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Nachrichten aus Kultur und Medien

Consultingunternehmen plagiieren ihre Unternehmensphilosophie

15.01.2013

Beliebt bei hunderten Unternehmen ist etwa dieser Satz: "Neue Wege zu beschreiten, hat bei uns Tradition", mit dem sie ihr Alleinstellungsmerkmal beschreiben wollen.

Wozu noch selbst texten? Die "McDonaldisierung" der Gesellschaft hat längst auch unsere Textkultur erfasst. Es werden nicht nur die Satzinhalte ("Kommunikationsbotschaften"), sondern die Aussagesätze selbst recycelt.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang diese Entdeckung: Man google den Satz: "Neue Wege zu beschreiten, hat bei uns Tradition." Dieser wird, im Verein mit ganzen identischen Absätzen, wenn nicht sogar kompletten Darlegungen von Unternehmensphilosophien bzw. -leitbildern, auf deutschsprachigen Webseiten von hunderten Unternehmen, vorwiegend aus der Unternehmensberatungsbranche, verwendet. Ein paar zufällig ausgewählte Beispiele, oft haben die Unternehmen dann auch vier identische oder ähnliche "Grundsätze":

"Neue Wege zu beschreiten, hat bei uns Tradition. Bewahrt haben wir bei allem Wandel unsere Unternehmensphilosophie und die grundlegenden Werte unserer Servicekultur," - Itelco

"Neue Wege zu beschreiten hat bei uns Tradition. Bewahrt haben wir bei allem Wandel unsere Unternehmensgrundsätze." Pfaffinger Consulting

Allerdings tun alle so, als wäre damit ihr Alleinstellungsmerkmal beschrieben worden. Warum haben sich all diese Unternehmensberater für eine derartige Textkultur ohne Hirn entschieden? Teilweise haben Start-up-Unternehmen, die es erst seit einigen Monaten gibt, die also alles andere als eine Tradition aufweisen können, den Satz im Verein mit einem weiteren Standard-Wording übernommen. Wie beraten diese Unternehmen andere? Inwiefern sind all diese Unternehmensberater kompetent, wenn es etwa um Fragen des Textens für das Web geht? Und ist Irgendjemandem der Widerspruch zwischen Satzinhalt und kopierender Praxis aufgefallen?

Man kann die Sache auch anders sehen: Nur einige verschrobene Blogger bemerken solche Dinge. Plagiate in akademischen Qualifikationsschriften würden dann perfekt auf eine Wirtschafts- und Arbeitswelt vorbereiten, in der Textbrocken zunehmend homogenisiert werden und Abkupfern Norm geworden ist. Nun ja: Dann sollten wir dringend alles überdenken, beginnend mit dem Deutschunterricht an Schulen. Und Lehrveranstaltungen wie "Einführung in die Heuchelei" oder "Seminar: Wie man perfekt Kompetenz vortäuscht" müssten Altbackenes wie "Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten" ersetzen. Ich erwarte die erste Stellenausschreibung in Betriebswirtschaft: "W3-Professur für professionelle Simulation von Expertise". Wenn es zutrifft, dass Wirtschaft und Politik (und womöglich auch Religion, Kunst und andere Sozialsysteme) zunehmend so funktionieren, wozu dann noch das ganze Bemühen um Redlichkeit, Zitiergenauigkeit, Quellenkritik, kreatives Schreiben?

(Dieser Test ist eine gekürzte Version des von Stefan Weber heute auf seinem Blog für wissenschaftliche Redlichkeit erschienenen Beitrags.)

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