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Nachrichten aus Kultur und Medien

Das Universum kommt ohne Gott aus...

11.12.2012

...nicht aber manche Nationen: Der Bericht "Freedom of Thought 2012" prangert die globale Diskriminierung von Atheisten, Humanisten und Nichtreligiösen an

Gestern, zum internationalen Tag der Menschenrechte erschien ein Bericht, der auf die weltweite Diskriminierung von "Humanisten, Atheisten und Nichtreligiösen" aufmerksam macht. "Freedom of Thought 2012", herausgegeben von der Organisation International Humanist and Ethical Union hebt zwei Phänomene hervor: Die globale Zunahme der Atheisten und Nicht-Religiösen seit Jahren und die Benachteiligungen und Verfolgung, denen sie in vielen Ländern ausgesetzt sind. Wobei dies in einem Spektrum geschieht, dass von "Benachteiligung" manchmal nur euphemistisch die Rede sein kann, weil es leider nicht selten um Brutaleres geht: In sieben Ländern, in Afghanistan, Iran, auf den Malediven, in Mauritanien, Pakistan, Saudi-Arabien und Sudan, kann Ihnen bei zu offener Meinungsäußerung nämlich die Todesstrafe drohen.

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Was die steigende Zahl der Atheisten und Nicht-Religiösen betrifft, so greift der Bericht auf eine Tendenz zurück, welche die Gallup International Association in ihrer Untersuchung notiert. Demnach ist die Zahl der religiösen Personen global im Zeitraum von 2005 bis 2012 um 9 Prozent gesunken und die Zahl der Atheisten um 3 Prozent gestiegen. Die Zahlen sind allerdings ein wenig pauschal und ihre Aussagekraft beschränkt. Skeptiker finden gute Gründe, die Repräsentativität solcher Zahlen in Frage zu stellen und darauf zu verweisen, dass die Aussagekraft solcher Tendenzen eher in spezifischen regionalen Verhältnissen zu suchen wäre. Darauf geht Freedom of Thought 2012 ein - in einer Liste der einzelnen Länder wird dargestellt, wie entsprechende Gesetzeslage aussieht und worin sich die Härten und Bedingungen für Nichtreligiöse bzw. Atheisten zeigen.

Das fällt ein wenig oberflächlich aus, rührt aber wenig am Verdienst des Berichts. Er weist nämlich daraufhin, dass die Meinungsfreiheit der Atheisten nicht nur durch die berüchtigten Blasphemiegesetze und solchen zum Schutz der Religion bedroht ist - in Bangladesch, Ägypten, Indonesien, Kuweit und Jordanien sind dem Bericht zufolge die Möglichkeiten zur Veröffentlichung humanistischer Ansichten stark eingeschränkt - , sondern dass Nichtreligiöse auf vielen, alltäglichen, für das Fortkommen wichtigen Ebenen diskriminiert werden. Das fängt im Kleinen an, wenn etwa der Pass oder amtliche Formulare gar nicht vorsehen, dass es Nicht-Konfessionelle gibt und die Atheisten somit zum Schwindeln gezwungen werden. Und das geht im Großen weiter, wenn es um Netzwerke, um berufliche wie soziale Aufstiegsmöglichkeiten geht. Für solchen Nicht-Respekt schärft der Bericht den Blick. Dabei kommen auch manche Länder mit buddhistischer Mehrheit nicht gut weg. Auch das Christentum in Griechenland und Russland wird als schlechtes Exempel herausgehoben.

Anschaulich gemacht wird die Unterdrückung und Diskriminierung von Nicht-Gläubigen anhand oftmals spektakulärer Fälle in den jeweiligen Ländern. An Beispielen für große Risiken, denen Nicht-Religiöse unterliegen, mangelt es bekanntermaßen Ländern, die dem Islam in einer strengen bzw. staatstragenden Form huldigen, nicht.

Außergewöhnlich erscheint dagegen ein Blick auf Österreich, wo neben den Klage der Kirche gegen den Karikaturisten Deix im Jahr 2009 ein bizarres Fallbeispiel genannt wird: das Gerichtsurteil gegen einen Mann, der beim Rasenmähen jodelte, weswegen er von seinem Nachbarn verklagt wurde, der darin angeblich die Verspottung des Muezzin-Rufs heraushörte. Der Fall fand 2010 auch über die österreichischen Grenzen hinaus Beachtung, wurde auch in Deutschland von Boulevard-Medien aufgenommen - und in der Sache vollkommen falsch dargestellt. Denunziert wurde nicht der "Atheist", sondern der muslimische Nachbar, wie genauere Recherchen zu Tage förderten.

Es gab demnach erstens gar kein solches Urteil, zweitens wurde die Anzeige von der Polizei getätigt, nachdem sie mehrmals wegen Ruhestörung herbeigerufen worden war. Laut Aktenlage sei es aber so gewesen, dass die Muslime stets auf eine einvernehmliche Lösung gedrängt hätten. Letztlich wurde das Verfahren beigelegt; herauskam, dass der Rentner "nicht 'ein Jahr täglich' beim Rasenmähen gejodelt" habe, "sondern 'nur' wiederholt an Freitagen die Gebete gestört und das (…) durchaus auch mit anderen kreativen Methoden".

Das ist möglicherweise nur ein Einzelfall im Bericht, eine Ausnahme in der Recherche der International Humanist and Ethical Union. Aber er kratzt etwas am Glauben an die Sorgfalt, mit der "Freedom of Thought 2012" erstellt wurde. Vielleicht ist es auch bei anderen vorgestellten Fällen so, dass ein zweiter oder dritter Blick andere Wahrnehmungen herbeiruft. An der generellen Wahrnehmung, dass es Nichtreligiöse schwerer haben, je schlechter der Entwicklungsstand in einem Land ist, ändert das aber nichts.

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