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Nachrichten aus Kultur und Medien

Copy and Paste als Geschäftsmodell

20.09.2010

Amazon bietet die Plattform für tausende absurde Buchtitel

Auf amazon.de können seit Ende Juli Bücher mit durchaus künstlerisch anmutenden Titeln wie "Aaskäfer: Gerippter Totenfreund, Totengräber" und mehr als 27.000 Publikationen mit dem Suchwort "Hochschullehrer" bestellt werden. Der Grund für diese urplötzliche Erweiterung des Buchprogramms ist das Geschäftsmodell eines Book-on-Demand-Verlags. Ihm ist es gelungen, tausende Buchtitel auf Amazon einzuschleusen, die entweder bloß aus kopierten Wikipedia-Inhalten (exklusive der Bilder) oder aber aus bereits eingescannten Buchseiten bestehen, bei denen das Urheberrecht erloschen ist. Unter den FAQs der Verlagswebsite wird dies auch ganz offen zugegeben, und der Kunde wird gleich vor zu erwartenden Schlampereien gewarnt: "Paperbacks marked 'OCR' may have numerous typos or missing text. Other paperbacks contain Wikipedia content."

Der Medienwissenschaftler und Plagiatsaufdecker Stefan Weber, der in seinem Blog diese Verlagspraxis scharf kritisiert, schreibt:

"Was wird der Textkultur hier angetan? Welchen Sinn haben zu Büchern eingefrorene Wikipedia-Artikel zum Tag und zur Stunde X? Freilich nicht den geringsten. - Und welches Signal geben diese 'Bücher' Schülern und Studenten? Wieder einmal jenes, dass die Textmengen aus dem Internet beliebig frei benutzt (und missbraucht) werden dürfen. Dass old-fashioned Printprodukte ohnedies nur aus dem Internet reinkopierte Texte enthalten. Dass ein Sammelband zu Konstruktivismus beim Fachverlag gleichwertig mit einem unredigierten Wikipedia-Sampling ist."

Schon im Frühjahr 2010 wurden in einem Blog das Geschäftsmodell eines ähnlichen Verlags und die Komplizenschaft von Amazon angeprangert. Der Blogger schrieb, er sei "disgusted by Amazon's behavior". Im Basic Thinking Blog wurde daraufhin berichtet, dass amazon.de dem Blogger nach seinem Hinweis per Mail versprochen habe, die Bücher des Verlags aus dem Programm zu nehmen, er einen Titel aber weiter problemlos bestellen konnte.

Offenbar hat Amazon also nichts gegen solche Geschäftsmodelle, von denen einige Kritiker meinen, dass sie die Buchkultur ad absurdum führen oder zumindest im konkreten Fall Web 2.0-Inhalte recht dreist plündern. Es stellt sich also die Frage, an welcher Stelle hier – wenn überhaupt – Qualitätssicherung betrieben werden könnte.

Die Lizenzbestimmungen: Lizenzbestimmungen der deutschsprachigen Wikipedia erlauben ja die Wahl zwischen der älteren GNU-Lizenz für freie Dokumentation und einer neueren Creative-Commons-Lizenz. Der Book-on-Demand-Hersteller wird sicher nicht vergessen haben, sich für die eine oder die andere zu entscheiden und deren Auflagen auch im Printprodukt einzuhalten. Schon interessanter wäre die Frage, ob etwa bei der deutschsprachigen ISBN-Agentur jedermann/frau mit beliebigen Geschäftsmodellen einen beliebig großen ISBN-Satz bestellen kann, ohne dass geprüft wird, wofür dies geschieht.

Aber letztlich muss sich Amazon die Frage gefallen lassen, wie all diese Titel ins weltgrößte Online-Kaufhaus gelangt sind und ob es im Netz überhaupt noch möglich (und sinnvoll) ist, die Spreu vom Weizen zu trennen. Letztlich, so könnte man argumentieren, entscheidet ja immer der (netzkompetente?) Kunde. Und aus der endlos langen Reihe "Hochschullehrer" werden einige Bücher, wie deren Verkaufsranking zeigt, sogar schon munter bestellt. Vielleicht auch nur von eitlen und printnostalgischen Professoren, die schon immer einmal wissen wollten, wie ihr in einen Buchrücken gepresster Wikipedia-Eintrag ausschaut.

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