten und geplanten Mordanschläge auf ausländische Politiker.

Am 22.11.1963 war McCone im Begriff, in die Herbstferien nach Kalifornien zu fliegen, als er vom Attentat hörte. Spontan suchte McCone das Haus von Justizminister Robert Kennedy auf. Sein erster Verdacht fiel auf die Kennedy-Hasser vor allem in den Südstaaten, aber auch einen internen Plot schloss er nicht aus. Vizepräsident Johnson meldete sich aus Dallas bei Robert Kennedy telefonisch, argwöhnte eine weltweite Verschwörung und empfahl dringend, ihn als neuen Präsidenten zu vereidigen. Dem stimmte Robert als Justizminister zu. Zunächst wollte Robert selbst nach Dallas, jedoch schlug McCone vor, stattdessen den Leichnam des Präsidenten nach Andrews Airbase einzufliegen. An Bord der Air Force One wurde Johnson eingeschworen.

Im CIA-Hauptquartier beobachtete man argwöhnisch vor allem das Verhalten der Sowjets und versetzte per Funk alle Stationen in Alarmbereitschaft. Besonders beunruhigte die Spione in Langley, dass sie den Aufenthaltsort von Chruschtschow nicht bestimmen konnten, der sich vielleicht sogar in einem geheimen militärischen Kommandostand befand. Aufgrund der umfangreichen Abhörmaßnahmen war McCone allerdings schnell davon überzeugt, dass weder Kuba noch die Sowjets Angriffe planten, sondern selbst vom Kennedy-Attentat überrascht waren. Umgekehrt befürchtete man in Moskau durchaus, Hardliner könnten das Attentat zum Anlass für Vergeltung nehmen – was dem Plan der damaligen Militärs entsprach.

McCone sandte jemanden, dessen Namen im Bericht zensiert ist, nach Dallas, um sich mit dem FBI und dem für den Schutz des Präsidenten zuständigen Secret Service abzustimmen. Er wollte alles über den festgenommenen Lee Harvey Oswald zu erfahren, der sich angeblich in der CIA-überwachten kubanischen Botschaft in Mexiko verdächtig gemacht hatte. Über seinen Agenten erhielt McCone alsbald Zugriff auf den Zapruder-Film. McCone bemerkte an Robert, dass dieser mit sich haderte, und vermutete später, dass Robert dessen Kenntnis um die Mordpläne an Castro beunruhigte. Robert Kennedy fragte McCone eindringlich, ob "sie" - die CIA-Leute – seinen Bruder getötet hätten, was McCone verneinte.

Die Untersuchungshoheit des Mordes lag zunächst bei den Behörden in Texas und dem FBI, dessen Chef J. Edgar Hoover die Kennedys hasste. Hoover argwöhnte, dass der CIA-Chef Zweifel an den Fähigkeiten des FBI habe und Informationen an die Presse leake, was das Verhältnis der beiden Dienste belastete. Nachdem Oswald im Polizeipräsidium in Dallas erschossen wurde, verlor Johnson das Vertrauen in die texanischen Behörden. Stattdessen befasste sich ein eigens gegründetes, politisch besetztes Komitee mit der Aufklärung, dem formal Richter Earl Warren vorsaß. Ein politisches Gremium hätte unerwünschte Ergebnisse, die einen Weltkrieg hätten auslösen können, notfalls filtern können.

Die Warren-Kommission wurde faktisch allerdings nicht von Richter Warren, sondern von einem anderen Mitglied kontrolliert: Ex-CIA-Mastermind und Mordplaner Allen Dulles, dessen Clique Kennedy entmachtet hatte, darunter etwa CIA-General Cabell, Bruder des Bürgermeisters von Dallas, und CIA-Draufgänger James Harvey, der die Kennedys während der Kuba-Krise offen herausgefordert hatte. Für die Untersuchung in Richtung CIA war natürlich Dulles zuständig, der den CIA-Vize Richard Helms befragte - vormals Dulles rechte Hand. Wie Helms später zu Protokoll gab, beschränkte er seine Unterstützung der Warren-Kommission auf Antworten, ohne dass er selbst die Initiative ergriff. So erfuhr die Warren-Kommission über die Mordprogramme der CIA ebenso wenig wie über den Zapruder-Film.

Im Mai 1964 äußerte McCone persönlich gegenüber der Warren-Kommission Zweifel an der Mexiko-Story, nachdem sich ein Informant als Fake entpuppt hatte. Das Verhältnis zwischen McCone und seinem Vorgänger Dulles, der offenbar noch immer die graue Eminenz der CIA war, wurde von CIA-Stratege James Jesus Angleton als nicht das beste beschrieben. McCone bestritt jegliche Verbindungen Oswalds zur CIA.

Ob McCone die CIA-Bericht über Oswalds Aktivitäten in der Sowjetunion bekannt waren, ist unbekannt. Unklar ist ebenso McCones Kenntnis darüber, dass die CIA über Oswald durch Angletons Postschnüffelprogramm HTLINGUAL Informationen hatte. Auch dieses Programm hatte man dem neuen CIA-Chef vor dem Kennedy-Mord verheimlicht. Doch auch McCone, der inzwischen über die Mordprogramme seines Vorgängers informiert worden war, zog es vor, die Warren-Kommission nicht mit solchem Material zu beunruhigen. Für McCone war es vor allem wichtig, dass Oswald keine Verbindungen zu Kuba oder zum KGB hatte. So stützte auch er zeitlebens die Alleintäter-Theorie.

McCone verließ die CIA bereits 1965 und wurde ein vehementer Kritiker des Vietnamkriegs, den er als nicht gewinnbar bezeichnete. Zu ähnlichen Erkenntnissen war auch der tote Präsident in seinem letzten Lebensjahr gelangt.

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